Matesino 30.11.-0001, 00:00 Uhr 51 39

Kann ich mal ihren Chef sprechen?

"Es geht ums Prinzip. Und sie braucht ihre Launen nicht an mir auszulassen. Ich lasse ja meine auch nicht an Fremden aus, sondern an dir.“

Wenn ich etwas mehr hasse als Leute, die andere Leute nach ihrem Namen fragen, um sich beim Vorgesetzten über sie zu beschweren, dann ist das, wenn Leute den Chef sprechen wollen. Unglücklicherweise war meine Freundin ein solcher Mensch.

Als studierte Juristin ging es ihr dabei selten ums Recht als vielmehr ums Prinzip.

„Kann ich mal ihren Chef sprechen?“, sagte sie zur Kassiererin im REAL, nachdem diese uns die zweite Tüte in Rechnung stellen wollte. Wir waren zu Besuch bei den Schwiegereltern und gemeinsam mit ihnen Frühstück einkaufen. An der ersten Tüte war der rechte Tragegriff gerissen.

„Als ich ihnen die Tüte gegeben habe, war sie noch ganz“, sagte die Kassiererin und „selbst schuld“. Zugegeben nicht sehr freundlich und recht gleichgültig, aber wer wusste schon, warum sie heute mit dem linken Fuß den Schlafzimmerboden betreten hatte.

Die Augenfarbe meiner Liebsten änderte sich von grünbraun zu teufelsrot. Darin fand ich Wut und Zorn, die eine ganze Armee durchtrainierter Elite-Kämpfer vernichtet hätte, geschweige den so ein böses blondes Miststück an der Kasse.

Meine Freundin wollte sie in Stücke reißen. Da aber ein solcher Vergeltungsakt im deutschen Rechtsstaat strengstens geahndet wurde und meine Liebste das als gelernte Juristin wusste, griff sie zum nächstmöglichen Rachemittel. Sie wollte den Chef sprechen.

„Herr Petersen zur Kasse drei, bitte!“, sprach die ziemlich genervte Kassiererin, Uschi wäre ein guter Name für sie, ins Mikro und der Satz tönte lautstark durch den ganzen Supermarkt. Ich blickte mich panisch nach dem nächstgelegenen Ausgang um. Die Schlange an der Kasse wurde immer länger. Die Hinteren stießen Ungeduldig gegen die Knöchel des Vordermanns, kleine Kinder quengelten um eine Schachtel Marlboro Medium – die üblichen Dramen des Kleinstadtalltags. Tatort Ansbach, Tatzeit früher morgen. Aber machen wir uns nichts vor, es hätte genauso überall in jedem klimatisierten Konsumtempel der Welt ablaufen können.

„Aber Liebste, Liebste, Liebste, es ist doch nur eine kleine Tüte für zehn Cent. Kein Grund, so böse zu werden. Wer weiß, warum die Uschi so eine miese Laune hat heute. Vielleicht vögelt ja ihr Mann/Freund/Geliebter mit der besten Freundin rum und die ist nun von ihm schwanger, obwohl er sich vor zwei Monaten vasektomiert hat oder so.“ Also schnipp schnapp, scharfe Munition ab.

In der Bibel steht nichts von Einkaufstüten

Meine Freundin blickte mich an wie E.T. den Jungen, als er ihn bat, nach Hause telefonieren zu dürfen.
„Komm du mir jetzt nicht mit Nächstenliebe. Es geht ums Prinzip. Und sie braucht ihre Launen nicht an mir auszulassen. Ich lasse ja meine auch nicht an Fremden aus, sondern an dir.“

Schlüssig argumentiert, dachte ich. „Ja, aber Liebste. Vielleicht hat sie grad niemanden mit dem sie reden kann.” “Warum das denn?”, fragte sie. “Na, weil ihr Mann/Freund/Geliebter gerade mit der besten Freundin vögelt.“

„Ist mir doch scheißegal. Ich will den Chef sprechen.“ Die Schwiegermutter lachte. Sie mochte, wenn ihre Tochter so resolut war und ihr Recht forderte, während der äußerst religiöse Schwiegervater flehentlich zur Decke blickte und sich wohl fragte, was der Herr in einer solchen Lage raten würde. Wenn der rechte Tragegriff reißt, dann reiß auch noch den linken ab vielleicht.

