Jacob, der Lügner
Und wer weiss schon, ob die Pfützen Nachts bloß Zentimeter oder bodenlos sind?
Noch erahnte man die bevorstehende Nacht nur an den blassen rosa und gelben Verfärbungen des Himmels und den violetten Säumen der Schatten.
Die Luft war weich und roch ein wenig nach Jasmin. Es war still geworden. London aß.
Haben Sie je einen Menschen so sehr begehrt, dass sie diesen einen Schmerz in der Brust spüren? Dieses alles verzehrende Feuer, das einen wach hält, obwohl man den kühlen Tod so sehr ersehnt?
So ist es bei mir. Mein Herz schlug, wie es immer schlug. Mein Atem ging ruhig, so wie er immer ging. Aber ich war wund vor Schmerz. Ich verbrannte innerlich.
Ich wusste, was ich tun musste. Wohin ich meine Hände legen, wie ich ihren Namen flüstern, wie ich sie küssen musste. Ich wusste genau, was sie mögen würde. Ich wusste, wie ich sie vergessen machen konnte.
Aber ich tat es nicht. Stattdessen lag ich still neben ihr und schaute zu, wie sie schlief. Sie atmete, kaum merklich. Ihre Brust hob und senkte sich, wie im tiefsten Schlaf, wenn selbst die Träume erloschen sind und sie nur noch der Hauch eines schwachen, regelmäßigen Luftholens vom Tode trennt.
Ich spürte ihren Lebensatem, wie den Hauch eines Kusses auf meiner Haut. Ich spürte ihn auf meinen Lippen und atmete ihn ein, als wollte ich die Intimität ihres Körpers ganz in mich aufnehmen.
Und als der Schmerz meinen ganzen Körper verbrannt hatte und mir bis zum Halse gestiegen war, gestand ich mir das Schlimmste über die Liebe ein: Liebe ist nur ein Moment, alles weitere nur Abschiednehmen. So düster ist der Betrug der Menschheit...
Einen Moment flatterten ihre Augenlider, wie Motten es im Licht tun, sie warf sich unruhig hin und her, dann fanden ihre suchenden Hände die meinen uns sie seufzte leise im Schlaf.
Ich hasste sie dafür.
Ihre Haut war so durchscheinend in der späten Abendsonne, dass sie ihr kaum Schutz vor der Außenwelt zu geben schien. Sie schien so zart, so zerbrechlich. Würde ich sie nur einen Moment zu fest an mich drücken, so würde ich ihre Glieder wohl zerquetschen.
Ich dachte an den Morgen, den wir zusammen verbracht hatten.
„Du musst lernen - natürlich. Ich bin egoistisch, weil ich dich von allem fernhalte.“ hatte ich zu ihr gesagt.
Sie hatte mich angeblickt und gelächelt: „Nein, du bist nicht egoistisch. Außerdem ist es schön, wenn du mich von etwas fern hältst.“ Dann war sie auf meinen Schoss geklettert, hatte ihre Arme um meinen Nacken geschlungen und ihr Gesicht an mein Schlüsselbein gepresst, so wie sie es immer tat.
Ich verdiente sie nicht. Ich wusste es – jeden Tag. Jeden Tag wenn, wie es schien, nur die Gedanken an sie, mich aufrecht hielten.
Wenn Engel weinen, habe ich davon noch keine Spur gesehen, sie weinen nicht mehr für mich.
Schon malte das Nachtlicht diffuse Schatten und für eine Weile beobachtete ich die seltsamen Formierungen. Einige wanderten ziellos, andere wiederum verharrten in bizarren Bildern. Ein wenig erinnerten sie mich an die Gargoyles, die steinernen Wasserspeier Notre Dames. Ihr dämonisches Aussehen soll den Geistern und Dämonen angeblich einen Spiegel vorhalten und die Kirche so vor bösen Mächten schützen. - Humbug. Hört ihr? Nichts als Humbug...
Ich hatte ihr alles erklären wollen. Ich hatte mir bereits eine Rechtfertigung und eine Verteidigung zurechtgelegt. Ich wollte ihr erklären, was mich von innen auffraß, mich zerriss, wie Krallen einer Katze es mit dem bebenden Leib einer Maus taten – nur so zum Spaß. Ich wollte ihr klarmachen, dass zwei Personen sie begehrten, doch die eine so sehr, dass sie sich förmlich nach ihr verzerrte. So sehr, dass er sie am Boden zerschmettern wollte, nur um zu sehen, ob sie von innen genau so zart und rein war, wie von außen. Ich kenne die Dämonen, die sich als Vögel getarnt auf den untersten Ästen der Zweige niederlassen. Ich kenne ihren Geschmack, als würden sie wie ein Fluss durch mein Herz strömen. Und wenn sie sprechen, wenn sie tatsächlich zu sprechen beginnen, so wird er sich erheben.
Sagte nicht schon Arthur Rimbaud: Ich glaube mich in der Hölle, also bin ich es auch? So ist es wohl.
Ich wollte sie anschreien, dass sie weglaufen sollte, so lange sie es noch vermochte. Aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen, stattdessen hatte sie mir einen Kuss, so süß und warm gegeben, das er mich blind und stumm machte.
Der Tag ließ mich mit der Dunkelheit allein. Schon verstummten die Vögel hoch oben in den Baumkronen, als würden sie von der aufziehenden Nacht erstickt werden. Für immer. Die Häuser am Horizont färbten sich schwarz, als verbrenne die untergehende Sonne in einem letzten glühenden Aufbegehren ihre Dächer.
Schon bald würde die Welt um mich kohlrabenschwarz werden, selbst der Asphalt unter meinen Füße würde von der Dunkelheit verschluckt werden. Wohin? Die Welt würde die Luft anhalten und die Geister würden zu flüstern beginnen.
Er würde zu flüstern beginnen. Und nichts würde bleiben.



Kommentare
" London aß..." ? ? ?
11.07.2010, 19:00 von Jackie_GreyIch verbrenne auch gerade innerlich, weil es soooo irrsinnig heiß ist in Deutscheland.
Also ich mag Texte über die Liebe, aber der hier macht mich schwirre im Kopf.