Juliie 18.11.2012, 00:19 Uhr 58 24

Kreislaufschwäche

Jens mag Julie. Sabine mag Jens. Markus mag Sabine. Und wer mag Markus?

Jens mag Julie. Sie hatten sich in einer lauen Sommernacht kennengelernt, tanzten, flirteten, pogten sich zärtlich entgegen, ein Schulterschubser hier, ein aggressiver Beckenrempler dort. Er war sofort eingenommen von ihrer bezaubernd aggressiven Aura, selbstbewusst und doch reserviert, diabolisch und doch ponyliebend. Sie ließ sich darauf ein, auch wenn sie eigentlich nur von seinem in Cord verpackten Knackpo entzückt war. In seinem Bauch schwirrten Schmetterlinge, in ihrem vom Hypophysenvorderlappen freigesetztes Gonadotropin, das die Ausschüttung von Sexualhormonen in ihren Gonaden anregte. Sie tanzten barfuß im Regen, sprangen übermütig in Pfützen, liefen leidenschaftlich in Blumenwiesen aufeinander zu und bewarfen sich schelmisch mit bunt blühenden Blüten. Sie turnten kindlich über Spielplätze und wälzten sich, ins Mondlicht getaucht, in sattgrünen Wiesen. Anschließend in seinen Laken, am nächsten Morgen verschwand sie engelsgleich, in diese verhüllt, schnell ins Badezimmer. Und schließlich aus der Tür. Seitdem kreisen seine Gedanken nur um sie, wartend auf ein Wiedersehen. Doch Julies Gedanken sind ganz woanders.

Sabine mag Jens. Sie hatten sich in einer stürmischen Herbstnacht kennengelernt, tanzten, flirteten, schmissen sich zärtlich Blicke entgegen, ein Zwinkern hier, ein verruchtes Zungen-über-Lippen-fahr-Spiel dort. Sie war sofort eingenommen von seiner bezaubernd zurückhaltenden Aura, schüchtern und verhalten, und spätestens, als seine Extremitäten spastisch zuckend bei seinem Lieblingssong in alle Richtungen flogen, war sie hin und weg. Er ließ sich darauf ein, auch wenn er eigentlich nur von ihren imposanten Hupen entzückt war. In ihrem Bauch schwirrten Schmetterlinge, in seinem vom Hypophysenvorderlappen freigesetztes Gonadotropin, das die Ausschüttung von Sexualhormonen in seinen Gonaden anregte. Sie tanzten barfuß im Hagel, sprangen übermütig in Pfützen und bewarfen sich schelmisch mit Herbstlaub. Sie bekämpften sich neckisch in Kissenschlachten und wälzten sich anschließend leidenschaftlich in einem Federmeer. Am nächsten Morgen verschwand er, ohne sie aufzuwecken, aus der Tür. Seitdem kreisen ihre Gedanken nur um ihn, wartend auf ein Wiedersehen. Doch Jens' Gedanken sind ganz woanders.

Markus mag Sabine. Sie hatten sich in einer frostigen Winternacht kennengelernt, tanzten, flirteten. Blickkontakt, ein zaghafter Rempler, er: „Hey, Schlampe, was soll denn das?“ Er hatte in einem Flirtseminar gelernt, dass es durchaus gut ankäme, eine Frau erstmal zu beleidigen. Sabine reagierte sofort entrüstet: „Schlampe?! Samma, hakt's?“ „Eine sehr bezaubernde“, erwiderte Markus. Er war augenblicklich eingenommen von ihrer Aura, gekränkt und doch irgendwie interessiert, defensiv und nichtsdestotrotz beeindruckt von seiner Angriffslust. Und sie ließ sich darauf ein, auch wenn sie eigentlich nur von seinem Kampfgeist entzückt war. In seinem Bauch schwirrten Schmetterlinge, in ihrem vom Hypophysenvorderlappen freigesetztes Gonadotropin, das die Ausschüttung von Sexualhormonen in ihren Gonaden anregte. Sie tanzten barfuß im Schnee, füßelten sich gegenseitig ihre eisigen Zehen warm, schlitterten übermütig über zugefrorene Pfützen und bewarfen sich quietschvergnügt neckisch mit Schneebällen. Sie rissen kindlich Eiszapfen von Autos und bedrohten sich gegenseitig mit ihren stolz beschafften Waffen. Nachdem er sie mit seinem körpereigenen Eispickel beglückt hatte, verzog sich Sabine leise und unbemerkt aus seiner Altbauwohnung. Seitdem kreisen seine Gedanken nur um sie, wartend auf ein Wiedersehen. Doch Sabines Gedanken sind ganz woanders.

