HeavenKnowS 16.12.2012, 21:41 Uhr 0 9

Irgendwann in Las Vegas.

Es ist ein wunderbares Gefühl Vertrautheit neu zu entdecken, die all die Jahre konserviert war, und trotzdem nichts von ihrer Wirkung verloren hat.

Leben bedeutet Fehler zu machen. Eine endlose Schleife selbiger begleitete mich jahrelang. Konsequent sein ist wichtig, exakt.

Aber wie mit allem im Leben, ja sogar mit Sex, ist Überfluss meist schlecht.
So habe ich vor einigen Jahren Menschen aus meinem Leben verbannt, die ich nicht hätte gehen lassen sollen. Nach einer gewissen Zeit, in der die Welt sich einfach weiterdreht, merkt man oftmals den Verlust. Die Zahnräder drehen nicht mehr mit derselben Effizienz. Rost setzt an und lässt die Maschinerie träge werden.

Unter den Verbannten befand sich auch eine Verflossene. 
Natürlich habe ich ihr geschrieben, nach ewiger Suche in dem Dschungel der Sozialen Netzwerken. Zu meinem Erstaunen hat sie mir geantwortet. So haben wir unverfänglich und vertraut über unsere, mittlerweile, unterschiedliche Lebenswege gesprochen. Es war wahnsinnig interessant zu sehen, wohin sie gegangen ist. Wie weit sie kam.

Nachdem wir uns eine Weile gegenseitig neckten fragte ich sie, wo zur Hölle sie meine Zigaretten versteckt habe. Was fiel ihr bitte auch ein ?
Räumlich waren wir zwar 220 Kilometer voneinander getrennt, und doch waren wir in unseren Gedanken so nah voneinander entfernt, dass ich mir das Funkeln in ihren Augen bildlich vorstellen konnte. Sie fragte mich, ob ich nicht eine ihrer Zigaretten wollen würde. Nicht eine Sekunde meines Lebens habe ich gezögert.

Sofort rief ich Michael an, einen guten Freund von mir, welchen ich vor langer Zeit ebenfalls Verbannt hatte. In den Brunnen der Unglückseligen warf, und erst jetzt wieder mit einem starken Seil aus Reue herauszog.
 
Wir redeten während die schwarze Nacht mit dem lauten Prasseln des Regens durchzogen wurde. Die Scheinwerfer des Autos rastlos nach den Begrenzungspfosten suchten, und das Ziel immer näher kam.
Ich konnte es kaum glauben, wie in Trance fuhr ich zu ihr. 

Da kam sie auf uns zugelaufen. Sie war wunderschön. Mir stockte fast der Atem. Es war, als hätte man einen Schatz vergraben. 
Ich war lange Zeit als plündernder Pirat unterwegs in den Gewässern dieser Welt. Stets hatte ich einen Papagei an meiner Seite, fütterte ihn mit Keksen und Allerlei. Raubte die Schönen und wehrlosen Prinzessinnen um ihre Schätze und vergrub sie auf meiner Schatzinsel. Auch ein Pirat kommt irgendwann zur Ruhe, braucht etwas Urlaub, oder möchte vielleicht einfach mal nachsehen, ob noch alles dort ist. Vielleicht hat einer dieser stinkenden Gauner die Kostbarkeiten geraubt, wer weiß ?
So stand sie vor mir, eines der größten Juwele, die ich je vergraben hatte. Gesondert, an einem extra dafür konzipierten Ort. Nach all der Zeit hatte ich Angst, die Dukaten, die mit ihr eingebettet waren, würden verrostet sein. Doch sie strahlten in demselben Glanze wie damals.
Es war ein großartiges Gefühl.

Wir standen an ihrem Fenster, rauchten Zigaretten, tranken Wein und redeten über die Vergangenheit. Es war ein "guter Tropfen", schmeckte scheußlich, ging aber in den Kopf. Benebelt von dem Rauch und den gegorenen Trauben liefen wir durch die Nacht.

Wir landeten in einer Cocktailbar. Ich trank den schlechtesten Whiskey Sour meines Lebens und ging mit ihr eine rauchen. Sie schaute mich mit ihren hypnotisierenden Augen an und sagte: "Weißt du, was ich dir schon immer mal sagen wollte ?"
Ich zog lässig an meiner Zigarette und sagte: "Was denn ?"
"Weißt du", fuhr sie fort, "...in all der Zeit, die wir zusammen hatten, hast du mich nur einmal geleckt."
Aua, das saß. Dank des wunderbaren Weins kann ich mich nicht mehr genau an meine Worte erinnern, die ich ihr hilflos und ohne Schutz entgegen warf.

Wir gingen wieder rein, zahlten und zogen weiter.
Ich begann das Zeichen zu geben, dass ich mit ihr alleine sein wollte. Mein wunderbarer Freund half mir und wollte unbedingt zu einem Kiosk. Jetzt. Bier, Kippen, das Übliche. Perfekt.

Da stand ich mit ihr, inmitten von hunderten Menschen. Die Lichter der Stadt warfen einen Schimmer in ihr Gesicht, ihre olivgrünen Augen funkelten. Ich sah genau hin. Betrachtete ihr ebenholzschwarzes Haar, wie es im Wind wog. Schaute auf ihre blutroten Lippen, sie bewegten sich und formten Worte. Worte, die ich als sehr wahr empfand. Worte, die aus diesen Lippen kamen. Ich wollte sie spüren. Lehnte mich nach vorne und küsste sie sanft und vorsichtig. Ich hatte Angst, Angst sie zu verletzen. Sie wehrte mich ab.

Natürlich, sie war vergeben. Mittlerweile.
Fuck.

Plötzlich schossen mir Gedanken durch den Kopf, die schwärzer waren als die Nacht und lauter, als der prasselnde Regen:
Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht ? Platze nach drei Jahren wieder in ihr Leben, einfach so ? Dann treffen wir uns nach nicht mal vier Tagen und ich versuche, sie zu küssen ? Was zur Hölle glaube ich, wer ich eigentlich bin.

So lief ich hinter den beiden her, verloren in meiner Gedankenwelt. Fokusiert auf die Dinge, die sie mir gesagt hatte. Warum hatte ich sie nicht geleckt ? Warum war ich überhaupt so ein Arschloch ? Wieso zur Hölle konnten wir nie über unsere Gefühle reden ?

Nun, ich befürchtete es wäre falsch gewesen, ihr in diesem Augenblick zu sagen, was ich mir alles vorstellte, als sie auf dem Fensterbrett saß und eine Zigarette rauchte. Also war ich ein Gentleman, der das Revier des anderen akzeptiert, der will, dass sie glücklich ist.
Von der Fantasie, in der ich mich ihr langsam von hinten nähere. Ihr sanft den Nacken küsse, während sie sich zu mir umdreht. Mir Rauch ins Gesicht bläst und ich ihr dann auf die Lippe beiße. Sie zu mir ziehe und anfange, sie mit einer Hand an der Innenseite der Oberschenkel zu streicheln. Ihre Atmung unregelmäßig wird und diese Spannung sich langsam entlädt, als ich beginne, ihr die Klamotten auszuziehen. Sie vom Hals abwärts langsam küsse, bis ich an ihrer wunderschönen, warmen Pussy angelangt bin. Um sie dann zu befriedigen, bis sie mich zu ihr hochzieht und wir beide miteinander eins werden.

Ich beschloss also, nichts von alledem zu sagen. Nicht, dass ich es damals nicht machte, weil ich Angst hatte, es nutzt sich ab. Nicht sage, das ich sie damals schon so beeindruckend fand, das ich mit ihr nie über meine Gefühle reden konnte. Weil ich Angst hatte, Angst davor zurückgewiesen zu werden. Nackt dazustehen, ohne alles. Schutzlos.
Ich verfickter Idiot !

Stattdessen war ich nun hier, in dieser Wichsstadt. Ich lief hinter den beiden her, starrte die Sterne an. Trank mein Bier, rauchte meine Zigaretten und lief durch die nasse, kalte, dunkle Nacht. Das war die Konsequenz, die wunderbare Konsequenz, von der ich damals nicht genug bekommen hatte.
Jetzt musste ich die Konsequenz tragen, die ich einst säte.

Nachdem wir noch einige Stunden in ihrer warmen Wohnung saßen und über Gott und die Welt redeten. Und ich eine unbeholfene Geschichte nach der anderen erzählte, mir dabei so unendlich dämlich neben ihr vorkam. Beschloss ich, zu fahren. 

Auf der Rückfahrt zeigte sich die Nacht viel dunkler, die Müdigkeit erdrückte mich und meine Gedanken schnürten mir fast die Kehle zu. Ich fühlte mich so glücklich, sie nochmal gesehen zu haben. Ein weiteres Mal in ihre hypnotisierenden Augen geschaut zu haben, ihren wunderbaren Atem gespürt zu haben. Mich mit ihr geprügelt zu haben, obwohl ich tiefe Kratzer in meinem Handgelenk entdeckte. Es war ein wundervoller Abend, und doch fühlte er sich so unvollendet an.

Plötzlich schrieb sie mir. Sie schrieb mir, dass sie eine Träne verdrückt hätte. Sie schilderte mir dieselben Empfindungen, die ich ebenso deutlich fühlte. Es war, als würden wir all die Hindernisse mit einem einzigen Augenblick, binnen Sekunden, überwunden haben. Die Welt stand uns offen, ich sah mich schon in einem Mustang mit ihr nach Las Vegas fahren. Wie sich vor uns aus dem Nichts diese Stadt aufbauen würde, so würden wir uns aus dem Nichts etwas aufbauen können.

Zurzeit fahren wir auf einer Straße, inmitten der Wüste Nevadas. Wir sitzen in einem roten Mustang Fastback. Deine Haare flattern im Wind, deine Sonnenbrille lässt dich aussehen wie Audrey Hepburn. Ich reiche dir eine Zigarette und wir fahren in Richtung Las Vegas. Egal, wie lang die Reise sein wird, wie lange ich warten muss, unser Ziel steht fest. Das Leben spielt auf unserer Seite, wir müssen nichts aus dem Nichts erschaffen. Wir können aus den Fehlern lernen, dafür sind sie da.
Wenn du willst, kommen wir in Las Vegas an, bis dahin werde ich lernen dir die Tür aufzuhalten.

9

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare