Madame_Frosch 30.11.-0001, 00:00 Uhr 24 83

Klassentreffen

Ein kurzer Moment.

Sonne flutet den Raum, der leer vor uns liegt. Staub tanzt im Licht und der muffige Geruch hinterlässt das Gefühl, als hätte hier in den vergangenen zehn Jahren niemand mehr drin gesessen. Als wären wir die letzten Schüler gewesen, die hier heimlich Briefe unter dem Pult geschrieben haben. Langsam betreten wir den Raum, sind für einige Sekunden ganz still, lassen unsere Hände über die Tische gleiten. 


Das erste Klassentreffen nach über zehn Jahren ist sicher für jede Klasse etwas besonderes. Wahrscheinlich fühlen wir alle dasselbe beklemmende, Brust abschnürende und doch erhabenes Gefühl. Wir lächeln uns an, nein, niemand hat sich großartig verändert. Wir sind alle noch dieselben. 

"Ich habe eine Überraschung für euch!" Unser Klassenlehrer klatscht wie damals in seine mittlerweile faltigen und blassen Hände. Er zieht die Gardinen zu und grinst uns vielsagend an, als er seinen Laptop hochfährt. Zwei Minuten später können wir uns selbst sehen. Tanja hält ihr Bier in die Kamera und zieht sich den Ausschnitt ihres Kleides hoch. "Werden Sie uns vermissen?", fragt sie unseren Lehrer und macht einen Schmollmund. Holger legt den Arm um Franzi und gibt ihr einen demonstrativen Zungenkuss. Und dann macht die Kamera einen Schwenk... ich halte den Atem an, mein Herz setzt für einen Moment aus. Es gibt keine Fotos von uns. Es hat einfach niemand gegeben, der uns fotografiert hätte und wir selbst haben niemals dran gedacht. Wir waren irgendwie immer der Meinung, dass mit uns die Zeit still steht. Dass alles immer beim Alten bleibt.

Wir merken nicht, dass wir gefilmt werden. Wir tanzen. Mein zehn Jahre jüngeres Ich traut sich nicht, dich anzusehen und starrt beim Tanzen verlegen auf ihre Schuhspitzen, während du sie ansiehst, als könntest du es einfach nicht glauben. Ich kann dich gut verstehen, ich war wirklich wunderschön. Mein Gott, war ich schön. Damals habe ich nie verstanden, was du an mir fandest, ich gehörte nie zu den wirklich hübschen Mädchen. Heute weiß ich, dass ich damals ziemlich daneben lag.

Ich kann mich noch genau an diesen Augenblick mit dir erinnern. Das ist unser Tanz gewesen. Das war einer unserer kostbarsten Momente. Ich war so glücklich, dass ausgerechnet du derjenige gewesen bist, der mich auf meinem Abschlussball über das Parkett führte. Ich habe dich so sehr geliebt. So sehr. 

Ich wusste damals schon, was ich heute weiß: dass es Dinge auf dieser Erde gibt, die einem Menschen nur einmal, mit riesigem Glück sogar zweimal, passieren. Die große Liebe ist so eine Sache. In unserer Wegwerfgesellschaft ist das den Menschen einfach nicht mehr klar. Man hat das Gefühl, dass man Liebe wiederfindet, wie einen aufgegessenen Lieblingsjoghurt aus dem Supermarkt. Verlieben geht so einfach, so schnell. Jemanden zu lieben... ich schüttele den Kopf. Nach diesem Tanz damals ist so viel passiert. Wir haben uns nur noch wenige Male gesehen.

Die Nacht, in der ich am Hafen stand und du mir schriebst, dass du mich an deiner Seite vermisst. Und ich dir, dass ich mit dir auf einem Schiff davon segeln möchte. 
Dass du niemals unser Versprechen vergessen darfst. 
Als ein wichtiger Mensch gestorben ist und ich nachts endlich die Tränen in mein Kissen heulen konnte, als mir einfiel, dass es im Himmel keine Telefone gibt, so dass ich nicht einmal mehr seine Stimme hören würde können. Und als in genau diesem Moment mein Handy klingelte, weil du mir sagen musstest, dass du jede Frau mit mir vergleichen musst und verdammt nochmal keine Frau so ist wie ich.

Wir sahen uns nach über acht Jahren wieder. Wir trafen uns auf dem Spielplatz am See. Ich hatte meinen Sohn an meiner Hand dabei. Es ist nicht dein Sohn, aber es gibt etwas, das du über ihn nicht weißt: Als ich ihn zum allerersten Mal auf meinem Bauch gesehen habe, als er zum ersten Mal mit seinen großen Augen zu mir aufschaute, da dachte ich: Er sieht so aus wie du.
Ich weiß, das ist nicht möglich, aber es ist die Wahrheit. Es gibt sogar ein Foto. Da sieht er dir zum Verwechseln ähnlich. 