Julie mag Markus. Sie kennen sich nicht, kannten sich nie, werden sich nie kennen. Aber sie mag diesen Markus, da ist sie sich sicher. Denn Kreise schließen sich, sonst wären sie doch nur zerbrochene Eierschalen. In der Frühlingssonne isst sie ihr Spiegelei und verdammt, es schmeckt.


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58 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Vielleicht mag Julie auch nur ihr Spiegelei? Das war jedenfalls die am romantischsten beschriebene Beziehung in diesem Text.

    21.01.2013, 19:48 von NutellaKing
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  • 1

    der teaser erinnert mich stark an willst du mit mir gehen von 5 sterne deluxe.

    07.12.2012, 10:58 von Traumversinken
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      Ich bin ja äußerst entzückt über die zahlreichen Song-Assoziationen!

      09.12.2012, 23:06 von Juliie
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  • 1

    "Nachdem er sie mit seinem körpereigenen Eispickel beglückt hatte" 

    Also bei dem Satz hats mich schier vom Stuhl gehauen.. Sehr geil geschrieben :) 

    02.12.2012, 11:51 von howsy
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  • 2

    hats schon jemand mit gabi und klaus versucht?

    01.12.2012, 01:19 von libido
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    Hat mich beim Lesen an Christian Kracht erinnert. Nicht unbedingt mein Stil, aber hat trotzdem was. Der Text ist aber definitiv nicht der schlechteste Text, den ich angefangen habe zu lesen. :)

    26.11.2012, 10:29 von denkanstosser
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  • 1

    Knorkator - Alter Mann


    Viel mir direkt beim ersten Satz ein

    23.11.2012, 13:28 von Jingeling89
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      Sorry :D sehe jetz erst Cyros Kommentar mit dem selben Inhalt

      23.11.2012, 13:29 von Jingeling89
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      Thihi.

      23.11.2012, 15:26 von Juliie
    • 1

      Viel mir aus kannste das so stehen lassen ;-)

      01.12.2012, 01:21 von libido
    • 0

      Gott ey, als ob ihr alle grammatikalisch unfehlbar seid...

      Die sollen endlich mal die ver******** Edit-Funktion einführen.

      01.12.2012, 18:20 von Jingeling89
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  • 0

    ...ich grinse mal gepflegt - und überlege, was wohl mit Hupen gemeint sein könnte und überlege ob man Rührei auch von nem Dicken Onkel lutschen könnte - aus lauter Liebe. In der Frühlingssonne. ^^

    20.11.2012, 22:43 von derHalbstarke
    • 1

      Na klar, das wird von Jens' Zeh gelutscht, ihrem Liebessklaven! Gut erkannt! ;P

      20.11.2012, 23:09 von Juliie
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      ...höhöhöhöhö. ^^

      20.11.2012, 23:33 von derHalbstarke
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      Ich meinte natürlich Spiegelei, ich Stoffel, mea culpa - obwohl, Eier im Glas wären auch nicht schlecht. ^^

      20.11.2012, 23:34 von derHalbstarke
    • 0

      Haha, ich krame meine imaginäre Liste hervor und setze bei "verstörende Assoziationen hervorrufen" ein "check"! :>

      20.11.2012, 23:47 von Juliie
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  • 4

    Hihi, ich musste lachen als ich den Teaser sah. "Jens mag Julie. Sabine mag Jens. Markus mag Sabine. Und wer mag Markus?" Jetzt singe ich "alter Mann" vor mich hin :)

    19.11.2012, 16:19 von Cyro
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  • 1

    Gefällt mir gut. Doch irgendetwas fehlt. Vermutlich Salz zum Ei?!

    19.11.2012, 09:33 von Hildegardt
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  • 1

    Wo alles restlos ausgeglichen ist, gibt’s keine Spannung. Naturgesetz. Wobei die beschriebenen Fälle fatalistisch etwas überspitzt einseitig sind ...im Verbleib.

    Wie auch dieses Liedchen, das mir spontan dazu einfiel.

    Apropos Spitzen und Polarität :
    Es gibt sie, leicht entzündliche, heftig reagierend, Explosionen, infernale Kernschmelzen, zwischen viel Asche nie dagewesene Elemente hebend, kein Stein bleibt auf seinem Platz.

    Und es gibt andere - offene Flammen ihnen grundsätzlich zu gefährlich. Ein Teelicht im Wachskäfig, eine Zündkerze im fest verschweißten Motorblock und hin und wieder eine Sonne, n paar Millionen Meilen auf Distanz, gerade noch das notwendige Übel Kompromiss mit dem riskanten Element Feuer. 

    ein Narr wer glaubt, „irgendwo dazwischen“ gäb‘s dauerhaft Entspanntes.

    19.11.2012, 00:11 von schauby
    • 0

      Ha, allein, was mein überspitzes Wortgehuste bei dir schon wieder für Gedankengänge anregt, das erfreut den Goldfisch im Koiteich ja.

      Naja, "irgendwo dazwischen" ist im Grunde ja alles, somit ist dauerhafte Entspanntheit sowieso von vorneherein ausgeschlossen (gibt's sowas denn überhaupt?). Blöd nur, wenn eben Explosives auf künstliche Weihnachtsbaumkerzen trifft und anstatt eine Unvereinbarkeit einzusehen, krampfhaft weiter nach Holzscheiten gesucht wird. Eh.

      Das Lied ist cool!^^

      19.11.2012, 00:35 von Juliie
    • 0

      Klar, als Kunstform eines Liedes gefällig, als gelebte Wirklichkeit der Protagonisten darin (und dem worin sich jeder so oder so wiederfindet), mitunter drastisch bis dramatisch in den Emotionen und Konsequenzen.

      Fragen zur Quelle geführt .. an der Wurzel winkt Erkenntnis.

      wäre Glück und Erfüllung "Gottes Plan" für 'passende' Paarungen, die Welt wäre nicht voll des globalen Chor ewiger Klagen, nie verstummender Sehnsucht über den Mangel jenes Glücks.

      Es kreuzt sich seit Jahrtausenden das vermeintlich Unvereinbare, Menschen als Äpfel mit Birnen, Barone mit Bauern, Wölfe mit Schafen, Kunstkerzen mit Feuerwerken tragen Früchte und Früchtesfrüchte, die durch jeden Winkel von Welt und Kultur verwoben sind. Wer möchte, mag dies als Grund sehen, warum Mensch und Gesellschaft so unauflöslich gehalten sind, in dem, was wir 'Widersprüche' nennen und den ganzen Zirkus, barbarisch bis bewundernswert am Laufen hält.

      19.11.2012, 01:38 von schauby
    • 0

      Ach, der Song ist Comedy, klar, tragisch, wenn real gelebt.

      Eine "Quelle" sprichst du doch (zu recht) eigentlich ab? Ursachen für Ursachen, für Ursachen usw... ;)

      Und, auch wenn ich diesem Text nun wirklich alles andere als einen wirklich tieferen Sinn zusprechen würde.. Ob diese Widersprüche (btw, der "Gegensätze ziehen sich an"-Glaube mag bei einigen in manchen Aspekten sicherlich stimmen, in Wohlgefallen wird sich das meiner Meinung nach aber nie auflösen..) die Gesellschaft nun wirklich am Laufen halten oder sich ständig immer wieder ein Bein stellen, auch global gesehen... Nunja.

      19.11.2012, 01:53 von Juliie
    • 0

      Sinnzusämmenhänge und Levels derselben sind auch da, wenn sie nicht alle zu- bzw aussprechen. :)

      Eine der hervorstechensten Eigenschaften von Menschen ist ganz sicher, die Fähigkeit scheinbar Unmögliches zu kombinieren und unglaublichste Variationen zu (er)finden.

      Ich will damit sagen, das was wir als unvereinbar mit unseren Vorstellungen sehen, kümmert die Natur insgesamt (und wir sind ein enorm gestaltungsfreudiger Teil von ihr) offenkundig sehr wenig. Sonst würde sie nicht unausgesetzt vereinbaren, vermischen und zusammenführen, was bestimmte Vorstellungen oder bisherige Konventionen bei weitem übersteigt.

