Richard_at_Neon 29.01.2013, 21:46 Uhr 22 111

Jahr ohne Juli

Ihr Name war der Sommer

Als mein Handy klingelt, dauert es ein paar Sekunden, bis ich verstehe, dass es nicht der Wecker ist. Blind greife ich danach. Der Wind pfeift durch den offenen Fensterspalt. Im Zimmer ist es eisig. Aber ich brauche frische Luft. Immer schon oder doch erst seitdem. Ich schaue auf die Nummer. Ich brauche keine einzige Sekunde, um die Nummer zuordnen zu können, obwohl sie schon lange nicht mehr gespeichert ist. Ich lasse es klingeln. Der Ton verursacht ohrenbetäubende Schmerzen. Anders als sonst schüttelt mich die Kälte hier im Zimmer am ganzen Körper. Sie kommt von innen heraus.

Es ist nun fast vierzehn Monate her, als ich hier oben am Fenster stand und nach unten auf die Straße schaute, während sie mir mit dem breitesten Grinsen Luftküsse zuwarf. Auf dem Kissen und dem Laken hinter mir waren noch immer die Abdrücke unserer Körper zu sehen und die Luft roch nach Sex. Ihr Duft vermischte sich mit dem unseres Sex und noch Stunden später konnte ich es nicht lassen, mit der dringenden Arbeit am Schreibtisch für einen Moment zu pausieren, um mich wieder in den Türrahmen des Schlafzimmers zu flüchten und mit Hilfe des Geruchs die Nacht mit ihr zurückzuholen. Damals konnte ich es kaum abwarten, sie bald wiederzusehen.

Sehnsüchtig wartete ich auf eine nächste Nachricht von ihr. Aber ich wartete vergebens. Am ersten Tag, ein paar Stunden nach ihrem Abschied, schickte ich ihr ein Bild von meinem, ja irgendwie unserem Bett. Auf dem Nachttisch auf ihrer Seite stand noch immer ihr halbvoller Kaffeebecher. Sie ließe immer ein bisschen übrig. Für die Götter, hatte sie gesagt, dabei nahm sie sich selbst nicht ernst. Am nächsten Morgen, fast 20 Stunden später, noch immer keine Nachricht von ihr. Ich griff zum Handy, tippte ihren Namen und ließ lange klingeln. Aber außer einem immer lauter in meinem Ohr dröhnenden Tuten war da nichts. Schon nach dem zweiten Tag meldete sich nur noch ihre Mobilbox. Ich verliebte mich ein zweites Mal: in ihre Stimme. Unzählige Gespräche mit Freunden sowie das Abklappern aller Hostels in der Innenstadt gingen meinem Aufgeben voraus. Max meinte damals, sie hätte nur ihren Spaß haben wollen und wenigstens für ein paar Nächte nicht im Hostel schlafen wollen. Sechs Anrufe, mit Sicherheit ebenso viele Nachrichten wie Wochen später stellte ich mein Bemühen ein.

Ab diesem Zeitpunkt litt ich an Verfolgungswahn. Ich konnte mir nicht erklären, wie ich mich so hatte täuschen lassen können von meinem Gefühl. Auf den Wegen durch die Stadt schien es so, als würde mich ein Flüstern begleiten, das mit ihrer Stimme immer wieder nach mir flehte. Zwei Wochen schon war sie in Köln gewesen, als wir uns zum ersten Mal begegneten. Max brachte sie damals mit, hatte sie auf irgendeiner Party kennengelernt, auf der sie beide inklusive Max Freundin auch nur über Umwege gelandet waren. Ich wusste direkt, was Max an ihr fand. Ihr Blick war so wach und frisch und dennoch hatte man in manchen Augenblicken das Gefühl, in das Gesicht einer alten, abgekämpften Frau zu blicken. Ihr rotes Haar trug sie offen und ihr weißer Pulli, der viel zu dünn für diese Jahreszeit war, rutschte ihr immer wieder von der Schulter, so dass man freien Blick auf die zarten Knochen ihres Schlüsselbeins und Schulterblatts hatte. Ihre Sprache war so fein, dabei verließen die Wörter immer ungezwungen, zuweilen auch unüberlegt ihren Mund. Schon nach einer Stunde hatte sie mich vollkommen in ihren Bann gezogen. Ich war verliebt. So kannte ich mich nicht.

Ihr Name war der Sommer: Juli. Als Max uns damals in dem Café alleine ließ, erzählte sie mir, was Max schon wusste. Sie käme gerade aus Berlin, hätte dort nach einem Auslandssemester in Barcelona alle Zelte abgebrochen, das Studium geschmissen und wüsste jetzt nicht wirklich weiter. In Barcelona hätte sie einen Kölner kennengelernt, der sie großzügig zu sich eingeladen hätte, aber am Ende dann doch nur das eine wollte. Ihre Sachen hätte sie bei ihren Eltern untergestellt, die würden auch in Berlin wohnen. Sie sei gerade auf der Suche nach einem Nebenjob und einem WG-Zimmer. Zum Sommersemester hätte sie sich an der Philosophischen Fakultät eingeschrieben.

Heute stelle ich jedes ihrer Worte in Frage. Ich schaue auf die Uhr und eigentlich ins Nirgendwo hier mitten in meinem Schlafzimmer. Der Kaffeebecher steht nicht mehr auf dem Nachttisch und auf den Laken zeichnen sich nicht mehr unsere Körper ab und wenn es hier heute oder gestern oder vorgestern mal nach etwas gerochen hat, dann nicht nach ihr und wenn doch hätte die Kälte ihren Duft schon lange verschlungen. Vierzehn Monate. Ein Anruf. So leicht.

Damals hatten wir vier gemeinsame Wochen. Ich schrieb an meiner Diplomarbeit und sie suchte nach einer WG. Ich sagte ihr, sie könne gerne für ein paar Tage auch bei mir wohnen, dann müsste sie nicht länger für das Hostel zahlen. Sie lehnte es ab, ich bot es ihr kein zweites Mal an. Sie arbeitete hier und dort in einem Café, aber nicht ein einziges Mal gefiel es ihr irgendwo. Genau das gleiche Spiel mit den WGs. Ich war dabei, wenn sie die Anrufe erhielt, dass sie gerne einziehen könne, wenn sie nur wolle. Die euphorischen Stimmen erstickte sie mit: Es tut mir leid. Ihr seid toll, aber ich kann mir das Zimmer wohl doch nicht leisten. Zu mir sagte sie, sie sei Berliner Preise gewohnt und diese seien das Einzige, wovon sie sich nicht verabschieden könne.

Wir gingen ins Kino, tanzen, abends mit meinen Freunden trinken. Sie war überall willkommen. Ich kochte für sie, sie kochte für mich. Wir schlugen uns die Nächte um die Ohren. Ich kam kaum zum Schreiben, auch wenn sie sich den Tag mit Probearbeiten, der WG-Suche und dem Bummeln durch die Straßen ihrer neuen Heimat vertrieb. Heimat. Dieses Wort betonte sie mit so viel Wärme und Sehnsucht. Ich war jedes Mal hingerissen und unendlich glücklich, dass meine Stadt ihre Heimat war. Meine Wohnung jedoch war es nicht. Nicht einmal ihre Zahnbürste ließ sie hier.

Schon an unserem ersten Abend blieb nichts an der Oberfläche. Sie erzählte von ihrem jüngeren Bruder, der früh an einer Meningitis gestorben sei. Ihre Eltern hätten seinen Tod nie überwunden und sie darüber einfach vergessen. Sie würfe es ihren Eltern nicht vor, wären diese doch mit ihrer eigenen Schuld viel zu beschäftigt gewesen. Stumm liefen ihr dabei die Tränen über die Wangen. In solchen Momenten durfte ich sie nicht berühren, ich durfte sie nicht trösten. In solchen Momenten erschreckte mich ihre Kälte. Fass mich nicht an, sagte sie dann kaum hörbar. Und ich ließ sie - die alte, abgekämpfte Frau. Manchmal saß sie in der Küche, wenn ich nachts aufwachte und sie vermisste. Sie erzählte mir nicht, was sie nachts vom Schlaf abhielt und in Berlin oder Barcelona passiert sein musste, dass sie ganz plötzlich dieses drängende Gefühl hatte, alles hinter sich zu lassen und hier, in dieser für sie fremden Stadt, neuanzufangen. Auf einmal wäre ihr alles falsch vorgekommen. Ihr Studium, ihre Freunde.

Auch jetzt an diesem Morgen könnte ich noch immer ihre Stimme hören, wenn ich nur wollen würde. Die Erinnerung überlebt fast alles. Wie oft hatte ich mir in den letzten vierzehn Monaten Gedächtnisschwund herbeigewünscht oder einfach nur, dass Max sie nie getroffen und mir vorgestellt hätte. Ich stehe auf, gehe zum Fenster und schaue dorthin, wo ich sie zum letzten Mal gesehen hatte. Damals - kurz vor Weihnachten – so beseelt von ihr und uns. Ich greife nach meinem Handy. Und lösche den letzten Eintrag unter der Anrufliste. Ein weiteres Jahr ohne Juli.

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22 Antworten

Kommentare

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    "Ich war jedes Mal hingerissen und
    unendlich glücklich, dass meine Stadt ihre Heimat war. Meine Wohnung jedoch war
    es nicht. Nicht einmal ihre Zahnbürste ließ sie hier
    "

    ich muss gestehen, dass mir das ganze doch sehr vertraut vorkommt..

    05.01.2014, 12:38 von R00T
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    Ich finde gerade nicht das richtige Wort. Ich finde nur ein primitives Wow.

    27.04.2013, 19:18 von raben_ueber_santiago
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    Der letzte Satz ist wunderschön. 

    12.02.2013, 21:22 von curlyy
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    herzzerreissend

    11.02.2013, 15:31 von CharlyGuardian
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    so schön!! geht direkt ins Herz!

    10.02.2013, 20:25 von timlink
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    Ein einziges Wort. Wunderschön.

    10.02.2013, 12:38 von VulpesSilva
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    wow.

    10.02.2013, 11:57 von Chuulia
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    Berührend.

    08.02.2013, 20:13 von LookingforAlaska
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    Es ist wundervoll. 

    08.02.2013, 19:22 von bunteschaos
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  • 1

    "Der Mensch hat gewonnen, wenn er liebt. Egal ob seine Liebe erwidert wird oder nicht." Während ich diesen Text durchgelesen habe, lief Baby Bitch von Ween (nicht falsch verstehen, hat nichts mit dem Titel zu tun!!) und diese Melodie passt zu gut zu deiner Geschichte, ich musste etwas weinen und mir wurde ganz schwer, denn es erinnert mich an eine ähnliche Zeit in meinem Leben. Diese Sehnsucht hast du sehr gut beschrieben ohne die Distanz zu brechen.  

    01.02.2013, 16:02 von cr1mewave
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