wortverliebt.a 22.12.2012, 00:07 Uhr 0 1

Immer wenn es regnet....

Er. Sie. Eine Bushaltestelle. Regen. 20 Minuten.

Sie liebte den Regen. Das beruhigende, rhythmische Plätschern, die reißenden Bäche, die kleine Gegenstände gedankenlos mitrissen und die Straßen von Müll und Schmutz reinigten. Die Luft erfüllt vom frischen Geruch der Veränderung und Reinheit. Ähnlich funktionierte es auch mit ihren Gedanken. Sie liebte es durch die vom Regen leergefegten Straßen zu stolzieren und ihr Gedanken wie Tropfen an Fensterscheiben ineinanderlaufen zu lassen; unaufhaltsam fließend. Ihre überflüssigen Gedankenströme abzutun und den Geist zu reinigen. Dem Regen erlauben ihre innersten Ängste fortzuspülen, bis sie zusammen mit dem Geröll der Straßen in die Abgüsse hinabgezogen wurden und vielleicht nie wieder auftauchten. Sie konnte es bestimmen: Wann es aufhörte, wann es endete, vielleicht nicht bewusst, aber deswegen war es gut. Es hatte seinen Sinn!

Er hasste den Regen. Die durchtränkten Klamotten wenn er mal wieder seinen Schirm vergessen hatte und eilig zur Bushaltestelle lief, um nicht völlig durchnässt anzukommen. Dabei nicht jeder Pfütze erfolgreich auswich und so, neben den nassen Füßen, große, hässliche Schmutzflecken auf seinen Jeans verursachte. Man konnte nichts unternehmen! Böswillig raubte der Regen einem die Freizeit, bestimmte das Aufhalten im Inneren und somit das erhöhte Auseinandersetzen mit virtuellen Medien, anstatt lebendige Nachmittag an der Luft zu verbringen. Ein Grund mehr, warum er das Wetter verabscheute. Die letzten Tage war es besonders schlimm. Seit Freitag hatte es ununterbrochen geregnet. Die dunklen Wolken am Himmel schienen verschmolzen, sich einig geworden der Sonne auch nicht die leiseste Chance zu geben das trübe, triste Grau des Alltages mit nur ein paar Lichtstrahlen aufhellen zu dürfen. Mittlerweile war keines seiner Paar Schuhe noch trocken und die Laune sank im Gegensatz zum Wasserspiegel der Untergründe von Tag zu Tag. Wirklich beeindruckend wie viel Einfluss das Wetter auf das Gemüt hatte dachte er sarkastisch und ärgerte sich, dass er nicht gegen die steigende Wut ankämpfen konnte, die sich in ihm breit machte, als er auch noch feststellte, dass der Bus gerade vor seiner Nase abfuhr. 20 Minuten zusätzliche Wartezeit an der Haltestelle! 20 Minuten zusätzlicher Gefangener des Regens, der den Weg versperrte, wie eine unsichtbare Wand!

Sie hatte 20 Minuten sich wieder zu fangen! 20 Minuten um ihren aufkommenden Gedankenschwall zu unterdrücken und die Tränen, die das Wochenende über unaufhaltsam auf ihren Wangen tanzten, zu trocknen! Dann würde der Bus kommen und sie müsste stark sein. Der Alltag hatte ihr ganze zwei Tage Auszeit gegönnt, eher er sie lieblos in die Realität gezehrt hatte, um ihr zu verdeutlichen, dass das Leben weiterging, die Erde sich weiterdrehte egal wie sie sich fühlte. Mit einer entschiedenen Handbewegung wischte sie die letzten Tränen fort, die sich mit den Tropfen vermischten und kleine, salzige Spuren hinterließen, die sich wie Straßen auf ihrer Haut abzeichneten.

Sie hatte geweint. Das sah er ihr an. Die meisten hätten vermutet, die leichten Spuren ihres Mascaras, die sich unterhalb ihrer Augen abzeichneten, wären Spuren des Regens, der sie, ungeschützt durch einen Schirm, versuchte zu entstellen. Er wendete sich ab, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und richtete stattdessen seinen Blick zu Boden. Was hatte sie dazu gebracht? Auch wenn sie nicht mehr weinte, sah er die roten Äderchen in ihren Augen und den traurigen Blick mit dem sie gedankenverloren in den Regen hinausstarrte. Der Regen hatte nachgelassen, die zuvor kirschkerngroßen Tropfen prasselten jetzt weniger hart auf das Dach der Haltestelle und erlaubten es die umgebenden Geräusche wieder verstärkt wahrzunehmen. Ein zweiter kurzer Blick bestätigte seine Gedanken: Sie war hübsch! Vielleicht nicht auf die Art und Weise, dass sich jeder nach ihr umdrehte. Eine geheimnisvolle Schönheit umgab sie und von der sie sich, wie er vermutete, nicht bewusst war. Das dunkle, vom Regen durchnässte Haar, hing in Strähnen hinunter und umgab ihr symmetrisch geformtes Gesicht wie ein Rahmen, der die Aufmerksamkeit auf ihre dunklen, funkelnden Augen richtete. Wie eine Nacht in Asien.

Sah er sie an? Oder hatte er nur zufällig in ihre Richtung gesehen, um mit einem Blick zu erhaschen ob sich der Bus vielleicht endlich näherte? Wahrscheinlich war es so! Warum sollte er sie ansehen? Mit ihrem durchnässten Haar und den vermutlichen Mascaraspuren, die in schwarzen Schlieren ihr Wangen hinunterliefen, zog sie nicht gerade die Aufmerksamkeit auf sich. Unbewusst fuhr sie mit ihren Fingern unter ihren Augen umher um zu prüfe wie wasserfest ihre Schminke wirklich war. Er sah nett aus! Die Hände in den Taschen vergraben sah er auf seine Schuhe hinunter, die vermutlich vom Regen durchnässt waren und ihm spätestens morgen einen Schnupfen bescherten! Sein ebenfalls nasses Haar hing ihm strähnig ins Gesicht, in seinem Drei-Tage-Bart hingen vereinzelt Regentropfen, die bald, von der Schwerkraft angezogen, auf den Boden tropfen würden. Sie ertappte sich wie sie lächelte, als sie sich vorstellte, dass es wahrscheinlich kitzelte wenn die Tropfen hinunterrinnen und durch einzelne Stoppeln aufgehalten das Gefühl unaushaltbar machen würden.

Er hob seinen Blick als ein helles Licht sein Gesicht streifte. Es war tatsächlich die Sonne, die sich dem ewigen Kampf mit dem dichten Wolkenmeer einen Erfolg ergattert hatte und wärmend sein Gesicht liebkoste. Es war nicht viel, nur ein kleiner Strahl, aber Grund genug nicht nur die umgebende, düstere Atmosphäre, sondern auch sein Gemüt aufzuhellen. Wie konnte es sein, dass das Wetter, dass sich wie ein fester Griff, die letzten drei Tage nicht hatte lösen wollen, nun, von einen auf den anderen Moment langsam den Griff lockerte um der Sonne zu erlauben ihr scheinendes Antlitz zu präsentieren.
Sie lächelte. Das erste was ihm auffiel als sich ihre Blicke trafen. Es war nur ein zaghaftes, unsicheres Lächeln, der Effekt jedoch umso größer. Sie war  mehr als schön, besonders wenn sie lächelte. Er wünschte sich, sie würde nicht aufhören und nicht wegsehen. Doch kaum hatten sein Gehirn diese Gedanken produziert wandte sie sich auch schon ab und richtete ihre Augen geradeaus, als hätte sie plötzlich etwas Wichtiges entdeckt.

Sie konnte es nicht! Sie konnte seinem Blick nicht standhalten, wie gern sie es auch getan hätte! Die Unsicherheit zerrte an ihr wie ein quengelndes Kind an dem Rockzipfel der Mutter und erinnerte sie an die Gedanken, die sie gefangen hielten und es ihr nicht erlaubten, auch nur einen Blick durch die Gitterstäbe zu werfen, die sie von der scheinbar unbeschwerten Außenwelt trennten. Sie spürte, wie ein aufkommender Windstoß auch den Schauer wieder intensivierte, dicke Tropfen plätscherten wieder monoton auf die Straße und hinterließen Löcher, als sie die Wasseroberfläche der Pfützen grob durchbrachen. Sie fröstelte und zog den Mantel enger an sich, um sich vor dem kalten Wind zu schützen, der ihr durch die Kleidung fuhr und ihr langes Haar ungebeten tanzen ließ.