Wir sahen uns nach zehn Jahren wieder. Wir haben uns geküsst. Und dann hast du es wieder einmal mit der Angst bekommen. Ich träumte von einem Brief von dir, dass ich warten solle. Auf dich.

Das habe ich nicht getan.

Und während ich in meinem alten Klassenzimmer auf meinem alten Pult sitze und mit schief gelegtem Kopf zu unseren jüngeren Ichs aufsehe, denke und spüre ich, was für ein vollkommenes Glück wir hatten und haben - wir haben uns geliebt. Wahrhaftig und echt. Es hat uns für immer verändert. Ich habe nach über zehn Jahren aufgegeben, darauf zu warten, dass wir uns mal nicht mehr lieben. Das werden wir immer tun. Ich werde immer mit einem Lächeln an dich denken. Es wird mich immer glücklich machen, dass es einen Menschen wie dich gibt. Nein, dass es dich gibt. Dass du da draußen irgendwo bist und dein Leben lebst.

Auf diesem Video war ich siebzehn. Drei Monate später habe ich in einem Zug nach Berlin gesessen und dir einen Brief geschrieben. Von diesem Tag an schrieb ich dir über all die Jahre hinweg Gedankenbriefe. Alles, was mir geschieht, erzähle ich dir. In meinem Kopf. Manchmal frage ich dich um Rat. Ich stelle dich mir dann vor, wie du mit deinem typisch viel zu ernsthaften Blick an meinem Küchentisch sitzt, vor einer dampfenden Tasse Kaffee, und die Schultern zuckst. Oder was ganz kluges sagst. Das sind Momente, in denen ich in Bussen oder Straßenbahnen sitze und Momente, in denen ich oft loslache. Weil du so wunderbar bist.

Du drehst den Kopf zur Kamera, fixierst mit deinen braunen Augen für einige Sekunden fest die Linse und ich habe fast das Gefühl, als sähest du durch all die Jahre hinweg direkt mich an. Als gäbe es keine Zeit, keine Kameras, nur wir beide in einem von jedem Universum und jedem physikalischen Gesetz unabhängigen Vakuum. Dann schwenkt die Kamera weiter, das Licht geht wieder an und die bewegten Bilder verblassen hinter dem träge wankenden Staub im hereinfallenden Sonnenlicht.

Es hat uns jemand gesehen. Verstehst du? Es hat uns tatsächlich jemand gesehen. 






83

Diesen Text mochten auch

24 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wunderschön. Wirklich.

    22.02.2015, 08:38 von _Jubilee_
    • Kommentar schreiben
  • 1

    "Du drehst den Kopf zur Kamera, fixierst mit deinen braunen Augen für einige Sekunden fest die Linse und ich habe fast das Gefühl, als sähest du durch all die Jahre hinweg direkt mich an." ***zauber***

    22.10.2014, 17:42 von Nykita
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Immer noch mein Lieblingstext. :-)

    22.10.2014, 17:40 von Nykita
    • Kommentar schreiben
  • 0

    einfach schön

    15.09.2014, 22:14 von Emma_Minze
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wirklich sehr, sehr schön :)


    10.09.2014, 13:28 von amatory
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich mags <3

    03.09.2014, 04:35 von unequalled
    • Kommentar schreiben
  • 0

    perfekt.

    02.09.2014, 22:57 von entliebt
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Niemand hat sich großartig verändert. Wir sind alle noch dieselben."


    Und genau deshalb gehe ich nicht zu den Abi-Treffen, da ich keine Lust darauf habe, in der Schublade von da,als zu stecken. Natürlich haben viele sich verändert, im Sinne von entwickelt. Und ja, natürlich bleibt der Kern, aber das da ist mir viel zu kurz gegriffen. Zu wenig offen, die Menschen noch mal auf sich wirken zu lassen. Da wird einfach mit den alten Schablonen geguckt.

    02.09.2014, 11:58 von miss_mel
    • 1

      »Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte
      ihn mit den Worten: sie haben sich gar nicht verändert." "Oh!"
      sagte Herr K. und erbleichte.«

      02.09.2014, 12:22 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Kleinmädchenhaft und trotzdem toll.

    01.09.2014, 23:21 von RandomParticleInMotion
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Das sind Momente, in denen ich in Bussen oder Straßenbahnen sitze und Momente, in denen ich oft loslache. Weil du so wunderbar bist."

    Ganz groß! Ganz wunderbar

    01.09.2014, 14:03 von Himmelundhoelle
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare