linski 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 3

Kumpeltyp

Ich trete wütend in die Pedale. Wut ist das einzige Mittel um ein klappriges Fahrrad über holpriges Kopfsteinpflaster zu bewegen.

Ich trete wütend in die Pedale. Wut ist das einzige Mittel um ein klappriges Fahrrad über holpriges Kopfsteinpflaster zu bewegen. Nasse Steine, schmierige Steine. Berlinsteine.
Das Fahrrad ächzt und schreit. Passanten springen erschrocken beiseite. Ich muss sie nicht mal von der Straße klingeln. Von weitem hören sie einen alten Wehrmacht Panzer anrollen.
Mein altes Fahrrad räumt mir die Straße frei.
Feuer brennt in meinen Lungen, breitet sich aus. Verbrennt meine Stirn und schlägt mir auf den Magen. Vollbremsung. Reifen quietschen. Ich kotze dem Fahrer direkt auf die Motorhaube. Weißer Mercedes. 50s Style, Cabriolet. Ein Jammer.
Magensäure verätzt meine Schleimhäute. Schlimmer ist nur das Gift in meinem Kopf.
Vorhin war dieser Moment. Dieser Moment in dem die Welt kurz stehn bleibt. Alles ist still. „Freeze“ schreit Gott, und alles gehorcht. Er hebt den Arm. Und dann „Drop“ Ich falle. Ich falle auf 1000 kmh beschleunigt nach unten. Freefall der Superlative. Der Magen rutscht ins Gehirn und das Gehirn bleibt irgendwo an der Oberfläche zurück.
Meine Gesichtszüge entgleiten mir, bevor sie in Unkenntlichkeit versteinern.
Ich fühle mich danach zu schreien, mir das Gesicht zu zerkratzen und das lächerliche kleine Tischchen umzuschmeißen auf dem unsere Cocktails stehen. Schirmchen, Obst, Alkoholpampe durch die Luft fliegen zu sehen. Scherbenregen. Scherbenregen wäre angemessen. Zumindest geeignet, erforderlich und nicht grob unangemessen. Unaufgefordert macht mein Gehirn eine stille Verhältnismäßigkeitsprüfung. „Scheiß Jurastudium“ denke ich mir, bevor ich meine Hände in die nicht vorhandene Stuhllehne kralle, meine Mundwinkel nach oben ziehe und sage: „So?“
„Ja, die sind doch schon ne ganze Weile zusammen. Wegen ihm hat sie doch auch mit Christian Schluss gemacht.“ Mein Kopf beginnt zu rechnen. Keine leichte Aufgabe, wenn man schon vor Jahren am Matheunterricht gescheitert ist und zudem benebelt von Tequila, weißem Rum, Triple Sec, Apricot Brandy, Maracuja Sirup, Ananassaft, Himbeersirup, Zitronensaft und undefinierbarer Garnitur. Die Magensäure steigt schon wieder hoch. Wieso sich mein Verstand bei der Bestellung nur vor dem übertrieben hohem Säuregehalt verschlossen? Mein Gehirn ist überfordert mit Nebenüberlegungen. Kumpeltyp, der mir gegenüber sitzt wartet auf eine geistreiche Reaktion. „So?“ quetsche ich hervor. „Mir hat sie erzählt, sie hätte ihn einfach nicht vermisst, als sie damals in New York waren.“ „Ne, ne also das war schon wegen Paul“ Kumpeltyp sieht meinen finsteren Blick und korrigiert sich hastig. „Ja, also das hat zumindest eine Rolle gespielt…ähm…also glaube ich.“ Er wird unsicher. Immerhin will er nichts falsch machen. Und natürlich auf gar keinen Fall, dass ich wütend werde.
„Aber Paul ist ja wirklich ein ganz Netter!“ Kumpeltyp will beschwichtigen und hat sich voll in die Nesseln gesetzt. „Paul.“ Ich mache eine dramatische Atempause. „Ist ein Arsch.“ Das hat gesessen. Kumpeltyps Gesichtszüge wandeln sich in Sekundenschnelle von „entsetzt“ zu „absolut fassungslos“ „ Wie meinst du das denn jetzt?“ „Niedlich“ denke ich, er ist ja richtig mitgenommen. „Dazu, sag ich mal nichts.“ Erwidere ich. „Aber ich muss das wissen!“ ereifert er sich. „Immerhin will ich doch nicht dass es ihr schlecht geht!“ „Oho“ denke ich mir, er ist also der beste Freund von Fitnessbarbie. „Das wollen wir natürlich alle nicht. Neeeein!“ Meine innere Stimme trieft vor Sarkasmus. „Ich natürlich auch nicht, immerhin ist sie ja eine meiner besten Freundinnen.“ Nun, dachte mich mal. Verlogenes Miststück! Wieso erfahre ich eigentlich nie irgendwas? Und wenn dann alles zuletzt und von irgendwelchen Leuten, die ich a) weder kenne und b) nicht daten sollte?
„Ich meine, Vanessa, hatte es ja auch schwer genug in letzter Zeit.“ Ich verziehe keine Miene. „Ich meine die Sache mit Christian und so…das war ja echt nicht leicht für sie.“ Ja, ich vergehe vor Mitleid,“ denke ich mir. „ Arme blonde Fitnessbarbie. Hat sie doch mit ihrem Freund Schluss machen müssen, weil Paul sie umgarnt hat. Ja wirklich tragisch sich entscheiden zu müssen. Wirklich schlimm wenn man die Wahl hat.“ Reiß dich zusammen, verdammt. Im Geiste verpasse ich mir selbst eine Ohrfeige. Neid und Selbstmitleid machen es auch nicht besser.
