danaea 08.01.2009, 17:11 Uhr 74 41

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Dann hast du nach mir gerufen, und weil wir ja Freunde waren, habe ich mich umgedreht.

In deinen Augen kann man bis hinter den Horizont schauen wenn man will. Sie eröffnen blaue Räume, in denen man sich verliert, weil es dort keine Wände gibt und keine Türen. Nur ein Fenster. Durch das ich gerne geschaut habe damals. In der Hoffnung, dahinter ein Stück von dir zu erhaschen.
Als sich unsere Worte zum ersten Mal gekreuzt haben und unsere Blicke sich zum ersten Mal auf der Haut des anderen verloren haben, war ich wirklich verzaubert. Jedem Anfang?

Gefühlte tausend Monate sind seitdem vergangen. Andere Hände haben sich in meinen verstrickt, und deine in festen. Im Nachhinein hätten wir es damals schaffen müssen, wieder einige Schritte rückwärts zu gehen. Um sehen zu lernen. Den anderen. Vollständig. Und nicht nur die Teile, die man so gerne angesehen hat, weil man sich an sie gewöhnt hatte und der Rest irgendwie unscharf wurde, weil man zu nahe dran war, um richtig hinzukucken.
Ich sehe dich immer noch nicht scharf. Ich interpretiere. Weil ich diesen Abstand nie gewinnen konnte. Weil jeder Schritt von mir rückwärts einen von dir vorwärts zur Folge hatte. Und umgekehrt. Der Abstand zwischen uns blieb immer derselbe.
Wir waren nahe genug, um dem anderen Locken in die Haare zu lachen. Und nahe genug, um Tränen zu zählen. Nahe genug, um gerade noch ein bisschen des anderen zu sehen. Vor dem Scharfsehen hatten wir genauso große Angst wie vor dem Augenschließen.

Bei dir habe ich immer damit gerechnet zu stolpern. Weil deine Hand mich so oft nicht gehalten hat. Sondern manchmal sogar gestoßen. Ich habe mir Knie und Ellenbogen verbunden. Viele Male. Du hast lange Zeit nur Narben auf meiner Haut hinterlassen. Weil du gerade nicht hingesehen hast, als ich wegen dir ins Stolpern geraten bin. Und auch wenn meine Hände verwundet waren, habe ich sie dir trotzdem gereicht, wenn du ins Taumeln gerietest. Davon hast du nur lange nichts bemerkt. Wie gesagt, wir standen wohl zu nahe aufeinander.

Als sich plötzlich alles geändert hat, habe ich schon nicht mehr daran geglaubt. Hatte den Zauber vergessen, der da mal gewesen war, und hatte es endlich doch einmal geschafft, heimlich rückwärts zu gehen. Ich war auf dem besten Weg dahin, dir nicht mehr auf den Füßen zu stehen.
Dann hast du nach mir gerufen.
Und weil wir ja Freunde waren, habe ich mich umgedreht.

Ich habe die Tränen weggeküsst, die andere verursacht haben. Und du hast dafür deine Hand auf mein Herz gelegt, bis es nicht mehr so aufgeregt war. Unsere Schweißperlen haben uns in Ketten gelegt und sich miteinander vergnügt. Zum ersten Mal habe ich geglaubt, dass wir es doch noch lernen, den anderen zu sehen. Dass sich dein Bild scharf stellt auf meiner Linse.
Nächtelang haben uns unsere Worte in den Schlaf getanzt und dein Mosaikbild in meinem Kopf hat sich langsam vervollständigt. Wir haben uns gegenseitig aufgefangen, in dem Netz aus Berührungen, dass wir füreinander gesponnen hatten, und ich habe manchmal sogar die Augen geschlossen für einen kleinen Moment.

Eigentlich weiß ich nicht was passiert ist seitdem. Ich kann nur spekulieren, dass du dich wohl doch dazu entschieden hast, mir nicht deine Augenlider zu zeigen, sondern sie offen zu halten, um nicht zu stolpern über meine Füße. Deswegen hast du losgelassen, immer wieder. Aber die letzte Konsequenz war nicht mehr das Auffangen. Du wolltest mich fallen lassen, bevor die Fallhöhe zu groß wurde. Bevor aus aufgeschürften Knien gebrochene Knochen werden.

Und jetzt? Sind da eine Millionen unausgesprochene Missverständnisse. Hunderttausende bereute Sekunden, die ich nicht bei dir war. Und es gibt kein Zurück mehr. Du fährst. Heute noch. Und ich bleibe zurück. Hier allein. Das heißt, ich weiß es nicht genau. Ich befürchte, dass ich in neun Monaten wieder Gesellschaft habe.

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74 Antworten

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  • 0

    ich mags! Ich glaub, du hast mein Herz gelesen! Sehr sehr berührend! Unglaublich schön, wundervoll beschrieben. Bravo!

    07.01.2011, 18:11 von sparklenina
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    wow:)

    18.12.2009, 23:30 von RyanLeslie
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    Traumhaft!

    27.06.2009, 00:48 von JuliePrada
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    Ich kann einfach nur sagen: wow. wunderschöner text, wirklich.

    10.06.2009, 23:51 von SchereSteinPapier
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ...mal abgesehen vom ende... stecke ich da genau drin.

    14.05.2009, 12:09 von knuffelkussen
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    Das transportierte Gefühl ist sehr schön und bildreich.

    Klar ist der Text sehr schnörkelig und überladen mit Metaphern, aber genauso ist es doch wenn man verliebt ist und dann verlassen wurde. Man übertreibt! Nicht als Stilmittel sondern als Abbild der Gefühlslage.

    27.04.2009, 12:39 von Luzie_fair
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    naja... ich weiß nicht... liebesschnulze hoch 12 hier...... groschenroman, nur intellektueller formuliert.... hermann hesse fände es eventuell auch nicht so prickelnd, dass du seine zeilen verwendest...

    26.03.2009, 00:53 von quitschibo
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    Sehr schöner Text! Wie mephy schon sagte für meinen Geschmack ein wenig überladen an metaphern welche an sich jedoch sehr schön sind! Der text weckt bei mir emotionen und gefühle, ich kann mich in "textbezogen" in deine Lage hineindenken aufgrund der Metaphern! Finde ich sehr schön gemacht! *lob*

    Ach unten die rezitierte metapher ist wirklich verdammt gut!

    Du wolltest mich fallen lassen, bevor die Fallhöhe zu groß wurde. Bevor aus aufgeschürften Knien gebrochene Knochen werden.

    Immer weiter so!

    gruß,das schmunzel m

    19.03.2009, 11:22 von das_schmunzel_m
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    das ist der schönste Text, den ich je gelesen hab. Danke..

    12.03.2009, 23:12 von AmericanGlockma
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