JackBlack 30.01.2013, 15:10 Uhr 12 36

Ist es nicht schön hier?

Vom Stricken einer Katze

Aidans Mutter sitzt, beschoßt mit einem Korb voller Wolle, auf der Veranda und strickt eine Katze. Sie erzählt von Infekten, die in ihrem Körper toben, zu lange Zeit unentdeckt, und dass es dafür keine Medikamente gibt. „Dagegen.“, sage ich. Sie blutet ein kleines bisschen aus dem Ohr.
„Ist es nicht schön hier?“, stellt sie fest.
„Ja.“
Sie brummt zufrieden und fährt mit ihrem verhornten Zeigefinger über die Maschenreihe auf der linken Nadel. Ein paar Flusen bleiben daran hängen und sie steckt sie in den Mund. 
„Paulchen“, sagt sie, und meint damit ihren längst verstorbenen Lieblingskater, „gefällt es hier auch immer gut.“ Sie blickt auf.
„Wo steckt er eigentlich?“
„Er ist der Armee beigetreten.“ Sie lächelt friedlich. „So? Na, dann ist es ja gut.“
Aidan steht am Gartenzaun, zwei halbe Steinwürfe entfernt von uns, und wendet der Szene den Rücken zu.
„Wir müssen dringend etwas gegen die Maulwürfe unternehmen. Sie werden sonst zur Plage.“
„Was sagst du, mein Schatz?“
Aidan dreht sich zu uns herum.
„Wegen der Maulwürfe, Mutter. Es werden zu viele.“
Dorothea winkt ab. „Ach! Du kannst sie ruhig mitnehmen, mein Schatz. Wir haben genug davon. Wirklich. Sag deinem Vater, er soll dir beim Einpacken helfen.“
„Das machen wir, Mutter.“, sage ich und tätschele ihre Schulter.
„Aua!“, schreit sie und sieht mich mit erschrockenen Augen an. „Sie tun mir weh!“ Dann: „Wer sind Sie überhaupt?“
„Schon gut“, sage ich beschwichtigend, „ich bin hier, um mich um die Katze zu kümmern. Um Paulchen aus der Armee.“
„Aaaah!“
In ihren Augen blitzt es.
 „Sie sind das! Gefällt es Ihnen hier? Nehmen Sie später ruhig ein paar Äpfel mit. Und Kirschen. Wir haben genug davon.“

Aidan kommt mit einem Taschentuch und hält es seiner Mutter unter die Nase. Sie schlägt danach.
„Deine Nase läuft, Mutter. Du musst dich bitte einmal schnäuzen. Kannst du das?“
Mit einem Mal schnellt ihre Hand hervor und krallt sich um Aidans Handgelenk. Der Korb kippt von ihrem Schoß.
„Fassen Sie mich nicht an!“, schreit sie, zitternd am ganzen Leibe, „ich rufe die Polizei!“
„Schon gut, Mutter. Wenn du dich nicht schnäuzen magst, musst du es auch nicht.“
Er hebt den Korb auf und drückt ihre Hände wieder an den Nadeln fest. Sofort entspannt sich ihr Gesicht. „Schau“, sagt sie freudestrahlend, „ich stricke eine Katze!“

Ich muss aufstehen und mir die Beine vertreten.
Der Garten ist kleiner geworden, mit jedem Infekt ein wenig mehr, und trotzdem geht man nun länger darin. Am Teich verweile ich. Das Rohr für die Frischwasserzufuhr ist verstopft, die Gumpe steht voll mit Laich. Ich vermisse die Wasserläufer und Libellen, vor allem aber die Seerosen. Vor nicht einmal vier Jahren stand ich neben Dorothea an genau dieser Stelle und war ein bisschen genervt wegen ihrer Attitüde, über ihre Seerosenzucht zu referieren wie über eine Schöpfertat. Irgendwie lebte sie damals schon in ihrer eigenen Welt.

