See_Emm_Why_Kay 04.02.2013, 16:32 Uhr 17 37

Kokon adé

Warum mache ich mir eigentlich so einen Kopf? Ich bin jung, alleinstehend und soweit ich das beurteilen kann, ist mein Po auch noch ganz knackig.

20.10 Uhr. Ich schaue auf die Uhr. Noch 20 Minuten. Ist es eine Gnadenfrist? Sollten diese 20 Minuten nicht erfüllt sein von nervösem Herzklopfen? Ich bin ruhig. Sehnsüchtig schaue ich auf meine Couch auf der noch die zerknautschte Decke und mein Buch liegen. Ich überlege, vielleicht doch wieder in meine Jogginghose zu schlüpfen und ihm abzusagen. Wieso hatte ich eigentlich zugesagt? Bin ich überhaupt schon soweit?

20.13 Uhr. Zögernd greife ich nach meinem Handy. Was könnte ich ihm schreiben? Was könnte eine so kurzfristige Absage rechtfertigen? Wie soll ich es eigentlich vor mir selbst rechtfertigen? Habe ich wirklich nur einfach keine Lust oder Angst, ich könnte ihn doch mehr als nur mögen?

20.14 Uhr. Nein, so ein Unsinn. Warum mache ich mir eigentlich so einen Kopf? Ich bin jung, alleinstehend und soweit ich das beurteilen kann, ist mein Po auch noch ganz knackig. Alleinstehend… . Wie seltsam es klingt. Vor etwas mehr als einem Monat stand ich nicht allein. Da warst du noch an meiner Seite. Vielleicht bist du noch zu sehr da. Dein Duft ist noch nicht verflogen. Kann ich es überhaupt akzeptieren, jemand neues an deinen Platz zu stellen?! Einem anderen als Dir, meine kalten Füße ans Bein zu schmiegen um sie zu wärmen? Jemand anderen die Decke zu stehlen und mich wohlig an seinen Rücken zu schmiegen, während er schläft? Immerhin hast du mich bereits "ersetzt". Nein, daran darf ich jetzt nicht denken.

20.17 Uhr. Es ist nur ein Date. Ganz unverbindlich. Wir gehen auf das Konzert, danach noch etwas trinken und dann verschwinde ich wieder nachhause und lese mein Buch weiter. Was soll schon passieren? Ich werde das Gefühl nicht los, dich zu betrügen. Wie lächerlich. Er ist nett, hilfsbereit, musikalisch. Ich glaube, du würdest ihn auch mögen. Er ist ein wenig wie du. Dennoch anders. Ich glaube, er träumt nicht soviel wie du. Es ist nicht fair euch zu vergleichen. 

20.19 Uhr. Vielleicht suggeriert mein Outfit, ich hätte mir zuviel Mühe gegeben. Mich zu sehr auf unser Treffen vorbereitet. Ich schlüpfe aus meinen eh zu engen Schnürern und ziehe die Sneakers an. Auch meinen Schmuck lege ich wieder ab. Das Armband aus Marrakesch erinnert mich zu sehr an dich. Ich hole meine Mütze aus der Schublade und verdecke meine Haare fast vollständig. Wir könnten ja einfach nur Freunde sein.

20.25 Uhr. Mir wird schlecht. Es ist so lange her, dass ich mich mit jemand traf, der nicht du warst. Ich hatte fast jede Ecke dieser Stadt mit dir erkundet, fast jedes Restaurant, jede Bar ausprobiert. Ich kann an kaum einer Bank vorbeilaufen, die nicht irgendwas mit uns zutun hat. Noch könnte ich ihn aufgelöst anrufen. Sagen, dass etwas schreckliches passiert ist und ich momentan nicht darüber sprechen kann. Dass es mir Leid tut und ich ihm bald alles erklären werde, in Ruhe. 

20.27 Uhr. Jetzt ist es zu spät. Er sucht sicherlich schon einen Parkplatz. Was soll ich tun, wenn es klingelt? Einige Sekunden warten, die Tür aufmachen und ihn dann hereinbitten? Oder lieber sofort rauskommen und meine Jacke schonmal überwerfen? Es schnell hinter mich bringen? Ich entscheide, mir noch eine Zigarette anzuzünden. Was macht es schon, wie und wann ich die Tür öffne? 

20.30 Uhr. Nichts. Mein Computer ist bereits runtergefahren. Ich will nicht. Es wird bestimmt schön und nett. Aber ich kann nicht. Verdammt, jetzt komme ich da nicht mehr raus. Dabei will ich mich gerade so gerne wieder zurück in meinen kleinen selbstgebauten Konkon verkriechen und weiter trauern. Anscheinend denkt mein Verstand da anders. Er ist ja so vernünftig! "Es wird jetzt Zeit, wieder rauszukommen und dein Leben neu zu sortieren" - Ja, danke, du nervst!

20.35 Uhr. Immer noch nichts. Er verspätet sich also. Toll. Jetzt kann ich nicht mal abschätzen, was ich noch tun könnte. Vielleicht noch ein Glas Wein trinken? Oder nochmals den Computer hochfahren und Musik laufen lassen? Musik! Wieso hatte ich eigentlich keine Musik angemacht? Es hätte mich sicherlich motiviert oder mich in Stimmung gebracht. Was sollte ich denn hören? Ich bin gar nicht in der Stimmung, etwas zu hören. In meinem Kokon war es immer ganz still. 

20.36 Uhr. Es klingelt. Scheisse.

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17 Antworten

Kommentare

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    Sah er denn wenigstens gut aus? :P

    14.02.2013, 18:00 von timlink
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    geil geschrieben, aber zu kurz. Da muss ne Fortsetzung her :) 

    12.02.2013, 21:25 von curlyy
    • 0

      Die Fortsetzung würde sehr bescheiden ausfallen. Könnte gerade noch reichen für die Rubrik "Alltag" und "Sonstiges"

      12.02.2013, 22:05 von See_Emm_Why_Kay
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  • 0

    super toll und treffend ausgedrückt! man kann sich in dem text wiederfinden :)

    06.02.2013, 20:27 von Piccolina93
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  • 0

    ja und ein noch knackiger arsch ist wirklich fast das wichtigste -_-

    06.02.2013, 12:40 von TAFKAW_reloaded
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  • 5

    Hört sich an wie ein gutes erstes Kapitel von weiteren mindestens siebenundvierzig.

    05.02.2013, 21:46 von schmonz
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  • 5

    Schreib morgen mal wies war, ja?

    05.02.2013, 21:12 von Tanea
    • 0

      Das interessiert mich auch mehr als dieser Text da oben. Aber ist ganz bestimmt fiktiv.

      06.02.2013, 14:16 von lalina
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    wie geht's weiter?!.

    05.02.2013, 20:11 von twimsh.
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