MimiAnDerNordsee 30.11.-0001, 00:00 Uhr 31 98

Keine Liebesgeschichte

Das ist meine letzte Liebeserklärung an dich. Eine Liebeserklärung an unsere Freundschaft. An unsere Vergangenheit.

Lieber S.,

nachts kann ich am besten schreiben. Dann, wenn ich eigentlich schlafen sollte. Weißt du das noch? Weil ich dann im Bett liege und meine Gedanken wälze und schließlich zu der Erkenntnis komme, dass es doch besser wäre, sie einfach aufzuschreiben. So ist es auch heute. Und doch ist es anders. Ich möchte nämlich nicht mehr meine Gedanke herumwälzen, anstatt einfach zu schlafen. Ich möchte dieses ewige Gedankenspiel beenden. Und ich weiß, dass ich es beenden kann. Indem ich uns beende. Oder eher die Vorstellung von uns. Indem ich mich endgültig von dir verabschiede. Indem ich unsere Geschichte erzähle und aufhöre, sie ständig mir zu erzählen.

Du kennst sie. Ich kenne sie. Doch weißt du auch, wie ich empfunden habe, als wir das erste Mal mit 15 miteinander getanzt haben? Wie ich empfunden habe, als du mich das erste Mal im Arm gehalten hast? Und wie ich mich fühlte, als ich plötzlich genau wusste, dass es das letzte Mal sein würde, dass du mich hieltest?

Du und ich. Wir. Wir kennen uns schon ewig. Wir sind gemeinsam aufgewachsen. Ich habe gesehen, wie du plötzlich größer wurdest und ich klein geblieben bin. Das hast du auch immer sehr lustig gefunden. Du hast Fußball abgöttisch geliebt und in jeder freien Minute gespielt. Ich bin sicher, das tust du noch heute. Und du mochtest Mathe und Physik. Eigentlich warst du immer ein kleiner Streber. Aber das war ich auch. Deshalb mochten wir uns vielleicht auch so sehr. Und trotzdem war ich unglaublich aufgeregt, als ich dich damals gefragt habe, ob du mein Tanzpartner sein wolltest. Nicht, weil ich in dich verliebt war, sondern weil ich dich einfach nur mochte und Angst hatte, du könntest „nein“ sagen. Aber das tatest du nicht.

Und wir tanzten fast dreieinhalb Jahre gemeinsam. Und diese Abende gehören zu den schönsten Erinnerungen, die ich habe. Weil wir manchmal so sehr gelacht haben, dass uns die Tränen in die Augen geschossen sind und wir uns die Bäuche halten mussten. Weil ich dir jedes Mal die Schritte vorsagen musste und wir trotzdem immer aus dem Takt gekommen sind. Weil ich an einem dieser Abende gemerkt habe, wie verliebt ich doch eigentlich in dich war. Und weil es so schön war, wenn du mich in den Armen hieltest, dass ich diese Umarmung jetzt im Augenblick spüren kann.

Ich war fast achtzehn. Und unglaublich verliebt in dich. Das hätte ich niemals so zugegeben. Und ich weiß gar nicht, ob ich dir das je so gesagt habe. Und heute erscheinen mir diese Momente ewig her. Und doch so nah. 

Manchmal verbrachten wir jede freie Minute miteinander. Schauten Filme. Gingen schwimmen. Lachten. Und redeten. Wir redeten immer, oder? Stunden. Wir hatten uns immer etwas zu erzählen. Oft bin ich mit dem Telefon am Ohr und deiner Stimme neben mir eingeschlafen.

Ich weiß heute, dass du mich nie so geliebt hast, wie ich dich. Zumindest nicht im klassisch romantischem Sinne. Ich weiß, dass ich mal der wichtigste Mensch auf der Welt für dich war. Und ich kann mich ganz genau an den Moment erinnern, als ich endlich verstanden habe, dass es nicht mehr so war. In dem Moment ist in mir etwas zerbrochen. Das klingt kitschig, ich weiß. Aber du weißt doch, dass ich manchmal kitschig schreibe. Und denke. Und auch handele. Aber genau deswegen habe ich an jenem Abend so geweint. Weil ich es wusste. Und du es nicht wusstest. Ich wollte dich einfach nicht gehen lassen. Und du hast mich festgehalten. Bis du mich irgendwann loslassen musstest.

Weißt du, was das Problem ist? Dass du nie ganz verschwinden wirst. Aber eigentlich müsstest. Du bist ein Teil von mir. Wie eintätowiert. Du bist auf allen meinen Schulfotos – bis zum Abiball. Du bist mein erstes Jahr in Berlin, fern der Heimat, in dem wir füreinander der sichere Hafen waren, wenn uns alles zu viel wurde. Du bist zehn Jahre meines Lebens. Meiner Kindheit, meiner Jugend, meines Erwachsenwerdens. Du bist in meinem Kopf, wenn ich „Grease“ gucke und mit Tränen in den Augen wegschalten muss oder wenn ich irgendeinen blöden Oldtimer auf der Straße sehe, weil ich weiß, dass du mir jetzt eigentlich das Model und das Baujahr mit leuchtenden Augen ins Ohr flüstern würdest. Du bist in meinem Herzen, wenn ich einen anderen Mann küsse, weil ich mich erinnere, dass unser Kuss der schönste auf der Welt für mich war.

Wir. Wir waren beschädigt. Wir waren beschädigt, seitdem du mir das erste Mal das Herz gebrochen hast und ich dir eigentlich nie verzeihen konnte. Ich habe so sehr versucht, aber ich habe nie wieder so sehr um etwas geweint. Nicht einmal, als es endgültig zu Ende war.

Viele Jahre später hatte ich das Gefühl, jener Tag hätte sich wiederholt. Weißt du das noch, vor über anderthalb Jahren? Ich übernachtete bei dir. Es war spät und wir redeten. Und ich weiß gar nicht mehr, was du zu mir gesagt hast. Nicht genau zumindest. Es fühlte sich an, als hättest du mich gegen dein neues Leben mit neuen Freunden ausgetauscht. Ich weiß nur, dass ich kurz darauf aus deiner Wohnung gestürmt bin. Halb im Schlafanzug. Weil ich so wütend war. Und so traurig. Und ich stand dort im Regen, mitten in Berlin, um 3 Uhr morgens und fragte mich, was ich tun soll. Und weißt du, was ich in diesem Moment dachte und was mich noch unendlich trauriger gemacht hat? Ich dachte, dass der einzige Mensch auf der Welt, mit dem ich jetzt sprechen will, mein bester Freund war. Mein allerbester Freund, der mich in den Arm nehmen würde und mir sagen würde, dass alles wieder gut wird. Und das tatest du. Ich kehrte zu dir zurück und du nahmst mich in dem Arm. Und ich weinte. Ich konnte gar nicht aufhören. Und hast die ganze Zeit geflüstert, dass alles wieder gut wird. Aber das wurde es nicht. Und ich wusste es. Es gab uns einfach nicht mehr.

Wir. Ich weiß, dass du nicht damit gerechnet hast, dass ich dich nicht mehr sehen wollte. Du hast es nicht verstanden. Du hattest ja nichts falsch gemacht. Und das hast du eigentlich auch nicht. Ich konnte nur nicht mehr. Ich konnte dich nicht mehr so sehr lieben und nicht genauso zurückgeliebt werden. Ich konnte nicht mit ansehen, wie du andere Frauen in dein Leben lässt und mich auf das Abstellgleis stellst. Und so wäre es gekommen, denkst du nicht?

Heute bist du verlobt und wirst heiraten. Und das ist gut so. Weil sie gut für dich ist und du sie wirklich liebst. Das sehe ich in deinem Gesicht, wenn du sie anlächelst. Dann kriegst du dieses Glänzen in deinen Augen. Sogar mehr als bei deinen geliebten Autos.

Ich. Ich werde jetzt alleine weitergehen. Ohne dich, aber mit dem Wissen, dass manche Erinnerungen immer bleiben. Du und ich, wir haben eine große Geschichte. Nur keine große Liebesgeschichte. Aber eine Geschichte, über eine tiefe Freundschaft, die nicht ewig sein konnte.

Das ist meine letzte Liebeserklärung an dich. Eine Liebeserklärung an unsere Freundschaft. An unsere Vergangenheit.

Und es ist der Abschied von dir. Von alledem, was hätte sein können, aber nie sein sollte. Das ist der Abschied von uns.


Tags: Freund verlieren, Freundschaft, Liebesgeschichte, Abschied
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31 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Sehr ehrlich. Bewundernswert!

    18.02.2014, 22:34 von EmiliaGillabo
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  • 1

    Und weißt du, was ich in diesem Moment dachte und was mich noch unendlich trauriger gemacht hat? Ich dachte, dass der einzige Mensch auf der Welt, mit dem ich jetzt sprechen will, mein bester Freund war. Mein allerbester Freund, der mich in den Arm nehmen würde und mir sagen würde, dass alles wieder gut wird. Und das tatest du. Ich kehrte zu dir zurück und du nahmst mich in dem Arm. Und ich weinte. Ich konnte gar nicht aufhören. Und hast die ganze Zeit geflüstert, dass alles wieder gut wird. Aber das wurde es nicht. Und ich wusste es. Es gab uns einfach nicht mehr.


    Herzklopfen bei dem Text! Wunderwunderschön und todestraurig ... 

    07.02.2014, 19:28 von nolovelost
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  • 1

    Wow.. 

    07.02.2014, 14:42 von Sagamonti
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  • 1

    ...sehr,sehr schön...

    05.02.2014, 23:38 von Kathlyn
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  • 1

    Toll!!!!

    Aber welche gute Geschichte endet schon mit einem zu erwartenden Happy End... dann würden sie ja alle von Pilcher kommen.
    Wirklich toll!

    05.02.2014, 18:18 von Schichtlinde
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  • 1

    Wundervoll!

    04.02.2014, 21:00 von Gedanken_verloren
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  • 2

    "Du und ich, wir haben eine große Geschichte. Nur keine große
    Liebesgeschichte. Aber eine Geschichte, über eine tiefe Freundschaft,
    die nicht ewig sein konnte."

    Schöne Worte, die es einfach treffen.

    28.01.2014, 21:50 von Hegelsburgkoenig
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  • 1

    Wundervolle Geschichte...

    23.01.2014, 14:15 von Barmherzig
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  • 2

    schöner abschiedsbrief! danke!

    20.01.2014, 21:42 von lil_ann
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  • 1

    Ein wunderschöner Text..


    Danke dafür!

    19.01.2014, 16:32 von ButterFace
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