Mme_Butterfly 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 7

Jill Price

„Das Vergessen ist der Verlust von Erinnerung.“

Ich sitze auf meinem Balkon, nippe an meinem Glas Wein. Nur ein Alibi dafür, dass ich die restliche Flasche in einem großen Schluck geleert habe. Gedankenverloren ziehe ich an meiner Zigarette. Atme ein, atme aus. Fast so als würde ich auf ein Wunder warten.
In ein wohliges Rot färbt die untergehende Sonne den Himmel am Horizont. Die Engel backen Plätzchen. Oder aber du schmorst in der Hölle. Ich hoffe Zweiteres. Ein kurzes Gefühl von Überlegenheit zischt durch meinen Körper. Mit dem nächsten Einatmen ist es nur noch ein schleierhafter Nebel, sowie der Rauch der Zigarette, der durch meine Lungen strömt. Beim Ausatmen ist es verschwunden.

„Das Vergessen ist der Verlust von Erinnerung.“

Ich habe vergessen, was ich vor einer Woche gefrühstückt habe. Vermutlich das Gleiche wie immer. Müsli mit einem starken Kaffee. Trotzdem kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie ich Joghurt und Haferflocken vermischte und gleichzeitig den Kaffee brühte.

Ich habe vergessen, wie ich letzten Dienstag zur Arbeit fuhr. Vermutlich mit dem Fahrrad. Wie immer. Trotzdem kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie ich mein Rad aufschloss und an der ersten Kreuzung links abbog.

Dich habe ich nicht vergessen. Ich kenne jedes Detail unserer kurzen Gespräche. Kann mich an die Bewegung deiner Lippen erinnern. Weiß an welchen Stellen du mich berührtest. Ich könnte die Wege, die deine Hände nahmen, in derselben Reihenfolge nachfahren.

„ Der Mensch vergisst über die Zeit hinweg kontinuierlich, wobei die Geschwindigkeit und der Umfang des Vergessens von vielen Faktoren abhängig sind, u. a. vom Interesse, von der Emotionalität der Erinnerung und „Wichtigkeit“ der Information (Essentielles vor Details).“

Ich kippe noch einen Schluck Wein hinunter. Bin ich etwa kein Mensch? Oder funktioniert dieses kontinuierlich bei mir einfach ein bisschen anders? Interesse, Emotionalität und Wichtigkeit scheinen die drei ausschlaggebenden Faktoren zu sein. Ich denke nach. Interesse: Hattest du nie. Schlussfolgerung: Ich sollte dich vergessen. Emotionalität. Ich lache. Welche Emotionen? Ich erinnere mich, dass deine Augen jedes Mal die Farbe von Traurigkeit annahmen, wenn du über deine Exfreundin sprachst. Schlussfolgerung: Vergessen. Wichtigkeit der Information. Unwichtig. Schlussfolgerung: Vergessen.

Logisch durchdacht müsste ich dich also ohne Probleme aus meinem Kopf verbannen können. Ich ziehe an meiner Zigarette. Es kribbelt in meinem Hals. Ich spüle mit einem Schluck trockenem Rotwein nach.

„Forschungen zum Prozess des Vergessens sind ein wichtiger Bestandteil der Gedächtnisforschung. Die genaue Funktion des Vergessens ist noch größtenteils ungeklärt.“

Ich muss lachen. Wie kann etwas so einfaches ungeklärt bleiben? Die genaue Funktion des Vergessens ist vergessen. Dich Vergessen, deine Worte, deine Berührungen und deine traurigen Augen. Platz schaffen für neue Gedanken. Gedanken, in denen du keine Rolle spielst. Das wäre schön, denke ich. Und wohl die logischste Funktion des Vergessens. Ich schaue in mein leeres Weinglas. Der Boden ist bedeckt von einer kleinen Lache roter Flüssigkeit, die sich langsam ans Glas krustet.

„Einige wenige Menschen können nicht vergessen. In den USA ist eine Frau namens Jill Price seit dem Jahr 2006 wegen dieser Fähigkeit berühmt. Forscher der Universität Irvine (USA) haben das Phänomen „Hyperthymestisches Syndrom“ (etwa: außergewöhnliches Gedächtnis) genannt.“

Jill Price. Ich muss schmunzeln. Nicht nur über ihren Namen, der mich nach einer Flasche Wein glucksen lässt wie eine 5. Klässlerin. Auch darüber, dass ich mich frage was daran so besonders sein soll. Jill Price. Dich gibt’s hier draußen millionenfach.

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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    schon mehrmals gelesen, würd jedes mal aufs neue aufs herzen klicken :)

    02.03.2014, 22:17 von stummekoenigin.
    • 0

      Das freut mich sehr :)

      03.03.2014, 17:15 von Mme_Butterfly
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  • 0

    richtig guter text! ich erkenne mich so wieder... in mir steckt definitiv auch eine jill price. und weil ich damit definitiv kein geld verdienen werde... will ich lieber keine sein...

    26.02.2014, 23:47 von pilila
    • 1

      Vielen Dank :) Ich denke auch, dass eine Jill Price wohl reicht!

      27.02.2014, 16:46 von Mme_Butterfly
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