miss.hermia 19.12.2009, 19:24 Uhr 5 2

kein tagebuch

Ich stehe vor dem großen Spiegel meiner Mitbewohnerin umgeben von altem Geschirr, aufgeschlagenen Büchern und jeder Menge leerer Packungen Schoko...

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Ich stehe vor dem großen Spiegel meiner Mitbewohnerin umgeben von altem Geschirr, aufgeschlagenen Büchern und jeder Menge leerer Packungen Schokolade. Da braucht wohl jemand Nervennahrung. Mir fällt auf, dass wir uns schon lange nicht mehr unterhalten haben. Früher saßen wir stundenlang in der Küche und redeten über alles was uns so in den Sinn kam. Oftmals bis spät in die Nacht bis wir betrunken und müde waren. Seit Marie jedoch mit dem Studium begonnen hat, haben wir kaum noch Zeit für einander. Kritisch betrachte ich mein neues Kleid, das mich auch nicht dicker macht als die anderen schwarzen Jerseykleider in meinem Schrank. Oben eng, damit meine recht schönen Brüste betont werden, dann aber weit und kurz, um auch in Zeiten des Übergewichts, wie ich es liebevoll nenne, nicht unvorteilhaft gekleidet aus dem Haus zu müssen. Um lästige Fragen über eine mögliche Essstörung zu vermeiden, habe ich mir mit den Jahren einen Kleidungstil angeeignet, der meine Figur so perfekt kaschiert, dass meine Umwelt sieht, dass ich normal bin. Normal. Was für ein Unwort! Keiner weiß jedoch, ob sich unter meiner auserkorenen Uniform eine 34 oder eine 38 verbirgt. Ich bin sehr interessiert an anderen Lebenskonzepten und gebe meines auch gerne Preis. Aber es gibt Dinge, die gehen nur mich etwas an. Und so mache ich aus Sichtbarem Unsichtbares und freue mich jedes Mal innerlich, wenn wieder jemand fragt, „Mensch, hast du abgenommen?“, ich mich jedoch mal wieder in den Zeiten des Übergewichts befinde. Dann weiß ich, dass mein Plan aufgeht und klopfe mir feierlich auf die Schulter. Denn mein Gewicht ändert sich mit den Jahreszeiten, oder aber auch mit meinen Beziehungen. Momentan muss ich mich wieder mit dem Leben eines Singles zufrieden geben, obwohl ich das auch erst vor zwei Tagen erfahren habe, als sich Phil nach nur 3 Wochen aus dem Staub gemacht hatte. Deshalb auch der Frustkauf eines Jerseykleidchens - ich bin froh, dass dieses Mal nur 29,95 dran glauben mussten - und die kritischen Blicke, da der Marktwert nun wieder Priorität hat. Immerhin fängt die ganze Kiste nun wieder von vorne an. Traumhaft.

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Meine Sinnlichkeit. Manchmal liegt sie in meinen Augen, die tief und klar sind wie Kristalle in einer frisch mit Wasser gefüllten Badewanne. Gefestigt, erwachsen, aber wild. Manchmal liegt sie aber auch in der Bewegung meines Mundes, wenn ich lache. Und wenn dann Momente kommen, in denen all dies verschwindet, habe ich Angst, es würde nie wieder zurückkehren. Ich verzweifle nahezu an dem Gedanken, ohne mein größtes Gut leben zu müssen. Meine Sinnlichkeit ist das Kapital meiner Karriere – denn ich werde eine machen. Den Platz an der Schauspielschule vor 3 Jahren bekam ich deshalb - da bin ich mir sicher. Ich war weder so talentiert wie all die anderen, noch war ich technisch gut. Immerhin entdeckte ich diese völlig neue Leidenschaft erst ein Jahr vor meiner Bewerbung an der Ernst Busch. Davor war ich ziellos, und Gedanken waren lediglich Luftschlösser, völlig leblos und ohne genaue Definition. Dieses Mal meinte ich es ernst. Wahrscheinlich meinte ich es überhaupt zum ersten Mal ernst mit etwas in meinem Leben. Zumal ich ein Spring-ins-Feld bin. Heute hier, morgen dort, aber sicherlich nicht da, wo es notwendig ist. Wäre ich das, würde das Leben einfach, sensationslos und unkompliziert sein und ich vor Langeweile sterben.
Deshalb sind meine Probleme hausgemacht. Von Schicksalsschlägen bin ich bis heute verschont geblieben, und mit Schicksal meine ich Unvorhersehbares. Dinge, die ich nicht beeinflussen kann. Es graut mir davor, aber solange das Unvorhersehbare nicht eintritt, kümmere ich mich um das Beeinflussbare und gebe mein Bestes. Ich bin nicht sonderlich stolz drauf, aber trotzdem weiß ich, dass es nicht anders möglich ist. Es gehört für mich zum Leben wie für andere die Liebe. An die Liebe glaube ich seit längerem nicht mehr. Nur die Liebe zur Musik und zu Büchern, die Leidenschaft, wenn ich auf der Bühne stehe oder singe, das Gefühl, betrunken zu sein und das, was mich durchdringt, wenn die Sonne auf meine nackten Brüste scheint ist existent. Deshalb hilft mir auch ein neues Kleid über eine Trennung hinweg.

