Juli
Eigentlich geht es nicht um Juli. Das wäre gelogen. Es geht um Friedrich und Karla und Kuba. Je nachdem, wie man die ganze Sache betrachtet.
Juli und Friedrich kannten sich schon eine Weile. Zwei oder drei Jahre bestimmt. Und obwohl Friedrich irgendwie fehlsozialisiert und emotionsdebil war – und Juli das genaue Gegenteil mit ihrer Mitteilsamkeit und ihrer Feinfühligkeit – waren sie Freunde. Gute Freunde, die sich viel erzählten. Und so erzählte Friedrich Juli irgendwann von Karla. Karla, die er schon seit Ewigkeiten kannte. Und mit der ihn eine nicht näher definierte Beziehung verband. Sie waren kein Liebespaar, aber sie waren auch keine Freunde. Es war eher so als hätten er und Karla permanent versucht, auf einem recht schmalen Steg von einem zum anderen Status zu wandern. Das ging genau so lang gut, bis sie sich an einem Punkt trafen. Denn wie es mit schmalen Stegen und mehreren Leuten so ist: entweder man hat eine gute Technik um miteinander umzugehen, oder man fällt. Im besten Fall reißt einer den anderen in die Tiefe. Friedrich und Karla hatten keine gute Technik. Ihre Erwartungen aneinander legten allerdings die Latte – oder in dem Fall den Steg – recht hoch, was den unvermeidlichen Fall dann auch bemerkenswert tief machte. Juli bemühte sich, Friedrich dann aufzufangen.
Irgendwann lernte sie Karla kennen. Die beiden hatten gemeinsame Interessen, einen ähnlichen Musikgeschmack und vor allem den gleichen Sinn für Humor. Sie mochten sich auf Anhieb und auch wenn Friedrich häufiger halbherzig betonte, er würde es bereuen sie einander vorgestellt zu haben, waren die gemeinsamen Abende schlicht und ergreifend schön. Irgendwann hatten Friedrich und Karla eine Definition für das gefunden, was sie verband. Sie hatten sich darauf geeinigt, es mit so etwas wie einer „echten“ Beziehung versuchen zu wollen. Juli fand das gut. Nicht, dass Juli irgendeine Art Mitspracherecht gehabt hätte. Aber sie freute sich für ihre Freunde. Und wenn sie einmal mehr übereinander stolperten, fing Juli alle beide auf. Oder versuchte es zumindest
Und dann kam Kuba. Karla brachte ihn mit. Kuba, der eigentlich Jakub hieß. Kuba war lustig und charmant. Man verstand sich gut und unternahm immer häufiger auch Dinge zu viert. Oder zu zweit oder zu dritt in verschiedensten Konstellationen. Und während Friedrich und Karla an ihrer Beziehung arbeiteten, kamen Juli und Kuba sich näher. Jedenfalls irgendwie. Sie fanden sich anziehend, so viel war sicher. Es hätte weitergehen können.
Aber jetzt haben sich Friedrich und Karla getrennt. Weil sie zu viel voneinander erwarteten und zu wenig aufeinander vertrauten. Weil sie sich Dinge vorwarfen, die sie selbst falsch machten. Und weil Liebe manchmal halt so ist. Weil Karla Friedrich betrogen hat – wovon er nichts weiß, es aber ahnt und weil Friedrich den Betrug trotzdem fühlen kann.
Und Juli fühlt sich hilflos, weil auf einmal jeder zu ihr kommt, um sich auszuweinen und sie keine Ahnung hat, wie sie helfen kann. Andere auffangen funktioniert nur dann, wenn sich nicht alle Beteiligten mit voller Absicht in den Abgrund stürzen. Und dann kommt dazu, dass Juli selbst gerade nicht ganz auf der Höhe sondern eher im freien Fall ist. Denn Juli hat sich in Kuba verliebt. Sie weiß nicht genau, wann das passiert ist. Aber sie ist sich dessen sicher. Vielleicht war es, nachdem er ihr zum ersten Mal gesagt hatte, dass sie besonders sei. Oder als sie sich dabei ertappte sich zu wünschen, er würde sie im Arm halten. Aber eigentlich ist es auch egal wann das geschehen ist. Denn wichtig ist nur, dass es so ist. Und dass Kuba ihr gesagt hat, dass er sie auch mag – sehr sogar.
