onewayoranother 29.11.2014, 20:53 Uhr 0 2

Immer noch hier.

Mit einer kleinen Handbewegung kämmt sie die Strähnen hinter ihr Ohr. Eigentlich hatte er das immer getan.

Langsam schiebt sie ihr Fahrrad aus dem Hoftor heraus. Sie schaut nach rechts und hofft, dass er irgendwo zu sehen ist, aber sie hat ihn schon lange nicht mehr gesehen. Es ist wohl nur noch die Macht der Gewohnheit, dass sie die Straße herunterschaut. 


Das Tor geht knarzend hinter ihr zu und sie tritt in die Pedale. Die Enden ihres Schals wehen im Wind und bei jedem Tritt schleift etwas am Schutzblech. Dieses Geräusch hat nach all den Jahren etwas Beruhigendes für sie. So oft hatte er gesagt, sie solle es richten lassen, aber nie hatte sie es getan. Was wurde er wohl dazu sagen, wenn das Geräusch auf einmal fehlen würde? Würde er sie erkennen, noch bevor er sie am anderen Straßenende hört? Oder würde er sie erst erkennen, wenn sie an ihm vorbeigefahren und um die nächste Ecke gebogen ist?

Sie biegt links ab, in den Weg hinein, den sie so oft gemeinsam auf und ab gelaufen sind. Jedes Mal denkt sie genau an dieser Ecke an seine Umarmung, an dieser Brücke an sein verschmitztes Lächeln und an dieser Laterne an die Worte die er ihr ins Ohr geflüstert hatte: "Ich würde überall mit dir mitgehen. Auch ans Ende der Welt." 
Dann muss sie den Kopf schütteln, um die Gedanken zu verscheuchen. Es sind lästige kleine Fliegen, diese Gedanken. Sie fliegen um sie herum, wirbeln wie das Herbstlaub unter ihren Rädern, spielen wie der Wind mit ihren Haaren und locken diesen Glanz aus ihren Augen hervor. Es ist kein schöner Glanz, sondern ein trauriger. Sie vermisst ihn, Tag für Tag. 

Er wollte mit ihr ans Ende der Welt, er wollte nicht aus ihrer gemeinsamen Stadt heraus, sie wollten zusammen weggehen und nicht mehr wieder kommen. Dann ist er alleine gegangen.
Er ist gegangen und sie stand vor einem Haufen Scherben. Die gemeinsamen Träume sind geplatzt wie Seifenblasen und an den Scherben dieser Blasen hat sie sich geschnitten. Sie wollte alles beseitigen und immer wieder haben diese Splitter sich in ihr Herz gebohrt und Wunden hinterlassen.
Sie versteht noch immer nicht, wie er gehen konnte. Sie war doch diejenige mit dem Fernweh. Sie wollte doch diese Stadt verlassen und nicht wieder kommen. Er wollte doch hier bleiben. Er wollte doch immer nur hier bleiben.

"Jetzt ist es anders herum", denkt sie, während sie an einer roten Ampel anhält und auf das grüne Männchen wartet.
Sie ist noch immer hier.

Während sie wieder auf ihr Fahrrad steigt, färbt sich der Himmel langsam rot. Die Sonne geht auf und sie merkt, dass sie sich beeilen muss. Eigentlich kam doch immer er zu spät zur Arbeit.

Mit einem letzten Schleifen dreht sie auf dem Hof eine Kurve, um anschließend ihr Fahrrad abzuschließen. Ihre Mütze ist verrutscht und ihr langes Haar fällt ihr in die Augen. Mit einer kleinen Handbewegung kämmt sie die Strähnen hinter ihr Ohr. Eigentlich hatte er das immer getan.

Sie lächelt entschuldigend ihre Kolleginnen und Kollegen an und läuft schnell an ihren Platz. Die Handschuhe werden achtlos in die Mütze gestopft und mitsamt Tasche unter den Tisch geworfen. 
Die nächsten Stunden ist sie beschäftigt. Hin und wieder holt sie sich einen Kaffee, aber an eine richtige Mittagspause ist nicht zu denken. Kaffee mochte er noch nie. Nicht einmal mit Milch und Zucker. Sie dagegen liebte den bitteren Geschmack auf der Zunge und den Duft von frisch geröstetem Kaffeebohnen.

An der Kaffeemaschine füllt ein Kollege das Wasser auf. Sie alle fragen schon lange nicht mehr nach ihm. Sie wissen, dass er nicht mehr zurück kommen wird. 
Und doch schaut sie jeden morgen nach rechts, um ihn vielleicht am Ende der Straße zu sehen.

2

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON im Netz

Spezial: Städtereisen

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare

Spezial: Deutsche Fernsehlotterie