nyx_nyx 13.10.2015, 11:34 Uhr 4 12

Im Glanze der Feemanze

Wünsch dir was

Es ist einer dieser Tage, an denen er sich am liebsten ein Eis gönnen würde, die Füße im Wasser, die Sonne im Gesicht. Stattdessen schleift er den schweren Koffer von Tür zu Tür hinter sich her, auf der Jagd nach möglichst vielen Häkchen, die er bei erfolgreichem Vertragsabschluss setzen darf. Für Kreuze und Fragezeichen sieht er keinen Groschen. Also legt er das Feiertagslächeln auf und sich ins Zeug.

„Eintritt auf eigene Gefahr“ prangt wenig einladend an der Gartentür, die längst einen neuen Anstrich hätte vertragen können. Wenigstens ist der Name der letzte auf der Liste und somit für heute nur noch die eine Klinke zu drücken. Er ist sich nicht sicher, ob er hier richtig ist, da eine Schweißperle ausgerechnet das hintere Drittel der Adresse ins Unleserliche verschmiert hat.
Mit einem mürrischen Knarzen gibt das Gatter erst bei etwas mehr Entschlossenheit nach. Dafür schnappt es, kaum steht er mit beiden Füßen auf dem Grundstück, schlagartig zu und reißt ihm beinahe die Anzughose auf. Es bleibt ein schmieriger Film auf hellem Stoff. Eigene Gefahr also.

Es ist nicht der mieseste Job, den er je hatte, doch ein - im besseren Fall - entgegengeblafftes „Wir kaufen nichts!“, geht auf Dauer an die Substanz. Da er die zuvor rund dreißig zugehauenen Türen ohne Nasen- oder Nervenzusammenbruch verkraftet hat, denkt er sich, wird er das hier auch noch schaffen und kratzt mit dem Daumen am Fleck, den er zu Wille der guten Laune als Eintrittspreis betrachtet.

Kaum erreicht er die Sandsteinstufen, sieht er einen Kopf hinter den Gardinen verschwinden. Er legt sich die üblichen Floskeln zurecht und rechnet damit, wieder abgewimmelt zu werden, da steht sie schon im Rahmen und verschlägt ihm die Sprache. Nie ist ihm eine seltsamere und zugleich schönere Frau begegnet. Von oben bis unten scheint sie zu glitzern. Das strahlende Lächeln, bei dem ein Schneidezahn prominenter ist als alle anderen. Das Funkeln der Augen und der Glanz, der in den rötlichen Locken liegt, die ihr rundes Gesicht umspielen. Selbst ihre Nase glänzt und insgesamt ist alles, was sich durch ihr luftiges Kleid deutlich abzeichnet, rund und prall, appetitlich wie ein saftiger Apfel. Dass er bei ihrem Anblick nicht anfängt zu sabbern, ist bloße Körperbeherrschung. Er verliebt sich auf der Stelle und kann nichts weiter tun, als sie anzustarren.

Einige Momente des peinlichen Schweigens vergehen, bis sie mit geröteten Wangen, als könne sie seine Gedanken lesen, um Verzeihung und ihn herein bittet, ohne zu wissen wer er ist und was er will. Dabei dachte er, sie hätten einen Termin. Diese vereinbart er nur selten, er versucht es lieber auf gut Glück, da sich an der Erfolgsquote wenig ändert, er sich dafür umso mehr ärgert, wenn er Stau und lange Wege völlig umsonst in Kauf nahm. Heute hingegen scheint sein Glückstag zu sein.

Das Haus ist geräumiger, als es von außen wirkt. In alter Manier und wie es sich für seinen Berufsstand gehört, streift er die Schuhe am Eingang ab und folgt ihr ins Wohnzimmer. An zahlreichen Augen vorbei, trägt er den Koffer über das Parkett. So etwas hat er noch nie gesehen. Ringsherum ragen Köpfe verschiedener Wildtiere, die hierzulande mit Sicherheit nicht legal sind, bedrohlich von den Wänden. „Eine Leidenschaft von mir“, zwitschert sie und streckt ihm die Hand entgegen. „Ich bin übrigens Fee, es freut mich sehr.“ Etwas perplex ob des ungewöhnlichen Namens und der piepsigen Stimme, die beide nicht recht zu ihrem Körpervolumen passen, stellt er den Koffer auf den Teppich, wischt seine feuchte Hand am Oberschenkel ab und schüttelt die ihrige.

Langsam findet er zum eigentlichen Grund des Besuchs zurück, räuspert sich und deutet auf sein Gepäck. „Ich komme von der Firma ‚Blitzeblank‘ und würde Ihnen gerne unsere Produkte vorstellen. Also nicht, dass es hier schmutzig wäre, aber Sie werden sich wundern, was unsere Geräte noch aus den saubersten Ecken rausholen“, stammelt er weniger professionell als gewohnt und zieht seine Hose am Gürtel ein Stück über den Bauchnabel, wie er es immer macht, wenn er nervös ist. Die Ordentlichste ist sie tatsächlich nicht, wenn man genauer hinsieht, doch er hat ausschließlich Augen für sie. Er wartet einen Moment ab und macht sich, da sie keine Widerworte zu geben scheint, an die Vorführung. Routiniert baut er den Sauger mit wenigen Griffen zusammen und achtet darauf, sie während der Erklärungen nicht allzu sehr anzuhimmeln. Sie sitzt ihm barfüßig gegenüber, das Kleid ein wenig verrutscht, sodass es Teile ihrer fleischigen Beine entblößt, was ihn zusätzlich zum Schwitzen bringt. Geduldig, aber wenig beeindruckt lauscht sie seiner zittrigen Stimme. Er gefällt ihr und noch viel mehr mag sie die Offensichtlichkeit, dass sie ihm gefällt.