„Kommst du?“

Aidan steht hinter mir, eine Schrittlänge entfernt. Ich beiße mir auf die Zunge. Aidan trägt einen Bauchladen voller Weltschmerz mit sich herum. Er will nicht wahrhaben, was mit seiner Mutter passiert. Ihm nahezukommen ist in letzter Zeit so gut wie unmöglich. Er schluckt Tabletten mit viel zu viel Alkohol und redet nur noch über das Wetter, Aktienkurse und andere Dinge, die er nicht beeinflussen kann. Wenn ich ihn in den Arm nehmen will, weicht er vor mir zurück. Sehe ich ihn liebevoll an, merke ich, wie sich Wut in ihm aufbaut. „Lass das!“, sagt er dann nur unwirsch und ich frage nicht mehr, was er damit eigentlich meint. Ich liebe ihn, sehr sogar, aber er lebt in seiner eigenen kleinen Welt.

Die Verabschiedung fällt unterkühlt aus.
Aidans Vater drückt uns eine Plastiktüte mit Äpfeln in die Hand. Er muss jetzt tun, was Dorothea nicht mehr kann. Er füttert sie und er isst für sie. Er wischt ihr den Hintern ab und wäscht sich für sie die Hände. Er sammelt die Äpfel auf und verschenkt sie in ihrem Namen. Sie weint und er tut sich leid.
Früher war er mürrisch, es war ein Leichtes, bei ihm in Ungnade zu fallen. Heute ist er einer dieser älteren Menschen, die allein durch Siedlungen spazieren gehen und beim Anblick blühender Rosen und spielender Kinder feuchte Augen kriegen.
„Mach es gut, Schwiegervater.“, sage ich und umarme ihn mit großer Innigkeit.
„Wenn was ist, ruf an. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.“ Ich küsse ihn auf die kühle Wange, die nach altem Zuhause riecht. Er drückt mich nur kurz zurück, ein wenig so, als wäre ihm meine Zuwendung unangenehm. Auch er lebt zurückgezogen in seiner ureigenen kleinen Welt. Aidan wirft ihm einen mitfühlenden Blick zu und Werner seufzt leise.
„Halt dich gerade, mein Junge“, sagt er, und dann, mit einem Blick auf mich, „ruf an, wenn etwas ist.“ Aidan nickt und schluckt tapfer. „Ja“, sagt er, „natürlich.“

Ich krame nach dem Gurt, während Aidan die Tüte mit den Äpfeln im Kofferraum verstaut. Vater steckt sein Gesicht zur Tür raus und zieht einen Arm hinterher, um uns zu winken. Ein vergangener Geist huscht ins Bild, ich sehe meine Schwiegereltern Arm in Arm auf dem Treppenabsatz stehen, großgewachsen und stattlich, gebräunt von gemeinsamen Fahrradtouren und ganz und gar im Einklang mit ihrem sommerfeinen Einfamilienhausidyll. Manche Verluste wiegen so schwer, dass sie einen mit sich in die Tiefe ziehen. Wirklich leben kann Vater nur noch in der Vergangenheit.

Aidan startet den Motor und hebt kurz die Hand zum Gruß. Dann setzt er so schnell zurück, dass die Äpfel im Kofferraum aus der Tüte kullern. Wenn er so weitermacht, wird er auf kurz oder lang verrückt werden. Ich weiß, es hat jetzt keinen Sinn, zu reden. Ein falsches Wort und Aidans Fuß klebt am Gaspedal. Besser ich halte die Klappe.
Wir lassen Werner und Dorothea hinter uns. Den Spielplatz, die Kirche, die kleine Eisdiele am Ortsausgang, das Dorf, in dem Aidan vor viel zu langer Zeit ein glückliches Kind war. Der Nachmittag vor uns bewölkt sich und um uns herum werden alle Straßen lang. Ich schließe die Augen und döse ein bisschen vor mich hin. Zuhause werde ich den Kindern einen Apfelkuchen backen. Gleich nachdem ich die Terrasse gefegt habe. Dort liegt noch das ganze gejätete Unkraut. Hoffentlich haben die Kleinen keinen Unsinn damit angestellt.