„Was ist das eigentlich mit diesen Typen aus dem Norden?“ Kumpeltyp schaut mich treudoof und erwartungsvoll an. „Hä?“ sage ich. „Ist das wie die sprechen?“ „Wer spricht wie?“ „Na diese Typen aus dem Norden, irgendwie stehn da total viele Mädels drauf.“ „Also aus meinem Semester zumindest.“ „Oder gibt’s da noch nen andren Grund?“„Naja, Paul ist halt irgendwie so der Intellektuelle Typ, bei dem kommt man nicht drauf, dass er ein Arschloch ist.“ Überlege ich. „Das ist eigentlich die beschissenste Sorte Typen. Man macht nicht mit ihnen rum, weil sie so geil sind, sondern weil man überzeugt ist, der ist klug und einer von der netten Sorte. Einer der nicht nur ficken will.“ „Aber genau das will Paul, weil er früher nicht zum Zug kam, und jetzt seine Zeit gekommen ist. Ausleben und so.“ Kumpeltyp versucht wissend zu nicken, obwohl ihm die ganze Materie fremd ist. „Aber im Gegensatz zu den Macho Arschlöchern, die wenigstens gut im Bett sind, ist Paul nicht mutig genug, das ehrlich zu sagen. Im Gegenteil, er zieht die Kindergartenmasche durch. Spielt Gitarre, spricht von Büchern und Musik, später dann von Liebe.“ Als ob man da heut zu Tage nicht offen drüber reden könnte.“ Ereifere ich mich. Mein Monolog kotzt mich an. Ich fühle mich schlecht unterhalten. Schockiere und langweile Kumpeltyp. „ Ich hoffe er fällt auf die Nase!“ ruft Kumpeltyp plötzlich.
Ich muss grinsen. Mit welcher Inbrunst Kumpeltyp etwas so harmloses sagen kann. „Ne echt. Ich meine diese ganzen Typen, die immer nur ficken wollen. Irgendwann sind dann mal alle guten Mädels weg. Und das haben sie dann davon!“ „Kumpeltyp is echt niedlich,“ denke ich schon wieder. Bei ihm heulen sich bestimmt immer alle Weiber aus. „Als ob tolle Mädchen ein nicht nachwachsender Rohstoff wäre.“ Entgegne ich belustigt. „In 30 Jahren gibt’s dann für Paul weder Benzin noch tolle Mädels. Is aus. Alles verbraucht. Das kommt davon wenn man mit natürlichen Ressourcen verschwenderisch umgeht.“ Lustige Vorstellung irgendwie, aber leider, leider gibt’s ja in der Realität einen unendlichen Vorrat an Frischfleisch. Abgepackt im Kühlregal. Nur kurz in die Mikrowelle und zum Verzehr bereit.
„Naja,“ sage ich trocken. „Ich wünsche ihr jedenfalls viel Spass. Paul hat nen kleinen Schwanz.“
Ich stehe auf, zahle für mich selbst und lasse den verwirrten, lieben Kumpeltyp einfach sitzen.
„Eigentlich,“ überlege ich, während ich mein Fahrrad aufschließe. „Eigentlich müsste man sich so einen lieben Typen wie Kumpeltyp nehmen, den ein paar Jahre verstecken, bis er ausgewachsen ist, und ihn dann der Öffentlichkeit präsentieren. „Wo hast du den den her? Würden alle fragen. „Der ist ja total süß!!“ Die Reaktion der Allgemeinheit, auf einen heimlich gehüteten Designermantel aus der vorletzten Saison.
Ich schlängle mich durch Autos und Partygänger. Fahre Richtung Bett, über Schienen und Kotze. Ich denke wieder an Paul. Ich denke an Paul. An Paul in meinem Bett. An mich in seinem Bett. An Kerzen, an Gedichte. An Gitarrensaiten und Gesang. „Wixer!“
„Wixer!“ denke ich bevor ich auf den weißen Mercedes knalle, die Motorhaube mit beiden Armen umschlinge und mich einfach nur übergeben muss.

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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Text ist gut. Armes ich. So fremdgesteuert und trotzdem arrogant. Was, meint ihr, soll nur aus diesem Kindlein werden?

    30.06.2009, 00:30 von quatzat
    • 0

      @quatzat Eine, die unter dem Ballast der allgemein vorherrschenden Unehrlichkeit wahrscheinlich ab und an zusammenbrechen wird.

      Sie wird ihren Weg schon finden und gehen.

      30.06.2009, 00:43 von lisbeth_salander
    • 0

      @lisbeth_salander Der läuft besser rein als der London-Text.

      30.06.2009, 00:54 von Steifschulz
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    Hat mir ganz gut gefallen. Nicht mehr und nicht weniger.

    28.06.2009, 12:40 von hanhel
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    ich habe gar nicht gemerkt, dass der Text verbittert wirkt...naja gut vielleicht ein bisschen. Das kommt davon wenn man Nachts schreibt.

    28.06.2009, 12:21 von linski
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  • 0

    verbittert?

    HAHA. da kannste mal sehen, wie es läuft, mo!

    28.06.2009, 07:41 von lisbeth_salander
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