Ja Nein Vielleicht
Eine Geschichte vom Anmachen oder: Warum ist es so verdammt schwer, den Lichtschalter zu betätigen?
Samstagnacht, die Cocktails schmecken mehr schlecht als recht, eigentlich magst du ja auch keinen Wodka, aber egal. 2000 Leute in dieser schäbigen Scheune, viel zu viele Romeos für noch mehr Julias. Die Luft ist schlecht, dir ist schlecht vom Alkohol, von der schlechten Musik, die deine Eingeweide malträtiert.
Du bist trotzdem jede Woche hier, checkst jede Woche die Weiber ab, vielleicht ist ja endlich mal was Ernstes, was Dauerhaftes dabei. Wenn du dich mal traust, dich neben ein Mädchen zu stellen und dich heiser vorzustellen, erzählst du gerne. Dass du noch nie eine Frau geküsst hast, für die du keine Gefühle hattest. Und das deine Ex-Freundin dich drei Mal betrogen hat und dass du auch manchmal noch wegen ihr weinst, aber nur, weil ihr euch so verdammt ähnlich seid.
Die meisten Mädchen sagen dann, dass sie jetzt unbedingt nach Hause müssen (leider ohne dich) oder dass ihre Freundin ganz dringend einen Tampon braucht oder ihr Handy oder ihre Mascara. Du weißt dann, dass es keinen Sinn macht, sie nach ihrer Telefonnummer zu fragen.
Du kommst trotzdem jede Woche hierher, vielleicht weißt du auch einfach nicht, wohin mit dir. Dein Zuhause ist irgendwie zu eng für Samstagnächte, du magst keine Blockbluster, keine Free-TV-Premieren. Du behauptest immer, dass du arte magst, aber auch das stimmt nicht wirklich. Du magst eigentlich nur Frankreich, wegen der Sprache und wegen der tollen, offenherzigen Frauen. Frauen, die nichts ausschlagen. Und Frauen, die erkennen, dass hinter deinen Ex-Freundinnengeschichten ein Zaunpfahl steckt, auf dem in großen, neonfarbenen Lettern „Ich will dich“ geschrieben steht. Warum das keine sieht, verstehst du auch nicht richtig. Du willst ja auch kein Mitleid. Du willst hören: „Ja, wirklicher Mist, den du da erlebt hast. Aber der ganze Kram geht auch ohne Gefühle.“ Dann würdest du kurz schlucken. Zwei Mal blinzeln. Noch mal schlucken. Und sie würde grinsen und sagen: „Glaubst du wirklich nicht, dass wir miteinander rummachen könnten, ohne Gefühle?“ Sie würde dich umarmen und du würdest dein Gesicht in ihrem Hals vergraben, sie würde dir in dein Ohr hauchen, du würdest ihre Lippen suchen, finden, verschmelzen …
Immer dieser verdammte Konjunktiv, denkst du verärgert. Die Musik wird gerade noch schlechter, die Luft ist zum Schneiden. Du stolperst ins Freie, ohne dich von deinem Kumpel zu verabschieden, der gerade an den Lippen einer blonden Schönheit klebt, atmest die Nachtluft ein, geschwängert von Rauchschwaden der Umstehenden.
Neben dir wird gerade eine kleine Brünette von einem Solarium-Macho angepöbelt. Du wirst wütend, schubst ihn beiseite, der Alkohol hat dich stärker gemacht, als du eigentlich bist. Der Typ lacht, winkt ab, räumt das Feld gröhlend. Das Mädchen streicht sich eine Haarsträhne aus ihrem verärgerten Gesicht, schaut dich an, strahlt, ihr redet über Machos, miese Männer, miese Frauen, mieses Leben. Sie schaut dir tief in die Augen, dir wird schwindelig.
Sie grinst.



Kommentare
solche geschichten, von frauen aus männersicht geschrieben, die hören sich für mich meistens auf eine sehr süsse art völlig falsch an.
10.08.2009, 14:18 von shiloh_rmx@shiloh_rmx Warum?
10.08.2009, 21:31 von klangkoerper@klangkoerper wie sarah_ernst schon sagte: niemand hätte da das feld geräumt, eher freunde geholt und mal aus spaß rumrandaliert. zumindest der typ, den du beschreibst.
17.09.2009, 19:25 von Wohlstandsasozialeaber ein sehr sehr schöner text, finde ich wirklich. man braucht einfach auch mal happy ends, die auf süße weise unrealistisch klingen.
@Wohlstandsasoziale Danke ;)
21.09.2009, 21:45 von klangkoerperich finde das ende super. es ist dieses typische "man darf nicht darauf warten" toll.
01.07.2009, 15:55 von lebensweisen@[Benutzer gelöscht] Dein poebelnder Solarium-Macho ist also besser als der aus der Geschichte.
02.07.2009, 09:33 von falafelfanat@falafelfanat Jetzt musste ich endgültig grinsen ...
02.07.2009, 13:06 von klangkoerper@[Benutzer gelöscht] Richtig! Das heißt doch, dass das Anmachen steht und fällt mit dem Gesprächsthema, dass man anschlägt. Das Ansprechen selbst ist zwar schwer, aber mit einem einfachen "Hallo" kann's ja auch mal funktionieren. Und: Auch für's Anmachen braucht man irgendwie "die Richtige" ;)
01.07.2009, 14:21 von klangkoerper