moderniteter 15.12.2010, 11:04 Uhr 20 23

Im Dezember ein Jahr

Von: StudiVz Zentrale, Betreff: Johannes hat dir eine neue Nachricht geschickt!

Ungläubig starre ich auf den Posteingang meines Emailaccounts, meine Augen flirren hektisch wieder und wieder über diese eine Zeile, mein Herz beginnt flach und hektisch zu klopfen, noch zurückgehalten von dem Argwohn, meine nur im Kopf genährten Hoffnungen spielten mir einen bösen Streich. Natürlich kann ich für gewöhnlich hervorragend lesen, rufe ich mich zur Ordnung, räuspere mich innerlich selbst an, betätige brav "logout" und wähle StudiVz an.
Johannes, so so.

Abgesehen vom leisen Rauschen meines Laptops ist es völlig still in meinem Zimmer, aber in MIR herrscht Geschrei. Es gibt Stimmen, die darauf bestehen, jawohl, diese Nachricht ungelesen zu löschen. Die wollen, dass ich das nächste Mal im Red Cat hinreißend und wortlos an ihm vorbeischlendere, seine Blicke und die vieler anderer (am besten aller anwesender) Männer nach mir ziehe.
Die andere Stimme ruft: "Mädchen, das ist DIE Gelegenheit. Reagiere cool, schreib eine witzige, lockere, zugleich charmante Nachricht zurück. Zeig ihm, welch entspannte Frau in dir steckt, mit der man(n) reichlich viel Spaß haben könnte, hach, die Zeit seines Lebens! Schieb deinen ganzen Ballast beiseite, tut dir selbst vielleicht auch mal ganz gut, nicht bedürftig und sehnsüchtig und fordernd zu sein. Ist ja auch ein Albtraum, gehst du dir nicht selbst auf die Nerven?"

Die dritte Stimme ist am lautesten, dabei spricht sie eigentlich nicht. Leuchtende Bilder schmiegen sich um mein Herz. Johannes. Von dem ich bei unserem Kennenlernen dachte, er könnte mir auf gar keinen Fall gefährlich werden. Apüh! Imponiert hat er mir, wie er mich aus dem Halbdunkel zu sich gezogen hat, aus dem Verkehr gezogen hat, gezogen gezogen gezogen. Hätte ich gewusst, wie schwer es ist, von diesem Zug abzuspringen. Wie einfach für ihn, ohne mich weiterzuziehen. Und ich, führerlos.
Am nächsten Morgen hab ich ihn betrachtet, die Novembersonne ließ die goldenen Härchen auf seinen langen schlanken Armen aufglühen. Mein Herz schlug flach und hektisch, aber ich räusperte mich innerlich selbst an, und dachte
Johannes, so so.
Vor einem Jahr war das. Seitdem: sporadische Treffen, nächtliche Telefonate, unangebrachte SMS, Funkstille, Freundschaftsanfragen im Netz, Missverständnisse, Hoch und Tief, Hoch und Tief.

Login. Nutzername, Passwort. Mein Laptop ist viel zu langsam, die Stimmen zu laut, ich kann räuspern wie ich will. Und es hilft auch nicht wirklich, dass eine vierte Stimme zwanghaft widerholt, jetzt guck dir erstmal an, was er zu sagen hat, ausdauernd wie der Duracell-Hase.
Deine Startseite. Lädt. Nachrichten (1). Meine Hand zittert leicht, als ich den Posteingang anklicke. Die Bilder befehlen ihr zu zittern, der Duracell-Hase gebietet Ruhe. Leichtes zittern, flaches Herzklopfen. Atmung: Nicht vorhanden.


Johannes bedankt sich für die Geburtstagsglückwünsche. Johannes, der Freund meiner Freundin Stephi, der offensichtlich Geburtstagsgrüße vom November im Dezember beantwortet. Ich würde gerne meinen Laptop aus dem Fenster schmeißen oder diesen Vollidioten erschießen (welchen der beiden ist nicht ganz klar).

Mein Herz flattert nichtmehr, die Hände sind ruhig. Gift und Galle, Übrig ist die eine Stimme. Sie lacht hämisch, der Finger zeigt auf mich selbst.

Johannes, so so.

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20 Antworten

Kommentare

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    Wer hat ihn nicht, diesen Johannes? Das was wirklich hilft: studivz löschen! Hab ich gemacht und nicht einmal bereut. Schluss mit dem Gespuke:)

    30.12.2010, 17:35 von MissBlondie
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    Hey, hätte vor nicht allzu langer Zeit genau das Gleiche schreiben können. Man hätte nur: "Soso Johannes" zu "Soso Nicolas" machen müssen.
    Immer diese Männer.
    Toll geschrieben! Wirklich toll.

    30.12.2010, 02:06 von seethelittlethings
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    welch ironie...-name gleich, im dezember ein jahr ebenfalls gleich :D
    sehr guter text, kann man gut nachempfinden!

    18.12.2010, 16:00 von _wonderwall_
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    Ich kann das voll und ganz nachvollziehen. War auch schon in der Situation und es sind Impulse, die einem die Nerven rauben können.

    17.12.2010, 12:29 von lonelyhearts
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  • 0

    Kein Teeniebullshit, kein Pseudogelaber, kein "Leid wherever I go"
    Gefällt mir sehr - eine ehrliche Ballade zwischen den ganzen romantischen Popschnulzen :)

    17.12.2010, 11:45 von Lissala
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  • 0

    in irgendeiner art und weise haben wir wohl alle einen johannes, so so.
    und der eine kommentar, der hier drin steht und schlecht macht spiegelt nur den paradegegner wieder. alle anderen findens gut. denen schließe ich mich an.

    16.12.2010, 23:23 von paleica
    • 0

      @paleica da kann ich mich nur anschließen.
      Johannes, so so scheint jeden zu begleiten.

      17.12.2010, 12:30 von lonelyhearts
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  • 0

    das kommt mir bekannt vor und der name in dem zusammenhang auch, als würdest du mir genau meine geschicht erzählen. unglaublich.

    16.12.2010, 21:22 von nailpolishremover
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  • 0

    Irgendwie kennt man das.
    Dieses innerliche brennen und rot werden, diese Scham, wenn man merkt, dass man sich mit seinen eigenen Gedanken ein Bein gestellt hat. Ohweh, wie schlimm das ist.

    16.12.2010, 11:41 von Tanea
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ach Leute, wenn ihr einen Artikel nicht mögt, dann lasst ihn doch einfach unkommentiert, anstatt ihn zu vernichten und den Verfasser wie ne blöde 14jährige Göre darstehen zu lassen.
    Bringt euch das echt /so/ dicke Eier, ja?

    Ich kann die Intention des Artikels gut nachvollziehen und bei mir selbst - deshalb sprach mich der Titel an - sind es im Dezember sieben Jahre. Manche Dinge vergisst man eben nicht.

    16.12.2010, 09:25 von MeerSehen
    • 0

      @MeerSehen ...wie wahr!

      16.12.2010, 13:45 von Daylie
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