MisterGambit 23.01.2013, 12:51 Uhr 28 36

Ich muss weg, ich hab noch Wurst im Auto

Lange Rede, kurzer Sinn: Schluss machen war nie meins.*

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Ich weiß das und ich finde, dass das stimmt. Es stimmt so sehr, dass ich mich brutal freuen könnte, so ein Guter zu sein. Denn ich bin einer, der in vielen Dingen gut ist. Rein theoretisch.

Dass wir zusammen sind, dürfte also kein Fehler sein. Denn auf der theoretischen Ebene ist es undenkbar, dass ich eine Beziehung eingehe zu einer Frau, die nicht perfekt zu mir passt in meiner whiskeygetrunkenen Feuilletonglitzerwelt.

Wird noch schwerer: Theoretisch müsstest du gemerkt haben, dass du nicht zu mir passt, theoretisch müsstest du wissen, wie ich tatsächlich sein müsste und das, was ich dir jeden Tag bieten kann (es ist wenig)  würde dich in einer idealen Welt so wütend machen, dass du deine Koffer packst, sie mir ins Gesicht schlägst. Und verschwindest. Aber das tust du nicht. Du siehst mich wie ein Hündchen an und scheinst zu glauben, dass alles in Ordnung ist. Dass dieses schwache Maß an Leben, dieses trostlose Nebeneinanderhervegetieren, eine vollwertige Beziehung sein kann.

Ich dürfte gar nicht in die Situation geraten sein, mit dir diese Zeit zu verbringen. Mit einem Menschen, der nicht zu stolz und nicht zu voll mit Hunger nach Liebe und Größe ist, um sich mit so einer lustlosen Aneinanderreihung von Alltag zu begnügen. Ich müsste längst ein Machtwort gesprochen haben. Aber darin war ich immer schlecht. Da höre ich mich so gerne reden und inszeniere in meinen Kopf wahre Epen des Auseinanderscheiden. Da treten wir auf die Bühne und feiern ein leidenschaftliches Trennungsdrama in schwarz weiß. Und auf dem Tisch: Nix.

Lange Rede, kurzer Sinn: Schluss machen war nie meins.

Ich habe mich davor immer gerne gedrückt, wollte wohl nie etwas auf mich kommen lassen, auf meine unbefleckte Weste, die keine Fehler macht und sie darum auch nicht einräumen braucht. „Sorry, habe mich geirrt, ist Scheiße mit dir. Konnte ja keiner ahnen.“

Weil ich aber den Anspruch hege, eine wandelnde Kristallkugel zu sein, hätte ich es geahnt haben müssen. Und müsste darum zugeben, dass ich fehlbar bin.

Ein perfekt organisierter Mann der Gegenwart hat für alles einen Notfallplan, ohne den er sich nicht einmal die Schuhe zubindet. Für den Null-Tote-Krieg, der eine Aussprache und einen ausgesprochenen Offenbarungseid vermeidet, habe ich immer schon genügend Szenarien in der Schublade gehabt.

Wenn ich mich plötzlich auftretenden melancholischen Anfällen ausgesetzt sah, wochenlang zuhause blieb, um bei einem Glas „guten“ Dornfelder jede verfügbare Tatort-Wiederholung anzuschauen. Wenn ich meine Freunde vernachlässigte, nur das Nötigste redete, in jedem Gespräch seufzend erklärte, wie sinnlos mir das Leben erscheint,  ich lieber zu Oasis kathartisch dahin darben mochte, als nur den Versuch von Aktion in mein Leben zu lassen – war der Ofen oft aus. „Ich habe ein impotentes Herz“. Zur Not ein paar Passagen aus Memoires of a Geisha. „Das Herz stirbt einen langsamen Tod!“. Tiefsinn ist sowieso nicht jederfraus Sache.

Es gab den sanften, seichten Angriff auf jene unbefleckten Vorgärten des weiblichen Herzens. Ideal, um sie loszuwerden. Was gemeinhin auch als die „Nougatnummer“ bezeichnet wird, ist in Wahrheit nichts anderes als ein widerliches asexuelles Aufdrängen mit spontan- verfrühten Liebesschwüren. Verstärkt mit laienhaft zusammengequetschten kleinen Gedichten (wenn du dichten kannst, darf man das in diesen Gedichten trotzdem nicht merken). Jede noch so kleine Wolke an ihrem Himmel ließ mich ein großes Fass aufmachen, in das sie mir ihr Herz schütten sollte. Anstelle ihres Hinterns versuchte ich ihre Seele zu streicheln - ganz sachte und ohne Absichten. Ein zahnloser Tiger, der nicht töten kann. Als Würze ein paar gut gemeinte Maßreglungen: wie viel Bier, Dekolleté, Tabak, Ausgang denn langsam mal reichen.

 

Fand ich mich körperlich fit und in guter Verfassung, griff ich zur Prinz-Ernst-August-Masche, die körperlich an die Grenzen gehen kann, wenn man zu hohem Blutdruck neigt. Was tu ich, wenn ein Gerät nicht funkioniert? Ich beschimpfe es als „beschissenes hurenverfotztes Nazigerät aus der verfickten Kapitalistenscheißhölle“, greife es mir und hau es gegen die Wand. Computertastaturen und Mäuse sind geeignete Geräte, Kaffeemaschinen in Betrieb nicht. Alles, was nicht klappt, ist in jedem Fall ein kosmischer Angriff auf meine innere Integrität, ein göttlicher Versuch, mich zu ärgern. Angedeutete Karatetritte gegen den Fernseher, wenn das Programm schlecht ist, Diskussionen über Popcornpreise an der Kinokasse, „hätten sie in der Schule aufgepasst, müssten sie jetzt nicht so eine überteuerte bezuckerte Pappkacke verkaufen, stammt der Mais von Svarovski, oder was?“, ersetzen ein klärendes Gespräch. Die Beziehung beendete sich selbst.

Ich habe eine Weile studiert, welche kreativen Begründungen es gibt, jemandem ins Gesicht zu sagen, dass es nicht weitergehen wird. „Ich weiß nicht, ob ich ohne dich leben kann, darum muss ich es einfach ausprobieren“, „Willkommen im Abschiedsland. Seine Bewohner: Du“, „Ich habe noch Wurst im Auto“ oder „Andere Mütter haben viel schönere Söhne als ich einer bin“ finde ich zwar in Maßen lustig, aber sie wollen mir nicht recht taugen.

Ich brauche etwas klassisches, humorloses, eindeutiges, das gleichzeitig die Chance gibt, mich für meine Fehlentscheidungen zu rehabilitieren. Darum stehe ich heute vor dir. Ich räuspere mich, sehe dich an. Ich habe dir vorher absichtlich nicht gesagt, dass wir miteinander sprechen müssen, weil ich gehört habe, dass Menschen so eine Ansage in Panik versetzt. Du sollst nicht länger leiden, ich erlöse dich.

„Pass auf“, sage ich also zu dir, „ich bin unglücklich. Im Allgemeinen. Die Beziehung läuft nicht so, wie ich mir das vorstelle. Ich finde keine Gründe dafür, warum ich das so empfinde, auch wenn ich überlege. Es fühlt sich einfach falsch an…“, und dann setzte ich die argumentative Atombombe ein, „es liegt an mir und nicht an Dir.“

Komm schon, Freiheit, schließ mich in deine Arme, küsse mich und trage mich hinfort ins seelige Land der Jungesellen, nimm mir die Leichtigkeit, mit anderen Frauen zu flirten, den Nimbus des Vergebenen und lass mich wieder nach der Liebe jagen wie ein Straßenköter. Ich will es so sehr.

Was? Was sagst du da? Du glaubst mir nicht? Es erscheint die komisch, dass das so plötzlich kommt, so unerwartet, so „aus heiterem Himmel“? Du forderst Gründe ein, bist sicher, dass das nur eine billige Ausrede für was auch immer ist? Das ich nur zu ängstlich wäre? Ängstlich vor was?

Du willst Gründe? Du willst Gründe?

