der.eva 16.01.2008, 00:57 Uhr 28 7

Immer Warten

Ich fahre nicht zu ihm ins Krankenhaus, aber ich weiß nicht, ob das richtig ist.

An einem fiesen, kalten Samstag im neuen Jahr haben wir uns endlich getrennt. Zehn Jahre lang waren wir ein Paar. Zehn Jahre, das ist mehr als ein Drittel meines Lebens. Vor Zehn Jahren hatte noch niemand einen MP3-Player. Die meisten Ehen halten nicht mal mehr so lang, haben Freunde immer wieder, halb im Scherz, bemerkt. Aber von den Zehn Jahren waren nicht mal die Hälfte eine schöne Zeit, nüchtern betrachtet war Matthias wahrscheinlich nicht mal am Anfang ein passender Partner. Aber bevor man alleine zum Abiball erscheint, lässt man sich doch lieber von einem älteren Jungen, Freund von Freunden von Freunden, der schon sein eigenes Auto hat, einladen.

Schnell stellte sich heraus, dass er sich das Auto, die Klamotten und das Feiern durch’s Dealen mit Gras finanzierte. Naja, nicht gerade mein Ding, so als „Job“ neben der Ausbildung, aber wir haben uns ja auch mit seinem Geld eine schöne Zeit gemacht in dem Sommer, bevor ich zum Studium zwar in eine andere Stadt zog, aber immer noch gut zu erreichen war. Unsere Beziehung überlebte nicht nur den Umzug sondern auch die Bombe, die eines Tages in mein heiles Leben platzte: Matthias rief plötzlich aus dem Knast an. Ich traute meinen Ohren nicht, aber es stimmte. Aus Gras waren harte Drogen, aus Freunden Kundenkreise geworden. So genau hatte ich das nicht mitbekommen, denn er selber rauchte höchstens mal einen Joint, und meist kam er am Wochenende zu mir, bei ihm waren wir selten.

Von der Situation völlig überfahren fuhr ich ihn in der Vollzugsanstalt besuchen. Es war nicht beklemmend, nur unwirklich, fast hätte ich gekichert, einfach, weil die Realität nicht einklicken wollte. Als er unter Tränen erklärte, was passiert war, kam der Ernst der Lage aber auch bei mir an. Er gestand mir bei diesem Besuch auch, dass er die Ausbildung abgebrochen hatte. Ich fühlte mich völlig taub, dann irritiert, dann ging ich, in meinem Gehirn verwickelten sich die Gedanken und Gefühle zu Knäueln, und ich wollte nichts mehr sagen.

Die drei Monate, die er einsaß, besuchte ich ihn nicht mehr. Die Trennung war peinlicher als dass sie schmerzlich war, wer gibt schon gerne zu, dass man sich von seinem Freund getrennt hat, weil er in den Knast gewandert ist – zumal man selber nichts von dieser Möglichkeit geahnt hatte. Dieser Moment war meine Chance zu sehen, was für meine Freunde sonnenklar war: So einer ist kein Mann für mich, nicht für die Zukunft. Sie hätten es mir eintätowieren, mich nie wieder in seine Nähe lassen sollen.
Aber als er nach seiner Entlassung bei mir stand und flehte, mir einen Neuanfang versprach, da ließ ich mich leiten von Sicherheitsgedanken. Drei Jahre, die wirft man doch nicht einfach so weg. Mit den Drogen hat er einfach Pech gehabt. Man muss jedem eine zweite Chance geben. Und außerdem will ich doch eigentlich nicht alleine sein. Dass meine Freunde mich für verrückt erklärten, fand ich oberflächlich und herzlos.

Es gab wirklich einen Schnitt, Matthias bemühte sich um einen Job, wir holten zusammen einen Hund, ich fuhr nun öfter zu ihm. Die Wunde verheilte, und obwohl ich nie wieder tiefstes Vertrauen fassen konnte, lebte es sich mit unserer Beziehung gar nicht schlecht, zumindest für eine Weile. Nach und nach merkte ich, dass ich mich am Wochenende auf den gemeinsamen Hund mehr freute als auf meinen Freund. Immer noch war ich nicht bereit, mich zu trennen. Auch nicht, als er wieder und wieder seinen Job verlor und anfing, mich ständig anzupumpen. Auch nicht, als er seine Wohnung komplett schwarz strich und nur noch Computer spielen wollte. Mit meinen Freunden wollte ich über Matthias nicht reden, die rieten mir zur Trennung, so wollte ich nicht denken.

Warum ich mich so lange gewehrt habe diesen Schritt zu machen, kann ich nicht sagen. Auch nicht, was der Grund war, es nach all den Jahren plötzlich doch zu tun. Am Wochenende haben wir uns wieder einmal gestritten, und ich war zu müde, und es war wieder einmal derselbe Streit. Er starrte mich erst entgeistert, dann wütend an, als ich ihm eine Beziehungspause vorschlug. Dann sollten wir doch lieber gleich einen Schlussstrich ziehen, ich könne meine Sachen ja gleich mitnehmen, hat er gemeint, und ich habe gepackt.

Am nächsten Mittag bekomme ich einen Anruf, Matthias liegt im Krankenhaus. Hatte morgens getrunken, sich ins Auto gesetzt und war losgefahren. In eine Leitplanke gerast, den Abhang runter. Hat sich den Halswirbel angebrochen, muss operiert werden. Zehn Prozent Chance, dass er stirbt, für jedes Jahr unserer Beziehung ein Prozent. Noch mehr Prozente, dass er querschnittsgelähmt überlebt. Ich telefoniere mit seinen Eltern, aber ich setze mich nicht ins Auto. Es ist, als hätte sich alles verkehrt: Nie konnte ich loslassen, jetzt kann ich nicht mehr berühren. Muss ich ihn besuchen? Wir haben uns gestern erst getrennt, gilt das in dieser Situation überhaupt?
Als ich höre, dass er telefonieren kann, rufe ich an. „Hi, Süße.“ meldet er sich. Nein, das will ich nicht. Ich bleibe hier. Ich weine, ich ringe mit mir selbst, habe die Handtasche schon gepackt und drehe bei der Tür doch wieder um. Wenn er die OP nicht überlebt, werde ich mir je verzeihen können, nicht hingefahren zu sein? Ich weiß es nicht. Aber ich fahre nicht. Wenn das Telefon gleich klingelt, werde ich es erfahren.

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28 Antworten

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    wow! ich bin auch sprachlos. es ist keine einfache situation, wie du ja erwähnt hast. Irgendwie kommt es mir so vor als ob sein Krankenhausaufenthalt eher eine seelische bzw. emotionale Erpressung ist. "Schau mal, mir gehts scheisse, du kannst mich retten (vielleicht?)" Es ist hart was ich sage, aber die Tatsache, dass er im Leben nicht klar kommt und du ihn ständig führen musst ist nicht nur eine seelische Belastung für dich sondern führt auch dazu, dass es sich immer und immer wieder sich an dich lehnen wird und die Welt wieder vollkommen ist in seinen Augen. Menschen müssen ersmal auf die Nase fallen, damit sie aufwachen.

    Klar ist es schlimm, dass es im Krankenhaus liegt, ich finde das sogar furchtbar. Aber wenn du hingehen solltest, um ihn wirklich nur zu besuchen ohne ihm Hoffnungen zu machen, dann ist alles in bester Ordnung.

    Ich würde ihn besuchen, nicht jeden Tag und nachfragen, wie es ihm geht. Zumindestens ein Mal. Nicht weil du dein "schlechtes Gewissen" beruhigst sondern weil ihr nun Mal 10 Jahre zusammengelebt habt.

    Viel Geduld wünsche ich Dir!

    06.02.2008, 17:44 von Jil_07
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    wow. ich weiß nich, dass hat mich irgendwie total berührt. ich glaube, ich wäre auch nicht hingefahren. respekt.

    26.01.2008, 12:16 von revolutionaer
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    Auch wenn man an den Komentaren liesst das die meisten deine Meinung nicht teilen sehe ich das anders .

    Man hat unter der Beziehung einen schlusstrich gezogen , und den würde ich kein zweites mal überschreiten .

    Sie hat sich telefonisch nach Ihm erkundigt , mehr
    ist nach einer erneuten Dummheit vom Ihm nicht drin .

    Also ich wäre auch nicht gefahren . Egal ob man 10 Jahre zusammen ist oder 1 Jahr .

    Der Text zeigt das wahre leben .

    22.01.2008, 12:42 von Baxtercrew
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    du hättest gefahren sein sollen, vor allem da er jetzt psychisch und physisch schwach ist
    deine wahrheit ihm gegenüber hat jetzt wohl auch noch etwas zeit

    22.01.2008, 06:28 von impulsive
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    Ich finds schwierig über die protagonistin zu urteilen, weil vermutlich eher die wenigsten soetwas erlebt haben... sie beschreibt ja auch das chaos das in ihr tobt..
    glaube auch nicht unbedingt das es hier um mitleid geht, sondern kann mir vorstellen das die autorin das einfach mal rauslassen musste... also vorausgesetzt das ist kein fiktiver text...
    trotzdem wäre ich vermutlich ins krankenhaus gefahren, aber menschen gehen verschieden mit solchen erlebnissen um, hoffe nur das die protagonistin das nicht eines tages bereut
    finds aber gut geschrieben

    21.01.2008, 21:15 von haubentaucherin
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    beinahe herzzerreißend...
    ich wünsch dir viel kraft!

    21.01.2008, 20:24 von kathi-schneggal
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    nach außen muss du wie eine gefühllose bitch aussehen, die sich es mit allem bequem macht und wenn die scheiße am dampfen ist nen abgang macht. du hast diesen mann nicht geliebt, gesteh dir das ein. Mmn hättest du ihm das sagensollen, schon viel viel früher.., so bist du nun quasi auch noch schuld, dass er im krankenhaus ist, das ist unfair, seine art dich an sich zu binden. das ist fast schon erpressung. Aber du bist es gewesen, die ihm 10 jahre deines lebens, wertvolle 10 jahre gegeben hat.

    19.01.2008, 23:59 von meui
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