HeavenKnowS 30.11.-0001, 00:00 Uhr 32 39

Irgendwo in Nevada.

Wenn die Liebe versiegt und die Zweifel überhand nehmen.

Regen hämmert gegen die Windschutzscheibe meines Autos, während ich durch die Dunkelheit in Richtung Heimat rase. Kalter Rauch steht im Innenraum, doch es ist zu kalt, um jetzt das Fenster zu öffnen.

Während die Lichter an mir vorbeiziehen und der kalte Rauch sich legt, schreibe ich mit dir. Ich empfinde vorallem Trauer.
Trauer darüber, dich damals verloren zu haben, und was ich für ein Idiot war.
Gedanken wie Messerstiche. Doch irgendwo in mir ist dieser winzige Funken Hoffnung, der den Glauben an dich hält, wie Atlas die Welt.
Alle Zweifel, jegliche Ungewissheit, all diese schwere, bittere Last, wird von diesem Funken getragen.
Ich steige aus dem Auto. Grauer, kalter Rauch steigt empor. Regen durchnässt mich auf dem Weg durch die Dunkelheit, zu meiner Wohnung.
Angekommen streife ich Klamotten von mir ab wie eine Schale. Werfe sie in den Wäschekorb und schaue auf das Plakat, welches du mir einst geschenkt hast. Damals, als du jeden Tag bei einem Laden nach dem Konzertplakat meiner Lieblingsband gefragt hast. Solange, bis du es mir endlich geben konntest. Auch als wir uns damals trennten, habe ich es nie abgehängt. Ich versinke in einem Sog aus Federn und Gedanken, bis ich schließlich einschlafe.

Als ich aufwache bist du da. Es sind ein Paar Wochen vergangen und wir sind voller Hochmut. Du hast deinen Freund für mich verlassen, und wir liegen nackt in meinem Bett. Die Sonnenstrahlen brechen sich im Glas der Fenster und spiegeln sich in weißem Rauch. Der Schnee erhellt den Tag und dein Atem hält mich warm. Zusammen starren wir auf das Plakat, erzählen uns Geschichten längst vergangener Tage.
Öffnen Konserven, gefüllt mit alten Gefühlen. Eine, nach der anderen.
Verschwinden im Wald, geschützt und umgeben von einer Bucht. Niemand sieht uns, niemand hört uns, nur du und ich.
Wir reden über unsere Zukunft, über den Grand Canyon und die unergründlichen Wege unserer Liebe. Einmal sagtest du, es wäre für dich wie Wildwasser Rafting. Irgendwie gefiel mir dieser Vergleich, er lebte.
Jede Sekunde mit dir war so intensiv wie ein ganzes Jahr. Wir fickten nicht nur miteinander, sondern auch die Welt. Es war zwar verdammt schwer mit dir, aber es ging so leicht.

Wenn du dann Abends in meinen Armen lagst, ich deinen Atem spürte und dein Herz hörte, schaute ich auf das Rise Against Plakat bis ich einschlief.


Im strömendem Regen hast du mir ein weiteres Konzertplakat geklaut. Dieses Mal von Lana del Rey. Unser Soundtrack, vom ersten Moment an. Wie Kleinkriminelle stand ich Schmiere, parkte das Auto um die Ecke und verschwand mit dir in der Nacht. Bei dir angekommen umgab mich ein Heimatgefühl. Deine kitschige Wohnung, mit all dem Mädchenscheiß, den Blumen und den Schnörkeln, vermittelte mir Heimat. Wenn du dann in deiner Rosafarbenen Schlafanzughose durch dein Zimmer gelaufen bist, um dich zu mir auf das Bett zu legen, hattest du mich jedes Mal. Deine Arme kleideten mich und deine wunderschönen Augen schauten mich erwartungsvoll an. Das waren die Momente in denen der Funken der Hoffnung in einen Funken des Zweifels mutierte. Nun war es der winzige Zweifel, der von all der Hoffnung getragen wurde. Die Hoffnung mit dir eine Zukunft zu haben. Die Zukunft. Eine Heimat. Für immer.

Als wir das zweite Plakat bei mir im Schlafzimmer aufhingen, sprachen wir nochmal von unserer Heirat in Las Vegas. Hauptsache weit weg, zusammen die Welt entdecken, im Sommer durch Schweden fahren und immer die Freiheit zu spüren. Lana del Rey starrte nun direkt auf mein Bett. Ich bin sicher sie sah einige Male neidvoll zu, während wir uns liebten.

Schleichend verschwand unsere Leichtigkeit und die Freiheit. Es folgte Streit, Streit ohne Ende. Wie ein Besessener versuchte ich mit aller Kraft dagegen anzukämpfen. Mit einer Nussschale fuhr ich auf einem Ozean, wurde Tag für Tag von den riesigen Wellen zerschmettert. Wasser füllte meine Lungen. Bis zu dem Tag, an dem du gingst. Du warst am Ende, ich war am Ende. Du warst zu diesem Zeitpunkt für mich ein Zwiespalt. Ein Anfang und ein Ende. Hure und Heilige. Licht und Schatten. Feuer und Eis.
Das war nicht Las Vegas, das war verfickt nochmal Nevada. Die Wüste, das Nichts. Ein leerer Raum, in dem jedes Wort ungehört verhallte.

Der Kampf gegen Windmühlen riss Tag für Tag ein Stück aus mir heraus. Stahl mir meine Kraft, meine Hoffnung und den Willen. Du sagtest du brauchst Zeit. Zeit für dich, Zeit zum nachdenken, Zeit für alles.
Mit jedem Tag drehte sich meine Uhr langsamer, wurde der Funken Zweifel größer. Irgendwann war der Funken wieder Hoffnung, die von Zweifeln erdrückt wurde. Doch nun hatte ich zwei Poster, die ich anstarren konnte. Zwei Versuche, mit dir den Rest meines Lebens zu verbringen, die Beide scheiterten.
Wie stumme Zeugen prangten sie vorwurfsvoll an meiner Wand.

Unter dem Bergmassiv der Zweifel gibt es einen Funken Hoffnung. Einen Funken, dass wir es irgendwann doch noch nach Las Vegas schaffen.
Ich frage mich nur, welches Plakat wir dann klauen.






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32 Antworten

Kommentare

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  • 1

     Großartig!

    16.04.2013, 23:18 von finjalangstrumpf
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  • 1

    „Ich frage mich nur, welches Plakat wir dann klauen.“ Sehr sehr guter Schlusssatz. 

    16.04.2013, 20:50 von Momentefangen
    • 0

      Es war übrigens das Plakat von Prinz Pi's "Kompass ohne Norden", aufgehängt habe ich es jedoch noch nicht.

      11.05.2013, 15:12 von HeavenKnowS
    • 0

      „Bob Dylan gab mir einst seinen Kompass ohne Norden und so treiben ich verloren in ein unbekanntes Morgen." passendes Plakat. Irgendwie. 

      12.05.2013, 01:32 von Momentefangen
    • 0

      Exakt, das habe ich mir auch gedacht ! Wundervoll, wie sich unsere "Kommentar-Konversation" entwickelt hat.

      13.05.2013, 12:27 von HeavenKnowS
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 3

    'Das war nicht Las Vegas, das war verfickt nochmal Nevada. Die Wüste, das Nichts. Ein leerer Raum, in dem jedes Wort ungehört verhallte.' 


    - Großartig!

    10.04.2013, 20:34 von SunFeather
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  • 2

    Aller guten Dinge sind drei..

    10.04.2013, 20:20 von schnutopard
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  • 1

    ich liebe es.

    10.04.2013, 18:34 von blindpilotwishes
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  • 1

    Reisst mit.

    10.04.2013, 08:09 von Sommerregen03
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  • 1

    bewegend und echt.

    sehr schön

    09.04.2013, 15:34 von zuenny8290
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  • 1

     Mit einer Nussschale fuhr ich auf einem Ozean, wurde Tag für Tag von den riesigen Wellen zerschmettert. Wasser füllte meine Lungen. Bis zu dem Tag, an dem du gingst. Du warst am Ende, ich war am Ende. Du warst zu diesem Zeitpunkt für mich ein Zwiespalt. Ein Anfang und ein Ende. Hure und Heilige. Licht und Schatten. Feuer und Eis.

    Das war nicht Las Vegas, das war verfickt nochmal Nevada.

    das war der punkt, an dem ich schlucken musste. gefällt mir sehr gut!

    08.04.2013, 22:05 von paulaer-garfield
    • 1

      Vielen herzlichen Dank für dein Kommentar und die Schilderung deines Leseerlebnisses. Soetwas finde ich immer sehr schön.


      Alles Gute :)

      08.04.2013, 22:54 von HeavenKnowS
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Vielen herzlichen Dank !

      08.04.2013, 22:54 von HeavenKnowS
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