Julejuleeee 20.09.2012, 18:24 Uhr 83 76

Käsebrot

Es gibt nur wenige Dinge, die ihr so viel Freude bereiten, wie hier an diesem Fensterplatz zu sitzen mit einem Käsebrot in der Hand.

Sonnenstrahlen tanzen auf der Bettdecke. Tauchen sie in goldenes Licht und werfen ihre Muster an die Wand. Es ist morgens. Ein guter Morgen. Wie könnte diese Tageszeit jemals schlecht sein? Ein sanftes Schmunzeln liegt auf ihrem Mund. Aus dem Bett zu kommen stellt schon seit langem keine Schwierigkeit mehr für sie dar. Mit der nötigen Motivation ist alles möglich. Ohja, und was für eine Motivation! geht es ihr durch den Kopf. Voller Leichtigkeit tänzelt sie ins Badezimmer, um sich für den anstehenden Tag fertig zu machen. Der letzte Blick in den Spiegel. Ein Lächeln zur Probe. In Ordnung. Die widerspenstigen Haare? Ebenfalls akzeptabel. Nun kann der gute Teil des Tages endlich beginnen. Mit einer ganzen Reihe gekonnter Handgriffe hat sie in rasanter Geschwindigkeit einen Kaffee und - wie üblich - ein Käsebrot in ihren Händen und trippelt damit in Richtung Fenster. Ein äußert bequemer schwarzer Ledersessel wartet dort bereits auf sie. Und wie bequem er ist! Entspannt lässt sie sich in die Polster sinken und schiebt dabei mühelos die Vorhänge zur Seite. Ja, so ist die Sicht perfekt. Erneut breitet sich ein Schmunzeln auf ihren Lippen aus. Ein herzhafter Biss in das Käsebrot. Wie sie es liebt aus diesem Fenster zu blicken. Natürlich der guten Aussicht wegen, ganz klar. Die ideale Lage ihrer Wohnung ermöglicht es ihr nämlich, direkt in das gegenüberliegende Fenster zu schauen. Jeden morgen kann sie so den Anblick dieses wunderbaren Mannes genießen. Seinen Namen kennt sie nicht, dafür aber jeden Handgriff, ja jede Bewegung, die er an einem Morgen tätigt. Sie weiß wie verwuschelt sein blondes Haar ist nach dem Aufstehen. Dass er beim Zähneputzen durch die ganze Wohnung rennt und dabei oft auf seinen nackten Oberkörper kleckst. Weiß sogar, dass er jeden zweiten Tag Müsli zum Frühstück isst und dazu immer einen Orangensaft trinkt. 
Ja, sie kennt die Gewohnheiten dieses Mannes in und auswendig und es gibt nur wenige Dinge, die ihr so viel Freude bereiten, wie hier an diesem Fensterplatz zu sitzen mit einem Käsebrot in der Hand. 
Von Anfang an war sie fasziniert von ihm. Er hatte sie in seinen Bann gezogen, ohne selbst etwas davon zu wissen. 
Ob sie verliebt ist? Auf diese Frage hat sie bis jetzt auch keine passende Antwort. Kann man  in einen Mann verliebt sein, dessen Gewohnheiten einem fast so vertraut sind wie die eigenen, den man aber dennoch eigentlich nicht kennt? 
Trotz alledem erscheint es ihr so, als wäre heute irgendetwas anders. Was es ist, kann sie nicht genau sagen. Ist es die Art und Weise seiner Bewegungen? Die Tatsache, dass er heute schon früher aufgestanden ist als sonst?
Das letzte Stück Käsebrot findet den Weg in ihren Mund und das heißt gleichzeitig, dass es Zeit ist aufzubrechen. So schwer es ihr auch jedes Mal fällt die Augen von ihm abzuwenden. Schnell werden die Vorhänge zugezogen, die Sachen für die Arbeit geschnappt und los geht's. 

Der Abend rückt näher und somit auch das Ende des Tages. Klappernd schließt sie die Wohnungstür auf, wirft Jacke und Tasche auf einen Stuhl und hastet dann in Richtung Fenster. Wie sehnsüchtig sie sich auf diesen Moment gefreut hat! Mit einem Ruck schiebt sie die Vorhänge weg, doch dann kommt der Schlag mitten ins Gesicht. Gähnende Dunkelheit starrt ihr entgegen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Angestrengt versuchen ihre Augen das schwarze Dickicht zu durchdringen, das sich aus dem gegenüberliegenden Fenster ausbreitet. Wie kann das sein? Es ist genau die richtige Zeit, das weiß sie. Er muss da sein! Ist ihm etwas zugestoßen? Wo ist er? 
Langsam gewöhnen sich ihre Augen an die Dunkelheit. Umrisse lassen sich allmählich erahnen. Wieder fühlt es sich an, als würde ihr jemand einen festen Hieb verpassen. Das Zimmer ist leer. Etliche Kartons und eine Matratze sind die einzigen Dinge, die sich noch darin befinden. Was ist nur passiert? 
Für einen kurzen Moment schließt sie die Vorhänge und lässt den Kopf darin versinken. Danach schiebt ihre Hand den Stoff wieder vorsichtig  zur Seite, in der Hoffnung nun ein völlig anderes Bild vorzufinden. Vergeblich. Erneut blickt ihr die schwarze Leere direkt ins Gesicht. Unendlich viele Gedanken hallen in ihrem Kopf wider und zwingen sie schließlich in die Knie. Nur mit großer Mühe erkämpft sie sich ihren Weg ins Bett, wo sie zitternd und zusammengekauert in einen unruhigen Schlaf fällt. 

Regentropfen prasseln unaufhörlich und dumpf gegen die Scheiben. Es ist morgens als sie die Augen aufschlägt. Beinahe im selben Moment kommen auch die Erinnerungen des letzten Tages zurück und sie starrt regungslos an die Decke. Nach einer gefühlten Ewigkeit quält sie sich aus dem Bett und trabt in gemächlichen Schritten in die Küche, um sich wie üblich ihr morgendliches Käsebrot zuzubereiten. Rein aus Gewohnheit, aber ohne jegliche Erwartungen, schlurft sie danach zum Fensterplatz und lässt sich in ihren Sessel fallen. Unentschlossen bleibt ihr Blick am Stoff der Gardinen hängen bis sie diese letzten Endes sehr zögerlich beiseite schiebt. Erneut präsentiert sich ihr ein Bild mit dem sie nicht gerechnet hatte. Anstatt ein leer geräumtes Zimmer vorzufinden, wird ihre Sicht durch eine mit Papier zugeklebte Scheibe verdeckt. Um besser sehen zu können kneift sie ihre Augen fest zusammen und versucht angestrengt die Aufschrift zu entziffern, die ihr entgegen ragt.  Im selben Moment erfasst ein sanftes Schmunzeln ihre Lippen. Ihre Augen überfliegen erneut den Satz auf dem Papier im Fenster und eine Gefühlswelle durchströmt sie im gleichen Augenblick. 
„Lust auf ein gemeinsames Käsebrot in meiner neuen Wohnung?"




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Tags: Käsebrot
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83 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Das Zimmer ist leer. Etliche Kartons und eine Matratze sind die einzigen
    Dinge, die sich noch darin befinden. Was ist nur passiert?


    Da frag ich mich, wie alt sie ist. Mir kommt sie nämlich nen bisschen dumm vor. Oder, naja, sagen wir mal: einfältig.

    02.10.2012, 11:38 von halbkindmf
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  • 0

    das ist süss und ich dachte schon an Mord und Todschlag hha 

    02.10.2012, 11:09 von ahimas93
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  • 0

    oh und ich hab zuerst schon mit dem "Schlimmsten" gerechnet :)

    27.09.2012, 23:50 von arsvitae
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Juchu ! Robot - User !!!

      27.09.2012, 09:18 von cosmokatze
  • 2

    Wenigstens in den Tags hätte Helge Schneider mal auftauchen können... Menno!

    25.09.2012, 13:41 von LudwigMartin
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  • 0

    das is ja total toll :) wie im film :) ich will auch sowas! sofort! leider sind meine nachbarn alt...verdammt...und jetzt?

    25.09.2012, 09:39 von lil_ann
    • 0

      Umziehen heißt da die Devise.

      25.09.2012, 13:49 von Tanea
    • 0

      aber...aber ich MAG meine wohnung :(

      25.09.2012, 13:55 von lil_ann
    • 0

      Da mußt du dich wohl entscheiden...
      Kleine Mädchen können nicht immer alles kriegen im Leben.

      25.09.2012, 14:00 von Tanea
    • 1

      nicht? aber ich WILL :(
      na gut. dann nicht :)
      würde mir eh nicht passieren sowas :/

      25.09.2012, 14:04 von lil_ann
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  • 0

    Der Text gefällt mir.

    Dieses Mädchen, das einfach mal jemanden kennenlernt und sich in ihn verliebt ohne dass er davon weiß. Vielleicht plant sie ja schon ihr gemeinsames Leben oder malt sich Szenarien im Kopf aus, die so nie stattfinden werden.
    Dann die Erschütterung dass er weg ist.
    Finde ich ziemlich realistisch, erinnert mich an mich selbst ;D
    Aber bei dem Ende hätte ich fast Glitzer gekotzt...

    24.09.2012, 15:37 von Matsu.la.petite.combattante
    • 0

      Wie aussieht weiß er ja doch irgendwie davon, ne :)

      25.09.2012, 10:01 von halbkindmf
    • 1

      Du hast das toll zusammen gefasst:


      Aber bei dem Ende hätte ich fast Glitzer gekotzt...
      :D

      25.09.2012, 13:49 von Tanea
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  • 3

    So ein erzwungener Tiefgang durch bemüht exzentrisch kreierte "besondere" Protagonisten. Er isst jeden zweiten Tag Müsli? Echt jetzt??

    24.09.2012, 10:54 von LauraPhilomenaTheresa
    • 0

      Wieso eigentlich nur jeden zweiten Tag??


      26.09.2012, 12:19 von onyparlefrancais
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  • 3

    die geschichte ist gesteuert durch das allgegenwärtige suchen nach dem "perfekten" partner und dem happy end.

    und auch wenn er mich nicht kennt, er weiss und erfühlt, was ich brauche und benötige, was ich ersehne und will. und er ist genauso verrückt und kreativ wie ich und kommt von selber darauf, wie er mich glücklich machen kann. und tut es dann auch.

    in der besten aller möglichen liebeswelten. ach hollywood.

    nein danke, der text macht mir zahnschmerzen.

    und käsebrot und kaffee am morgen geht ja gar nicht...



    24.09.2012, 09:08 von RedSonja
    • 2

      Danke Sunny, da haste glatt in Worte gefasst, was ich in mir nur als difuses Störgefühl verorten konnte.

      24.09.2012, 09:22 von Tanea
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  • 1

    oh wie kitschig und lahm!

    oh wie schoen es dadurch doch wird! :)

    23.09.2012, 23:46 von snaty
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