Plumpel 03.01.2014, 01:36 Uhr 0 2

Janelle Monáe – Say You’ll Go

Vergangenheitsbewältigung auf die schönste Art - oder doch nicht?

Vor ein paar Monaten, als ich mich plötzlich als Single in einer Welt wieder fand, die ich eigentlich noch nicht kannte, war ich verwirrt. Ich ließ das Programm laufen, das ich mir für eine solche Notsituation zurecht gelegt hatte: selbstsicher wirken, einen Plan in Kopf haben, an den man sich krallen kann, zu sich finden. All das, was man sich da eben so vorstellt, wenn man plötzlich ohne das dasteht, was man bisher immer hatte und nicht zur Selbstaufgabe neigt. 

In einer dieser Nächte, in denen ich der Meinung war, langsam zu meiner Unabhängigkeit finden zu müssen, hast Du mich gefragt, ob Du mich zum nächsten Zigarettenautomat begleiten kannst. Hätte ich nein sagen sollen? Wäre ja auch lächerlich gewesen. Also ließ ich dich mitgehen, während ich wütend vor mich hin schmollte. Ich war nicht begeistert, weil ich ein paar Minuten für mich selbst brauchte. Ich brauchte sie um mich selbst davon zu überzeugen, dass ich allein besser dran wäre. Und ich war wütend, weil Du so durchschaubar warst. Von der ersten Sekunde nach meiner Trennung, in der Du in mein Leben getreten bist. Und ich war der fixen Überzeugung, dass Du genau das Gegenteil von dem bist, das ich jetzt gerade tun sollte. Dir war das herzlich egal. Du hast angefangen, mit mir über Gott und die Welt zu reden. Du hast mich ständig zum Lachen gebracht, obwohl ich einfach nur wütend sein wollte. 

Der Weg zum Automaten kam mir weit vor, weil mir das alles unangenehm war. Ich war froh, als wir wieder unter Leuten in der gewohnten Umgebung waren. Der Abend ging unspektakulär zu Ende. Ein paar Tage später kam mir der Gedanke, dass ich mich in Deiner Umgebung seltsam wohl gefühlt habe und, dass Du - vielleicht mit ein bisschen Glück – ein Freund werden könntest.  Zusammengeschweißt durch gleiche Lebenslagen – der eine für den anderen da und umgekehrt. Einfach, simpel, gut, so habe ich mir das vorgestellt. Dass das vielleicht für Dich nicht genug war, war mir in diesem furchtbaren Moment egal. Für mich wäre Freundschaft alles, was jemand zum damaligen Zeitpunkt von mir bekommen konnte.

Dann fing es an, genauso, wie es nicht nur ich, sondern offensichtlich auch du erwartet hattest. Wir waren füreinander da. Wir waren mutig. Wir sind aufeinander zugegangen, beide immer schön vor dem sicheren Hintergrund einer unschönen Geschichte in der Vergangenheit, die es aufzuarbeiten galt. Und vor diesem Hintergrund blieben wir uns nichts schuldig – wie man das bei Freunden eben so macht. Wir waren ehrlich und erzählten all das, was sonst niemand hören sollte. Wir fassten Vertrauen und die Freundschaft entstand.  Bis plötzlich Deine Lippen in anonymer, großstädtischer Abgeschiedenheit (wie war das noch mit F. Scott Fitzgeralds: „I like large parties, they’re so intimate“) meine berührten und sich unsere Finger ineinander verschränkten.  

Und seither brennt es in mir: Ich will jede Sekunde mit Dir verbringen, bei Dir sein, mit Dir reden, Deine Stimme hören, Deine Augen sehen, über Deine Witze lachen und für Dich da sein. Ich will Dich spüren und morgens mit Dir aufwachen, um mich noch für ein Weilchen an Dich zu kuscheln und für ein paar Momente das Gefühl zu haben, dass die Welt in Ordnung ist, selbst wenn sie kurz darauf untergehen sollte. Ich will Deine Eltern kennen lernen und mit Dir schnöde Kultur-Urlaube machen. Ich will Dich herausfordern, mit Dir diskutieren und streiten. Ich will alles, das ganze Programm. Mit Dir und niemandem sonst. Aber was bleibt ist nur die kalte, erschreckende Einsicht, dass Du, wenn ich in diese Richtung gehe, vielleicht nicht mal der gute Freund warst den ich haben wollte, weil uns dazu die Zeit fehlte. Wir sind beide noch lange nicht fertig mit den Dingen, die unsere Vergangenheit beschäftigt hat. Aber ein kleiner Teil in mir hört nicht damit auf zu denken: Say you’ll go, dann komm ich mit.

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