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Eigentlich ist das einzig Schlimme nach einer Trennung das Abgewöhnen. Ich liege immer links in meinem großen Bett. Rechts stehen Teller, liegen meine Brillen – über die Jahre haben sich so einige angesammelt, weil ich die eine oder andere verlegt und dann wiedergefunden habe und ich mir immer einbilde, eine neue Brille würde ich sicherlich tragen; die Erfahrung zeigt: nein – Bücher – ich lese Stereo und keins zu ende – und mein Telefon. Man weiß ja nie, wer so nachts anruft, ne? Natürlich tausche auch ich diese unzählig lebenswichtigen Artikel gegen den noch lebenswichtigeren Artikel Mann ein. Wer schaut nicht lieber in ein vom Leben gezeichnetes, verschlafenes Gesicht als auf dreckiges Geschirr, das einen daran erinnert, dass auch Brotrinde irgendwann zu leben beginnt?
Ich bin weder schön, noch bin ich hässlich. Ich bewege mich irgendwo dazwischen. Trotzdem habe ich alle Männer bekommen, die mich faszinierten. Ein paar davon haben sehr schnell das Weite gesucht – lustigerweise immer die, bei denen ich mich relativ human verhalten habe – andere sind geblieben. Was dies zu bedeuten hat konnte ich noch nicht rausfinden. Länger als ein Jahr hat keine Beziehung gehalten. Und die längste war die gefühlstechnisch bedeutungsloseste. Wir lebten eigentlich beide nebeneinander her. Der Zweck war nicht alleine sein zu müssen. Eine Trennung gab es nie. Er hatte irgendwann eine Neue, die er mittlerweile geschwängert hat, und ich war froh, dass ich wieder mehr Zeit für wichtige Dinge hatte. Danach dachte ich mir: Nie wieder eine gefühllose Zweckbeziehung.
Grundsätzlich haben sich die Typen getrennt. Ich wusste es aber immer schon davor. Ich habe gemerkt, wenn ich keine Kontrolle mehr hatte. Getrennt habe ich mich trotzdem nie. Die Vorstellung, nach Jahren feststellen zu müssen, dass ich DEN RICHTIGEN verlassen habe, finde ich … verantwortungslos. Und gegen das Gefühl des Verlassenseins gibt es ja Jerseykleidchen, nicht wahr?
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Nächste Woche werde ich 23 Jahre alt. Hat dieses Alter eine Bedeutung? Ich hoffe nicht. Oft stecke ich in Gesprächen Menschen in die Tasche, die meine Erzeuger sein könnten. Dann fühle ich mich wieder sehr verbunden zu meiner 15 Jahre alten Nachbarin, die gerade Drogen für sich entdeckt hat und völlig psychedelisch versucht, die grünen Männchen im Hausflur einzusammeln. Beides ein recht lebenswertes Gefühl, aber was sagt nun das Alter? Ich glaube, das ist etwas, was mir im Leben erspart bleiben wird: Das Verständnis dafür, warum man Geburtstag feiert, als wäre was-weiß-denn-ich passiert.
Aber ich stelle mich nur ungern gegen Umstände, die so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind, dass es sinnfrei wäre, eine Revolution einzuleiten. Und es wäre wirklich mehr als sinnfrei, die Alterslosigkeit einführen zu wollen. Am Ende liegt es sowieso an jedem selbst, was er glaubt oder eben auch nicht. Darum reicht es, wenn in meiner Welt das Alter keine Bedeutung hat. Zudem bekomme ich Geschenke dafür, dass ich das Leben noch ein weiteres Jahr gemeistert habe. Da sage ich nicht nein, denn Wünsche gibt es immer. Bei mir jedenfalls. Ich war nur selten in meinem Leben zufrieden mit meinem Eigenen - materiell gesehen. Auch nicht unbedingt unzufrieden, aber es gab immer Dinge, die ich besitzen wollte. Somit kam mir die bescheuerte Idee mit der Geburtstagsfeierei nie ungelegen. Auch ein Grund, kein revolutionäres Verhalten an den Tag zu legen.
Manchmal muss man seine Ideale über Bord werfen und ganz opportunistisch das Leben genießen. Hat was. Auf jeden Fall fühlt man sich danach durch die Inkonsequenz ein bisschen unvollkommener und hat das Gefühl, es gibt noch einen Grund, weiter zu existieren. Nicht nur Stillstand ist der Tod, sondern auch Vollkommenheit. Die Vorstellung, immer alles richtig zu machen, finde ich ekelhaft. Ja genau, so richtig widerlich. Ich kann nicht in Worte fassen, wie grundsätzlich scheiße ich Menschen finde, die nie widersprüchliche Dinge tun. Anfangs dachte ich, ich würde sie darum beneiden, weil ich immer so viel Mist baue, aber mittlerweile habe ich gemerkt, wie sehr es mich langweilt. Natürlich ist es auch völlig sinnlos, vorsätzlich Scheiße zu bauen, wenn man eigentlich weiß, wie es richtig gehen würde. Aber es ist ein krasses Gefühl, Dinge zu tun in dem Wissen, dass es nicht der vernünftige Weg ist, diesen aber trotzdem zu gehen. Superlustig. Mein Tipp: Sofort ausprobieren!

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Dauerbehindert durch Gefühle. Das habe ich einmal gelesen. Wie geil ist das denn! Ich dachte: Sprich mir aus dem Herzen, Herr Autor. Ich liebe das Lesen. Ich liebe die Kunst, mit Worten etwas so Abstraktes auszudrücken. Hallo, ich bin Clara mit C und habe eine Dauerbehinderung durch Gefühle. Nichts beschreibt meinen Zustand besser. Ich wollte lange Schriftstellerin werden, nur leider fiel es mir immer schwer, meine Gedanken zu formulieren. Sobald ich mit einem Stift bewaffnet vor dem weißen Blatt Papier saß, da konnte ich das Sammelsurium in meinem Kopf nicht in Worte fassen. Deshalb bin ich immer auf der Suche nach Sprichwörtern und Ausdrücken, die mein Inneres beschreiben. Es ist ein beruhigendes Gefühl, wenn ich merke, dass ich nicht alleine bin mit all diesen wirren Gedanken. Während in meiner Pflichtschulzeit der Rest Mathe lernte, saß ich in der Bibliothek und habe Bücher nach Erkenntnissen durchforstet. Oft wusste ich gar nicht, wovon die Verfasser sprachen, aber einzelne Sätze konnte ich super in mein Leben integrieren. Der Kontext, aus dem sie stammten, konnte mir ja relativ sein. Trotz meiner Begeisterung für Bücher – okay, wie schon gesagt, ich lese Bücher grundsätzlich nicht zu Ende, und oft bekomme ich immer nur die Hälfte mit, weil meine Gedanken schweifen - hatte ich in Deutsch nie sonderlich gute Noten. Heute bin ich jedoch felsenfest davon überzeugt, dass das weniger an meiner Unfähigkeit lag, sondern an der der Lehrer. Eh klar. Keiner von ihnen merkte, dass es mir nicht darum ging, technisch perfekte Aufsätze zu schreiben, sondern mein Wirrwarr an Gedanken auf mein beschissenes Blatt Papier zu bekommen. Eine Art Kunsttherapie, nur nicht durch malen, sondern indem ich mein Innerstes in kreative Sätze zu packen versuchte. Gut, ich gebe zu, dass es vielleicht zu viel verlangt war, Lehrern aufzuerlegen, mein eigenständiges kreatives Schreiben nachzuvollziehen. Anfangs fühlte ich mich unverstanden. Mittlerweile kam auch bei mir an, dass das eben nicht gefragt ist. Aufgehört habe ich nicht damit. Meine Lehrer und ich haben uns irgendwann auf eine drei in Deutsch geeinigt. Das ist nichts Gutes und nichts Schlechtes. Neutral und keiner fragt nach. Fällt nicht auf. Mir war es sowieso egal, weil ich von Anfang an wusste, dass es in meinem Leben nie auf Noten ankommen wird. Ich wollte noch nie Medizin oder sonstige Wissenschaften studieren. Da sind mir die Grenzen zu definiert, und ich wäre die ganze Zeit damit beschäftigt, diese zu brechen. Und am Ende würde ich wahrscheinlich nicht mal mein Diplom schaffen, weil das überschreiten von Grenzen nicht Teil des Lehrplans ist. Hier gehe ich meinem Unglück gleich aus dem Weg, weil auch ich mittlerweile weiß, dass ich meines eigenen Glückes Schmied bin. Das hat mir mein Psychologe zu oft eingetrichtert, als dass ich das nicht wüsste. Ich jedoch glaube auch an eine andere Art von Glück. Ist eigentlich ganz einfach zu erklären: die Einen haben es, die Anderen eben nicht. Ohne was dafür zu tun. Die Beglückten sind einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Für das Pech des Unbeglückten habe ich eine Anekdote, die ich nie vergessen werde. Das war damals auch der Grund für die Erkenntnis des unverdienten Glücks. Eine Bekannte von mir sprach auch an der Ernst Busch vor. Ich war mir sicher, sie würde einen Platz bekommen, denn sie ist unheimlich begabt. Und außerdem eine wundervolle Person. Sie heißt Madlen. Ihr Unglück lag darin, dass ein Jahr zuvor – also in meinem Jahrgang – auch eine Madlen vorsprach und genommen wurde. Sie entpuppte sich jedoch als eine völlig unreflektierte Person, die zwar technisch gut war, aber mehr steckte einfach nicht dahinter. Madlen, also meine liebe Bekannte, sah ihr sehr ähnlich und war dazu auch noch technisch sehr gut. Und dann auch noch der gleiche Name. Das brach ihr das Genick. Die Jury sah in ihr den Fehlgriff vom letzten Jahr und lehnte sie ab. Sie war todunglücklich, und ich fühlte mich elend, weil ich wusste, dass keiner einen Platz mehr verdient hatte als sie. Das Glück war nicht auf ihrer Seite, und sie konnte nichts dagegen tun. Nun studiert sie Theaterwissenschaften, weil sie so sehr verletzt war, dass sie lieber ganz damit aufhören wollte. Ich hab das Gefühl, ihr Unglück hat sie zerstört. Und das alles, ohne dass sie aktiv nur einen Funken dazu beigetragen hätte. Es ist unglaublich, wie schnell wir andere Schicksale beeinflussen können, ohne dies zu beabsichtigen. Solche Gedanken machen mich nachdenklich im Superlativ. Vor allem aber habe ich große Angst vor dem Tag, an dem mich so etwas einholen wird, und im gleichen Moment schäme ich mich für mein unmenschliches Glück. Manchmal wünschte ich, es wäre nicht so auffällig anwesend in meinem Leben, weil mich der Gedanke nicht loslässt, dass man mit leerem Konto sterben wird. Alles Geld, das wir geschenkt bekommen, jedes Lachen was uns bestimmt ist, werden wir irgendwann wieder zurück geben müssen. Verdammt!
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(…)

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Draußen im Flur klingelt das Telefon. Ich überlege, ob ich hingehen soll. Lust zu reden habe ich nicht. Naja gut, wer weiß, so selten wie hier das Telefon klingelt, da müssen wir doch dankbar sein, dass es überhaupt klingelt. Ich nehme ab und höre vertraute Geräusche.
„Hey, Carla, wie geht´s?“
Herzlichen Glückwunsch, dein Ex-freund. Aber vor allem: Was für eine Frage??? Gut natürlich.
„Geht, und dir so?“ Shit, ich kann nicht lügen!
„Stress wegen lernen und so – du weißt schon!“
Ja, ich weiß, du beschissen lerngeiles Arschloch. Er trennte sich wegen angeblichen Zeitmangels.
„Was gibt´s?“
„Naja, ich wollte fragen, ob du zu Hause bist und ich dir deine restlichen Sachen vorbei bringen kann. Sind ja nicht wenige! Bin später bei dir in der Nähe!“
Aha, und was machst du da so? Wie gerne würde ich sagen, dass ich nicht zu Hause bin, aber das käme etwas unglaubwürdig, wenn ich gerade am Festnetztelefon hänge.
„Na klar, wollte eh schon fragen, weil ich dringend meine Turnschuhe brauche!“
„So in den nächsten zwei Stunden, würde das gehen?“
„Mhm.“
„Dann bis später.“
Klack!
Meine euphorisch-positive Lebenseinstellung, mein Psychologe wäre stolz, erreicht den Nullpunkt. Darauf war ich nicht eingestellt. Vor allem aber nicht auf die Gefühle, die mich gerade überschwemmen. Vielleicht ist es mir doch nicht so egal, dass das mit uns zwei nichts wurde. Gerade kann ich mir gar nicht vorstellen, ihm in die Augen zu schauen. Dafür sind sie zu schön, und ich fühle mich zu alleine. Ich fühle mich vogelfrei. Zum Abschuss bereit – das finde ich gerade ziemlich ätzend. Wahrscheinlich muss ich mir einfach sagen, dass das erste Treffen nach einer Trennung immer unangenehme Gefühle hervor ruft. Vor allem, wenn man geradezu feierlich seine Sachen überreicht bekommt, was nicht so viel heißt wie: Es ist vorbei, sondern: Es ist tatsächlich und zwar unwiderruflich für immer vorbei! Nicht einmal mehr die Möglichkeit eines Rückziehers ist mehr da. Eine gut durchdachte Trennung, zumindest von einer Seite.
Ich bin der Typ “Sachenliegenlassen“ in einer Beziehung. Innerhalb einer Woche habe ich ganz unterschwellig mein Revier im Zimmer des Anderen markiert, sodass ihm auf jeden Fall die Trennung so richtig schwer fällt. Ich habe mal in einem Buch gelesen, dass viele nochmals eine Trennung überdenken, sobald es darum geht, auch materielle Dinge auseinander zu dividieren. Da ich schlecht mit meinem neuen Freund nach einer Woche zu Ikea fahren kann, um gemeinsame Gebrauchsgegenstände zu kaufen, lasse ich einfach meine Sachen bei ihm. Ich dachte mir, diesen Gedanken weiterverfolgt, müsste es doch auch schwer sein, die Dinge des anderen einzusammeln und zurück zu geben. Nur einen Fehler darf man nicht machen – habe ich auch gelesen - niemals die Zahnbürste da lassen! Das hat sowas von: Ich wohne jetzt auch hier. Und psychischer Druck ist der erste Grund für eine Trennung. Woa, was ich alles weiß, ich sollte noch mehr lesen. Okay, nun fühle ich mich ziemlich gestärkt. Obwohl meine Theorie ja eher besagt, dass es Phil nichts ausmacht, meine Sachen vorbei zubringen, weil er es ja freiwillig tut. Oder er bringt sie mir vorbei, weil er mich wieder sehen will. Oder weil er alles, was ihn an mich erinnert, aus seiner Wohnung haben will. Weil er mich vermisst. Oder aber – worst case – er hat eine Neue und will nicht, dass sein Zimmer aussieht wie von einer Anderen markiert. Was für ein animalisches Verhalten ich doch an den Tag lege, obwohl ich Tiere gar nicht in mein Leben integriert bekomme. Weder als Haustiere, noch als Nahrungsmittel. Was auch immer, es muss mir egal sein, zumal mir diese ganzen Gedanken nichts bringen, denn fragen werde ich nicht.


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Das einzig Wichtige ist, dass ich unser Treffen so überstehe, dass ich mich danach gut fühle. Mir fällt ein, dass ich mir vor zwei Tagen eine zu teure Gesichtsmaske gekauft habe. Ich liebe alles, was duftet und teuer ist. Der Preis ist für mich die größte Garantie, ein gutes Produkt in meinen Händen zu halten. Ein völlig dummer Gedanke, aber ich bekomme diese Überzeugung einfach nicht aus meinem Kopf. Ich hatte schon in jungen Jahren Parfums, die eigentlich unbezahlbar waren. Mein erstes Parfum war ein sehr günstiges gewesen, und ich habe es von Anfang an verachtet. Es war nicht nur billig, es roch auch so. Als ich mein erstes Parfum für damals 100 Mark besaß, konnte ich diese Besonderheit, diese Nebennote, diese persönliche Duftentwicklung auf meiner Haut riechen. Wundervoll. Ich war sofort verliebt. Seither ist dieser Gedanke für mich allgemeinverbindlich für alle Produkte, die es so zu ge- und verbrauchen gilt. Diese Überzeugung kostet mich nicht nur viel, viel Geld, sondern auch Kopf und Kragen, wenn ich an meine Zukunft denke. Damit ich meine Illusion vom dekadenten Leben realisieren kann, werde ich sehr, sehr, sehr viel Geld (ver)brauchen (müssen). Als Schauspielerin wird das nicht sehr einfach werden. Da muss noch ein kleines Wunder in Form eines reichen Mannes geschehen. Meine Eltern plädierten deshalb lange auf etwas Handfestes, Bodenständiges, aber sie mussten sich sehr schnell selbst eingestehen, dass ich leider unbegabt bin in kaufmännischen, organisatorischen Dingen. Keiner weiß so genau, wie ich es schaffe zu existieren - inklusive mir selbst. Ich vermute, das Glück ist mir eben hold.

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(…)

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Ich gehe ins Bad, weil ich mir einbilde, ein letztes Mal schön für Phil sein zu müssen, um ihm zu zeigen, was er da zum Teufel verlässt! Eine Gesichtsmaske, die mir ein Fünftel meines Wochenbudgets abverlangte, muss einfach Wunder wirken. Ich drehe die Dose auf. Sie sieht so hübsch aus, und der Inhalt riecht nach vollkommener Reinheit. Ich glaube, ich hatte mich für die mit Seetang und Avocado entschieden. Ich könnte mich überschlagen vor lauter Vorfreude, und das blöde Gefühl wegen Phils anstehenden Besuchs ist fast weg. Es hat geklingelt. So ein Scheiß. Der hat`s echt nicht drauf. Ich schaue in den Spiegel und sehe Augenringe. Meine Haare stehen komisch ab, und nicht mal die Zähne habe ich geputzt, obwohl es schon 17 Uhr ist. Es ist sinnlos. Alles, was ich mir jetzt noch ins Gesicht schmiere, würde am Ende auffallen, und Phil würde meinen Plan durchschauen. Nun heißt es, ihn mit meiner natürlichen Schönheit zu imponieren. Das kann ja was werden. Es klingelt nochmal.
„Hallo?“
„Ja hey, ich bin´s, Phil!“
„Na du hast es ja besonders eilig. Ich hoffe, das ist ein gutes Zeichen!“
Wenn ich über was lachen kann, dann über meinen eigenen Humor. Phil konnte leider nie über meinen Humor lachen. Ein Grund, warum ich auch schon sehr bald über eine mögliche Disharmonie in unserer Beziehung nachdachte, aber wie schon gesagt: Ich lasse mich trennen.
Ich schaue aus dem Fenster und sehe einen unverschämt gutaussehenden Mann. Blöderweise handelt es sich dabei um meinen Ex-Freund, der mir gerade meine letzten Sachen vorbei bringt. Grund unbekannt. Bei Phil habe ich mich sofort in das Gesicht verliebt. Ich weiß, es ist oberflächlich, aber ich liebe Gesichter, die wie gezeichnet aussehen. Ich bin nicht die Frau, die auf markante Gesichter steht. Weder auf große Nasen, noch auf spitzes Kinn, noch auf nahestehende Augen. Umso perfekter, umso besser. Große Augen, sinnlicher Mund, gerade Nase und alles symmetrisch angeordnet. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich damit eine Liga zu weit oben spiele, aber was soll ich denn machen? Ich hab das alles nicht und erwarte es somit von meinem Lebensabschnittsgefährten. Der Grund für Beziehung liegt nicht darin, dass wir auf die Welt gekommen sind, um uns zu vermehren, sondern damit wir das Leben so unbeschadet wie möglich überstehen. Wir sind hier, und das ist alles irgendwie passiert. Keine Ahnung warum, und ich will es auch nicht wissen, weil ich es
a) nicht verstehen würde und
b) weil ich mir nicht vorstellen kann, dass es dafür eine sinnvolle Erklärung gibt.
Es kann für mich keinen Sinn für etwas geben, was existiert und irgendwann zu Staub zerfällt. Sinn, wo bist du? Ich glaube nicht daran, dass Menschen etwas für die Menschheit tun wollen. Ich glaube an den Egoismus in jedem Wesen, der niemals zulässt, dass wir existieren, um uns mit dem Ziel fortzupflanzen, die Menschheit nicht aussterben zu lassen. Was bringt es mir, wenn ich danach nicht mehr lebe? Dann ist es mir doch scheiß egal, was auf der Erde noch abgeht oder eben auch nicht abgeht. Kinder machen ist höchstens der verzweifelte Versuch, sich unsterblich zu werden oder, der weitaus schönere Gedanke, eine (in meinem Fall) neue Clara zu produzieren, mit großen Augen, symmetrischen Gesicht und wohlgeformten Mund, weil ja der erste Versuch nicht geklappt hat.
Auf jeden Fall habe ich bis jetzt jeden noch so gutaussehnenden Mann irgendwie dazu gebracht, zumindest mit mir in die Kiste zu gehen. Ich mag es, wenn ich mit meinem Freund auf eine Party komme und merke, dass die anderen Frauen denken: Wie konnte die denn so einen hübschen Mann abbekommen? Ich verachte diesen von der Gesellschaft suggerierten Verhaltenskodex: Schön zu schön. Mittel zu mittel. Hässlich zu hässlich. Schlau zu schlau. Dumm zu dumm. In meinem Fall: Mittel zu schön oder aber auch plus mal minus gibt …minus! Hä?

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Mir ist schlecht. Ich höre die Treppenstufen unter Phils Füßen knacken. Gerade erinnere ich mich an das Gefühl, als er das erste Mal zu mir kam. Da habe ich ihn gesehen und dachte: Wenn ich nicht schon verknallt wäre, dann spätestens jetzt. Er ist wirklich wunderschön, und ich bete gerade ohne an Gott zu glauben, dass sich dieses Gefühl heute nicht nochmal wiederholt. Okay, vielleicht sollte ich das nächste Mal an Gott glauben, bevor ich das beten beginne, denn ich schaue gerade in das mit unter wundervollste Gesicht ever. Ich hoffe er merkt mir nicht an, was ich gerade denke und was ich fühle, aber vor allem hasse ich mich dafür, dass ich echt aussehe wie hingeschissen.
„Schönes Kleid“, sagt Phil und legt sein unverschämt tolles Lachen auf. Nun regen sich auch noch sämtliche sexuelle Triebe in mir. Traumhaft! Das kann ja was werden. Ich bitte ihn wortlos rein und versuche, meinen coolsten Gesichtsausdruck aufzulegen. Man muss ihn sich folgendermaßen vorstellen: Lippen leicht geöffnet, eine Augenbraue nach oben gezogen und auf keinen Fall lächeln. Das wäre tödlich! Heute klappt es besonders schlecht. Phil merkt meine kaum aufgesetzte Art und fragt, was los ist.
Und was sage ich? WAS SAGE ICH?
„Super Frage, Phil! Natürlich nichts. Ich wurde verlassen und bekomme gerade den Rest meiner Beziehung vom Mörder überreicht. Aber stimmt, kannst du ja nicht wissen, deshalb bist du natürlich der Falsche, um meinen Frust los zu werden!“
„Aber Clara. Es waren doch nur 3 Wochen. Es hat halt nicht gepasst, und oftmals ist es besser, gleich einen Schlussstrich zu ziehen!“
Ich finde ihn gerade so toll, ich will ihn nicht hergeben müssen. Die letzten Gefühle vor dem Exitus bäumen sich sozusagen nochmal auf. Wie ein suizidaler Mensch vor dem Selbstmord nochmal akute Lebenslust bekommt, so oder ähnlich muss man sich das vorstellen. Ich lege meinen Kopf auf seine Brust. Schaue nochmal kurz in sein Gesicht, in seine Augen (grober Fehler) und dann lege ich mich wieder auf seine Brust.
„Hast du eine Neue?“
Ich fühle mich wie ein Lügendetektor, der auf der Brust liegt und gleich zu blinken anfängt, sollte er die falsche Antwort geben.
„Nein, wirklich nicht. Du weißt, ich brauche Zeit für mein Studium. Ich hab gerade einfach keine Energie für eine Beziehung!“
Kein Signal, ich blinke nicht! Trotzdem folgere ich:
„Aber gute Beziehungen geben Energie, also liegt es an mir!“
Und die Tränen stehen am Anschlag. Clara, Contenance!

(…)

Mittlerweile hat Phil seine Hand auf meinen Kopf gelegt und drückt mich leicht an seine Brust. Kein Signal! Er versucht mir ins Gesicht zu schauen, sieht meine nassen Augen und drückt mich noch stärker an sich. Ich nehme seine Hand und ziehe ihn in mein Zimmer. Nach kurzem Widerwillen folgt er mir. Wir setzen uns auf mein Bett. Plötzlich verliere ich meine ganze Stärke, meine Scham, meine Ironie. Und wer mich kennt, der weiß: Wenn die Ironie verschwindet, ist Land unter und Polen offen. Die Situation scheint sozusagen zu eskalieren, wenn man bedenkt, dass ich eigentlich eine recht coole Sau bin, kaum aus der Ruhe zu bringen. Übrig bleibt sehr viel Emotion, die sich die letzten Tage angestaut hat. Und ich. Im neuen Kleid mit Preisschild und furchtbarer Frisur. Über mein Gesicht möchte ich nichts, aber auch gar nichts sagen. Da ist nach wie vor Hopfen und Malz verloren. Trotzdem schaut mich Phil liebevoll an. Ich spüre viel Zuneigung. Vielleicht auch, weil ich gerade zum ersten Mal schwach bin. Ich glaube, er wusste gar nicht, dass es so einen Teil in mir gibt. Ich bin auch immer wieder erschrocken, wenn es so weit ist. Ich wirke sonst immer sehr souverän, vielleicht sogar etwas liebesunfähig. Nicht sonderlich euphorisch oder so. Ich habe so eine ekelhafte Ruhe in mir, die manche Menschen wahnsinnig macht. An einem Herzinfarkt werde ich sicherlich nicht sterben. Er streichelt mir erneut über meine Haare und ich kippe kraftlos auf seinen Schoß. Ich fühle mich so anders als sonst, aber irgendwie mag ich es gerade, schwach zu sein. Auch wenn Phil gleich mein Leben verlassen wird, fühle ich mich sehr befreit, all die starken Gefühle in mir für einen Moment loslassen zu können. Ich nehme mir vor, gelegentlich schwach zu sein. Was er wohl gerade denkt? Ich versuche mich wieder zu fangen und setze mich dann aufrecht neben ihn. Ich nehme meine Sachen, die er in der anderen Hand hält und gebe ihn somit frei. Er spürt, dass er nun die Möglichkeit hat zu bleiben. Oder zu gehen. Phil schaut mir noch einmal in die Augen, und ich merke, dass es ihm sehr schwer fällt. Vielleicht, weil er zum ersten Mal sieht, dass auch eine Clara zerbrechlich sein kann? Ist das möglicherweise der Schlüssel zum ewigen Glück der Liebe? Zerbrechlich sein? Lässt sich einrichten. Zum Glück, der Sarkasmus ist wieder da! Phil scheint verwundert zu sein, ein bisschen verwirrt. Er steht auf, küsst meine Stirn und geht. Ich hätte mich für die Lippen entschieden, leider hatte ich kein Mitspracherecht. Ich lasse ihn gehen, auch wenn alles in mir schreit.
Der Augenblick nach einer Trennung, wenn der andere geht, ist für mich der Moment im Leben, in dem es mir schlecht wird vor Emotion. Da dreht sich alles um mich, und ich bin jedes Mal kurz davor, komplett die Fassung zu verlieren, weinen zu wollen, toben zu dürfen, flehen zu müssen. Gemacht habe ich es noch nie. Nur in meiner Vorstellung. Ich weiß nicht, ob ich es nicht tue, weil ich mir somit mein letztes Stück Würde nehmen lasse. Zumal ich ja schon die Verlassene bin. Oder weil die Liebe tatsächlich nicht diesen Stellenwert in meinem Leben hat, als dass es lohnenswert wäre zu kämpfen. Ich weiß nur, dass verletzlich zu sein nie schwach sein bedeutet, aber trotzdem versuche ich es zu vermeiden, auch wenn es sich wie ein geöffnetes Ventil an meinem Körper anfühlt – im positiven Sinne. Sicherlich liegt dies mitunter daran, dass wir schutzlos unserer Außenwelt ausgesetzt sind. Und Schwäche ist nun mal in unserer Gesellschaft als etwas Negatives verankert. Man macht sich verletzlich, ist anderen ausgeliefert. Man zeigt Gefühle für einen Menschen, eine Situation oder Sache, und schon spielt man russisches Roulette mit seinem Herzen. Wie naiv, wie dumm, wie uneinsichtig. Die Chancen stehen 1:1, dass es dieses Duell unversehrt übersteht. Die Wahl jedoch liegt bei jedem selbst!

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(…)

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Zeit heilt Wunden. Man relativiert alles, und am Ende sind die Gefühle nichtig. Übrig bleiben Erinnerungen, die ohne Gefühle nur halb so wertvoll sind. Trotzdem hängen wir Beziehungen manchmal ewig nach, machen sogar unser persönliches Glück davon abhängig. Was läuft da nur schief? Da ich keine Lust auf sinnlose Schmerzen habe, versuche ich mich von zu festen Bindungen fernzuhalten. Dabei hilft mir
a) mein Sarkasmus und
b) dass ich mich schon seit ewigen Zeiten darauf trainiert habe, alleine zurechtzukommen.
Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich kaum gute Freunde habe. Ich glaube, viele nennen sie beste Freunde oder Busenfreunde oder so. Ich suche die Antworten auf meine Fragen vorerst in mir. Wenn ich sie nicht finden kann, habe ich ja immer noch eine Stunde pro Woche, die ein netter Herr in Berlin Mitte von meiner Krankenkasse bezahlt bekommt, um mir zu zuhören. Ich kam zu ihm, weil ich im Sommer vor zwei Jahren LSD genommen hatte und prompt eine leichte Psychose davon bekam. Der Trip im Allgemeinen war unglaublich geil. Als eine Wanne an dem Park vorbeifuhr, in dem wir lagen, dachte ich, da macht jemand ne Feuershow – so viele Farben habe ich noch nie, nie, nie gesehen. Ich glaube, die gibt’s gar nicht alle so im realen Leben. Als wir - eine Gruppe von vier Leuten – zu dem einen Kleinen mit den dunklen Haaren nach Hause sind, weil wir die vielen Eindrücke im Park nicht mehr verarbeiten konnten, saßen wir im Kreis, und es war uns nicht möglich, alleine das Zimmer zu verlassen. Wir empfanden uns als unzertrennliche Einheit. Und wenn wir entschieden aufzustehen, mussten wir genau besprechen, in welcher Reihenfolge wir uns in Bewegung setzen sollten. Wir gingen sogar zusammen auf die Toilette. Die Fließen im Badezimmer fingen zu tanzen an und waren lila hinterlegt. Das sah anscheinend nur ich. Einer wollte ständig den Wasserhahn abdrehen, weil er dachte, es würde Wasser fließen. Acht Stunden ging das so. Leider war das Runterkommen der Horror. Ich konnte eine Woche kaum schlafen und hatte übelsten Verfolgungswahn, sodass ich am ersten Tag fünf Stunden durch die Stadt laufen musste ohne Ziel. Ich ließ mich krank schreiben, weil ich niemanden ertragen konnte. Danach sah ich ab und an ein paar Dinge, die andere wohl nicht sehen konnten. Mittlerweile haben wir das mit Tabletten wieder ganz gut hinbekommen und so. Ich gehe trotzdem noch zu meinem Therapeuten, weil es gut tut und er über meine Witze lacht.

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Mit diesem Gedanken fällt mir ein, dass heute Bandprobe ist – so wie jeden Freitag. Mittlerweile ist Phil schon seit gefühlten zwei Stunden gegangen, meine Gedanken kreisen und ich sitze immer noch auf meinem Bett. Wenn ich mich nicht so verkrampft hätte, dass meine Schultern schmerzen, würde ich wahrscheinlich noch 100 Jahre so sitzen und nachdenken. Nachdenken, freidenken, leerdenken. Ich stehe auf, beeile mich jedoch nicht, weil ich eh schon zu spät dran bin. Dann ist auch schon egal, ob 30 Minuten oder eine Stunde. Mir jedenfalls. Zudem kann mich auch kein Umstand von meiner Gesichtsbehandlung abhalten. Ich habe beschlossen sie trotzdem zu machen, auch wenn sie nun mehr zur Vorsorge und weniger zur akuten Schönheitssteigerung beitragen wird. Mein Stolz verbietet mir, es nun nicht mehr zu tun, nur weil Phil zu früh kam und ich nicht rechtzeitig die Maske auftragen konnte. Ich versuche mich selbst zu belügen und mir einzureden, dass ich sowas ja nur für mich tue. Selbstredend.
Mit der Gesichtsmaske im Gesicht putze ich die Zähne und lackiere sogar sämtliche Nägel an meinem Körper. Ich habe wohl wirklich eine reichliche Portion Selbstbewusstseinssanierung nötig, wenn ich mir schon grundlos die Fußnägel lackiere. Der Trugschluss daran ist, dass man sich damit nur geringfügig Gutes tut, weil man Teile seines Körpers mit Produkten zuspachtelt, die Stoffe beinhalten, die kann man nicht einmal aussprechen. Und weil wir sie nicht aussprechen können, merken wir sie uns nicht, und wenn wieder ein neuer krebserregender Stoff gefunden wird, dann behaupten wir, noch nie davon gehört zu haben. Einer davon: Formaldehyd. Ich habe ewig gebraucht, bis ich ihn mir merken konnte. Ist des Öfteren in Nagelhärter enthalten und krebserregend. Seither kaufe ich keinen Nagelhärter, Nagellack oder sonstiges mehr, die Formaldehyd enthalten. Auch Coumarin steht auf meiner Abschussliste. Kein Coumarin berührt meinen Körper. Alle anderen Krebserreger sind herzlich Willkommen, solange ich nichts davon weiß – man kann ja seinen Körper nicht gleich unter Radikalentzug setzen bezüglich diverser Giftstoffe. Ich bin sehr zufrieden, dass ich Formaldehyd und Coumarin schon mal das Handwerk gelegt habe. Alle anderen müssen sich in Acht nehmen…
Ich wasche die Gesichtsmaske runter. Meine Haut fühlt sich nach Babyarsch an. Leider hat es auch dieses Mal nicht das erwünschte Ergebnis eines wohlbestückten, asymmetrischen Gesichts gebracht, aber vielleicht erwarte ich schon wieder zu viel. Trotzdem wäre es schön gewesen, und wer die Hoffnung jemals aufgibt, hat ja gar keine Chance mehr auf ein erfülltes Leben.
Die Haare mache ich mit ein paar Klammern zurück, die bekomme ich heute nicht mehr anders gebändigt. Gerade gefalle ich mir ungeschminkt sehr gut. Das wird ausgenutzt, und ich verzichte auf Schminke. Kontaktlinsen habe ich noch von Vorgestern drin. Läuft!
Jacke, Schal, Mütze – es ist kalt! Das neue Jahr hat gerade begonnen. Irgendeins im 21. Jahrhundert. Ich versuche mir gerade abzugewöhnen, Jahreszahlen zu merken – sozusagen der gute Vorsatz für´s Neue Jahr. Das setzt ja mein Streben nach Alterslosigkeit voraus, sonst komme ich noch darauf, in sentimentalen Momenten mein Alter nachzurechnen. Ich bin mit allen Wassern gewaschen – mich kann niemand hinters Licht führen… HARHARHAR!
Ich reiße die Tür auf und springe die Treppen runter. Oft, wenn ich zur Bandprobe laufe, überkommt mich ein wundervolles Gefühl. Früher als junges Mädchen habe ich mir immer ausgemalt, wie es so sein wird, wenn ich nicht mehr zu Hause wohne. Wenn ich mein ganz eigenes Leben habe. Eine Band gehörte für mich immer zu dieser Zeit, und so überkommt mich dieses wundervolle Gefühl, dass meine Vorstellungen eingetreten sind. Sowas ist für mich vollkommene Zufriedenheit, die zum Glück jedoch nur für einen kurzen Moment meinen Körper durchflutet und dann auch wieder verschwindet. Das ist gut so, denn würde das Gefühl bleiben, könnte man ja von Vollkommenheit einer Sache sprechen, und dies würde den Tod bedeuten, weil Vollkommenheit bedeutet Stillstand und … CLARA!

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Woa, es ist nicht nur kalt, es ist bitterkalt. Blöd, dass ich nicht nur Stoffschuhe anhabe, sondern Stoffschuhe mit Löchern. Das sind eben die Freiheiten, wenn man nicht mehr zu Hause wohnt – dafür friere ich gerne. Berlin hat seine trostloseste Zeit erreicht. Ich kenne das bereits. Der erste Winter hier war wirklich sehr schwer zu ertragen. Alles wird noch grauer und trister, die Menschen wollen nur schnell nach Hause, und somit rennen alle aneinander vorbei frei von jeglicher Aufmerksamkeit. Das finde ich ziemlich traurig, weil ich doch von Begegnungen zehre und sie mich so glücklich machen.
Ich sehe die 54. Ich erwische sie noch, weil ich am dritten Baum stehe. Ich habe ausgerechnet, dass wenn ich am dritten Baum unserer Allee bin und dann normal gehe, die Bahn genau bekomme. Nahezu perfektes Zeitmanagement. Ich persönlich kam darauf, weil ich schon so oft auf die Bahn gerannt bin und sie am Ende nicht mehr bekommen habe. Und da ich es hasse, Kraft aufzuopfern, aber am Ende mein Ziel nicht zu erreichen, habe ich genau ausgerechnet, ab welchem Baum es sich lohnt zu rennen und ab welchem ich normal gehen kann. Und natürlich auch, ab welchem Baum es egal ist, was ich tue, weil ich es so oder so nicht schaffen würde. Dann lache ich immer über die Menschen, die zur Bahn rennen, obwohl sie sogar am zweiten Baum sind und auch krabbelnd die Bahn erreichen könnten. Wie sie dann hecheln in der Bahn. Die Zeiten sind für mich glücklicherweise vorbei. Obwohl es mir am Anfang unglaublich schwer gefallen ist, nicht zu rennen, weil man das so einprogrammiert hat. Da hat es in meinem Körper ganz schöne Adrenalinausschüttungen gegeben, weil der Depp natürlich dachte, dass nur durch Rennen das Ziel erreicht werden kann. Verarscht sag ich da nur! Die Intuition ist eben nicht immer das, was wir brauchen, um Entscheidungen zu treffen. Manchmal bringen uns Logik und banalste Rechnungen weiter. Das habe ich von Supergute-Tage-Christopher gelernt.
Zum Glück habe ich immer ein kleines Buch in meiner Tasche. Da schreibe ich alles rein, was ich so lese und zu schade finde, um es zu vergessen. Über Christopher kam ich eben auch auf die Idee mit der Baumrechnung.

