Kreislaufschwäche
Jens mag Julie. Sabine mag Jens. Markus mag Sabine. Und wer mag Markus?
Jens
mag Julie. Sie hatten sich in einer lauen Sommernacht kennengelernt,
tanzten, flirteten, pogten sich zärtlich entgegen, ein
Schulterschubser hier, ein aggressiver Beckenrempler dort. Er war
sofort eingenommen von ihrer bezaubernd aggressiven Aura,
selbstbewusst und doch reserviert, diabolisch und doch ponyliebend.
Sie ließ sich darauf ein, auch wenn sie eigentlich nur von seinem in
Cord verpackten Knackpo entzückt war. In seinem Bauch schwirrten
Schmetterlinge, in ihrem vom Hypophysenvorderlappen freigesetztes
Gonadotropin, das die Ausschüttung von Sexualhormonen in ihren
Gonaden anregte. Sie tanzten barfuß im Regen, sprangen übermütig
in Pfützen, liefen leidenschaftlich in Blumenwiesen aufeinander zu und bewarfen sich schelmisch mit bunt blühenden Blüten.
Sie turnten kindlich über Spielplätze und wälzten sich, ins
Mondlicht getaucht, in sattgrünen Wiesen. Anschließend in seinen
Laken, am nächsten Morgen verschwand sie engelsgleich, in diese
verhüllt, schnell ins Badezimmer. Und schließlich aus der Tür.
Seitdem kreisen seine Gedanken nur um sie, wartend auf ein
Wiedersehen. Doch Julies Gedanken sind ganz woanders.
Sabine
mag Jens. Sie hatten sich in einer stürmischen Herbstnacht
kennengelernt, tanzten, flirteten, schmissen sich zärtlich Blicke
entgegen, ein Zwinkern hier, ein verruchtes
Zungen-über-Lippen-fahr-Spiel dort. Sie war sofort eingenommen von
seiner bezaubernd zurückhaltenden Aura, schüchtern und verhalten,
und spätestens, als seine Extremitäten spastisch zuckend bei seinem
Lieblingssong in alle Richtungen flogen, war sie hin und weg. Er ließ
sich darauf ein, auch wenn er eigentlich nur von ihren imposanten
Hupen entzückt war. In ihrem Bauch schwirrten Schmetterlinge, in
seinem vom Hypophysenvorderlappen freigesetztes Gonadotropin, das die
Ausschüttung von Sexualhormonen in seinen Gonaden anregte. Sie
tanzten barfuß im Hagel, sprangen übermütig in Pfützen und
bewarfen sich schelmisch mit Herbstlaub. Sie bekämpften sich
neckisch in Kissenschlachten und wälzten sich anschließend
leidenschaftlich in einem Federmeer. Am nächsten Morgen verschwand
er, ohne sie aufzuwecken, aus der Tür. Seitdem kreisen ihre Gedanken
nur um ihn, wartend auf ein Wiedersehen. Doch Jens' Gedanken sind
ganz woanders.
Markus mag Sabine. Sie hatten sich in einer frostigen Winternacht kennengelernt, tanzten, flirteten. Blickkontakt, ein zaghafter Rempler, er: „Hey, Schlampe, was soll denn das?“ Er hatte in einem Flirtseminar gelernt, dass es durchaus gut ankäme, eine Frau erstmal zu beleidigen. Sabine reagierte sofort entrüstet: „Schlampe?! Samma, hakt's?“ „Eine sehr bezaubernde“, erwiderte Markus. Er war augenblicklich eingenommen von ihrer Aura, gekränkt und doch irgendwie interessiert, defensiv und nichtsdestotrotz beeindruckt von seiner Angriffslust. Und sie ließ sich darauf ein, auch wenn sie eigentlich nur von seinem Kampfgeist entzückt war. In seinem Bauch schwirrten Schmetterlinge, in ihrem vom Hypophysenvorderlappen freigesetztes Gonadotropin, das die Ausschüttung von Sexualhormonen in ihren Gonaden anregte. Sie tanzten barfuß im Schnee, füßelten sich gegenseitig ihre eisigen Zehen warm, schlitterten übermütig über zugefrorene Pfützen und bewarfen sich quietschvergnügt neckisch mit Schneebällen. Sie rissen kindlich Eiszapfen von Autos und bedrohten sich gegenseitig mit ihren stolz beschafften Waffen. Nachdem er sie mit seinem körpereigenen Eispickel beglückt hatte, verzog sich Sabine leise und unbemerkt aus seiner Altbauwohnung. Seitdem kreisen seine Gedanken nur um sie, wartend auf ein Wiedersehen. Doch Sabines Gedanken sind ganz woanders.
