Kreislauf
Er war in ihrem Kopf und sie ahnte, dass sie auch in seinem war.
Dieser Kerl hat sie tatsächlich angefasst. Zugegebenermaßen nur sehr sanft und vorsichtig, aber dennoch hat er sie angefasst. Trotzig hat er all ihre ablehnenden Zeichen ignoriert. Es ist wohl doch ein Fehler gewesen, „unter Menschen zu gehen“, denn die Konsequenz war unter Menschen „zu sein“. Es erschloss sich ihr nicht, dass viele nicht akzeptieren können, dass manche Menschen keinen Wert auf Gesellschaft oder gar Konversation legen. Obwohl sie „draußen“ stets ihre „Rühr-und sprich-mich-nicht-an-Maske“ trug, passierte es ihr ständig, dass sie zur Kommunikation aufgefordert wurde. Sie wünschte keinen „Guten Tag“. Ihr eigener war schlecht, warum sollte sie anderen wünschen, was ihr selbst verwehrt blieb? Nein, sie ist kein Mensch, der anderen Schlechtes wünscht, nur weil sie selbst unglücklich ist. Aber es ist ihr schlichtweg egal, was mit den anderen ist.
Sie stand gerade gedankenversunken vor dem Bild, als er seine Annäherungsversuche startete. Versuch eins: er stellt sich mit maximal einem halben Meter Abstand neben sie und betrachtet ebenfalls das Bild. Versuch zwei: Seine Kopfbewegung, ein suchender Blick in ihre Augen, soll seine Anwesenheit, die sie vielleicht nicht wahrnahm, auf ihn lenken. Versuch drei bis fünf: Mehrere Kopfbewegungen in ihre Richtung. Schritt sechs: Weiterhin das Bild betrachten und dabei ein nach Erkenntnis und gleichzeitig nach Frage klingendes „Hm“ ausstoßen plus kurzen suchenden Blick in ihre Richtung. Schritt sieben: Sich räuspern und dabei erneut ihren Blick suchen.
Das Bild, welches sie seit über einer Stunde mehr oder weniger alleine, und seit wenigen Minuten gemeinsam mit dem Fremden betrachtet, zeigt im Vordergrund eine, in einer sehr ungewöhnlichen Haltung, nackte und schlafende Frau. Im Hintergrund ist eine nur halb geöffnete Tür zu einem anderen Zimmer zu sehen, indem nur bei sehr genauem Betrachten ein Körper zu erkennen ist, der an einem Strick von der Decke baumelt. Wenn man sehr lange auf diese Szenerie schaut, scheint der Körper tatsächlich leicht hin und her zu pendeln. Auch das sanfte und gleichmäßige Heben und Senken der Brust der schlafenden Frau, schleicht sich dann in das Auge des geduldigen Betrachters. Obwohl es nicht ihr Gesicht ist, weiß sie sehr wohl, wen diese Frau darstellen soll.
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„Mir ist unbegreiflich, wie Du in solch einer Stellung schlafen kannst.“ hatte er damals liebevoll geflüstert. Zu liebevoll. Es war der Moment, in dem sie befürchtete, er hätte sich bereits in sie verliebt. In seiner Stimme lag eine Zärtlichkeit, die beängstigend war. Dass er die Worte flüsterte, verstärkte die vertraute Wirkung. Doch sie wollte nicht, dass er sich in sie verliebte, bevor er sie nicht verstand.
„Und warum bist Du überhaupt immer so müde, wenn wir zusammen sind?“ Er lachte, als sie ihm antwortete, dass das vom Sex käme. „So ein Unsinn!“ Da hatte sie ihn beiseite genommen und ihm ausführlich erklärt, dass sie nicht körperlich erschöpft sei, sondern kopfmüde. Sie erzählte ihm, wie sie den Sex mit ihm wahrnahm und dass es eben kein rein physischer Akt war. Zuerst wollte er das nicht wahrhaben. „Ich ficke also Deinen Kopf?“ fragte er lachend. Erneut erklärte sie ihm ihre Empfindungen und was er mit ihr machte. Danach hinterfragte er nie wieder ihre Müdigkeit und als er sich darauf einließ, empfand er bald ebenso. Als sie erkannt hatte, dass er verstand, gestattete sie ihm, sich zu verlieben. Liebte sie ihn doch schon so lange. Mit Haut und Haar und Herz und Seele.
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„Sie haben ja noch alle Ihre Karteikarten in der Hand?“ fragt der fremde Besucher während seine Hand noch sanft auf ihrer Schulter ruht. Der Künstler hatte veranlasst, dass jeder Besucher der Ausstellung mit ausreichend Karteikarten und einem Bleistift ausgestattet wurde. Man bat darum, die spontanen Gedanken zu den Bildern auf den Karten zu notieren und in das jeweilige Gefäß unter dem Bild zu werfen. Sie hat nie vorgehabt auch nur ein einziges Wort zu hinterlassen, die Karteikarten aber entgegen genommen, da sie nicht auffallen wollte. Doch ihrem aufmerksamen Belästiger, als den sie ihn in diesem Moment empfindet, entging nichts. Sie schaut auf dessen Hände: er hat nur noch eine einzige Karte in der Hand. Sie stehen also vor dem letzten Bild der als Rundgang angelegten Ausstellung.
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„Wenn ich einmal tot bin, sollen alle meine Bilder in einem Rundgang ausgestellt werden! Dann schließt sich der Kreis! Was hältst Du davon?“ hatte er ihr sie übermutig gefragt. Sie hatte nur ungläubig den Kopf geschüttelt und ihn für diese Frage gehasst. Jetzt, wo sie gerade anfingen gemeinsam zu leben und zu lieben, sprach er vom Tod. „Du spinnst!“ hatte sie mürrisch geraunt. „Und am Besten lässt Du an alle Besucher Karteikarten verteilen, worauf sie dann ihre ersten Eindrücke und Interpretationen notieren sollen. Und die Karten legen wir dann mit Dir zusammen in den Sarg, damit Du etwas zu tun hast unter der Erde?“
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Sie hätte nie gedacht, dass er das tatsächlich verfügen würde. Als sie die Einladung seiner Agentin bekam war ihr, als gefröre ihr das Blut in den Adern. Der Titel der Ausstellung lautete einfach „Kreislauf“. Sie musste nichts recherchieren, sie wusste sofort, dass er tot war. Warum, was passiert war, das alles wollte sie nicht wissen. Sie war zu entsetzt darüber, dass sie es nicht gespürt hatte. Monatelang hatten sie sich nicht gesehen oder gehört und doch hatte er sie Tag um Tag in Gedanken begleitet.
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„Haben Sie dem Künstler denn gar nichts zu sagen?“ fragt der Fremde sie verwundert. Sie starrt ihn an und ist hin- und hergerissen. Am liebsten würde sie ihn ohrfeigen. Einerseits. Andererseits ist seine Frage durchaus berechtigt. Sie hätte dem Künstler sehr viel zu sagen.
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„Oh, Darling! Es tut mir so leid. Du weißt doch, wie ich bin. Ich traf sie und sie hat mich so dermaßen inspiriert, denk an die vielen Bilder… und … und… dann ergab eins das andere… Bitte glaube mir, dass es nichts, aber rein gar nichts mit Dir zu tun hatte. Mit uns. Ich war nicht ich selbst, ich war wie ein Tier, ich habe sie regelrecht gerissen…ich“. Ihr Blick hatte ihn zum Schweigen gebracht. Sie hatte ernsthaft versucht, ihm zu verzeihen, fast wäre es ihr gelungen. Doch sie konnte nicht vergessen. Sie verließ ihn und drehte ihm und der Welt den Rücken zu. Sie fühlte sich zutiefst gedemütigt und spann sich ein in ihre Welt. Sie hasste zunächst nur ihn, dann bezog sie es auf die Männer allgemein. Sie übertrug es auf seine vermeintliche Muse und darüber auf alle Frauen dieser Welt. Von da an blieb nicht mehr viel. Sie hasste die Menschen und mied sie, wo sie nur konnte. Sie versagte sich, sich nach ihm zu erkundigen. Doch durch ein dummes und nicht vorhersehbares Zusammentreffen mit einem ehemals befreundeten Künstler, hatte sie erfahren, dass er sich ähnlich verhielt. So litten sie also beide. Seitdem spürte sie ihn jeden Tag. Er war in ihrem Kopf und sie ahnte, dass sie auch in seinem war.
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Sie will nicht nach ihrem Bleistift suchen, den sie irgendwohin gesteckt hat, sondern langt nach dem Bleistift des eigentlich doch ganz freundlichen Galeriebesuchers und sagt ihm: „Doch! Sie haben recht. Ich werde wenigstens eine Karte ausfüllen.“ Sie kritzelt auf die Karte und drückt sie dem Fremden in die Hand mit der Bitte diese für ihn einzuwerfen. Dann dreht sie sich abrupt um und läuft aus der Galerie.
Zurück bleibt ein verdutzter Besucher. Er überlegt nicht lange, selbstverständlich wird er die Karte für diese interessante junge Dame einwerfen, jedoch nicht ohne sie zu lesen. Als er das getan hat, ist er unschlüssig, ob der jungen Frau hinterherlaufen sollte. Nachdenklich betrachtet er die drei Worte und kommt zu dem Schluss, dass sie schon wissen wird, was sie tut und sicher ihre Gründe haben wird. Doch er legt die Karte nicht in den dafür vorgesehenen Behälter. Stattdessen klemmt er sie hinter das Bild, so dass jeder nachfolgende Besucher sie gut lesen kann: „Bis bald, Geliebter.“




Kommentare
Toller Text, berührend.
Toller Schluss!
04.08.2012, 15:54 von remembermeZweimal toll... find ich toll :) Danke Dir!
05.08.2012, 02:01 von Mrs.McHZwischendurch war ich auch eine Besucherin der Galerie...ein toller Text, der mich tief beeindruckt hat. Danke für das Lesevergnügen!
28.07.2012, 19:58 von Ajirad*Mag ich*
Das freut mich sehr, vielen Dank für Dein Feedback, mag ich :)
29.07.2012, 00:32 von Mrs.McHmag ich sehr. sehr.
22.07.2012, 15:44 von greenimacht mich warm. nach alle der bescheuerten zeit, die endet, passt es prima.
21.07.2012, 11:45 von zehnmomentedankeschön, sister:)
Sehr schön erzählt. Schade um die beiden wegen dem bisschen Begierde ;)
20.07.2012, 08:49 von WieSieSehnSehnSieNixWird ALLES überwertet, haste recht! Danke für Deine Lesezeit :) Eigentlich ja Lebenszeit, aber das klingt so abschreckend...
20.07.2012, 12:36 von Mrs.McHMh. Es klänge nach Vampirismus. "Danke für deine Lebenszeit" *saug*
20.07.2012, 13:06 von WieSieSehnSehnSieNixAber es ist ja definitiv Lebenszeit... das sollte man sich desöfteren mal klar machen.
20.07.2012, 18:49 von Mrs.McHDie Geschichte finde ich wirklich gut. Lediglich das Ende - also der letzte Absatz - gefällt mir nicht so gut wie der Rest. Aber dennoch schöner Text, nicht zu viel verworrene Geschichte, interessantes Thema. Find'sch gut.
19.07.2012, 19:59 von topfbluemchen*freu* :) Vielen lieben Dank!!
19.07.2012, 20:57 von Mrs.McHgerne.
19.07.2012, 21:00 von topfbluemchenVor lauter Euphorie habe ich noch gar nichts inhaltlich geantwortet und ich antworte doch fast immer auf Deine Kommentare, mit dieser Tradition will ich nicht brechen :) Ich stimme Dir zu wegen dem letzten Absatz, ich bin nicht sooo glücklich damit, finde er wirkt so... gestelzt? Oder unpassend trockenerklärend? In meinen Kopf sah es "in Bildern" oder "als Film" so schön aus, aber geschrieben wirkt es nicht so "dramatisch", wie ich es mir gewünscht hätte. Daran werde ich nochmal "feilen".
19.07.2012, 21:53 von Mrs.McHJa genau so in etwa empfand ich es auch. Ich könnte aber nicht konkret kritisieren ehrlich gesagt, daher hab ich meine Aussage so "schwammig" gehalten. Aber zum Glück konntest du ja ungefähr erkennen, was ich meine. Wenn du den geändert hast, sag mal Bescheid, dann schau ich nochmal rein.
19.07.2012, 21:59 von topfbluemchenWirklich gut. Ohne es auseinandernehmen zu wollen, emfpinde ich es als runde und einfühlsame Schreibe mit schönen Denkanregungen, unterhaltsamen Szenen und einem wunderbaren Schluß, der irgendwie alles aufhebt.
Herausragend.
19.07.2012, 16:33 von LudwigMartin*PLING*
19.07.2012, 20:57 von Mrs.McHDas war mein Herz, ist vor Schreck über dieses Lob in zwei Teile zersprungen... Danke sehr!! Ich bin beglückt :)
Angenehm verworren, für mich romantikscheues Wesen aber zuviel Begegnungszeug. Und etwas steifer Pinsel. Höhö.
19.07.2012, 15:52 von BoahmaschineBoah, Du Schelm :)
19.07.2012, 20:55 von Mrs.McHWas bin ich stolz auf Dich! *COVERGIRL* :*
19.07.2012, 15:31 von Jackie_Grey*COVERGIRL* Hihi
Und das mit einem Schreibversuch. Aber auf die Startseite, da gehört er auch hin. ;)
19.07.2012, 20:51 von jetsamI'm a covergirl in the Neonworhorld... *sing* Danke Euch zweien, mein Herz hüpft :)
19.07.2012, 20:54 von Mrs.McH@ Mrs Dir entgeht hier auch wirklich nix :)
19.07.2012, 20:57 von jetsamHäh? Was meinsten? Ich kontrolliere täglich ALLES :)
19.07.2012, 20:58 von Mrs.McHKlar doch. Du verschlingst Neon zum Frühstück und Abendbrot. :)
19.07.2012, 21:02 von jetsamYep :) Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch und trage es dazu noch den ganzen Tag im Herzen :)
19.07.2012, 21:04 von Mrs.McHWäre ich Hutmacher, würde ich alle meine Hüte ziehen.
Obwohl es eigentlich nur um Betrug mit einem Shakespeare-Abgang geht, ist es so phänomenal eingepackt, das ... ja ... keine Ahung. fetzt
19.07.2012, 15:29 von Jingeling89Cooler Kommentar! Yeah! Ich danke Dir sehr! :)
19.07.2012, 20:53 von Mrs.McH