Ob er ihr diesen kleinen Wunsch erfüllen würde, möchte sie wissen, nachdem er die typischen Demonstrationen mit dem Pulver und dem weißen Tuch anstelle des Beutels zum Besten gab. Er nickt nur dümmlich, freut sich dabei sogar, ihre Anwesenheit noch länger genießen zu dürfen und saugt kurzerhand das gesamte Haus. Kaum ist er damit fertig, drückt sie ihm wimpernklimpernd einen Eimer mit Wischmopp in die Hand. Auch diesen Wunsch kann er ihr nicht abschlagen und tut wie ihm geheißen. Es sei spät geworden, merkt sie an, während er das Schmutzwasser wegkippt. „Haben Sie denn nun einen Wunsch, den Sie an mich richten wollen, ehe Sie gehen?“, weist sie ihm ziemlich deutlich den Weg. Sie willigt ein, dass er morgen wieder kommen darf, verabschiedet sich ohne große Worte, stattdessen mit einem Grinsen bis über beide Ohren. Den Koffer lässt er da, mehr als Vorwand denn um gleich in der Früh mit der Vorführung fortfahren zu können.

In den darauffolgenden Tagen putzt er wie wild Fees Fenster, mäht den Rasen, streicht den Zaun, spült ab, repariert den Ventilator und bekocht sie nach ihren Rezepten. Sie leistet ihm bei jedem seiner Schritte Gesellschaft, guckt ihm zufrieden über die Schulter, reicht ihm das Werkzeug, aber krümmt ansonsten keinen Finger. Das umfangreiche Angebot von ‚Blitzeblank‘ hat er ihr mittlerweile lückenlos vorgestellt, ohne ein einziges der Teile verkauft zu haben.

Dass sie in allen Bereichen grundverschieden sind, stört ihn nicht im Geringsten; seine Liebe wächst, während sie es genießt, nicht mehr allein sein zu müssen. Es verirren sich nur selten Menschen auf ihr Anwesen, doch wenn, machen sie entweder schnell wieder kehrt, oder bleiben über Jahre. Keinem war die Wahrheit der Worte auf dem Schild tatsächlich bewusst und nie hinterfragte jemand ihre Absichten.

Beim gemeinsamen Essen sprechen sie über dies und jenes, hauptsächlich über Zukunftsvisionen, in denen Fee für ihn die Hauptrolle spielt. Er ist beeindruckt, wie viel sie verputzen kann und drückt die rosarote Brille noch fester auf die Nase, wenn sie der Luft im Magen freie Fahrt nach draußen gewährt. Immer wieder fragt sie nach, ob er einen Wunsch hat, den sie ihm erfüllen kann. Als Mann der alten Schule beschränkt er diese jedoch ausschließlich auf Kleinigkeiten, wie etwas zu trinken, oder die Erlaubnis, sie duzen zu dürfen, während sie schamlos ausnutzt, dass er sie auf Händen tragen würde, bäte sie ihn darum.

Da er schon seit Tagen keiner bezahlten Tätigkeit mehr nachgeht, sitzen ihm Chef und Rechnungssteller zunehmend unbequem im Nacken. „Ich wünschte, ich könnte mir frei nehmen oder mich wenigstens krankmelden, damit ich bei dir sein kann“, sagt er rührselig beim Abschied an der Türschwelle, kurz bevor er stolpert, die Stufen hinab fällt und sich ein Bein bricht. Selbst dann wird ihm noch immer nicht bewusst was sie ist und verbringt weiterhin Tag um Tag damit, ihr zu dienen, sie zu lieben und sich selbst zu verlieren. Sie gibt ihm das Gefühl, gebraucht zu werden und wertvoll zu sein, etwas Sinnvolles zu tun. Dass er einst ganz andere Träume hatte und Ziele verfolgte, ist längst vergessen. Auch den Zusammenhang zwischen seinem Wunsch, die Rechnungen samt der Mahnungen mögen sich in Luft auflösen, und dem Wohnungsbrand wenige Minuten später erkennt er nicht. Die Flammen breiteten sich rasch aus und er verlor neben seinem Job auch alles andere, was er je besessen hatte. Aber er hat ja nun seine Fee, die sich zufrieden zurücklehnt, stetig runder wird und sich wünscht, dass er bei ihr einzieht. Das neue Leben möge beginnen.

Da trautes Heim auch zu zweit schnell langweilig werden kann und sie nicht viel zu tun hat, solange er sich bereitwillig die Beine für sie ausreißt, wünscht sie sich kurz entschlossen ein Baby. Die Hochzeit in weiß ist selbstredend und das Kinderzimmer schon dekoriert, als er den größten seiner Fehler begeht und sich wünscht, das Kind solle ganz nach der Mutter kommen. Mit noch einer emanzipierten Fee, die darauf besteht, dass erst ihr zwei Wünsche erfüllt werden, ehe sie ihre Kräfte nutzt, wird er widerstandslos zugrunde gehen. Er weiß es nur noch nicht, genauso wenig, wie er ihre Regeln kennt, oder dass bei Nichterfüllung ein Platz an der Wand droht. Aber sie hat ja vorgesorgt und sich gewünscht, er solle immer für sie da sein und sie auf ewig lieben. Alles auf eigene Gefahr.


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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ein Text von dir! :)

    16.10.2015, 17:27 von TheCaptainsFiancee
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  • 1

    fees fart; wunsch ist wunsch.

    15.10.2015, 01:41 von Freyr
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 2

      ...wo Mutti sonst nur blasen kann.

      14.10.2015, 16:58 von YOLK

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