eDarling 25.12.2014, 21:23 Uhr 2 4

In einem Jahr

Wer weiß schon, was du bekommst, wenn du dir ein gutes Jahr wünschst? Doch egal, was es ist. Es wird anders gewesen sein. Und das ist schon gut genug.

'Ich lebe.'

Dieser Satz hallt in mir nach und ich empfinde Erstaunen über die Größe seiner Bedeutung.
Aber es ist wahr, ich lebe.
Ich atme.
Ich habe überlebt.

Ich stehe hier im Nieselregen, der bleigraue Himmel über mir und in den Ohren das leise Rascheln und Wispern des toten Schilfrohrs um mich herum. Schwarze Äste kahler Bäume greifen in die feuchtkalte Luft und meine Schritte klingen dumpf auf den Holzbohlen unter meinen Füßen.

Ich bin wieder hier.

So wie letztes Jahr kurz vor dem Ende.
31. Dezember.
Dieses Datum hat etwas Müdes, etwas Abgekämpftes an sich.
Als trüge es die Last des ganzen vergangenen Jahres mit sich herum. Hab mir angewöhnt das Gesicht in den Regen zu halten, wenn er fällt, und mich in einem Lächeln zu versuchen. Das anzunehmen, was da ist, egal was es ist.

Ich bleibe stehen, lehne mich an das Geländer des Holzbohlenwegs und schaue in das schwarze Wasser hinab. Wenn ich eines gelernt habe in diesem Jahr, dann, dass es etwas Tröstliches an sich hat, ganz unten angekommen zu sein.

Denn dann kann es nur noch wieder bergauf gehen.
Und auch im Ende eines Jahres steckt dieser kleine Funken Hoffnung. Dieses leise Vertrauen, dass es im neuen Jahr, in wenigen Stunden schon, anders sein wird. Unbeschwert, ein kleiner Neuanfang im endlosen Kommen und Gehen der Jahreszeiten, Freud und Leid und dem ewigen Ineinanderübergehen von Heute und Morgen.

Ich wage einen Gedanken. Wage, mich zu erinnern und versuche, Bilanz zu ziehen. Ich sehe mich hier stehen, letztes Jahr, an eben diesem Ort und nehme mir Zeit für die Erinnerungen, die aus meinen Gedanken auftauchen. Noch etwas ist mir klar geworden in diesen vergangenen 365 Tagen. Der Mensch ist stärker als er denkt. Doch das auch nur deshalb, weil er vorher nie weiß, was auf ihn zukommt.

'Ich lebe.'

Ich flüstere die Worte und spüre meinen Atem über meine Lippen strömen, hole tief Luft und lasse sie vorsichtig wieder entweichen.

So viele Tage in diesem Jahr, an denen ich nicht einmal mehr wusste, ob ich die Kraft finden würde, bloß einzuatmen.

So viele Wochen, in denen genau das mein einziges Ziel gewesen ist. Zu atmen. Bloß zu atmen. In denen alles andere nur eine weit entfernte, schier unerreichbare Option war.

Doch irgendwann kam das erste Lächeln. Es kam der erste müde Scherz und ein kleines Schmunzeln. Die Freude kam zurück. Über einen sonnigen Tag, ein gutes Essen oder ganz alltägliche Dinge.

Ich reibe meine kalten Hände aneinander, puste warme Luft dazwischen und halte sie mir an die Wangen. So wie die Jahreszeiten die Natur verändert haben, so hat dieses Jahr mich verändert.

Es hat mich hoffen lassen, es hat mich geschliffen, es hat mich gebrochen und repariert.
Ich bin dankbar für den Meißel der Zeit.
Dankbar für die Menschen, die ihn ansetzen und Schlag für Schlag das aus mir herausholen, was in mir steckt.
Mich von dem Ballast befreien, der noch an mir hängt.

'Ich lebe.'

Wärme durchströmt mich. Ich stoße mich vom Geländer ab und wende mich zum Gehen. Mit dem Schmerz habe ich auch meine Furcht vor dem Unbekannten zurückgelassen. Habe gelernt, anzunehmen, was kommt und mein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Meine Schritte federn auf dem Untergrund und ich habe fast Lust zu tanzen.

Denn morgen fällt die Jahreslast vom Kalender, morgen steht da wieder 1 von 12 und ich habe so viele Pläne. So viel Neugier in mir und so viel Lust, zu leben und zu entdecken. Und manchmal, in stillen Momenten, oder wenn eins von unseren Liedern läuft, dann wünschte ich, all dies mit dir erleben zu können. Dann umarme ich dich in Gedanken und hoffe, dass du vielleicht gerade lächelst.

Doch ich spüre auch, dass es gut ist, dass du jetzt da bist, wo du bist, und nicht bei mir.
Denn ich habe entdeckt, dass ich auch ohne dich atmen kann.
Dass ich ohne dich sein, ohne dich leben kann.
Und das hat mich stark gemacht.

Denn so wie der Frühling dem Baum die Blätter schenkt und der Herbst sie ihm wieder nimmt, so zeigt erst der Winter, wie viel er gewachsen ist. Und diese Größe, kann ihm niemand mehr nehmen.

Meine Füße sind warm vom Laufen, meine Nasenspitze ist kalt und rot und kleine Tröpfchen hängen in meinen Haaren. Es ist dämmrig geworden. Ich lasse das Moor hinter mir und als ich auf die Straße zurück komme, springen auf einmal die Laternen an und tauchen alles in dieses besondere Licht.

31. Dezember 2014.
Es gibt nur einen Tag, an dem Ende und Anfang so nahe beieinander liegen, denke ich. Doch dann wird mir klar, dass das nicht stimmt.Jede Minute kann ein Neubeginn sein.
Jeder Gedanke der erste Schritt in eine andere Richtung. Selten fallen Anfang und Ende von etwas so direkt auf die selbe Zeit.

Es kommt mir so vor, als würde ich gerade nicht nur ein altes Jahr hinter mir lassen, nein. Es fühlt sich nach dem Ende eines Lebensabschnitts an. Ich muss schlucken, ziehe die Schultern hoch und vergrabe meine Fäuste in den Taschen meines Wintermantels.

Ja, ich bin wehmütig, ich gebe es zu. Doch ich freue mich auch, endlich in diesem neuen Lebensabschnitt angekommen zu sein. Überhaupt endlich angekommen zu sein.

Das neue Jahr kann kommen, ich bin bereit. Denn dieses neue Jahr wird mit mir leben. Es wird noch eine Zeit lag mit mir ruhen und Kräfte sammeln, aber irgendwann wird es erwachen. Es wird aufblühen und dann – ein Jahr von heute – werde ich mir die Zeit nehmen, allein hierher kommen und Bilanz ziehen.

Und wer weiß schon, was dann ist? Wer weiß schon, was du bekommst, wenn du dir ein gutes Jahr wünschst?

Doch egal, was es ist.

Es wird anders gewesen sein.

Und das ist schon gut genug.

4

Diesen Text mochten auch

2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Die letzten 4 Sätze - traumhaft!
    Ich hab mich ein bisschen in diesen Text verliebt :)

    28.12.2014, 23:13 von MelliMelson
    • 1

      Ich dank dir :) Und ich bin ein bisschen verliebt in so liebe Rückmeldungen ;)

      30.12.2014, 15:31 von eDarling
    • Kommentar schreiben

NEON im Netz

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare