Dreibein 21.01.2014, 16:05 Uhr 1 2

Kammerflimmern

Wir sind zu alt für die Gefühle von gestern und zu jung für die Gefühle von morgen.

Wir dürfen und können nicht mehr fühlen wie damals, als wir Sternenregen auf unserer Haut gespürt haben, wenn uns Gedankenwolken verbanden. Zur gleichen Zeit müssen wir jedoch neue Gefühle entwickeln, für neue Menschen und neue Dinge. Ständig sind wir daran, Gefühle zu weben, Eindrücke zu steuern. Wir müssen handeln und verstehen – warum so und nicht anders?

Wir müssen erkennen, dass wir fühlen und zugleich wissen, was wir fühlen. Wir stürzen uns nicht mehr Hals über Kopf in frische Lieben und neue Leben, bekommen nicht „Hals-und Beinbruch!“ nachgerufen, weil wir uns alle bereits zu oft Hals, Bein und Herz gebrochen haben.

Blind stehen wir in der Ecke und glauben, wir sind reif und weise, wo wir in Wahrheit nur ängstlich und stumpf sind. Wir glauben, wir lieben und sind doch schneller wieder ent-liebt, als uns lieb ist. Blicke treffen sich und Feuerwerke bleiben aus. Wir treffen ins Schwarze, spazieren ins Blaue, tanzen im Roten und enden im weißen Neonlicht der Stationen. Licht am Ende des Tunnels sehen wir nur in Form einfahrender U-Bahnen, die uns in fremde Betten bringen. Aus Federträumen werden wir geworfen, mit Zigarettenrauch im Haar und schalem Geschmack im Mund. Immerzu befinden wir uns im falschen Augenblick, ein Wimpernschlag und wir verstehen den Zeitgeist bereits falsch. Der Moment ist nie der richtige und wir verspielen all unsere Möglichkeiten. Wie Motten sind wir in des Tunnels Licht geflogen und haben uns verbrannt, einmal mehr. Trotzdem taumeln wir weiterhin volltrunken auf das Licht zu, weil uns die Dunkelheit zu große Angst macht. Kaum schließen sich die samtenen Vorhänge vor der Sonne, dringen die Gefühle von damals an unser Ohr. Sie murmeln und flüstern, zischeln und tuscheln, erheben langsam ihre Stimmen, holen zu einem Paukenschlag aus! Lassen den Schlägel jedoch fallen, sodass wir sie nicht fassen können, weil sie sich kichernd in der Finsternis verstecken.

Zieht der Wetterbold an der goldenen Kordel und eröffnet der Sonne die Sicht, ist der Zauber vorüber. Verloren und ohne Altlasten stehen wir da und warten auf neue Gefühle, die wir noch nicht kennen, aber kennenlernen wollen.

Ob unser Herz dabei noch schlägt, das wissen wir nicht.

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1 Antworten

Kommentare

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    hört sich wie poetryslam an :)

    21.01.2014, 19:01 von julia0892
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