Ein hartes Bremsen weckt mich aus meinen Tagträumen. Aidan fährt rückwärts viel zu rasant in eine viel zu kleine Parklücke.
„Warum hältst du an?“
Er sieht zu mir rüber und blickt mich an wie ein Gespenst. Durch mich hindurch. Es tut weh.
Er wird noch so ein alter Murrkopf werden, wie sein Vater mal einer war. Aidan steigt aus, läuft um das Auto herum und öffnet mir die Tür. Eine düstere Ahnung beschleicht mich, streift an mir vorüber wie eine Regenwolke an der Sonne. So schnell, wie sie kam, geht sie auch wieder.
Die Frau, die Anstalten macht, mir aus dem Sitz helfen zu wollen, kenne ich nicht. Ihr Lächeln ist unbeholfen und so weiß wie die Kleidung, die sie trägt.
„Hat sich Ihre Exfrau benommen?“, fragt sie meinen Mann. Aidan nickt höflich.
„Sie war ganz ruhig, in sich gekehrt. Ich glaube, die Medikamente schlagen gut bei ihr an. Sie lebt irgendwie ganz in ihrer eigenen Welt.“
Die beiden gehen seltsam vertraut miteinander um. Ich frage mich, was sie miteinander zu schaffen haben. Sie sagt etwas sehr Leises zu ihm, er presst die Lippen zusammen und sagt: „Rufen Sie an, wenn etwas ist. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.“
Die fremde Frau stützt mich, während ich Aidan und unserer Familienkutsche hinterherschaue. Es ist schwül, von überall her summt und singt der Sommer und mir sind beide Arme zu schwer zum Winken.

„Ist es nicht schön hier?“
„Dagegen.“, entgegne ich und blute ein kleines bisschen aus dem Ohr.

36

Diesen Text mochten auch

12 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Der Bauchladen hat's mir angetan. Du bist, aber das weißt du, wahrlich zum Erzählen geboren.

    02.04.2013, 15:05 von Grumpelstilzchen
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Geil! Spannend bis zum letzten Wort! Ich muss mehr lesen :)

    10.02.2013, 18:39 von timlink
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass das Thema wirklich perfekt getroffen wurde. Der Text vermittelt mit seinem Schluss genau das beklemmende Gefühl, dass eben jene Erfahrungen immer ausgelöst haben.

    Irgendwie tut es auch gut, solcherlei Texte, von fremder Hand geschrieben, zu lesen.

    06.02.2013, 23:35 von sellardore
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    Alles ist gut und schön und richtig. Du weißt mit Worten einzunehmen.

    01.02.2013, 09:44 von Jimmy_D.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hui, ein bisschen gruselig!

    31.01.2013, 17:39 von TheCaptainsFiancee
    • Kommentar schreiben
  • 1

    unerwartet und sooo gut geschrieben, respekt !

    31.01.2013, 16:56 von reziproka
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Staunen am Ende des Textes und dann gleich nochmal gelesen..das gefällt mir!!!

    31.01.2013, 16:40 von seiduselbst
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wermut oder Schwermut?

    31.01.2013, 04:15 von Winterwanderer
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich hab angst.
    hammertext!

    30.01.2013, 18:03 von impact
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2
  • Hobo-Reise: Zur großen Freiheit

    Wer auf Güterzügen durch Amerika reist, lernt Menschen und Landschaften kennen, die sonst verborgen bleiben. Ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe.

  • Fabelhafte Fundstücke

    Glück ist eben doch käuflich – die folgenden 10 Fundstücke, die die Moderedaktion für euch aufgespürt hat, sind der beste Beweis.

  • Links der Woche #31

    diesmal u.a. mit ausgefallenen Halloween-Kostümen, einer singenden Nonne und Tieren, die den Wald verließen.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare