littlegermishpixie. 21.03.2011, 23:40 Uhr 3 1

Kamillentee

...und nur kurz Zigaretten holen.

Auf dem Hinweg denke ich, vielleicht begegnen wir uns gleich. Das passiert uns in letzter Zeit öfter. Nicht beim Zigaretten holen. Aber so abwegig ist doch der Gedanke jetzt auch nicht. Du wohnst schließlich gegenüber. Ich stelle mir also vor, wie es wäre, würden wir uns jetzt begegnen. Seltsam wäre es. Ich stelle mir vor, wie Du mich umarmst. Wäre es wie immer, bloß eine Umarmung zur Begrüßung? Oder wäre es wie gestern, die Umarmung, nachdem Du mir gesagt hast, dass du es schön findest, wie es im Moment ist mit uns und Du nicht mehr willst. Das war die schönste Umarmung, die ich von Dir je bekommen habe. Eine lange Umarmung, so liebevoll gedrückt hast Du mich. Und in mir schwankte es zwischen "Lass mich nicht mehr los" und "Lass das sein. Ich kann das nicht".
Aber eigentlich fühlte ich mich gut - besser - nach unserem Gespräch. Es hat mich so viel Mut gekostet, mit Dir zu reden. Aber das weißt Du. Das ist so neu für mich. Und Du warst so gut zu mir. Fair und ehrlich.

Kamillentee. Immer dieser Kamillentee. Ich glaube ja, dass Du mal was neues ausprobieren solltest. Klau dir doch einfach mal den Tee Deiner Mitbewohnerinnen - von denen eine Deine Ex-Freundin ist. Bei mir gäbe übrigens auch mehr als nur Kamillentee. Aber es interessiert Dich nicht. Kaffee willst du auch nicht. Was ist eigentlich los mit Dir? Noch weiß ich es nicht, aber Du hast gesagt, dass Du es mir erzählen wirst "nach Hamburg". Alles "nach Hamburg". "Nach Hamburg" wollen wir noch mal nen Film gucken zusammen. Und vielleicht noch mal drüber reden. "Wir könnten es natürlich auch totschweigen. Aber "nach Hamburg" können wir ja sehen, ob wir meinen, dass wir noch mal drüber reden müssten, oder ob es in Ordnung ist. so wie es dann ist. Ja. Ok. Was bleibt mir auch anderes übrig, als bis "nach Hamburg" zu warten.

Ich weiß nicht mal genau, wann Du aus Hamburg zurück kommst. Freitag spielst du da in irgendeiner Bar, die ich sicherlich auch kennenlernen werde, wenn ich mit den Mädels da bin. Dann wirst Du wahrscheinlich auch wieder da sein, hast du gesagt. Ich weiß nicht, ob das gut ist für mich. Ich fahr doch nach Hamburg, um mal hier raus zu kommen, um mir und den Mädels was Gutes zu tun, um abzuschalten. Ich weiß nicht, ob ich will, dass wir uns da begegnen.
Bis vor zwei Tagen hat mein Kopfkino mir noch tolle Bilder gezeigt: Wir beide in Hamburg. Weit weg von dieser Stadt, in der Du noch mehr Menschen kennst als in Hamburg, und in der man nicht "in der Öffentlichkeit" mit dir reden kann, ohne dass du betrunken bist und immer wieder andere Leute dazukommen, die dich kennen und mit Dir reden wollen.

Dieser Samstagabend war doch seltsam. Wie wir an der Ecke stehen, an der sich unsere Wege in letzter Zeit des Nachts am Wochenende so oft getrennt haben. 10 Meter von meiner, 30 von der Haustür Deiner WG entfernt. Und es war nicht das erste Mal, dass Du mir gesagt hast, ich solle nicht so viel nachdenken, einfach mal offensiv sein und mit dem Kopf durch die Wand. "Worüber denkst du denn so viel nach im Moment?"

Ich habe Dir schon erzählt, dass es zu Hause gerade nicht besonders gut läuft und, dass die Schule und Freundschaften mich abfucken, aber damit lässt Du Dich nicht mehr abspeisen. Und ich überlege kurz - aber doch zu lange - Dir genau in diesem Moment zu sagen, dass Du derjenige bist, über den ich gerade viel zu viel nachdenke.
Vorher haben wir noch darüber geredet, wie sehr einen dieser elende Interpretationsspielraum kaputt machen kann. Auch darüber denke ich viel nach, denn Du hast mir in den letzten Wochen durch Dein Verhalten, durch Deine Gestik eine ganze Menge Interpretationsspielraum gelassen. Und mich damit geradezu aufgefordert, mich so elendig in Dich zu verknallen. (Wenn ich Dir zum Beispiel meinen Lieblingsfilm ausleihe, von dem du nur weißt, dass er unendlich kitschig ist. Ich Dich dann frage, ob Du ihn schon gesehen hast. Du schreibst: Nee, muss ich noch nachholen. Nachdem ich 20 Minuten lang darauf nicht antworte, schreibst du noch: Außerdem müssen wir den zusammen sehen.. und prompt springt mein Herz vor Freude in die Luft...)
Du weißt es doch ohnehin schon. Trotzdem provozierst Du mich in dieser Situation so, Dir die Wahrheit zu sagen.

Aber all das sage ich Dir nicht. Nicht in diesem Moment. Du bist eh wieder betrunken. Es hätte jetzt keinen Sinn. Es ist doch auch immer noch viel schöner mit uns, wenn wir einfach nur bei mir sitzen und Tee trinken und reden. Wir haben uns immer was zu sagen. und wir sind uns eigentlich so ähnlich. Ob wir uns vielleicht einfach zu ähnlich sind?

Wieder einmal trennen sich hier also unsere Wege und wir gehen beide nach Hause, obwohl sich keiner von uns gerade zu Hause besonders wohl fühlt.
Als ich eine Zigarette später dann im Bett liege, fallen mir noch so viel mehr Dinge ein, die ich hätte sagen können, möglicherweise hätte sagen sollen.
(Was ich allerdings wirklich gesagt habe war, dass ich?s scheiße fand, dass du am Dienstag lieber zum Fußball gegangen bist, als wenigstens noch zum Abspann meines Lieblingsfilms zu bleiben. und daraufhin sagst Du: Hätten wir noch nen Film gucken sollen? Das machen wir auf jeden Fall. "nach Hamburg"!)

Am nächsten Morgen schreibe ich dir. Nehme all meinen Mut zusammen: "Katerkaffee/Kamillentee? Statt Film gucken und ich würde versuchen zu erklären, warum ich nicht ?mit dem Kopf durch die Wand? laufen kann"
Zwei Stunden später bist Du dann tatsächlich hier. Ich gebe dir deinen Kamillentee (-natürlich, was sonst...) und du sagst: Warum?
Ich setzte mich und sage Dir, dass ich mich in Dich verknallt habe. und, dass ich darüber zu viel nachdenke und interpretiere und so. Das erste was Du sagst: "Gestern Abend habe ich drüber nachgedacht, dich einfach mal zu küssen." ( und dann hast Du wohl entschieden, dass es unfair sei oder so.)
Du findest mich cool und Du fühlst Dich wohl, wenn Du hier bist und Du fühlst Dich wohl, wenn Du in meiner Nähe bist. Aber Du findest es einfach schön, so wie es ist mit uns im Moment und Du würdest Dir wünschen, dass es erstmal so bleiben kann.
Das und so viele schöne, liebevolle Dinge sagst Du im Laufe der nächsten zwei Stunden noch zu mir. Es fühlt sich gut an. und ich kann mir sogar vorstellen, dass es so bleibt. Trotzdem wünsche ich mir insgeheim, dass doch noch was aus uns wird.

Nicht gut genug, dennoch ein bisschen kenne ich deine Situation, und verstehe, dass du das gerade nicht kannst. Aber Du hast auch selber gesagt "mal gucken, was dann daraus wird" (wieder einer dieser Sätze mit Interpretationsspielraum..)
"?nach Hamburg? erzähl ich dir mal mehr über mich, und du mir über dich. und wir lernen uns noch ein bisschen besser kennen." ok. Das find ich gut.
Wir haben beide die gleichen Probleme in mancherlei Hinsicht. Das haben wir gestern festgestellt. Und uns beiden gefällt die Vorstellung uns gegenseitig dabei zu helfen.

Auf dem Rückweg sehe ich Deine Haustür. Wie so oft stelle ich mir vor, wie Du küssenderweise mit einer Anderen dort im Eingang stehst und, wie, wenn es so wäre, ich euch sehe und mir wünsche, dass ich diese Frau bin..

Ich denke auch noch an den Gefallen, um den Du mich gebeten hast und weiß, dass ich ihn Dir nicht erfüllen kann und das tut ein bisschen weh.
Ich wollte doch nicht mehr allein sein.

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3 Antworten

Kommentare

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    Ich kenne dich nicht, möchte aber trotzdem gern wissen, wie es ausgeht, bitte!!

    Du hast da einen ganz tollen Text auf die Beine gestellt, sehr mutig über sowas zu schreiben. Ich drücke dir sehr die Daumen, dass es "nach Hamburg" nur noch geradeaus geht, und nicht rechts, links, und rückwärts.
    Alles Gute :)

    24.03.2011, 10:01 von schubia.wanzhaar
    • 0

      @schubia.wanzhaar Danke dir für deine Worte.

      Das würde ich übrigens auch gerne wissen (:
      Bis dahin wird wohl noch eine ganze Menge Tee getrunken werden...

      24.03.2011, 17:04 von littlegermishpixie.
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    Waschbaermädchen hat eigentlich schon alles gesagt, was mir auch dazu einfällt: einfach eine total rührende Geschichte. Ich drück dir die Daumen für ein Happy End!

    22.03.2011, 05:59 von Anders28
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    Das ist wirklich wirklich toll geschrieben und ich sitze grad heulender weise in meinem Bett. Sehr sehr rührend un zugleich furchtbar treffend ausgedrückt! Und sehr umarmungswürdig und nötig! Aber wirklich schön! Gefällt mir sehr sehr gut. Mehr davon, aber bitte mit glücklicherem Ende :)

    21.03.2011, 23:51 von waschbaermaedchen
    • 0

      @waschbaermaedchen danke dir (:

      21.03.2011, 23:58 von littlegermishpixie.
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