Julie mag Markus. Sie kennen sich nicht, kannten sich nie, werden sich nie kennen. Aber sie mag diesen Markus, da ist sie sich sicher. Denn Kreise schließen sich, sonst wären sie doch nur zerbrochene Eierschalen. In der Frühlingssonne isst sie ihr Spiegelei und verdammt, es schmeckt.





Kommentare
Vielleicht mag Julie auch nur ihr Spiegelei? Das war jedenfalls die am romantischsten beschriebene Beziehung in diesem Text.
21.01.2013, 19:48 von NutellaKingder teaser erinnert mich stark an willst du mit mir gehen von 5 sterne deluxe.
07.12.2012, 10:58 von TraumversinkenIch bin ja äußerst entzückt über die zahlreichen Song-Assoziationen!
09.12.2012, 23:06 von Juliie"Nachdem er sie mit seinem körpereigenen Eispickel beglückt hatte"
hats schon jemand mit gabi und klaus versucht?
01.12.2012, 01:19 von libidoHat mich beim Lesen an Christian Kracht erinnert. Nicht unbedingt mein Stil, aber hat trotzdem was. Der Text ist aber definitiv nicht der schlechteste Text, den ich angefangen habe zu lesen. :)
26.11.2012, 10:29 von denkanstosserKnorkator - Alter Mann
Viel mir direkt beim ersten Satz ein
23.11.2012, 13:28 von Jingeling89Sorry :D sehe jetz erst Cyros Kommentar mit dem selben Inhalt
23.11.2012, 13:29 von Jingeling89Thihi.
23.11.2012, 15:26 von JuliieViel mir aus kannste das so stehen lassen ;-)
01.12.2012, 01:21 von libido...ich grinse mal gepflegt - und überlege, was wohl mit Hupen gemeint sein könnte und überlege ob man Rührei auch von nem Dicken Onkel lutschen könnte - aus lauter Liebe. In der Frühlingssonne. ^^
20.11.2012, 22:43 von derHalbstarkeNa klar, das wird von Jens' Zeh gelutscht, ihrem Liebessklaven! Gut erkannt! ;P
20.11.2012, 23:09 von Juliie...höhöhöhöhö. ^^
20.11.2012, 23:33 von derHalbstarkeIch meinte natürlich Spiegelei, ich Stoffel, mea culpa - obwohl, Eier im Glas wären auch nicht schlecht. ^^
20.11.2012, 23:34 von derHalbstarkeHaha, ich krame meine imaginäre Liste hervor und setze bei "verstörende Assoziationen hervorrufen" ein "check"! :>
20.11.2012, 23:47 von JuliieHihi, ich musste lachen als ich den Teaser sah. "Jens mag Julie. Sabine mag Jens. Markus mag Sabine. Und wer mag Markus?" Jetzt singe ich "alter Mann" vor mich hin :)
19.11.2012, 16:19 von CyroGefällt mir gut. Doch irgendetwas fehlt. Vermutlich Salz zum Ei?!
19.11.2012, 09:33 von HildegardtWo alles restlos ausgeglichen ist, gibt’s keine Spannung. Naturgesetz. Wobei die beschriebenen Fälle fatalistisch etwas überspitzt einseitig sind ...im Verbleib.
19.11.2012, 00:11 von schaubyWie auch dieses Liedchen, das mir spontan dazu einfiel.
