lisafred 30.11.-0001, 00:00 Uhr 20 39

Keine Heldentage I

Es sind Tage, an denen man seine Wochentagsschlüpper generalisiert, weil man gar nicht mehr genau sagen kann, ob heute Montag oder Mittwoch ist.

Dass da jetzt jemand war. Nebenan. Das war eine gute Sache.
Einen Schritt machen. Und dann den nächsten machen. Und zwischendrin manchmal eine Pause. Aber immer weiter. Irgendwann.

Selbst wenn sonst nichts geschah, einfach nichts passierte und man nie wusste, ob das jetzt das Ende war, der Stillstand der Zeit, oder nur ihr zäher Fluss, manchmal hörte man Schritte. Oder das Knarzen einer Tür.
In der Langsamkeit lag Eile oder war es umgekehrt? Es ging darum Schritte zu machen. Zum Ziel zu gelangen. Aber um Schnelligkeit? Das schien so fern. Alles. Dieser Rückwärtssog. Einen Schritt machen. Und dann den nächsten machen. Das war alles.

Nie Musik, nie Gespräche, nicht mal Wortfetzen, keine Stimmen. Aber Bewegungen, deren Geräusche gut taten in der eigenen Bewegungslosigkeit. Das Knarzen der Türen wie ein Signal der Zeit. Ich bin noch da.

Wohin die Schritt gingen. Immer nach vorne. In welche Richtung spielte dabei keine Rolle. Egal in welche Richtig, es war wenigstens Bewegung.

Es sind keine Heldentage. Es sind Tage an denen es regnet, obwohl für jeden anderen die Sonne scheint. Es sind Tage an denen man nicht abhebt, wenn die eigene Mutter anruft, weil einen die Aufmunterungsappelle noch mehr ins Eck stellen würden. Da sitzt man dann. Lauscht hinaus und hinein und hört zum Glück Schritte von oben. Manchmal ein Poltern. Es sind Tage an denen es kalte Pizza zum Frühstück gibt und ein Glas Cola. Der Sprudel fehlt.

Einen Schritt machen. Und dann den nächsten machen. Aus dem Stillstand kommen. Es sind Tage an denen schlaue Sprüche Kopfzerbrechen bereiten und gut gemeinte Weisheiten die falschen Weichen stellen. Rauf auf’s Abstellgleis. Es sind Tage, an denen alles schwerfällig erscheint und sonderbar. Es sind Tage, an denen man seine Wochentagsschlüpper generalisiert, weil man gar nicht mehr genau sagen kann, ob heute Montag oder Mittwoch ist.

Es sind Tage an denen die Ideen fehlen. Die Pläne. Es sind Tage, an denen die Visionen fehlen, davon, wie man aussehen will. Davon, wer man sein will. Dass man das auch immer wissen soll. Es sind Tage, an denen die Antworten auf die Fragen fehlen, die gar nicht erst gestellt werden. Das Schwierige an einer Antwort ist immer die Frage. Einem fallen keine ein.

Einen Schritt machen. Und dann den nächsten machen. Und zwischendrin manchmal eine Pause.

Wann hat es angefangen?

Jedenfalls lange bevor in der Wohnung nebenan jemand war. Irgendwann war zwischen all den Dingen, die man so tat, plötzlich die Frage aufgetaucht: Warum eigentlich? Die fegte in ihrer Intensität und ihrer Nichtbeantwortbarkeit alles hinweg. Den Boden, den Himmel, die Ecken, die Kanten. Den Antrieb, den Auftrieb, das Für und Wieder.

Nach etwas streben: Warum eigentlich?
Sich verschwenden: Warum eigentlich?
Alles mitnehmen: Warum eigentlich?
Für etwas brennen: Warum eigentlich?
Gegen etwas sein: Warum eigentlich?
Lieben: Warum eigentlich?
Hassen: Warum eigentlich?

Dann: Rien ne va plus. Die Welt hörte auf sich zu drehen, dafür die Gedanken im Kreis. Ein großes, farbloses Nichtstun stülpte sich über den Alltag.

Welchen man in Folge nur noch damit verbrachte auf dem Boden zu sitzen und die eigene Nasenspitze zu betrachten. Dass man das ohne Hilfsmittel nur von links oder rechts, immer nur von einer Seite machen konnte, machte allerdings alles nur noch schlimmer.

Bewegungslosigkeit ist wie Sprachlosigkeit auch ein seltsamer Zustand, der nicht selten durch markerschütternde Erfahrungen evoziert wird. Ein in sich gekehrtes Entsetzen, das nicht zu entweichen weiß oder will oder beides. Eine Überforderung. Wovon? Lähmung in jeder Hinsicht. Lähmung.

Einen Schritt machen. Und dann den nächsten machen. Und zwischendrin manchmal eine Pause. Das ging nur, weil jetzt nebenan einer wohnte.

http://flowngrow.blogspot.de/

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20 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    find ich gut geschrieben nur nach hinten raus verliert der text ein wenig an tiefe. nach den vielen fragen hätte schluß sein können, aber gut. trotzdem nen mag ich

    19.10.2014, 21:03 von Kristjan_Momo
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  • 2

    Find ich stark. Sehr!

    16.10.2014, 15:04 von RAZim
    • 1

      noi, echt nicht.

      16.10.2014, 21:32 von yuhi
    • 0

      Ach yuhi :D Ich mag deine Kommentare. Ich würde so gern wissen mit welchem Tonfall du die schreibst/denkst!

      16.10.2014, 22:29 von lisafred
    • 0

      in dem fall mit einem amüsanten schmunzeln, sonst hätte ich "nee, niemals" (oder so) geschrieben...:)

      17.10.2014, 21:35 von yuhi
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  • 0

    pretty räudig

    16.10.2014, 11:29 von Junger_Faust
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  • 2

    Das mit der Nasenspitze find ich gut.

    16.10.2014, 07:50 von sailor
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  • 0

    Ich komme irgendwie nicht über den Teaser hinaus, was genau soll der ausdrücken?

    15.10.2014, 21:40 von EliasRafael
    • 0

      Welchen denn jetzt? Der auf der Startseite steht oder der über dem Text steht? Der, der über dem Text steht, ist ein Zitat aus dem Text. Der andere besteht auch aus Zitaten, aber mehr so zerstückelt. Den hat allerdings auch die Redaktion gemacht.
      Ich muss auch sagen: Ich mag Teaser nicht. Aber man muss hier ja welche machen...

      15.10.2014, 21:44 von lisafred
    • 0

      Also , wenn bleib ich nur an Schlüppern hängen.

      15.10.2014, 21:47 von EliasRafael
    • 1

      So so... Ja so Schlüpper, da kann man schon mal hängen bleiben. Da ist dann Endstation... Ne, kennste nicht so Schlüpper, die die Wochentage draufhaben? Da gibts für jeden Tag einen. Aber wenn man nicht mehr weiß, welcher Tag ist, wird es ja auch schwer, den passenden auszuwählen :) Harte Sache! :D

      15.10.2014, 21:53 von lisafred
    • 0

      Nimm einfach den, der am wenigsten riecht.

      15.10.2014, 22:02 von EliasRafael
    • 0

      Danke für den Tipp. Aber bedenke zwei Dinge: 1. Autor nicht gleich Erzähler! 2. Da es sich um metaphorische Schlüpper handelt, ist das mit der Geruchsbildung halb so wild.

      15.10.2014, 22:07 von lisafred
    • 0

      Schade, mit den Dingern könntest du richtig Geld machen.

      15.10.2014, 22:09 von EliasRafael
    • 0

      Pfui!

      15.10.2014, 22:11 von lisafred
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Ich frag mich: Sind die dann auch echt oder nur gefaket? Also die Schlüpper. Und wenn ja, ist dann Schlüpper benutzen quasi ein anerkannter Job?

      16.10.2014, 16:56 von lisafred
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  • 0

    schön geschrieben :)

    15.10.2014, 16:38 von Schtscherbakow
    • 0

      Danke Dir! :)

      15.10.2014, 18:37 von lisafred
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