mhweird. 06.09.2012, 03:28 Uhr 5 9

Ich will dich

Das klingt jetzt vielleicht etwas... naja.

Seine Finger streichen sanft über meinen Handrücken, während seine Arme fürsorglich um mich gelegt sind. Wir sitzen in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa. Stumm sitzen wir einfach nur da. Wir beide, zusammen. Ich habe meinen Kopf an seine Brust gelehnt, atme seinen hinreißenden Duft ein und horche seinem Herzschlag. Keine Musik, kein Fernsehen, keine Gedanken, die meine Sinne vom regelmäßigen Takt seiner Ruhe ablenkten. In diesem Moment spüre ich nur uns und die kleinen lauen Luftzüge, die sich ihren Weg durchs offene Fenster bahnen. Ich seufze zufrieden und schließe meine Augen.

Während ich das wohlige Gefühl der Geborgenheit genieße, spüre ich, wie sein Herzschlag allmählich beginnt, seinen vertrauten Rhythmus zu beschleunigen. Einige Sekunden später zieht er mein Gesicht auf Augenhöhe und küsst mich. Ich liebe seine Küsse. In diesen Momenten ist mein Kopf abgeschaltet, es existiert nichts außer ihm, mir und den unzähligen Nervenenden unserer Lippen. Doch der Kuss weilt kurz, er streicht mir noch einmal über die Wange und sieht mich an.

„Weißt du, das klingt jetzt vielleicht etwas... naja...“ Er stockt, um dann einen neuen Anlauf zu wagen. „...aber seit ich dich getroffen habe, fühle ich mich wie ein neuer Mensch. Wie ein ganzer Mensch. Ich hatte immer das Gefühl, mir fehle irgendetwas, doch wusste ich nicht, was es war.“ Etwas unsicher ruhen seinen gutmütigen warmen Augen auf meinen. Ich blinzle.

„Als wäre ich mein ganzes Leben auf der Suche nach etwas gewesen, das ich nicht benennen konnte. Und nun habe ich das Gefühl, es gefunden zu haben. In dir.“ Er lächelt.

„Ich muss die ganze Zeit an dich denken, in der Arbeit, in der Bahn, wenn ich aufstehe und wenn ich ins Bett gehe. Ginge es nach mir, würde ich gerne jede freie Minute mit dir verbringen. Und jedes Mal, wenn du gehst, vermisse ich dich schon, bevor du aus der Tür bist. Um ehrlich zu sein, mit dir fühle ich mich endlich lebendig.“ Seine Stimme klingt nun ganz euphorisch, lachend springt er auf, nimmt meine Hände und zieht mich von der Couch. Er umfasst mich mit seinen Händen und drückt mich an seine warme Brust, in der das Herz nun schnell schlägt. Für mich.

 

Ich nehme seine Hände von meinem Rücken und stelle mich auf die Zehenspitzen, um ihn noch einmal zu küssen. Dann sage ich: „Du liegst falsch. Das klang nicht naja... das klang kitschig. Triefend von Gesäusel und voller Irrtümer.“ Erschrocken blickt er mich an und weicht einen Schritt zurück.

Ich fahre mit sanfter Stimme fort: „Du bist nicht meine fehlende Hälfte, ich bin schon komplett. Bzw. nein, "komplett" bin ich noch lange nicht, aber zumindest kann ich das, das mir fehlt, nicht in einem anderen Menschen finden. Aber du bist ein toller Mensch, ein wundervoller Mensch, der mein Leben bereichert und mir hin und wieder den Atem raubt. Der alles noch viel schöner macht, das schon vorher da war. Du inspirierst mich zu neuen Ideen, Vorstellungen, Träumen.“ Er streicht nervös über seine vor der Brust verschränkten Arme und scheint in diesem Moment nicht so genau zu wissen, wie er nun mit meinen unerwarteten Worten umgehen soll.

„Wenn ich tagsüber unterwegs bin, denke ich immer wieder an dich und muss dummdämlich grinsen, aber ich will nicht jede Minute mit dir verbringen. Wenn ich aus deiner Tür gehe, vermisse ich dich nicht, nein, ich freue mich auf die Zeit, in der ich unsere gemeinsamen Erlebnisse in meinen Gedanken Revue passieren lassen kann. Und ich freue mich darauf, meinen Freunden von dir zu erzählen. Und wenn ich mir ihre Geschichten anhöre, sind meine Gedanken nicht bei dir.“

 

Er seufzt und seine warmen, verliebten Augen blicken auf einmal ganz traurig drein. Er bewegt sich keinen Zentimeter, sein Herz scheint in diesem Moment nicht recht zu wissen, ob es schneller schlagen oder stehenbleiben soll.

Ich sage: „Weißt du, ich brauche dich nicht, ich will dich. Du bist mein Plus. Ein tolles, wundervolles Plus, das ich ungern verlieren würde. Und ich fände es schade, wenn ich deine Gleichung lediglich auf eine Null brächte. Diese Last wollte ich nicht tragen.“

Er antwortet nichts. Blickt nur an mir vorbei ins Leere.

Ich nehme meinen Mantel vom Stuhl, gehe den Flur entlang und schließe die Wohnungstür hinter mir. Ohne ihn bereits zu vermissen.




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5 Antworten

Kommentare

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  • 1

    ...weil "durch dich komplett" eh nirgendwo hinführt. danke für die schöne sichtweise, die hier viel zu selten auftaucht. & schöner schreibstil

    20.12.2012, 12:29 von butterkitten
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  • 0

    Früher dachte ich ER sei das Ideal von Liebe. Wie lange hat es gebraucht zu verstehen, dass es nichts wichtigeres gibt, als seelenruhig bei IHRer Sichtweise anzukommen.
    Danke für den tollen Text.

    18.11.2012, 20:10 von ein_zipfelchen_zeit_in_der_tasche
    • 0

      Freut mich, danke dir. :)

      26.11.2012, 01:09 von mhweird.
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  • 2

    Und ich fände es schade, wenn ich deine Gleichung lediglich auf eine Null brächte.

    PewPew Guter Satz.


     


    "wöllte"?

    06.09.2012, 09:34 von Jingeling89
    • 0

      Haha, da hatte sich die falsche Alltagssprache eingeschlichen. Vielen Dank! Ist korrigiert. :)

      06.09.2012, 14:23 von mhweird.
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