Wie_ein_Schimmer 29.10.2007, 13:48 Uhr 4 6

Ironie des Vorteils

ich bin Single. Während ich diesen Text schreibe, bin ich bei meinem vierten Bier,

meiner sechsten Tasse Tee und meiner dritten Zigarette für diesen Tag. Ein gutes Zwischenergebnis.
Die Unmengen von Kaffee, die ich über den Tag verteilt in mich hineinschütte, rechne ich nicht mal mehr mit.
Auf meinem Schreibtisch häufen sich neben der Mikrowelle und der Kaffeepadmaschine Studienunterlagen, Englischtranskriptionen, Skizzenbücher und Unterrichtstaschenbücher.
Ich habe weiße Wuschelpuschen an.

Im Moment gewöhne ich mich wieder an die Vorstellung, Single zu sein und zu bleiben.
Nachdem ich vor ein paar Wochen die Hoffnungen begrub (nein, wir sahen uns nicht mehr wieder, er meinte auf mein Nachfragen, wohin mit meinen Kräften, dass ich meine Kräfte nicht auf ihn verschwenden sollte. Herzlichen Dank, wenigstens die Ehrlichkeit siegte), stürzte ich mich zurück ins Studium und in meine Freundschaften.

Plötzlich erfahre ich einen gewaltigen Schub.
Ich kann es kaum beschreiben – es kommt von Innen. Nichts bestärkt mein Selbstvertrauen oder meine Selbstattraktivität, nein, es ist eine Art Annehmen, glaube ich. Anders kann ich es nicht beschreiben.
Und aufeinmal sprudelt die Kreativität, Projekte werden vorangetrieben, Parties besucht, ich engagiere mich in der Fachschaft und tanze des Nachts hinter dem Tresen während ich Caipirinhas für Erstsemestler mische.


Single-sein hat auch richtig, richtig gute Seiten. Richtig tolle Vorteile.
Mal abgesehen davon, dass mein letzter Sex deprimierende 12 Wochen her ist, ist es super, morgens allein aufzuwachen.
Nur ein Beispiel:
Ich kann den ganzen Morgen die Zwiebelchen meines DoppelWhoppers, den ich Nachts noch verdrückt habe, verdauen, ergo: munter vor mich herfurzen ( Ich muss hier eure Illusionen über sexy Singlefrauen zerstören, es tut mir leid: Auch sie furzen, nachdem sie nach Herzenslust Zwiebeln und Peperonis in einem Riesenhamburger mit Grillfleisch und Bacon gegessen haben) und eine Dose Tomatenmakrelenfilet mit Salzstangen oder Laugenbrötchen frühstücken, ohne dass mich jemand für komplett verrückt und ekelerregend erklärt und flüchtet.
Oder komplett ungeschminkt den ganzen Tag in meiner Lieblingspyjamahose herumgammeln, in meinem Sessel fläzen, meine Fußsohlen mit Fußpflegelotion einreiben und ähnliche andere Schönheitspflegeaktionen unternehmen.
Und, jah, seltsame Dinge essen, wie Schinkenbrötchen mit Honig oder Pizza, getränkt in Ketchup.

Es könnte der Verdacht aufkommen, dass ich mich gehen lasse – aber nein, nein. Keineswegs. Ich gehe immer noch zwei Mal die Woche zum Training, rasiere mir alle zwei Tage die Beine, zupfe mir die Brauen, studiere kritisch meine Cellulite und habe mich selbst sowieso sehr lieb.

Aber es gibt Dinge, die mir erst jetzt aufgefallen sind. Dinge, die ich erst jetzt befreit machen kann, weil ich weiß – es kommt niemand hereingeschneit, für den ich unbedingt sexy und lieblich sein möchte. Verdammtes Selbstbild, welches man anderen vorgaukeln möchte.


Hallo, Single-Ich.

Langsam kommt mir so ein kleiner Verdacht, warum ich Single bin.
Könnte es eventuell sein…..


Nee. An der Tomatenmakrele kann es nicht liegen.

6

Diesen Text mochten auch

4 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Sieh mal an. Als ich den Artikel vor vier Wochen las, fand ich ihn scheiße. Heute gehts mir genauso wie dir zu der Zeit! Also find ich ihn jetzt gut. Mann, sind wir alle manipulierbar.

    08.05.2008, 13:26 von quatzat
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    herrlich :-) und das mit dem furzen unterschreib ich mal so - hehee!

    29.10.2007, 14:39 von NoBrainer
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare