lalina 29.08.2012, 13:52 Uhr 52 108

Kummer ohne Liebe

„Was ist los?“ „Schlaf weiter, alles ist gut.“ belüge ich ihn.

Ich sitze auf der Bettkante vor dem geöffneten Fenster. Seit ein paar Tagen bringen die Nächte wieder Abkühlung und nehmen so der Tagesluft ihre Schwere. Unten auf der Straße grölt ein Betrunkener, ruft lallend immer wieder einen Namen: „Christina! Christina!“ Ich habe Mitleid mit Christina. In mir schreit es auch. Laut und deutlich kann ich es hören: „Ich sollte hier nicht sein.“ Und trotzdem bin ich da.

Hinter mir wälzt er sich nackt und unruhig hin und her. Es scheint fast so, als seien meine Zweifel in sein Unterbewusstsein vorgedrungen und würden nun Unfrieden in seinen Träumen stiften. Auch mit ihm habe ich Mitleid. Das sind keine guten Voraussetzungen. Es ist nicht schwer, ihn zu lieben. Nur ich tue es eben nicht.

Ich liebe dich. Hätte ich gekonnt, wäre ich weggelaufen. Aber seine Worte haben meine Beine gelähmt und mich wieder einmal an meine Unfähigkeit erinnert.

Die Nacht ist noch lange nicht vorbei. In Gedanken schleiche ich durch seine Wohnung, ziehe mich lautlos an, packe meine blaue Zahnbürste in meine Tasche, nehme meine getragene Unterwäsche aus seinem Wäschekorb, gebe ihm einen Kuss, von dem er kurz aufschreckt und orientierungslos fragt: „Was ist los?“ „Schlaf weiter, alles ist gut.“ belüge ich ihn. Bevor ich die Tür hinter mir schließe, nehme ich seine Schlüssel von meinem Bund und lege sie auf die Ablage gleich neben der Wohnungstür.

Aber ich bleibe hier sitzen, lausche den liebenden Männern, während sie schlafen und grölen, und frage mich, ob mich die Worte aus einem anderen Mund und zu einer anderen Zeit glücklich gemacht hätten. Das war mal, denke ich, lege mich wieder hin und lasse die Zweifel weiter in mir arbeiten. Die Zeit wird mir die Entscheidung abnehmen, wenn er mit jedem Tag ab heute erwartungsvoller auf meinen Mund starren wird. Die Zeit hat es noch immer gerichtet. Ich habe Kummer, ohne zu lieben. Eben eine andere Art von Liebeskummer.

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52 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Gehen kann wahnsinnig schwer sein. Aber ich habs nach vielen Anläufen auf der Bettkante dann doch geschafft. Sehr gut getroffen.

    03.01.2013, 02:12 von Plutarch
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  • 3

    immer wenn man denkt, so schlimm wirds sicher nicht sein, passiert so was

    05.09.2012, 11:05 von derWaschbaer
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  • 1

    Perfektion.

    04.09.2012, 22:07 von gedankenfluss.
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  • 1

    Du schreibst so schön und berührend. Herz!

    04.09.2012, 20:23 von schmetterlingslachen
    • 0

      Ich danke dir ganz sehr für dein Kompliment und das Herzen.

      04.09.2012, 20:55 von lalina
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  • 1

    Wunderschöner Text! Berührend und mitreissend und leider auch so wahr.

    04.09.2012, 11:22 von Mirana1
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  • 1

    Ich habe mich hier angemeldet, nur um deinem Text ein Herzchen zu geben.
    Er trifft meine Situation unglaublich gut.
    Vielen Dank dafür, dass du ihn mit uns teilst.

    03.09.2012, 17:26 von SearchingForLife
    • 0

      Ui, ich fühle mich geehrt.

      Sehr gerne.

      04.09.2012, 08:49 von lalina
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  • 3

    "Es ist nicht schwer, ihn zu lieben. Nur ich tue es eben nicht." Der Satz hat sich irgendwie in meinen Kopf gebrannt!

    03.09.2012, 16:55 von HazelEyes
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  • 1

    Er tut mir leid. Kummer ohen Liebe, das hatte mein Ex.
    Das ist ein scheiß Gefühl,.. für beide.

    03.09.2012, 16:49 von Ms.Paradise
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  • 2

    Wieso schreibst du eigentlich immer wieder so geniale und gnadenlos wahre Texte?
    Ich bin begeistert..

    03.09.2012, 16:36 von LupinaThirteen
    • 1

      Und ich werde rot. Danke für das wirklich tolle Kompliment.

      04.09.2012, 08:52 von lalina
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  • 0

    Und ich dachte, dass ich die Einzige mit diesem Gefühl bin...

    03.09.2012, 15:54 von lilistraum
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