Liz-- 11.10.2018, 18:37 Uhr 0 5

Irgendwas dazwischen.

Wenn du von all dem hier wüsstest, würdest du bleiben oder gehen?

Jetzt ist alles still. Ich fühle, wie das Blut durch meine Adern strömt und spüre mein pochendes Herz. Nur das Ticken der Uhr durchbricht die Stille. Dieses Ticken, das du so sehr hasst. Weshalb du Nachts manchmal wütend aus dem Bett gesprungen bist, um diese „verfickte Uhr“ endlich abzustellen. Du hast die Batterien voller Zorn raus genommen und auf den Schrank geworfen. 

Ich habe sie heute wieder eingesetzt, sonst wüsste ich nicht, wie lange ich hier schon regungslos stehe. Ich kann mich nicht bewegen. Alles ist so schwer, alles fühlt sich so falsch an. Sitzen, Laufen, Sehen, Atmen. Alles ist irgendwie falsch ohne dich. Alles ist irgendwie schwer ohne dich. Es ergibt einfach keinen Sinn. Wieso soll ich das Licht anschalten, wenn ich doch lieber gar nichts sehen will? Wenn ich doch lieber hier stehe und atme, weil man das eben automatisch macht? Weil man das ja machen muss. Man kann damit ja nicht einfach aufhören und warten, bis es nicht mehr schmerzt, einzuatmen. 

Alles tut irgendwie weh ohne dich. Arme, Gesicht, Lunge und Herz schmerzen so sehr, wenn ich an dich denke. Jede Bewegung ist unerträglich. Deswegen stehe ich einfach da und bewege mich nicht. Ich bin so frei und fühle mich gleichzeitig so eingeklemmt. Zusammengequetscht wie einer dieser Anti-Stress-Bälle, die man ganz fest drückt, wenn einen wieder der Chef nervt oder irgendwo eine Uhr zu laut tickt. Geht das eigentlich? Frei sein und trotzdem erdrückt werden? Das widerspricht sich doch. Aber genau so fühle ich mich. Alles ist so eng in mir, alles zieht sich zusammen. Alles soll doch gar nicht so sein. Du sollst doch eigentlich hier sein und mich einklemmen. Zwischen deine Arme und deine Beine und deine Hände und dann küssen wir uns und lassen uns los und halten uns an den Händen und schauen uns stundenlang in die Augen. Aber du bist nicht da und trotzdem bin ich eingeklemmt. Auch das fühlt sich falsch an. Das ist doch vollkommener Quatsch. 

Ich muss dir so viel erzählen. Es ist so viel von diesem Wir-und-Erwachsenen-Zeug passiert. Das Baby meiner Freundin ist endlich da und die Klingel ist schon wieder kaputt und seit heute gibt es endlich diese widerlichen Chips im Supermarkt um die Ecke, die du so liebst. Und ich muss dir doch endlich sagen, wie es wirklich in mir aussieht. Was du wirklich für mich bist und warum ich so bin, wie ich bin. Aber das interessiert dich alles nicht mehr, oder? Dir ist es egal, wo ich bin. Egal, was ich mache und egal, was in meinem Leben los ist, oder? 

Und dann passiert es. Dann fühlt es sich plötzlich an, als stürzt alles über mir ein. Es knirscht und rumpelt und bricht einfach wie morsches Holz über mir zusammen und erdrückt mich. Ich bekommen keine Luft mehr und halte mich an der Wand fest. Ich atme ein aber alles was in meine Lunge strömt ist schmutzig und kalt und falsch. Alles um mich herum verschwimmt und plötzlich ist nicht mal mehr das Ticken der Uhr zu hören. 

Als ich wieder zu mir kommen, sitze ich auf dem kalten Boden und lehne mit schmerzverzerrtem Gesicht an der Wand. Ich bin hingefallen. Einfach umgefallen. Du warst nicht da, um mich aufzufangen. Das klingt fast wie eine Metapher. Aber du solltest doch wirklich da sein, oder? Du musst mich doch festhalten! So war das doch ausgemacht! Dir sollte das doch hier alles nicht so egal sein. Ist es das? Wenn du von all dem hier wüsstest, würdest du bleiben oder gehen? 

Du bist irgendwas zwischen Liebe und Hass. Zwischen Euphorie und Resignation. Irgendwas zwischen Anfang und Ende. Irgendwas dazwischen.

5

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare