nate-indigo 27.08.2010, 07:40 Uhr 1 0

Immer du...

Ich hocke mich auf den Boden und schließe meine Augen, weil ich dieses Bild nicht ertragen kann. Es macht mich traurig. Und es macht mich wütend.

*
Das Einzige, was gerade irgendwie nicht so richtig passt, ist dieses schrille Geräusch. Unangenehm fährt es über meine Haut, bohrt sich in mein Ohr und dringt schließlich in mein Bewusstsein vor. Ich bin erst seit zwanzig Minuten zu Hause. Und doch habe ich schon tief und fest geschlafen. Mein Bett ist warm und gemütlich und die Decke bietet eine schützende Hülle um mich herum. Der Hund liegt neben mir und atmet ruhig und gleichmäßig. Manchmal durchfährt ihn ein leichtes Zucken, das mich aber längst nicht mehr hochschrecken, sondern bestenfalls wohlwollend lächeln lässt, wenn ich es überhaupt bemerke. Ich habe mich daran gewöhnt, dass er jetzt im Bett schläft, unnötig viel Platz einnimmt und eben auch mal schnarcht oder bewegungsreich träumt. Alles ist normal, alles ist wie immer.

Und dann dieses Geräusch. Bis ich es zuordnen kann, vergehen wohl einige Minuten. Es ist die Türklingel. Ich versuche eine Uhrzeit zu erfühlen, kann jedoch nur dieses mulmige Gefühl in der Magengegend erkennen. Draußen ist es noch dunkel und so tappe ich schlaftrunken zur Tür. Niemand da. Die Gegensprechanlage bleibt stumm. Ich warte. Höre, ob da doch noch was kommt. Ein „Hallo“ oder irgendein Wort oder Schritte, die sich schnell oder auch langsam von meiner Tür wegbewegen. Vielleicht habe ich auch nur zu lange gezögert. Habe zu lange gebraucht, um aufzustehen und den kurzen Weg über den Flur zu bewältigen. Dann fällt mein Blick auf die Uhr und ich stelle fest, dass es gerade mal drei Uhr nachts ist. Mein noch nicht ganz wacher Verstand resümiert mit bestechender Logik, dass das kein normaler Besucher war, der da geklingelt hat. Bei einem Notfall im Freundeskreis hätte ich eher einen nächtlichen Anruf bekommen, der meinen Schlaf nicht gestört, sondern höchstens unterbrochen hätte. Auch aus meiner Familie kann das niemand sein. Sie alle wohnen weit weg und ein spontaner Abstecher zu mir mitten in der Nacht wäre doch sehr ungewöhnlich. Alle, die ich kenne, so vermute ich mal, schlafen um diese Zeit. Mein Humorzentrum befindet sich ebenfalls noch im Land der Träume, so dass ich so eine nächtliche Klingelattacke nicht mal als Spaß erkennen kann. In Gedanken gehe ich jede mögliche und unmögliche Situation durch, die dazu führen konnte, dass jetzt jemand geklingelt hat. Bekannte, Unbekannte, mit Absicht, ohne Absicht. Aus irgendeinem Grund kann es mir nicht egal sein. Und all dies geht mir durch den Kopf, während ich noch den Hörer der Sprechanlage fest in beiden Händen halte und gegen mein Ohr drücke.

Und dann kommt plötzlich ganz unvermittelt ein leises „Hey“. Es ist brüchig und klingt sehr traurig. Ich kenne diese Stimme und sofort taucht vor meinem geistigen Auge die dazu passende Person auf, wie sie nun da unten steht, an die Wand gelehnt, mit nassem Haar, mit regen- und tränenüberströmtem Gesicht, den Kopf beschämt und unsicher nach unten gerichtet. Ich hocke mich auf den Boden und schließe meine Augen, weil ich dieses Bild nicht ertragen kann. Es macht mich traurig. Und es macht mich wütend. Aber keine Maßnahme lässt dieses Bild verschwinden. Hilflos, wie ich bin, antworte ich mit einem „Hey“, das nicht so stark klingt, wie ich es mir gewünscht hätte. Etwas anderes fällt mir nicht ein und so folgen einige Sekunden Schweigen, denn auch von der anderen Seite kommt nichts. Ich höre einen tiefen und ernstgemeinten Seufzer am anderen Ende. Und das lässt auch mich schwer atmen, aber ganz leise, so dass niemand es hört. Mittlerweile ist auch der Hund aufgestanden. Schon beim Klingeln war er unruhig und wachsam. Aber meinen plötzlichen Stimmungswechsel spürend ist er mir gefolgt und liegt nun beschwichtigend zu meinen Füßen.

„Kann ich hochkommen?“, fragt dann doch plötzlich die Stimme. Nichts weiter. Nur das. Unwillkürlich sehe ich mich um und bemerke, dass meine Wohnung ebenfalls keinen nächtlichen Besuch erwartet hat. Der Wäscheständer samt Unterwäsche steht mitten im Wohnzimmer, das Geschirr ist nicht abgewaschen, in meinem Flur sieht es aus, als hätten zwanzig Leute ihre Schuhe einfach so abgeladen, vom Schlafzimmer möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst sprechen. In meinem Kopf formuliert sich noch ein strenges „Warum?“, das ich gerne an mein unsichtbares Gegenüber richten möchte, aber der Weg vom Hirn auf die Zunge ist zu lang, denn ich drücke bereits den Türöffner. Ich höre die Schritte im Treppenhaus, sie sind schnell und sehr leicht, immer zwei Stufen auf einmal. Und da erst realisiere ich, was gerade passiert. In meinem Gesicht manifestiert sich ein Rehblick, allerdings nicht der pseudo-niedliche von Bambi, sondern vielmehr der von irgendeinem Reh, das vor ein Auto läuft und sich vom Lichtkegel der Scheinwerfer blenden und fesseln lässt. Vermeintlich lässig lehne ich im Türrahmen, aber meine Augen verraten mich gleich. Das weiß ich jetzt schon. Und dann steht er da. Ein leichter Bartschatten umrandet seinen wunderschönen Mund, seine Haare hängen schwarz und schwer über die traurigen Augen. Er ist nur ein mattes Abbild der Person, die ich vor langer Zeit kennen- und lieben gelernt habe. Und trotzdem kann er mir immer noch imponieren. Es ist etwas Unaussprechliches, das mich an ihm reizt. Aber ich reiße mich zusammen. Ich will nicht, dass es wieder so wird. Und ich beschließe, zu schweigen.

Auch er sagt nichts. Schiebt stattdessen nur seinen großen und gut riechenden Körper an mir vorbei in meine Wohnung. Im Vorbeigehen gibt er mir einen Kuss auf die Stirn, den ich nicht abwehre. Ich schließe die Wohnungstür und bin mit ihm allein. Eigentlich darf es so nicht sein. Das weiß ich. Er weiß das auch. Um der Situation die Spannung zu nehmen, biete ich Kaffee an – die Uhrzeit habe ich mittlerweile wieder völlig aus den Augen verloren. Und noch während das Wasser anfängt zu kochen, bemerke ich, dass mein Outfit nicht dem Bild entspricht, das ich ihm gegenüber eigentlich vermitteln möchte. Shorts und ein dünnes Shirt zum Schlafen – ich sollte mir wenigstens etwas überziehen. Das tue ich dann auch und er macht in der Zwischenzeit den Kaffee fertig. Er weiß immer noch, wie ich ihn gerne trinke. Als ich wieder ins Wohnzimmer komme, sehe ich, dass er sich bereits ein Handtuch aus dem Bad genommen hat. Aus seinen wunderschönen Haaren ist eine Struwwelpeter-Frisur geworden. Wir lachen. Nur kurz. Dann erkläre ich ihm, dass es einen Beschluss gibt. Dass er sich daran halten müsse. Dass er nicht immer wieder nachts vor meiner Tür auftauchen kann. Dass er sich hier nicht mehr wie zu Hause fühlen kann. Dass er mir einmal sehr wehgetan und mich so zu diesem Schritt genötigt hat. Er nickt stumm und sieht mir dabei fest in die Augen. Ich möchte seinem Blick gerne ausweichen, kann es aber einfach nicht. Dann holt er tief Luft. „Ich weiß es ja. Und ich wollte auch nicht herkommen. Aber ich musste dich sehen.“ Unerwartet schnell und laut sprudeln die Worte aus seinem Mund. „Egal, was ich mache, ich muss immer an dich denken. Bei der Arbeit kann ich mich nicht konzentrieren, weil ich auf deinen Anruf warte, der nie kommt. Wenn ich Musik höre, kommt da früher oder später immer dieses Lied und ich sehe dich tanzen. Oder ich gehe durch die Stadt und rieche plötzlich dein Lieblingsparfum, aber die Frau, die es trägt, bist nicht du. Aber in meinem Kopf bist du es. Immer du…“

In diesem Moment sollte ich den Kopf schütteln. Auf dem Sofa ein Stück von ihm wegrücken. Ihm meine Meinung sagen. Wütend werden. Ihn rausschmeißen. Und ich sehe ihm weiter fest in die Augen, rücke nicht weg, bemitleide und verstehe ihn, und schließlich nehme ich ihn in meine Arme – wohlwissend, dass dies keine gute Entscheidung ist. „Ach du, immer du…“

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    ich kann das total nachempfinden...wunderschöner text... :)

    27.08.2010, 11:12 von zwinkerz
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare