Glanz-Allee 08.10.2013, 16:51 Uhr 10 35

In Liebe tauchen.

Alltag in Berlin und Momente mit dir, die mich verändern.

Niemals hätte ich damit gerechnet, jemanden zu finden wie dich. Bin ich doch sonst als Eisprinzessin durch die Irrwege des Lebens gewandelt - gehüllt in meinen kühlen, hellblauen Mantel und habe so manch rot blühende Rose geköpft, in weiße Farbe getaucht und zu Boden fallen lassen. Jeder Blick zurück ließ mein Herz schneller schlagen. Meine ganz eigene, kleine Spur. das Zeichen, das ich gelebt hatte. Meine Hinterlassenschaft. Mein Erbe. Euer Tod.

Ich trete vor den Spiegel im Flur. Betrachte mich ein letztes Mal, schaue nach, ob die Fassade richtig gechnürt über meinem Ich sitzt. Steife nur noch meinen Mantel über und ziehe die Tür zu meinem Reich hinter mir zu.

Ich bin auf dem Weg zu dir. Die S-Bahn ist voll, die Luft stickig. Immer mal wieder bemerke ich die auffordernden Blicke von Anderen. Ein Lächeln,  ein Zwinkern. Doch wie so oft lässt mich das kalt. Schaue aus dem Fenster und lasse die Landschaft, diese vielen hundert Häuser mit ihren vielen tausend Bewohnern sowie deren vielen Millionen Geschichten an mir vorbei ziehen.

An jeder Station ein Menschenstrom. Ein Heimatloser steigt zu und wird von keinem beachtet. Menschen um mich herum rümpfen die Nase, keiner weiß ob der Gestank von ihm oder von seinem treuen , vierbeinigen Begleiter kommt. Ich gebe ihm mein Kleingeld, verabschiede mich in dem Moment von den Drinks zum Vorglühen, die ich  mir davon kaufen wollte. Es ist nicht einmal viel - er hat Tränen in den Augen. Langsam fahre ich mit meinen Fingerspitzen durch das Fell seines Hundes. Dann steigt er aus. Winkt ein letztes Mal.  Im Grunde sind wir uns völlig gleich. Beide nicht zur Norm gehörig. Irgendwo verloren gegangen in der Großstadt. Nur, dass ich meine festgeschnürte Fassade noch trage, um beim Anders-sein nicht sofort aufzufallen. Er hat dazu keine Kraft mehr.

Die nächste Station wird aufgerufen. Jetzt bin ich angekommen, entfliehe endlich der menschenfressenden Raupe und du stehst da. Angelehnt an der Wand, betont gelassen - das ist deine Maske. Doch ich weiß, was dahinter - was in dir steckt. In Momenten der absoluten Ehrlichkeit habe ich es durchschimmern sehen. Früher hätte ich es noch für Schwäche gehalten, doch jetzt nicht mehr. Nicht bei dir. Dein schimmerndes Herz konnte ich einfach nicht in weißer Farbe ertränken und liegen lassen..

Du unterbrichst meinen Gedanken, küsst meine Stirn und führst mich Hand in Hand nach Haus. Ich trete in dein Zimmer, atme dein Leben ein aber die Fassade sitzt zu eng und hindert mich. Behutsam beginnst du sie mir abzunehmen, öffnest somit auch mein Innerstes, meine Seele, mein Herz. Zuvor durch das Korsett gestützt, breche ich nun zusammen, sinke in deine Arme und tauche in deine Liebe ein. Auf einmal bin ich wieder klein; bade, plansche, baue Burgen und lasse mich treiben.

Niemals hätte ich damit gerechnet, jemanden zu finden wie dich. Für mich bist du in all deiner Unvollkommenheit perfekt. Ich glaube, ich mag dich. Auf meine ganz eigene, bizarre, absonderliche Art habe ich dich gern. Wie du so neben mir liegst und dein Blick all meine Zweifel durchdringt. Die Zeit vergeht, verfliegt, doch kehrt sie irgendwann zurück mit der Realität auf ihren Schwingen. Und es wird Zeit zu gehen.

Meinen Mantel lasse ich achtlos bei dir in der hintersten Ecke liegen. Die Bahn rückt näher - ich umarme dich und tauche ein letztes Mal ein. Nur noch einmal. Einmal um den Tag zu überstehen. Und schon hat mich die Großstadt wieder.  

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10 Antworten

Kommentare

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    Ich mag es sehr!

    19.11.2013, 12:05 von Tayrina
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    Wow! Ganz viel Liebe an dich für diesen wunderbaren Text! :)

    29.10.2013, 23:34 von skinny-love
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    Meine Lieblingszeilen: "[...] Auf einmal bin ich wieder klein; bade, plansche, baue Burgen und lasse mich treiben. [...]!


    Wirklich schön geschrieben!

    18.10.2013, 19:16 von keinmaerchenbuch
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    Wunderbar!

    18.10.2013, 16:21 von lastSnowfall
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    "Menschenfressende Raupe"?

    "In Momenten der absoluten Ehrlichkeit"

    Ich denke da an, "In Momenten der halben Ehrlichkeit"...

    Ich muss gestehen, dass der Text ein wenig unbeholfen zusammengestellt wirkt, als wäre es ein Aufsatz in Deutsch gewesen, der missglückt ist.

    Sorry.

    12.10.2013, 14:31 von marco_frohberger
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    Wundervoll! :)

    11.10.2013, 06:06 von ridiculus
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    Dachte aufgrund der Überschrift erstmal jetzt folge ein Text wie jeder andere, aber das ist er ganz und garnicht. Sehr schön :) 

    10.10.2013, 20:15 von SchwarzerKolibri
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