Nur leider ist das nicht alles. Denn Karla hat Friedrich
nicht mit irgendjemandem betrogen. Sie hat mit Kuba geschlafen. Und Kuba hat
auch gesagt, dass er in Karla verliebt war. Und manchmal verhält er sich so,
als ob sich das nicht geändert hat. Juli sitzt dann da und würde am liebsten
schreien oder etwas kaputt schlagen. Aber Juli ist vernünftig. Sie schreit
nicht. Sie hört zu. Allen. Friedrich, wenn er davon erzählt, wie sehr er Karla
vermisst. Und Karla, wenn sie von ihrem Neuen spricht. Und Kuba, der von Karla
spricht. Und obwohl sie sich so betrogen fühlt, wie alle anderen, spricht keiner von Juli.




Kommentare
Das stöbern in deinem Textarchiv wird immer interessanter.
17.05.2012, 11:56 von zehnmomenteDanke für solche Texte:)
Also... ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, da spricht jemand mit nem Psychologen in dritter Person über sich selbst. So von wegen, ich hab da einen Freund und dem ist das und das passiert, was soll ich dem Freund denn nun sagen, was er machen soll?...
21.01.2012, 01:42 von nyx_nyxMerkwürdige Erzählform irgendwie.
Und dann hatte ich da die zwei Esel(?) auf der Brücke im Kopf. Kennst du die Geschichte?
"Andere auffangen funktioniert nur dann, wenn sich nicht alle Beteiligten mit
19.01.2012, 15:21 von Dr.Brotvoller Absicht in den Abgrund stürzen."
wunderbar !
Ich mag den letzten Satz. :)
19.01.2012, 14:06 von halbkindmfHerrlich, herrlich, herrlich!
19.01.2012, 10:29 von SirLukeDiese Schwere, trotz der leichten Sprache und die Situation an sich - das Leben schreibt die schönsten Geschichten.
Nicht meine Art Text, habs überflogen, kann ich nix mit anfangen. Sprachlich und so aber sicher solide gemacht... da man keine Bezug zu den Protagonisten hat, fällt es sehr schwer, sich mir irgendwem davon zu identifizieren, am Ende bleibt dann nur so ein: "irgendwann sind die Teenies auch Erwachsen-Gefühl"...
18.01.2012, 10:13 von ChiralWas hat denn "erwachsen sein" für einen signifikanten Vorteil in einer solchen Situation, außer vielleicht, dass man sich eventuell eleganter zu verstellen weiß?
18.01.2012, 16:07 von holo...Oder meinst du mit "erwachsen sein" die Kunst, frische Freundschaften auf emotionaler Sparflamme zu halten, um ja keinen erotischen Subtext aufkommen zu lassen? In diesem Fall bleibe ich gerne Teen :D
Nicht, dass das "meine Art Text" wäre, ich mein ja nur...
Erfahrung in solchen Beziehungssachen...
19.01.2012, 12:46 von ChiralSo etwas fand ich bis 25 ja auch noch spannend, aber heute (bin nun älter als 25) möchte ich doch eher Konkretheit.
Anders: "Aber Juli ist vernünftig. Sie schreit
nicht. Sie hört zu."
Wenn (bzw. solange) das für einen gut funktioniert....für mich wäre das nichts...
Zu wissen was Freunde und was Bekannte sind, gehört da sicher auch mit dazu.
Das erinnert mich rein thematisch an einige der Texte, die ich in letzter Zeit hier gelesen hab. Soll wahrscheinlich Absicht sein, um zu zeigen, wei einfach doch eigentlich alles ist, wenn man es eben nicht selbst kompliziert macht.
18.01.2012, 10:01 von TaneaNetter Text. Habs gern gelesen.
Ein schönes Stück Puppentheater. Das ist Dir gut gelungen. Und wirklich so ehrlich, wie es Dir möglich ist.
18.01.2012, 09:31 von Kokomikogut.
17.01.2012, 22:48 von KingKonschdi