Was war denn mit dem Wetter los? fragte er sich. Wie verhext verschwand die Sonne, verlor den Kampf gegen die dichten Wolken, die sie lautlos umhüllten und ihr Licht von dem Rest der Welt abschirmten. Die wärmende Kraft, weggefegt vom brausenden Wind, der durch die Bäume tobte und den Regen nun auch bis unter das schützende Dach der Haltestelle trieb. Verärgert trat er einen Schritt zurück, hoffend, dass die Nässe ihn in der hinteren Ecke verschonen würde, auch wenn er sie so offensichtlich verfluchte. Der einzige Vorteil war, dass sie ihm näher kam. Ebenfalls schutzsuchend, trat sie ein paar Schritte zurück und lehnte an der Wand, sodass sie nur noch wenige Zentimeter trennten. Er konnte förmlich den Duft ihrer frisch gewaschenen Haare riechen, welchen ihm der Wind verlockend unter die Nase trieb. Er atmete tief ein um nichts von dem wohltuenden Duft zu verlieren, zu kostbar schien er ihm in diesem Augenblick um auch nur eine Prise verfliegen zu lassen, sodass sich vielleicht jemand anderes an ihm erfreute.

Sie wusste in wenigen Minuten würde der Bus kommen. In wenigen Minuten würde sie aus dieser Situation hinausgerissen werden, aus einer Situation, die sie langsam anfing zu genießen. Sie spürte seine Blicke auf ihr, wenn er meinte, sie würde wegsehen. Seine Gedanken, die sich fragten, wie lange sie noch schweigend nebeneinander stehen würden um dem Regen zu lauschen, der die beiden mit seiner beruhigenden Melodie von der Außenwelt fernhielt, in der Minuten noch wie Minuten vergingen und nicht wie Stunden. Würde er etwas sagen? Würde er die Stille, die beide umhüllte wie ein weiches, wohliges Tuch, durchbrechen, aus Angst, diese Situation nie wieder und somit sie nicht wiedersehen zu können? Sie hoffte, er würde es nicht tun! Keine Worte, wie schön sie auch umkleidet waren von Gefühlen und Gedanken, konnten diesem Moment standhalten und ihm das Wasser reichen. Jede Äußerung würde diesen Moment zerstören, die mystische Atmosphäre zerspringen lassen, wie ein Glas, das unachtsam auf den Boden fallen gelassen wird. Kein Wort könnte sie in diesem Moment überzeugen. Dafür war es noch zu früh.

Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er war nicht schüchtern, aber dieser Moment raubte ihm seine Gedanken, seinen Mut, seinen Luftstrom; um die Worte zu artikulieren, die ihm auf der Zunge lagen und einen bitteren Geschmack hinterließen. Fast so, als würden sie ihm mitteilen wollen, sie im Inneren zu behalten. Als würde er die Situation mit einer oberflächlichen Äußerung über das Wetter, so wie die meisten Leute ein Gespräch begannen, nur zerstören. Ein bekanntes Geräusch löste ihn aus seinen Gedanken und nahm ihm die Entscheidung, als er feststellte, dass der Bus mit quietschenden Reifen hielt und die vordere Tür öffnete. Nicht sein Bus.

Als die Türen schlossen, drehte sie sich nochmal um. Ein letzter Blick bevor er langsam mit ihr davonrollte und die Figur, die noch unter dem Dach der Haltestelle stand, langsam verschwamm und nicht mehr zu erkennen war. Würden sie sich wiedersehen? Vielleicht schon morgen? Vielleicht in ein paar Wochen? Es spielte keine Rolle wann, denn sie spürte, es würde ein Wiedersehen geben und bis dahin würde sie sich weiter und weiter von ihren Ketten befreien, die sie umschlossen hatten und die er in läppischen zwanzig Minuten gelockert hatte. Zumindest so weit, dass sie ihre Arme bewegen konnte um sich eigenständig, Stück für Stück aus der eisigen Umarmung zu befreien. Und wenn sie sich das nächste Mal sehen würden, würde die Sonne scheinen, da war sie sich sicher!


Tags: Liebe auf den ersten Blick, überwinden, Bushaltestelle
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