FinsterLicht 03.03.2019, 14:46 Uhr 1 2

Katzen Liebe

Die Welt sollte sein wie eine Katze.

Das störrische, freche, kleine Biest hat heute wieder einen ihrer guten Tage.

Auf meinen Ruf kommt das Katzentier ins Wohnzimmer getapst und schaut mich mit ihren großen süßen Kulleraugen, den Kopf leicht zur Seite geneigt, an. Ganz so als wollte sie mich fragen was denn los sei – nichtmal was ich von ihr wolle.

Ich klopfe zweimal neben mir aufs Sofa. „Na komm schon, du.“

Sie tapst los, setzt sich vor dem Sofa nocheinmal hin und schaut zu mir hoch. Ich nicke ihr aufmunternd zu und die kleine Glückskatze hüpft vorsichtig auf die Couch und kuschelt sich an meiner Brust ein.

Sie fängt an zu schnurren und schließt ihre Augen, während ich sie kraule und ebenfalls meine Augen schließe.

Die Welt sollte sein wie eine Katze.

Abenteuerlustig, waghalsig, scheu und doch mutig, verfressen und glücklich, wenn der Bauch voll ist und vor allem verspielt und verschmust. Und vor allem leise!

Und sie sollte wissen wo sie hinscheißen kann und wo nicht. Und bestenfalls auch noch, dass man nicht dort isst wo man hinscheißt oder halt hinpisst. Kommt nicht gut. Schmeckt nicht.

 

Damals als wir den kleinen Tiger bekommen haben, wurde sie recht schnell sehr sehr krank.

Wir haben damals Tage beim Tierarzt und sogar in der Tierklinik verbracht.

Egal wie krank die kleine Katze war, sie wollte dauernd spielen und umhertollen, bis sie nicht mehr laufen konnte und bei dem versuch immer wieder hingefallen ist.

Aber ihr Wille war immer da.

Als sie dann da lag und nicht mehr hochkam und wir die Katzenbox holten, um zur Klinik zu fahren, mauzte die kleine so herzzerreißend.

Wieso geht das nicht? Wieso geht es mir so schlecht, dass ich nicht meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann? Hilf mir doch!

Wir haben ihr geholfen. Und es gibt diese Tage, da fühlt es sich an, als wollte sie danke sagen.

So wie heute.

Die Menschen sollten sich anschreien.

Ich denke darüber nach, wann ich das letzte mal vollumfänglich das getan habe, was ich wollte, was mir Freude bereitet. Schwierig das genau zu definieren. Wahrscheinlich war es vor zwanzig Jahren auf dem Schulhof.

Dort wo sich Nachmittags alle trafen, jeden Tag. Keiner hatte sich verabredet, jeder wusste das dort etwas los ist. Wir haben Fussball gespielt von 14-19Uhr. Oder halt bis es dunkel war. Zwischendrin haben wir auch mal mit Beyblades oder Yu-Gi-Oh Karten gezockt.

Während an den heißen Sommertagen zusammengeworfen wurde und wir uns von der Bude nebenan eine Riesentüte Wassereis gekauft haben. Oder eine Palette Iso Light oder River Cola Dosen vom Aldi, pro Dose 19Pfennig. Und jeder durfte keine Cola. Und wir alle fanden das geil.

Natürlich haben wir uns manchmal auch herzhaft gekloppt und geprügelt.

Aber am nächsten Tag war das alles wieder vergessen. Keiner war dem anderen noch böse, keiner stellte dem anderen ein Bein – ausser im Gefecht des Zweikampfes um den Ball, versteht sich.

Und heute?

Du musst lernen.

Du musst arbeiten.

Du musst gut aussehen.

Du musst das und das machen.

Du musst. DU musst. DU MUSST!

…sonst machst du was verkehrt.

Ich will diesen „Müssern“ ins Gesicht schreien, dass sie Dinge als Vorwand nehmen, um Gedöns zu erreichen, wenn sie das überhaupt schaffen, an denen sie sich kaum erfreuen können, weil sie entweder keine Zeit haben dies zu genießen, oder weil sie noch nicht einmal wissen, was sie selbst wollen, weil sie sich keine Gedanken über sich selbst machen und über das was sie eigentlich wirklich wollen und auf die Frage „Wer bist du eigentlich?“ mit „Kevin“ oder „Jaqueline“ oder wie auch immer sie heißen mögen, antworten.

Das sind die Momente in denen ich manchmal hoffe, dass irgendjemand so laut schreit, dass alle Menschen aufwachen.

 

Das Kätzchen gähnt und streckt sich und ich habe das Gefühl, dass sie lächelt.

Die Haustür wird aufgeschlossen.

„Hi!“ – „Hey, du.“ Antworte ich.

„Was gibt’s neues, ich bin mega platt.“ Fragt sie mich

„Ich kann diese Beziehung nicht weiterführen.“

Sie bricht in Tränen aus und auch mir läuft diese salzige Flüssigkeit die Wange herunter.

„Wa-was?“ fassungslosigkeit und grenzenlose Enttäuschung liegen in ihrem Blick.

Sie die immer so gekämpft hat, die unverzeihlichen, so sehr sie verletzenden Fehler, zu verarbeiten. Sie versteht die Welt nicht mehr.

Und ich auch nicht.

 

Wenn zwei Herzen brechen, braucht es mehr als Tesa und Pattex, um sie zu reparieren.

Es braucht Zeit. Viel Zeit.

Die kleine Katze, die nun zwischen uns auf dem Sofa sitzt, schaut uns abwechselnd beim weinen zu.

Sie wirkt verwirrt, gar ängstlich.

Mauzt zaghaft.

Sie wird von ihr gestreichelt.

Wenn das Leben was du führst, dazu führt, dass du nicht mehr das Leben führst, welches du führen willst, wirst du nie damit glücklich werden, dann kannst du diesen Stacheldraht, der dir die Kehle schmerzhaft zuschnürt beim Atmen, niemals loswerden. Dann kannst du diese Zwerge, die dir mit ihren Spitzhacken in den Hinterkopf hauen, wenn du nach Hause kommst, niemals besiegen.

Dann bist du nicht mehr der Mensch der du bist. Dann bist du der Mensch der angeschrien werden sollte. Auch mit Kätzchen.

„Warum?“ würgt sie durch den Stacheldraht hindurch.

„Ich hoffe immer das du nicht da bist, wenn ich nach Hause komme. Ich hoffe immer nur, dass wir nicht streiten und bin dauernd darauf aus Streit präventiv zu verhindern. Und indem ich das tue bin ich nicht mehr ich und das provoziert dann noch mehr Streit. Ich probiere es seit Wochen, aber es ändert sich nicht.“

„Wieso hast du nichts gesagt?“

Die Katze schaut mich vorwurfsvoll an.

Weil ich meine Probleme selbst lösen wollte, denke ich. Und auf einmal wird mir etwas klar:

Das „wir“ war wieder zum „ich und du“ geworden. Vom „Wir lieben uns“ zum „Ich liebe dich und du liebst mich“.

Aber wir lieben dieses Kätzchen.

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    03.03.2019, 20:49 von Freyr
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