Klavierflirtuosin 03.04.2011, 16:56 Uhr 15 25

(K)ein Wunschkonzert

Komm, ich erzähl dir eine Geschichte. Eine von denen, die das Leben schreibt, von denen Du aber glaubst, sie würden nie passieren.Meine Geschichte.

Irgendwo in Berlin Kreuzberg. Du sitzt mir gegenüber, wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen, aber für uns hat es keine Bedeutung, da wir nicht zu denen gehören die sich entfremden, denn Distanz ist für uns keine Größe, bietet keinen Widerstand. Es ist, als würden unsere Lebensfäden wild miteinander tanzen, sie vollführen ihre Figuren nicht sanft und synchron nebeneinander, viel mehr nutzt jeder jenen Raum der ihm gegeben ist, entfaltet sich, zieht sich zurück, variiert in seinem Tempo, oft genug begegnen sich die beiden und bilden ein vertrautes Miteinander. Wie auch dieses Mal.

Da sitzt Du und lächelst mich an, mit deinen Händen umfasst Du die warme Kaffeeschale, über deren Rand mir deine grünen Augen freundlich zublinzeln. Gerade noch haben wir unsere gemeinsamen Jahre Revue passieren lassen, haben uns ins Gedächtnis gerufen, wie es war, als wir die Schulbank drückten, unvergessliche Urlaube planten, mit einem berauschenden Gefühl die ersten Partys besuchten, um den Geschmack der Freiheit zu kosten und mit unbekannten Jungs flirteten.

Für einen kleinen Moment verleihen wir diesen Augenblicken neues Leben, während sie sich vor unserem geistigen Auge abspielen. Oftmals sind es schöne Erinnerungen, viele davon sind noch immer eine Anekdote wert, andere hingegen bedürfen keiner unzähligen Worte und es genügt ein wissender Blick. Nun schweigen wir, ein jeder hängt seinen Gedanken nach, und auf meinem Gesicht breitet sich ein flüchtiges, nicht zu deutendes, für andere kaum bemerkbares Lächeln aus. Du kennst mich zu gut, als dass ich es vor dir verbergen könnte, und so fragst du mich, woran ich denken würde.

Was folgt, ist ein kurzes Zögern. Natürlich könnte ich lügen. Könnte mich mit einer unbedeutenden Bemerkung deinem forschen Blick entziehen. Aber wir beide wissen, dass ich es nicht tue. Nie tun würde. So mache ich es mir in dem behaglichen Sessel gemütlich, verschränke die Arme vor dem weichen Kissen und beginne:

Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte. Sie ist weder besonders glanzvoll, noch findet sie ein glückliches Ende. Warum ich sie dir erzählen möchte? Weil sie wahr ist. Lebensnah. Und doch nicht fassbar.

Zuweilen gibt es jene Menschen, die deinen Blick länger fangen als andere, sich irgendwie aus der Masse hervortun, nicht auf eine besonders bemerkenswerte Art und Weise, sondern zurückhaltender, subtiler. Die, von denen du denkst, dass du sie mögen könntest, würdest du sie besser kennen lernen, denkst, sie seien dir vielleicht ein kleines bisschen ähnlich.
Auch für mich gab es einen solchen Menschen: einen, den ich gerne gefragt hätte, welche Musik er mag, was seine Lieblingseissorte ist, wohin er einmal reisen möchte, was ihn glücklich macht, wovor er sich ängstigt und in welchen Momenten er sich einfach nur frei fühlt.

Es ist nicht so, dass du immerzu an diesen jemanden denkst, dir den Kopf darüber zerbrichst, wie du mit ihm ins Gespräch kommen könntest, aber wenn du ihn siehst, fasziniert er dich jedes Mal aufs Neue. So war das bei ihm und mir und wie es war, war es gut und vor allen Dingen: Es war mir genug.
Ich dachte nie ernsthaft darüber nach, wie es wäre, mit ihm zu reden, ihm diese Fragen zu stellen und auch nicht darüber, welche Antworten ich wohl erhalten würde.
Ich lebte mein Leben, tat das, was mir Freude bereitete und auch solches, was meine Pflicht war und dieser auszuweichen keinen Sinn ergab. Und erst wenn ich dem Menschen begegnete, erst dann war er wieder in meinen Gedanken. Bis zu diesem einen Abend. Er veränderte alles.
Mit einem Mal stand er da. Einfach so. Und ohne mein Zutun, ohne, dass ich es überhaupt wollte, bemerkte er mich.

Was ich empfand, war ein einziges Wirrwarr, eine Spur ehrlicher Freude und ein lähmendes Durcheinander aus einem Übermaß an Verwirrung und Ungläubigkeit, so dass ich weder wusste, ob ich etwas tun sollte, noch was ich vielleicht hätte tun können. Das hier war etwas, das man sich nie hätte vorstellen können, nie ansatzweise in Betracht gezogen hatte und doch passierte es. Und ich wusste nicht damit umzugehen.

Mich zu überraschen ist die einzige Eigenschaft, von der ich sicher weiß, dass er gut darin ist. Ich fand an ihr Gefallen, denn wenige Tage später erblickte ich sein Gesicht erneut und abermals lächelte es mich an. Einfach so.
Und wieder überkam mich dieses Gefühl von plötzlichem Unbehagen, unerklärlicher Befangenheit.
In meiner Vorstellung durchquerte ich den Raum und sagte zu ihm etwas wie : "Schön, dass du da bist". Und es wäre wahr gewesen. Was ich stattdessen tat? Ich trank Bacardi, viel zu viel Bacardi, von dem ich eigentlich genau wusste, dass ich ihn nicht vertragen würde.

Mit ihm war es, als durchlebe man gnadenlos und geradezu unerbittlich ein perfekt einstudiertes Déjà-Vu, immer und immer wieder. Einer nicht ausklingen wollenden Endlosschleife folgend war es die fortwährend gleichbleibende, nur allzu vertraute Szenerie: Wir beide, er und ich, am selben Ort, zur selben Zeit. Einfach so. Und dann? Nichts.
Bis mich eine Nachricht von ihm erreichte in der es hieß, er würde bald in eine andere Stadt ziehen. An deren Ende blickte ich auf einen traurigen Smiley.

Würdest Du mich fragen welche Wesenszüge ich an einem Menschen besonders schätze, dann wäre es für mich die Fähigkeit im entscheidenden Moment ehrlich, als auch direkt zu sein. Ein "Ja" nehme ich als solches wahr, ebenso wie ein "Nein" für mich ein "Nein" bedeutet, ein "im Grunde genommen ja, aber..." hingegen ist schwerer zu bewältigen.
Aber soll ich dir etwas verraten? Was es ist, das mir wirklich unerwartet nahe geht?
Ein "im Grunde genommen ja, aber...". Zusammen mit einem traurigen Smiley.
So war das bei ihm und mir und irgendwie war es nicht gut, so wie es war.

Ich kann dir nicht erklären, weshalb ich auf diese Weise fühlte, es war kein Kummer den man verspürte wenn einem der Schulhofschwarm vor versammelter Klasse einen Korb gab, viel mehr stimmte es mich traurig, dass sich ein Mensch selbst solche Grenzen setzen konnte und es doch eigentlich nicht wollte. Also hakte ich nach. Und machte das, wovon ich nicht wusste was es nun war, wofür es keinen passenden Begriff gab der all dies in seinem Innersten erfassen konnte, nur noch komplizierter.
Weil ich nicht verstehen konnte was mit uns passierte.

Erinnerst Du dich an die Stelle, an der ich dir erzählte es sei zwischen uns so gewesen, als wiederhole sich immerfort ein altgewohntes Ereignis, als würdest Du einen Film schauen der unablässig ohne dein Eingreifen an einem bestimmten Punkt stehenbleibt, sich eigenhändig zurückspult und dir die nur zu gut bekannten Bilder vor Augen führt?
Eines Tages sah ich in wieder. Sah ihn unausweichlich auf mich zukommen, ihn an mir vorüber gehen, doch er drehte sich nicht um. An diesem Tag begegnete ich ihm drei Mal. An verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten. Und jedes Mal fragte ich mich, warum es geschah, wollte nicht, dass er ging, wünschte mir, er würde für einen Augenblick innehalten.

Irgendwann überwand ich meine Unsicherheit, trat ihm in den Weg, doch alles was er sagte war, er könne mir nicht geben wonach ich streben würde, ich wolle ihn nicht verstehen und das klang nicht richtig, aber auch nicht falsch.
Ich fand nicht die passenden Worte, dachte fieberhaft über das nach, was ich eigentlich nicht aussprechen wollte und blieb stumm.
Konnte es nicht begreifen, nicht wirklich erfassen.

In Gedanken träumte ich mich auf eine Bühne, ein Ort, an dem ich mich wohlfühlte, ganz ich selbst sein konnte und doch jemand anderes war.
Ein Ort, an dem Du nicht alleine bist, wo dir eine Souffleuse leise deinen Text zuflüstert wenn Du nicht mehr weiter weißt. Einer, an dem der Regisseur die Szene unterbricht wenn nichts mehr stimmt. Das alles wünschte ich mir.
Und was tat ich? Ich ging. Und damit endet meine Geschichte. Einfach so.

Jetzt lächelst Du nicht mehr , blinzelst mir nicht mehr freundlich zu.
Ich blicke in deine grünen Augen und es ist, als würde ich in einen Spiegel sehen: Denn alles was ich in ihnen sehen kann ist etwas, wofür Worte allein nicht genügen.

Du fragst mich was ich tun, was ich sagen würde, sollte ich diesem Menschen noch einmal begegnen. Und ich antworte dir, ich wüsste es nicht genau.
Aber ich sei mir einer Sache sicher:
Diesmal würde ich den Raum durchqueren und zu ihm sagen: "Lass es uns vergessen. Einfach vergessen." Und: "Schön, dass Du da bist."

Ich weiß nicht, warum die Geschichte ist wie sie ist, warum einem das Leben manchmal so viele Gelegenheiten bietet, nur um dir zu zeigen, dass Du nicht fähig bist sie zu nutzen. Wo auch immer sie dich hinführen mögen. Ich hätte es gerne herausgefunden.

Vielleicht beweist es einem ja auf diese Art und Weise seinen ganz eigentümlichen Sinn für Humor. Besser wäre es, wenn man trotzdem darüber lachen könnte. Erst ironisch. Dann mit einer kleinen Spur Wehmütigkeit. Aber letztendlich aus vollem Hals.
Es ist eines jener Gelächter, welches sich seinen Weg ohne Ankündigung durch die Kehle bahnt, keiner Anstrengung bedarf und einzig und allein von der Widersinnigkeit des Momentes zehrt.
Doch irgendwann verstummt auch dieses, man kommt zur Ruhe, kann wieder richtig atmen, das freudlose Lachen weicht abermals der Verwirrung und man fragt sich, was das denn war.

Und das ist es, was am Ende bleibt: Ein einzelnes Fragezeichen. Und die bittere Erkenntnis, dass es der Mensch ist, welcher sich manchmal selbst am meisten im Wege steht.
Dabei hätte es nicht viel gebraucht dies zu ändern.
Nur ein bisschen Mut.

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15 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Der Text ist etwas anstrengend. Durch die langen, verschnörkelten Sätze, verliert man leicht den Faden.
    Was ich gut finde sind die Freiheiten, die der Text dem Leser offen lässt. Platz für eigene Interpretationen...

    09.04.2011, 18:18 von Ulise
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  • 0

    Mmmmhhh... Ich mag Deinen Schreibstil! Aber so richtig hat sich mir der Sinn des Textes nicht erschlossen. Korrigier mich, wenn ich mich irre, aber eigentlich ist doch nie etwas passiert, oder? Also bleibt alles... "was-hätte-sein-können" nur ein Gedankenspiel, die Wehmut einer vermeintlich verpassten Gelegenheit für..., für was?

    05.04.2011, 23:25 von stoertebekerHH
    • 0

      @stoertebekerHH Erstmal: Schön, dass dir meine Art zu schreiben gefällt, danke :)

      Mh, ich kann deine Anmerkung sehr gut nachvollziehen und du hast nicht ganz Unrecht.
      Um es für dich besser verständlich zu machen, müsste ich wohl mehr ins Detail gehen.
      Deswegen fällt es mir etwas schwer dir eine angemessene Antwort darauf zu geben.

      Aber vielleicht kannst du den Text ja einfach als kleinen "Mutig(er)macher" im Allgemeinen sehen ;)

      06.04.2011, 08:12 von Klavierflirtuosin
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  • 0

    und die nächste Déjà-Vu-Phase nutzt Du um die Erkenntis umzusetzen! Du durchquerst den Raum... Glaub mir, ihr seht Euch wieder. Und jeder für sich ist an dieser Geschichte gereift... ;)

    05.04.2011, 22:24 von Lellop
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    Und am Ende bleibt das bisschen Mut, das gefehlt hat übrig stehen.
    Dennoch ein berührender Text, der famose Bilder schafft, schön.

    05.04.2011, 18:17 von Kadipurzel
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  • 0

    Sehr guter Artikel.

    05.04.2011, 18:12 von Tiger.Ente
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  • 0

    irgendwie nervt mich der text. so schwammig und verwirrt .. gefällt mir nicht.

    05.04.2011, 14:42 von la_lionne
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  • 0

    seufz, schön. Auch wenn ein paar handfeste Tatsachen fehlen und das Wage etwas nervt. Seufz. Hach ja, schön

    05.04.2011, 13:08 von Kiwisalz
    • 0

      @Kiwisalz Ich fürchte, wenn ich ein paar mehr handfeste Tatsachen mit hätte einfließen lassen, dann würden die Kommentare noch trauriger klingen.

      Nachtrag am 06.04.2011 - 07:54 Uhr:
      Also bezüglich dessen, was es kompliziert gemacht hat.

      05.04.2011, 21:37 von Klavierflirtuosin
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  • 0

    ich finde den Text großartig. Vor allem gefällt mir dein Schreibstil. Und Generell ist der Text echt gut verfasst.
    ich bin komplett begeistert :-)
    Vielleicht auch, weil ich diese Situation kenne.

    05.04.2011, 12:41 von iwontleave
    • 0

      @iwontleave Dankeschön!
      Daran waren die Nacht und eine Kanne Tee nicht ganz unbeteiligt. :)

      06.04.2011, 07:57 von Klavierflirtuosin
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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