Unsere kleine Tochter schlief seelenruhig im Kinderwagen und ich fragte mich, ob sie, wenn sie größer war, mehr so sein würde wie die Mama oder mehr so wie der Papa. Bitte mehr wie der Papa, flehte ich und blickte zur Decke.

Der ältere Herr hinter uns, Typ ungeduldiger Rentner, fluchte auf fränkisch, warum das denn so lange da vorne dauern würde. Er hätte doch keine Zeit so kurz vor knapp.
„Halten Sie sich zurück“, sagte ich ihm, „sonst verlangt meine Freundin auch noch ihren Chef.“

„Ach ja?“, sagte der alte Mann und verlangte nach meinem Chef. „Da drüben“, sagte ich und deutete mit dem Blick auf die wilde Furie zu meiner Linken, meine Liebste, „aber ich glaube, mein Chef steckt gerade in einem wichtigen Meeting. Es geht um zehn Cent.“*

Nach gefühlt echt langer Zeit kam der Filialleiter, Herr Peterson zu Kasse drei und fragte, was den hier los sei.
Meine Liebste meinte, dass folgendes los sei. „Der scheiß Griff der scheiß Tüte ist gerissen und als wir eine neue scheiß Tüte wollten, wollte uns die scheiß Verkäuferin diese in Rechnung stellen. Was soll den so ein scheiß Service in diesem scheiß Laden hier? Wo bleibt denn da die Kundefreundlichkeit?“

Ich stellte mir vor, wie die gerade auf dem Töpfchen saß und Zeitung las, als die Durchsage ertönte, „Die Kundenfreundlichkeit zur Kasse drei bitte. Ich wiederhole, die Kundenfreundlichkeit zur Kasse drei.“

Als der Filialleiter dann meinte, dass es sich doch nur um eine kleine Tüte für zehn Cent handle und dass man doch wegen zehn Cent nicht gleich so einen Aufstand machen müsse und überhaupt, dass er echt keinen Nerv habe, wenn dahergelaufene Kunden ihre Launen an ihm auslassen würden, nur weil irgendwer irgendwann bestimmt hat, dass er der Chef sei, brach die Hölle vollends aus. Meine Liebste und ihr Temperament – Karateschlag durch zehn Bretter Therapiemaßnahme für Talentlose dagegen.

Einmal hin. Nie mehr zurück.

Zum Glück hatte ich vorgesorgt und für solche Fälle immer ein paar Ohropax einstecken. So bekam ich nur bruchstückhaft die Wutrede meiner Liebsten mit, quasi nur die Worte, die so laut schallten, dass selbst die Ohropax versagten. Worte wie „Prinzip“, „sehr wohl“, „scheiß Tüte“ und „ausgemachtes Arschloch“.

Meine kurzsichtigen Augen sahen die Schwiegermutter herzlich lachen. Weiter so meine Tochter. Dabei zerriss sie auch den rechten Griff an der zweiten Tüte, weil sie wie bei der ersten zu fest daran zog.

Der Schwiegervater nahm den Rosenkranz aus seiner Hosentasche und fing an, ihn runterzubeten. Ich hatte Hunger und meine kleine Tochter auch. Sie streckte im Kinderwagen den Schlaf von sich weg und motzte.

Nachdem meine Liebste mit ihrem Plädoyer fertig war, begleiteten uns die Sicherheitskräfte zum Ausgang. Am Fotoshop mussten wir noch ein Familienfoto machen, das sofort entwickelt und vor den Eingang gehängt wurde. Darüber schrieb der Chef mit dicken Edding HAUSVERBOT.

Egal. Wir hatten zehn ganze Tüten bekommen. Gratis. Uschi warf sie uns beim Verlassen der Kasse hinterher. Die frische Luft draußen tat uns gut. Die Sonne schien, meine Liebste beruhigte sich und stillte die Kleine.

„Hab ich arg überreagiert?“, fragte sie mich in einem ruhigen Moment und ich wollte schreien, ja verdammt, doch ich sagte, „Nein, Liebste, überhaupt nicht. Denn prinzipiell hast du ja Recht gehabt.“

Dafür schenkte sie mir ein Lächeln und sagte, dass sie mich liebte. Wir brauchten noch Frühstück und gingen in EDEKA. Über dem Gesicht meiner Schwiegermutter huschte ein vorfreudiges Lächeln, während mein Schwiegervater den Rosenkranz aus der Hosentasche zog. Puuh. Ich liebe dich auch, Liebste, dachte ich und eines war mal klar: die Kleine würde ich im kommunistischen Geiste erziehen. Da gab es nämlich keine Chefs. Zumindest nicht auf dem Papier.


Alternatives Ende

Nachdem meine Liebste ihm den Vorfall geschildert hatte, entschuldigte sich der Filialleiter bei uns allen. Er schenkte uns zehn gratis Tüten und verdonnerte Uschi dazu, unsere Einkäufe zum Wagen zu bringen. Der nette alte Rentner zeigte sich solidarisch und sagte zu meiner Freundin: „Ja, so was? Wie kann man nur einer so hübschen, jungen Dame so unfreundlich kommen? Ohne so tolle Menschen wie Sie, in was für einer Welt würden wir da leben. Ich möchte gar nicht daran denken.“ Die Leute in der Schlange blickten anerkennend zu meiner Freundin und bewunderten im Stillen ihre Größe.

* Die Tüte hat neunzehn Cent gekostet. Anm. der Freundinmatysplanet.com


Tags: Chef, Humor, Supermarkt
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51 Antworten

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    also ich finds klasse. es geht ihr eben ums Prinzip. seh ich genau so! ^^

    18.10.2013, 15:10 von einfach.silviii
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  • 0

    mein schwager hat sich mal an der Kasse aufgeregt, dass er für 4 Euro nicht mit der Karte bezahlen konnte. Danach hat er einen Beschwerdebrief verfasst und Sachen gratis bekommen.

    Ich war gottseidank nicht dabei, als das passierte.

    Ich fühle mit dir!

    14.09.2013, 09:21 von SvenskaKoco
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  • 1

    du nennst sie echt "meine liebste"? urgh.

    02.09.2013, 13:22 von Gnat
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    na wie nett... so ähnliche Kunden gibt es aber leider wirklich. Und selbst wenn man ihnen behilflich ist, die Tüte schenkt (wir haben immer kostenlos noch kleine Plastiktütchen an der Kasse liegen, für Kunden, die keine grosse Tüte oder Tragetasche möchten oder brauchen)... sind viele dennoch schnippich und sind dennoch Erbsenzähler... Möchten Sie den Kassenbon? Ja! Gut, er wird angereicht, kurz angeschaut und dann... liegen gelassen... oder sehr spendabel "Schenke ich ihnen"... naja... aber sehr nette Kunden gibt's auch :) wirklich :) ... achso... auch wenn die Story fiktiv ist... zum Glück bin ich nicht bei Real, sondern EDEKA *lach*

    29.08.2013, 21:36 von ViperTwingo
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    hahahaha

    28.08.2013, 11:14 von LauraPhilomenaTheresa
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  • 2

    text läuft.

    im real existierenden leben kotzen mich solche arschgeigen wie die beschriebene furie nur an.

    aber: wäre ich die kassiererin gewesen, hätte ich ihr die tüte ausgehändigt mit einem lächeln und der bemerkung: da sie es sich offensichtlich nicht leisten können, helfe ich gern.

    ätzende tuse.

    27.08.2013, 14:33 von RedSonja
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  • 0

    "Es geht ums Prinzip." 


     Ich hätte ja eher Sorge, dass sich genau diese "Macke" der "Liebsten" im Alter besonders ausprägt ..

    27.08.2013, 11:47 von ilofi
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  • 2

    jute statt plastik, gaaaaaaaaanz einfach, ansonsten amüsant....

    27.08.2013, 10:30 von ramazotti-orange
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