Haennah. 19.12.2011, 18:47 Uhr 104 38

Ich wünsche mir ein Blitzdings.

Einmal kurz auf den Knopf drücken, ein Blitz und alles ist weg.

Zu Weihnachten wünsche ich mir dieses Jahr ein Blitzdings.

Ich würde jetzt gerne einen lustigen Text schreiben. Einen, bei dem ich massig Situationen aufzähle, in denen ich Menschen irgendwie manipuliere oder verarsche und sie dann einfach blitzdingse.

Aber eigentlich möchte ich einen haben, damit ich nach Belieben jede Zeit, die mir nicht gefallen hat oder gefällt, aus meinem Gedächtnis löschen kann.

Es fängt schon mit den letzten zwei Monaten an. Die Zeit, die so unheimlich gut begann. Mit ihm. Momentaufnahmen, die eigentlich zu schade sind, als dass ich sie vergessen möchte. Weil ich will, dass ich sie in guter Erinnerung behalten kann, könnte. Die mittlerweile von der Reue verschleiert werden.

Eine gute Zeit, die nun ein Ende gefunden hat. Augenblicke, die mir unheimlich gut getan haben. Lachen, Schweigen, kein Unangenehmes, nein, eines, das mehr sagt als die meisten Worte. Gespräche am Abend, in der Nacht, Küsse, die süchtig machten. Kleine Berührungen und Gesten. Gewohnheit, die sich viel zu schnell ausbreitete, wie Gift, den Alltag besetzte und es auch jetzt noch ab und zu tut. Versprechen, Pläne für die nahe Zukunft, denen ich eigentlich ausweichen wollte.

Und jetzt bin ich weg vom Fenster, während mir mein Gedächtnis immer wieder kleine Fallen stellt. Plötzlich sitzt er im Auto wieder neben mir, seine Hand auf meinem Oberschenkel, er läuft neben mir her, ich in seinen Mantel gehüllt. Abends liegt er neben mir im Bett, mein Kopf auf seiner Brust, sein Arm um mich gelegt. Sein Lächeln, seine Küsse auf meinem Bauch. Wir beide an der Haustür, lange Abschiedsküsse. Jeden Morgen in der Bahn auf dem Weg zur Uni sehe ich mich in Gedanken aussteigen an seiner Haltestelle, sehe ihn vor mir, wie er mich grinsend abholt.

Ich wünsche mir ein Blitzdings, damit ich die nächste unnötige Zeit überspringen kann.

Die, in der ich den Kopf senke, wenn ich mit dem Regionalexpress an dem Bahnhof vorbeifahre.

Die, in der ich meinen iPod ausgeschaltet lasse, weil jedes Lied das Potenzial besitzt, meine Stimmung umschlagen zu lassen, weil auf einmal jeder Songtext zu passen scheint.

Die, in der ich auf den Boden starre auf den Wegen, die wir gemeinsam gegangen sind.

Meide Orte, an denen wir waren. Meide das Thema an sich.

Weil es so gut tat, jemanden zu haben, der mir Nähe gab. Keine Langweilige, die man nur klaut, weil man sich so einsam fühlt. Nein, eine, die sich richtig anfühlte. Obwohl sie sich das nie sollte, obwohl sie das nie war. Niemals, nicht den Bruchteil einer Sekunde lang.

Weil ich ihm nicht hinterhertrauern möchte, weil es das Letzte ist, was ich will. Weil ich ganz genau weiß, dass es das nicht wert ist. Dass es mir ja doch nur schwerfällt, wieder ganz alleine zu sein.

Alles andere als geplant und gewollt waren diese zwei Monate und ihre Folgen.

Die sich im Endeffekt nur als eine reine Lüge entpuppt haben. Weil ich an einen Schaumschläger geraten bin, der viel von seinem Können versteht. Jemand, der immer eine Portion Honig in der Hosentasche dabei hatte, um ihn im passenden Moment um meinen Mund zu schmieren. Lügen über Lügen, während wir uns vormachten, ehrlich zueinander und zu uns selbst zu sein. Obwohl er mich nicht einmal unbedingt direkt anlog, er besaß eher das Talent, die Dinge für uns beide schön zu reden. Und vielleicht habe ich manchmal sogar meinen kleinen Teil dazu beigetragen.

Gesicht wie ein Engel und die Reife eines kleinen Kindes, das alles erzählt, um das zu bekommen, was es will, dabei gleichzeitig denkt, nein, davon überzeugt ist, dass es richtig handelt, weil es es nicht besser weiß. Was es einem wiederum fast unmöglich macht, sauer zu sein.

Jetzt muss sich die Erkenntnis nur noch in meinem Kopf festsetzen. Die Menschenkenntnis hat versagt, die Wahrheit ist manchmal doch nicht so leicht zu entdecken, zu begreifen, wie gehofft. Aber die Reue, über die eigene Naivität, darüber, dass ich nicht von Anfang an auf die Vernunft gehört habe, wird es schon schnell richten.

Deshalb will ich zurück. Ich will wieder an dem Punkt stehen, an dem ich mir dachte: „Hey, das Single-Leben ist gar nicht so schlecht. Eigentlich will ich gerade auch keine Beziehung.“

Einfach blitzdingsen. Damit ich auf sein Profil gehen und mir denken kann: „Gar nicht dein Typ, aber scheinbar ein süßes Pärchen“, es dann schließe und keinen Gedanken mehr daran verschwende.

Weil er mir egal ist. Weil es mir egal ist, dass er vergeben ist. Mir die bissigen öffentlichen Kommentare gegen mich und die Liebesgeständnisse für seine alte, neue Freundin nichts ausmachen.

Weil die ganzen Erinnerungen mit ihm sich in Luft aufgelöst haben. Weil er sich in Luft aufgelöst hat.

Einmal kurz auf den Knopf drücken, ein Blitz und alles ist weg, bitte.

38

Diesen Text mochten auch

104 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Du schreibst Vielen aus der Seele! Toll!

    29.12.2011, 12:05 von Lisenka
    • Kommentar schreiben
  • 1

    du schreibst mir aus dem herzen.
    dein schreibstil gefällt mir. weiter so!
    und .. alles gute!

    22.12.2011, 12:24 von aesthetikempfinden
    • Kommentar schreiben
  • 0

    >>
     Was es einem wiederum fast unmöglich macht, sauer zu sein.<<

    Meinst Du damit das Kind, mit dem Du ihn vergleichst oder ihn tatsächlich? Denn ich bin mir sehr sicher, ein erwachsener Mann weiß durchaus ganz genau, was er da macht.

    22.12.2011, 11:24 von konsTante
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Oh, ein Personalpronomentext. Next.

    21.12.2011, 22:28 von TheFray
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Toller Text:-)

    21.12.2011, 21:29 von Tinchen1980
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich mag den Text, die Situation werden ja fast alle kennen...Hab mir auch schon öfter so ein Teil gewünscht.

    21.12.2011, 20:44 von DecemberFlower90
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 3

      Wie, haste keinen?

      21.12.2011, 20:18 von quatzat
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Moogle bringt ihn gefälligst wieder dorthin, wo er ihn weggenommen hat!

      21.12.2011, 20:42 von quatzat
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Hatter ihn denn da reus gezogen?

      22.12.2011, 08:10 von quatzat
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Also nichmal tätowiehert?

      22.12.2011, 14:39 von quatzat
    • 0

      nein, das war marcell jansen, mit den tattoos der initialen seiner eltern auf seinem unterarm (brrrr, mir läufts den rücken runter: komm, marcell, steck mir deine eltern rein... würg...)...wo waren wir gleich?

      22.12.2011, 19:23 von libido
  • 0

    die idee hatte einst ein oller ossi schon:

    http://www.youtube.com/watch?v=p5LJ6u9el90


    21.12.2011, 17:35 von libido
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Wahre Worte.

    Ich nehm auch eins!

    21.12.2011, 16:27 von DieVossy
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android