Apropos Spitzen und Polarität :
Es gibt sie, leicht entzündliche, heftig reagierend, Explosionen, infernale Kernschmelzen, zwischen viel Asche nie dagewesene Elemente hebend, kein Stein bleibt auf seinem Platz.
Und es gibt andere - offene Flammen ihnen grundsätzlich zu gefährlich. Ein Teelicht im Wachskäfig, eine Zündkerze im fest verschweißten Motorblock und hin und wieder eine Sonne, n paar Millionen Meilen auf Distanz, gerade noch das notwendige Übel Kompromiss mit dem riskanten Element Feuer.
ein Narr wer glaubt, „irgendwo dazwischen“ gäb‘s dauerhaft Entspanntes.
Ha, allein, was mein überspitzes Wortgehuste bei dir schon wieder für Gedankengänge anregt, das erfreut den Goldfisch im Koiteich ja.
19.11.2012, 00:35 von JuliieNaja, "irgendwo dazwischen" ist im Grunde ja alles, somit ist dauerhafte Entspanntheit sowieso von vorneherein ausgeschlossen (gibt's sowas denn überhaupt?). Blöd nur, wenn eben Explosives auf künstliche Weihnachtsbaumkerzen trifft und anstatt eine Unvereinbarkeit einzusehen, krampfhaft weiter nach Holzscheiten gesucht wird. Eh.
Das Lied ist cool!^^
Klar, als Kunstform eines Liedes gefällig, als gelebte Wirklichkeit der Protagonisten darin (und dem worin sich jeder so oder so wiederfindet), mitunter drastisch bis dramatisch in den Emotionen und Konsequenzen.
19.11.2012, 01:38 von schaubyFragen zur Quelle geführt .. an der Wurzel winkt Erkenntnis.
wäre Glück und Erfüllung "Gottes Plan" für 'passende' Paarungen, die Welt wäre nicht voll des globalen Chor ewiger Klagen, nie verstummender Sehnsucht über den Mangel jenes Glücks.
Es kreuzt sich seit Jahrtausenden das vermeintlich Unvereinbare, Menschen als Äpfel mit Birnen, Barone mit Bauern, Wölfe mit Schafen, Kunstkerzen mit Feuerwerken tragen Früchte und Früchtesfrüchte, die durch jeden Winkel von Welt und Kultur verwoben sind. Wer möchte, mag dies als Grund sehen, warum Mensch und Gesellschaft so unauflöslich gehalten sind, in dem, was wir 'Widersprüche' nennen und den ganzen Zirkus, barbarisch bis bewundernswert am Laufen hält.
Ach, der Song ist Comedy, klar, tragisch, wenn real gelebt.
19.11.2012, 01:53 von JuliieEine "Quelle" sprichst du doch (zu recht) eigentlich ab? Ursachen für Ursachen, für Ursachen usw... ;)
Und, auch wenn ich diesem Text nun wirklich alles andere als einen wirklich tieferen Sinn zusprechen würde.. Ob diese Widersprüche (btw, der "Gegensätze ziehen sich an"-Glaube mag bei einigen in manchen Aspekten sicherlich stimmen, in Wohlgefallen wird sich das meiner Meinung nach aber nie auflösen..) die Gesellschaft nun wirklich am Laufen halten oder sich ständig immer wieder ein Bein stellen, auch global gesehen... Nunja.
Sinnzusämmenhänge und Levels derselben sind auch da, wenn sie nicht alle zu- bzw aussprechen. :)
19.11.2012, 02:25 von schaubyEine der hervorstechensten Eigenschaften von Menschen ist ganz sicher, die Fähigkeit scheinbar Unmögliches zu kombinieren und unglaublichste Variationen zu (er)finden.
Ich will damit sagen, das was wir als unvereinbar mit unseren Vorstellungen sehen, kümmert die Natur insgesamt (und wir sind ein enorm gestaltungsfreudiger Teil von ihr) offenkundig sehr wenig. Sonst würde sie nicht unausgesetzt vereinbaren, vermischen und zusammenführen, was bestimmte Vorstellungen oder bisherige Konventionen bei weitem übersteigt.
Vermischen, variieren, Widersprüche übersteigen... Na sicher, findet statt und letztlich sicherlich auch oft seinen Sinn, neues erzeugen... Se Varianz. Aber was hilft diese Erkenntnis, wenn am Ende doch Markus Sabine will, aber Sabine nur Gedanken für Jens hat... Da gibt's ja nunmal kein Vermischi, sondern höchstens Schniefi, weeste. ;)
19.11.2012, 02:35 von JuliieMenschen wollen träumen und sich täuschen, sind mitunter erst dann tief ENTtäuscht, wenn sie genau diese Träume ins Reale zu übersetzen haben.
19.11.2012, 02:48 von schaubyAuch ein Grund, warum sich etliche lieber in mehr oder weniger absichtlich ungewagten Luftschlössern einrichten, als Gefahr zu laufen, dass die weniger spannende Wirklichkeit sie ihnen wegnimmt.
man kann alles auf Neurotransmitter und Hormone, also auf das ganze
19.11.2012, 02:50 von schaubychemische Kampfstoffarsenall reduzieren, wenn es ums Emotionen,
insbesondere wie im Text ums Begehren geht.
Aber letztlich ist es alles was wir haben, egal an welchem Ort, in welcher Situation, die Chemie zwischen unseren Ohren bestimmt einfach alles, es gibt Gründe, aber keine Alternative zu dieser Grundlage unserer Empfindungen.
Chemisches Kampfstoffarsenal.^^
19.11.2012, 02:58 von JuliieNaja, was am Ende tatsächlich für den Einzelnen erstrebenswert ist, das treffend beschriebene unspannende Nüchterne oder doch der Reiz der Luftschlösser... Ich denke wieder einmal eine gesunde Balance...
der so immanente und untilgbare menschliche Hunger nach "Neu", bzw Anders, nach einer Alternative, kippt auf kurz oder lange jede sogenannte Balance. Ob mühsam hochgezogen oder einfach geschenkt..
19.11.2012, 03:26 von schaubySabine kickt nach gelungener Vermischung und glücklichenfalls einigen Jahren mit statistischer hoher Wahrscheinlichkeit erheblich weniger bestimmte Knöpfe im Chemiekarussell von Markus, als plötzlich Julia oder Laura. Oder umgekehrt für Sabine plötzlich Martin oder Bernd. Ob sie biologische, materielle oder "nur" geistige ideelle Fortplanzen darüber hinaus teilen, oder nicht, ob das Leben und die Umstände ihnen das Bedürfnis nach Sicherheit oder eher nach Aufregung verstärkt, könnte man mit viel viel Aufwand ahnen, aber wissen Gott sei Dank niemals.
Mh. Natürliche Dynamik schließt eine Balance ja nicht aus, im Gegenteil, ich finde, sie ist ein unverzichtbarer Teil davon.
19.11.2012, 03:38 von JuliieAber es ging ja ursprünglich um die Tragik der Einseitigkeit, und dass das (vom freudigen Leiden einmal abgesehen) auf Dauer zumindest kein Wohlbefinden erzeugen wird, ist ja klar...
Dauer ? Zeit und vorallem Kräfte eines Lebens sind begrenzt. Sicher, Opferbereitschaft, Schmerz- und Belastungsgrenzen sind denkbar verschieden, jedoch zerrt eine krasse Einseitigkeit irgendwann so ins Eingemachte, dass sich in vielen Fällen der Überlebenswille vor den des angestrebten Genußes setzt. Sind individuelle Leidgrenzen erreicht, gehts nich mehr ums Wohlbefinden, sondern darum seine Gesundheit zu retten.
19.11.2012, 03:58 von schaubyHaja, da simmer doch auf einem Pfad. Die "Dauer" bezog ich jetzt auf das jeweils unterschiedliche Vermögen, sich glaubhaft vorzugaukeln, dass auch Einseitigkeit supi dupi oder in jedem Fall nur ein vorübergehender Zustand sei... Bis eben die individuelle Leidensgrenze erreicht ist.
19.11.2012, 18:15 von JuliieIch mach mir jetzt ein Spiegelei. :)