      19.11.2012, 02:25 von schauby
    • 0

      Vermischen, variieren, Widersprüche übersteigen... Na sicher, findet statt und letztlich sicherlich auch oft seinen Sinn, neues erzeugen... Se Varianz. Aber was hilft diese Erkenntnis, wenn am Ende doch Markus Sabine will, aber Sabine nur Gedanken für Jens hat... Da gibt's ja nunmal kein Vermischi, sondern höchstens Schniefi, weeste. ;)

      19.11.2012, 02:35 von Juliie
    • 0

      Menschen wollen träumen und sich täuschen, sind mitunter erst dann tief ENTtäuscht, wenn sie genau diese Träume ins Reale zu übersetzen haben.

      Auch ein Grund, warum sich etliche lieber in mehr oder weniger absichtlich ungewagten Luftschlössern einrichten, als Gefahr zu laufen, dass die weniger spannende Wirklichkeit sie ihnen wegnimmt.




      19.11.2012, 02:48 von schauby
    • 0

      man kann alles auf Neurotransmitter und Hormone, also auf das ganze
      chemische Kampfstoffarsenall reduzieren, wenn es ums Emotionen,
      insbesondere wie im Text ums Begehren geht.

      Aber letztlich ist es alles was wir haben, egal an welchem Ort, in welcher Situation, die Chemie zwischen unseren Ohren bestimmt einfach alles, es gibt Gründe, aber keine Alternative zu dieser Grundlage unserer Empfindungen.

      19.11.2012, 02:50 von schauby
    • 0

      Chemisches Kampfstoffarsenal.^^

      Naja, was am Ende tatsächlich für den Einzelnen erstrebenswert ist, das treffend beschriebene unspannende Nüchterne oder doch der Reiz der Luftschlösser... Ich denke wieder einmal eine gesunde Balance...

      19.11.2012, 02:58 von Juliie
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      der so immanente und untilgbare menschliche Hunger nach "Neu", bzw Anders, nach einer Alternative, kippt auf kurz oder lange jede sogenannte Balance. Ob mühsam hochgezogen oder einfach geschenkt..

      Sabine kickt nach gelungener Vermischung und glücklichenfalls einigen Jahren mit statistischer hoher Wahrscheinlichkeit erheblich weniger bestimmte Knöpfe im Chemiekarussell von Markus, als plötzlich Julia oder Laura. Oder umgekehrt für Sabine plötzlich Martin oder Bernd. Ob sie biologische, materielle oder "nur" geistige ideelle Fortplanzen darüber hinaus teilen, oder nicht, ob das Leben und die Umstände ihnen das Bedürfnis nach Sicherheit oder eher nach Aufregung verstärkt, könnte man mit viel viel Aufwand ahnen, aber wissen Gott sei Dank niemals.   

      19.11.2012, 03:26 von schauby
    • 0

      Mh. Natürliche Dynamik schließt eine Balance ja nicht aus, im Gegenteil, ich finde, sie ist ein unverzichtbarer Teil davon.

      Aber es ging ja ursprünglich um die Tragik der Einseitigkeit, und dass das (vom freudigen Leiden einmal abgesehen) auf Dauer zumindest kein Wohlbefinden erzeugen wird, ist ja klar...

      19.11.2012, 03:38 von Juliie
    • 0

      Dauer ? Zeit und vorallem Kräfte eines Lebens sind begrenzt. Sicher, Opferbereitschaft, Schmerz- und Belastungsgrenzen sind denkbar verschieden, jedoch zerrt eine krasse Einseitigkeit irgendwann so ins Eingemachte, dass sich in vielen Fällen der Überlebenswille vor den des angestrebten Genußes setzt. Sind individuelle Leidgrenzen erreicht, gehts nich mehr ums Wohlbefinden, sondern darum seine Gesundheit zu retten. 

      19.11.2012, 03:58 von schauby
    • 0

      Haja, da simmer doch auf einem Pfad. Die "Dauer" bezog ich jetzt auf das jeweils unterschiedliche Vermögen, sich glaubhaft vorzugaukeln, dass auch Einseitigkeit supi dupi oder in jedem Fall nur ein vorübergehender Zustand sei... Bis eben die individuelle Leidensgrenze erreicht ist.

      Ich mach mir jetzt ein Spiegelei. :)

      19.11.2012, 18:15 von Juliie
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