Ikaros 11.01.2008, 20:33 Uhr 16 13

Im Bett mit Schleiermacher

Als ich neulich beim Existieren einen ganz besonderen Fehler gemacht hatte, fand ich mich plötzlich in zwei Personen aufgespaltet,

die sich gegenseitig mit "Sie" anredeten.

Das Ganze war kurz nach dem Aufwachen passiert und so lagen wir nun nur in Boxershorts gekleidet nebeneinander, in meinem schmalen Hochbett. Ungläubig starrten wir uns an und weil die Stille zwischen uns langsam ein bisschen unangenehm wurde und die Situation zu intim war, um einfach über das Wetter zu sprechen, fragte ich mein anderes Ich, wie es ihm denn hier, ein Jahr nach dem Umzug von Berlin nach Köln, gehe.

Er erzählte, wie er umgeben von Narren Köln immer mehr und mehr für sich entdecke, wie er sich daran gewöhne, im Wohnheim von Sportstudenten umgeben zu sein, in deren Kreuz seines zweimal passe und auch die Freundlichkeit der Rheinländer irritiere ihn nicht mehr. Die Uni versorge ihn mit noch nicht gedachten Gedanken, die seine Wirklichkeitsvorstellung immer weiter ausdehnen würden und er berichtete wie er sich mit langsamen, vorsichtigen Zügen ein soziales Netz aus Menschen webe, die ihn tatsächlich interessieren. Der Stadtplan von Köln setze nun schon den ersten Staub an und die Bahnliniennummern seien mit den dazugehörigen Orten assoziiert.

Ich staunte nicht schlecht über seine Offenheit, aber er zuckte nur mit den Schultern und meinte, es gäbe wohl kaum zwei Fremde, die sich näher liegen würden. Ich nickte ein wenig nachdenklich und unser Gespräch wäre wohl abgeebbt, hätte er nicht gefragt, wie es denn bei mir so sei.

Ich sagte: "Mein Herr, Sie mögen Köln immer mehr für sich entdecken, ich mache mir eher Gedanken, dass die Stadt innerhalb der nächsten Monate fertig ergründet ist und ich schon jetzt die Grenzen sehen kann, ich muss ja nur mit dem Aufzug in den 19. Stock fahren. Auch an Karneval und dem dazugehörigen Verhalten kann ich nichts schönes finden. Die von der Uni geschenkten Gedanken lösen zwar auch ein ähnliches Gefühl von Euphorie aus, doch ist diese nur von kurzer Dauer, da ich meist schon eine Woche später feststelle, dass sie zu komplex waren um sie in meinem Kopf zu speichern. Menschen zu finden, die Freunde werden können ist großartig, aber ich bin an einem Punkt, an dem ich mir wünsche einen Menschen kennen zu lernen, der Partner sein könnte." Mein Gegenüber rückte vorsichtig von mir ab und betrachtete mich mit fragender Miene.

Schnell beruhigte ich ihn: "Machen Sie sich keine Sorgen, ich erlebe es schon als inzestuös wenn Regen ins Meer fällt." Sein Gesichtsausdruck entspannte sich sichtlich, aber nun entbrannte ein wilder Streit, ob es denn nicht sehr schwachsinnig sei, sich nach einem Partner zu sehnen, wenn man doch auch so viel Spaß haben kann und ob die romantische Liebesbeziehung nicht nur das Konstrukt einer katholizistisch geprägten Gesellschaft und Walt Disney sei, um ein hormoninitiiertes Verhalten in ein Korsett zu stecken, ja -es beinahe schon lächerlich anmute sich auf ein solch absurden Wunsch zu versteifen!
Als er mich nach meinem herzzerreißenden Widerspruch über die Schönheit und das Licht der Liebe auch noch als einen „verkappten Poeten“ beschimpfte, verlor ich die Fassung und wollte ihm gerade an die Gurgel rollen, doch -eine sonore Männerstimme unterbrach uns jäh.

"Aber meine Herren! Ich darf doch sehr bitten!"
Erschrocken schauten wir zum Bettende. Auf der Leiter stand ein Mann mit Zylinder. Wir kannten ihn beide. Der alte Schleiermacher. Ein Philosoph der schon lange tot war. Wir hätten uns ja über sein Erscheinen gewundert, aber wenn man neben sich selbst im Bett liegt und sich auch noch mit “Sie“ anspricht, wundert man sich nicht mehr so schnell. Also machten wir so viel Platz wie möglich und der alte Schleiermacher legte sich in unsere Mitte. Er roch ein bisschen muffig.

“Was ist denn hier los?“ fragte er.
Ich holte tief Luft und erklärte ihm die Situation, angefangen von dem Fehler beim Existieren, über den Austausch der Lebenswirklichkeit, hin zu dem Konflikt über Liebe und endete mit der Frage, was er denn glaube, wie das sei, wer von uns Recht hätte.
Der alte Schleiermacher schüttelte langsam mit dem Kopf. „Sie sind beide im Recht und beide im Unrecht.“ „Hä?“ machten wir aus einem Munde. „Sie meinen die Wahrheit liegt in der Mitte?“ fragte mein anderes Ich. Der alte Schleiermacher schüttelte jetzt heftig den Kopf. “Diesen Unfug hat euch der Kollege Hegel eingeredet. These, Antithese und Synthese. Synthese! Kokolores! Absoluter Kokolores! Die Spaltung zwischen These und Antithese ist nicht aufzuheben. Sie sollen sich zwischen den Extremen hin und her bewegen“
- Stille -
“Also gut,“ fuhr er fort “stellen Sie sich das so vor, meine Herren: Wie bei der Elektrizität sind Sie zwei Pole, zwei Extreme. Auf der einen Seite ein Leugnen der Liebe, auf der anderen ein Beschwören. Die beiden Pole sind aufeinander bezogen, aber stoßen sich auch ab. Sie können nicht so tun, als ob das nicht so wäre und sie in der Mitte zusammenlegen. Es gäbe keine Spannung, der Strom würde nicht fließen. Und wenn der Strom nicht fließt, meine Herren, wenn der Strom nicht fließt, dann...“ Wieder schüttelte er den Kopf.
Ich war ziemlich verwirrt, ehrlich gesagt, hatte ich nur wenig von dem verstanden, was mir der alte Schleiermacher da erzählte, also setzte ich an:
“Wenn unsere beiden Meinungen unvereinbar sind, es so etwas wie eine Synthese nicht gibt dann kann man ja auch nicht sagen kann, dass eines von beidem richtig oder falsch ist. Aber wenn ich ehrlich bin, wäre mir das... lieber. Und überhaupt, was wäre denn, wenn der Strom nicht fließen würde?“
“Sie wären tot.“
Mit diesen Worten löste sich der alte Schleiermacher in Luft auf und gerade als ich mein anderes Ich fragen wollte ob er wüsste, wovon der Typ gerade gesprochen hatte, stellte ich fest, dass auch er verschwunden war.

Natürlich war ich den Rest des Tages ziemlich verwirrt , doch als mich Nachmittags eine Bekannte beiläufig fragte, wie es mir gehe, musste ich lächeln und antwortete:
“Ich kann nicht sagen gut oder schlecht, aber:
Ich lebe - und es ist spannend!“

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16 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Als ich neulich beim Existieren einen ganz besonderen Fehler gemacht hatte,
    und der titel
    bewogen mich diesen artikel ganz euphorisch zu lesen. beides wunderbare teaser--
    deren versprechen der text leider nicht ganz hält. schadé.
    ich bin noch hin und hergerissen ob es für ne empfehlung reicht nen titel und ein satzfragment anzuhimmeln.. hm.. nej. reicht nich.

    trotzdem chapeau - und gib dir s nächste ma bidde n büschn mehr mühe.

    deurich

    05.11.2009, 00:51 von Der_Misanthrop
    • 0

      @Der_Misanthrop Was verstehst du denn unter mehr Mühe?

      05.11.2009, 15:45 von Ikaros
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  • 0

    ich finde mich hier durchaus wieder. gelungener Text, Hut ab! musste mich des manchens beömmeln...
    voll toll!!

    05.11.2009, 00:21 von Muh-Kuh
    • 0

      @Muh-Kuh das freut mich :)

      05.11.2009, 00:32 von Ikaros
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  • 0

    Ein guter Text mit sehr gelungenem Ende.

    28.07.2009, 14:21 von Cyro
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    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Wie ich Dir schon mehrfach versucht habe klar zu machen: Eine Stadt, die in ihrem Wappen Spermien trägt und deren Bewohner ihre Häuser kacheln, damit andere daran pissen und kotzen können, ist nicht schön!

      14.05.2009, 23:08 von T-A
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  • 0

    Ich hasse und verabscheue Köln. Aber ich mag den Text. :-)

    14.05.2009, 16:21 von T-A
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  • 0

    Sehr schön...

    13.05.2009, 20:06 von Dina-Lisa
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  • 0

    Den mag ich!!

    13.05.2009, 19:12 von Miss_Satansbraten
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    chapeau, mein herr.

    13.05.2009, 14:41 von TochterAusElysium
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    Oh,oh, der Text gefällt mir!!!!

    13.05.2009, 14:39 von Nywi
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  • 0

    "...er berichtete wie er sich mit langsamen, vorsichtigen Zügen ein soziales Netz aus Menschen webe, die ihn tatsächlich interessieren. Der Stadtplan von Köln setze nun schon den ersten Staub an und die Bahnliniennummern seien mit den dazugehörigen Orten assoziiert."

    Genauso fühle ich mich im Moment. In meiner Stadt angekommen. Schönes gefühl, gut beschrieben. Die Ansicht des anderen Ichs teil ich aber nicht. Scheint als ob ich mir, zumindest in diesem Punkt, mit mir einig bin.

    Ich mag deinen Text..

    13.05.2009, 14:29 von Jummi
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