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Die Bahn habe ich natürlich problemlos erreicht. Alles hechelt, ausgenommen ich.
Ich habe schon fast die Sache mit Phil vergessen, auch wenn ich aus Erfahrung weiß, dass mich das wieder einholen wird. Anfangs bin ich immer sehr souverän, aber irgendwann kommen dann einzelne Momente, in denen ich sehr schwach werde, auch wenn ich das natürlich nie zeigen würde. Leider ist das auch nicht die Schwäche, die ich gerne mag, sondern eher mit Selbstzweifeln zu vergleichen. Diese dunklen Gedanken, ob der Grund für die Trennung nicht darin lag, dass man einfach nicht schlau, schön, perfekt genug war. Auch wenn das alles relativ ist und oftmals tatsächlich am Gegenüber und dessen Lebensumstände liegt, nagt es trotzdem an uns. Ich habe so viel Respekt vor Menschen, die feste Bindungen eingehen und damit meine ich nicht meine undefinierbaren Versuche einer Beziehung, sondern jahrelange Bindungen mit Zusammenziehen, Vertrauen, Offenbarungen und Versprechen. Immer mit dem Risiko, verlassen zu werden. Ich mag wirklich nicht wissen, wie schmerzlich es sich anfühlen muss, wenn man nach so viel Hingabe und Zeit verlassen wird. Ja, da bekomme ich sogar eine schrecklich ernste Auffassung von Sein und Schein einer solchen Institution namens Beziehung.
Was es mir besonders schwer macht ist eine Erkenntnis, die ich schon sehr früh hatte: Bei Liebe handelt es sich weniger um dieses unerklärliche Gefühl, das im Bauch kribbelt und den Verstand außer Kraft setzt. Wir verlieben uns in Menschen, die eine Tür in uns öffnen (bildlich gesehen), für die wir selbst keinen Schlüssel haben. Wie oft treffen wir Menschen, die uns so gut gefallen, nett und zuvorkommend sind, ja, wir treffen die perfekte Person und dann? Keine Gefühle! Kein Signal! Und keiner kann es verstehen. Ich sage es euch: Sie hat keine Tür geöffnet. Deshalb kann ich auch nicht an ewige Beziehungen glauben, und somit fällt es mir schwer, Kraft und Zeit zu investieren, weil ich ja schon von Anfang an weiß, dass es ein Ende haben wird – und das wird mit nur sehr geringer Wahrscheinlichkeit mein Tod sein. Sobald wir innerhalb einer Beziehung keine neuen Dinge mehr über uns lernen, ist auch dieses besondere Gefühl im Bauch weg. Manche bleiben trotzdem bei ihren Partnern. Einige, weil sie zu schwach sind, um zu gehen, andere, weil sie sich gefunden haben, zumindest so, dass es ihnen ausreicht, um glücklich zu sein. Die Mutigen und Unfertigen (ich bin wohl einen Kreuzung beider Arten) machen sich auf zu neuen Ufern, um sich selbst zu finden. Anfangs war ich unglaublich traurig und erschlagen über diese nüchterne Art, Liebe zu verstehen. Leider fühlt es sich für mich als die einzig plausible Wahrheit an. Erkenntnisse kann man blöderweise nicht rückgängig machen, höchstens man ist Verdrängungskünstlerin, aber das macht wiederrum krank, lohnt sich also nicht! Und ich weiß: Ich werde immer auf der Suche sein, mein ganzes Leben. Deshalb fällt für mich eine aufrichtige und lebenslange Beziehung flach – vorausgesetzt, ich werde nicht plötzlich schwach und gebe auf!

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Der letzte Eintrag in meine kleine Gedankenstütze lautet: Glaube nicht, was die anderen dir erzählen. Finde heraus, was sie dir nicht erzählen!
Das finde ich richtig, aber es kann unheimlich gefährlich sein. Denn wer lässt sich schon gerne in die Karten schauen? Das wäre ja so, wie wenn jemand zu mir sagen würde: Ich weiß, warum du so oft Kleidchen trägst. Damit keiner sieht, ob du dick oder dünn bist. Da würde ich mich aber mal so richtig ertappt fühlen und wahrscheinlich erst mal krass wütend werden. Und dabei handelt es sich ja nicht mal um sowas richtig Schlimmes. Das tue ich ja lediglich, weil ich Figurfragen grundsätzlich schlichtweg indiskret finde und nicht, weil ich tatsächlich eine Essstörung habe.
Und jetzt stellen wir uns vor, da sagt jemand zu uns: Hey, ich weiß, warum du nie feste Beziehungen hast. Weil du Angst hast, verlassen zu werden. Weil das dein Stolz nicht zulässt und dir das Risiko zu groß ist und die Sicherheit zu gering. Am besten kommt dann noch sowas wie: Ich habe schon des Öfteren bei die gemerkt, dass du Kontrollzwänge hast. Wahrscheinlich ist das der Grund allen Übels. Na super! Danke für die ausführliche Analyse meiner Psyche. Wie gut, dass ich dich darum gebeten habe. Sonst wäre ich jetzt STINKE SAUER!!!
Mein Therapeut sagte vor ein paar Monaten zu mir: Therapiere nur, wenn du darum gebeten wirst. Wir kamen drauf, als ich ihm erzählte, dass ein Typ von heute auf morgen meinte, er müsse sich aus dem Staub machen. Da war ich ganz schön vor den Kopf gestoßen. Vor allem, weil er anfangs so begeistert von mir und meiner Auffassungsgabe war, was Zwischenmenschliches und Unbewusstes anging (Freud ist mein Held). Das spornte mich natürlich sehr an, und ich erklärte ihm seine Welt. Naja, nach nur wenigen Tagen wollte er nichts mehr mit mir zu tun haben. Da hatte ich wohl jemanden erkannt.
Seither erzähle ich immer auch schwache Seiten von mir, sobald ich merke, dass der andere das Gefühl hat, das Opfer zu sein. Das will ich nicht. Nicht für mich und nicht für dich, ihn, sie, es, euch! KREIIISCH! Ich muss raus aus der Bahn. Dieses Kopfkino behindert mich, ein normales Leben zu führen!

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5 Antworten

Kommentare

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    dann freu ich mich, wenn du mir sagst wie du es findest, solltest du es noch bis zum ende lesen.
    viel spaß dabei!

    03.01.2010, 04:49 von miss.hermia
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    am ende ist das alles eine fremde person,die das fühlt, deshalb kein tagebuch. aber raushalten konnte ich mich trotzdem nicht. haha... nein wirklich nicht.
    danke

    19.12.2009, 20:37 von miss.hermia
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    Na toll. Das mit dem Zitieren hat nicht hingehauen. Frauen und Technik...-.-

    19.12.2009, 20:20 von Blutsfraeulein12
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    Grundsätzlich haben sich die Typen getrennt. Ich wusste es aber immer schon davor. Ich habe gemerkt, wenn ich keine Kontrolle mehr hatte. Getrennt habe ich mich trotzdem nie. Die Vorstellung, nach Jahren feststellen zu müssen, dass ich DEN RICHTIGEN verlassen habe, finde ich … verantwortungslos.
    Man weiß, es ist vorbei, aber man hofft, dass ein Wunder geschieht und es doch wieder irgendwie funktioniert. Das ist die eigene Grenze, an die man leider stößt. Vielleicht auch stoßen muss. Ich weiß nicht, ob man jemals rational im Gefühlswirrwarr handeln kann...
    Ein sehr intimer Einblick. Aber sehr rührend und schön geschrieben!

    19.12.2009, 20:16 von Blutsfraeulein12
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