wurstbrot 05.04.2006, 20:26 Uhr 5 0

Im Krebsgang

Ist meine Liebe stark genug, um trotz Krebserkrankung bei meinem Freund zu bleiben?

Ich glaube, jeder fürchtet diesen Anruf - ohne es zu wissen. Man fürchtet ihn heimlich, weil man nicht darüber nachdenken will: weil man nicht wahr haben will, dass so etwas passieren könnte.
Eine völlig aufgelöste Mutter gibt mir eine Kurzzusammenfassung: Magenschmerzen, Krämpfe, bewusstlos. Die Person die ich liebe wurde mit dem Sanker in die Klinik gebracht. Was ich in dem Moment gefühlt habe? Erst einmal gar nichts. Keine Ahnung ob es daran lag, dass ich es einfach nicht glauben wollte oder dass ich zu sehr damit beschäftigt, sofort ins Krankenhaus zu kommen. Aber in mir regte sich erstmal gar nichts.

Als ich das Krankenzimmer betrete, stolpere fast wieder rückwärts hinaus: Mein Freund war eben erst wieder aus der Narkose erwacht und wirkte nur noch armseelig. Überall Schläuche. "Vermutlich Darmkrebs", wird mir knapp vom behandelnden Arzt mitgeteilt, sonst nichts. Der Übeltäter sticht zu und lässt sein Opfer liegen.
Ich fange an zu weinen, ohne es kontrollieren zu können. Ich möchte, dass es meinem Freund wieder gut geht. Keine fragen wie es weitergeht, was noch kommt - es zählt nur der Moment. Meine Herz möchte überquillen vor Mitgefühl für die Person, die ich liebe.

Oder besser gesagt: glaube zu lieben. In der folgenden Nacht musste ich eine der schwersten Enscheidungen meines Lebens fällen. Zum ersten Mal an diesem Tag lassen die Gefühle etwas Platz zum Nachdenken, zum an mich Denken. Denn was wird aus mir? In meiner Vorstellung bedeutet Krebs gleich Tod, ich habe schon viele unendlich langsam und qualvoll daran sterben sehen - und die, die sie lieben, zu Grunde gehen. Würde ich auch so enden wollen? Jeden Tag ins Krankenhaus und meinen Freund jeden Tag etwas mehr weniger lebendig vorfinden? Kein Leben mehr führen, immer nur warten und traurig sein? Aber wir waren doch erst 6 Monate zusammen! Reicht das schon, um mit jemanden durch die Hölle zu gehen?
Bleibe ich bei ihm?

Für jeden, der das noch nicht selbst erlebt hat, mag das kaltherzig klingen, aber so ist es: Es verlangt ein Übermaß an Liebe und Kraft, jemanden beim Sterben zu begleiten, was nur echte Liebe aufbringen kann. Ohne davon betroffen zu sein, gefühlsduselig weil frisch verliebt (und mehr ist man nach 6 Monaten noch nicht) würde jeder sagen, ja klar, aber in der konkreten Situation?

Am meisten störte mich die Gewissheit, dass mir mein Freund auf jeden Fall offen lassen würde, aus seinem Leben zu verschwinden. Der größte Liebesbeweis überhaupt. Aber war meine Liebe nicht mindestens genauso stark? Die Zeit mit ihm war bisher so schön, um nicht zu sagen perfekt... Außerdem haben einige den Krebs schon besiegt... Wer weiß was noch kommt? Ein Hoffnungsschimmer. Ohne eine Entscheidung treffen zu können, schlafe ich ein.

Nach einer halb durchwachten Nacht zieht es mich wieder zu meinen Freund. Er ist noch betäubt, Darmspiegelung. Ich sitze neben ihm, halte seine Hand und als er aufwacht und mich langsam erkennt, lächelt er. Er muss auf die Toilette, kann aber nicht alleine gehen. Ich helfe ihm. Wie einem kleinem Kind muss ich ihm den A**** abwischen. Es ist für mich in dem Moment eine Selbsverständlichkeit, ich tue es ohne Ekel, tue es sogar gerne.

In dem Moment ist die Entscheidung gefallen, einfach so war mir plötzlich klar: egal was kommt, ich bleibe bei dir. Meine Liebe ist so groß genug, um (wortwörtlich) die größte Scheiße zu überwinden. Es ist schade, dass man erst in solchen Momenten begreift, wie sehr man jemand wirklich liebt.

Einige Stunden später weiß ich: mein Freund wird bald wieder gesund sein. Und er ist wirklich meine große Liebe.

5 Antworten

Kommentare

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    Ich halte es für ganz wichtig, Krebs nicht mit Tod gleichzusetzen, sondern viel mehr mit Leben, nur intensiver. Wie soll man den Mut und die Kraft aufbringen gegen die Krankheit anzugehen, wenn man schon in Depression verfallen ist.... Schön, dass du dich so entschieden und die Hoffnung nicht aufgegeben hast !

    08.04.2006, 23:18 von Kinky
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    Ich wuensche Dir viel Kraft, Deine Entscheidung durchzuziehen mit allen Konsequenzen und spreche Dir hiermit meinen groessten REspekt aus.
    Deinem Freund ebenso viel Kraft und Willen, die Krankheit zu ueberwinden. Glaubt daran, dass er es schaffen wird und lasst EUch nicht unterkriegen!!

    In der Tat fragt man sich, ob man das selbst auch schaffen wuerde... man weiss es nicht, solange man sich nicht selbst in dieser Situation befindet. Stellen wir uns das ganze mal andersrum vor: wuerde unser Partner zu uns stehen?? Ich hoffe, dass uns diese harte Probe immer erspart bleiben wird...

    08.04.2006, 22:02 von Lella
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    Bin gerührt

    07.04.2006, 21:07 von kesebrot
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    respekt! ! !

    wirklich mehr fällt mir net ein zu schreibn, jeder denkt das gleiche:

    Hätt ich das auch geschafft?
    wär ich stark genug gewesen?
    kann ich auch so lieben?

    zumindest ich stell mir diese fragen, und mir bleibt erstmal nur zu sagen: RESPEKT

    06.04.2006, 15:05 von max.himself
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