„Na gut, wenn du meinst, es liegt nicht an mir, dann liegt es vielleicht daran, dass ich Dich nicht begehre. Ich begehre Dich nicht, wenn dein warmer schwerer Körper nachts neben mir liegt, dein feuchter Atmen in meinem Nacken, dein Gewicht drückt die Matratze runter, deine Patschehände halten mich vom Schlafen ab. Ich mag deine Berührungen nicht. Ich finde, es ist eine Zumutung, was du als „Kochen“ bezeichnest. Deine Art mit dem Gemüse umzugehen ist ein Fall für Den Haag. Deine lieblose Art, alles in den Topf zu klatschen und mit Verstärker vollzumüllen, deine lauten Schmatzgeräusche, wenn du Chips isst, deine blöden Serien, die du ständig sehen musst, deine dämlichen Freunde und ihre behinderten Gespräche. Ich habe keine Lust mehr, Ausreden zu finden um nicht mit dir auszugehen, weil du tanzt wie ein Rind mit Bandscheibenvorfall und ich durch das Loch im Boden verschwinden möchte.

Vielleicht, ja bestimmt, gibt es Momente, da denke ich mit wohligem Gefühl an Dich, denke an Dich, wie schön du bist und wie wir eine gute Zeit haben, aber das sind die Momente, in denen du weit weg bist, weit weg wie der Winter im Sommer, traumhaft zu betrachten durch ein malerisch verziertes Fenster aber nass und kalt, wenn man sich ihm aussetzen muss.

Und jetzt sag mir noch einmal, dass es nicht an mir liegt, jetzt, da ich mir die Mühe mache, ehrlich zu sein!“

Dann gehst du, wortlos, die Tür knallt.

Und wie ich die Wahrheit nackt vor mir spüre, scheint mir nicht mehr alles, was man tut, auch gut. Glaube ich. Aber ich muss weg. Ich habe noch Wurst im Auto.




*um 1/3 gekürzt und Satzbau verschlankt


Tags: Gambit Vintage Classics
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28 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Dieser hier von Dir ist mir einer der Liebsten...

    29.03.2013, 16:48 von Neania
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  • 1

    Ok, das reicht. Ich abonnier deinen Scheiß, Mann! Das ist gut!

    26.01.2013, 13:17 von Gerardi
    • 0

      ;-)

      29.03.2013, 16:47 von Neania
    • 0

      haha...das hab ich auch gerade getan!Auch wenns fast 5 Monate anch dir war ;)

      12.06.2013, 17:03 von CurlyKatha
    • 0

      nach...

      12.06.2013, 17:03 von CurlyKatha
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  • 2

    Sehr gut!

    Mein Lieblingssatz: "..., weil du tanzt wie ein Rind mit Bandscheibenvorfall"

    Und als Querverweis fällt mit der tolle Track von DJ Phono ein: knarhcslhüK mi ttinhcsfuA hcon bah hcI
    ;)

    25.01.2013, 10:41 von TheSunrise
    • 0

      haha

      bitte was?

      25.01.2013, 10:42 von MisterGambit
    • 0

      Lies es mal rückwärts ;)

      25.01.2013, 10:43 von TheSunrise
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    ...selbst beim zweiten mal lesen... freue ich mich, endlich mal etwas vor die Augen zu bekommen was ich sofort mit unterschreiben würde... :)

    Komm schon, Freiheit, schließ mich in deine Arme, küsse mich
    und trage mich hinfort ins seelige Land der Jungesellen, nimm mir die
    Leichtigkeit, mit anderen Frauen zu flirten, den Nimbus des Vergebenen und lass
    mich wieder nach der Liebe jagen wie ein Straßenköter. Ich will es so sehr.

    24.01.2013, 15:14 von Friesin
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  • 1

    Mmh..ich bin etwas enttäuscht von diesem Text, muss ich leider sagen..
    Dein Stil -sonst geprägt von fließender Leichtigkeit (klingt blöd, aber so mein ichs)- kommt mir zu wenig durch.. klar, sind extrem gut formulierte Stellen drin (was soll man anderes von dir erwarten) und welche an denen man einfach nur "aua" denkt (das Gewicht, das die Matratze drückt - echt fies :) ), aber es liest sich etwas bemüht..
    Ich will sagen: Das kannste doch viiiiiel besser! :)

    24.01.2013, 11:31 von altes_Kind
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  • 1

    Kennen wir die gleichen Leute?

    „Na gut, wenn du meinst, es liegt nicht an mir, dann liegt
    es vielleicht daran, dass ich Dich nicht begehre. Ich begehre Dich nicht, wenn
    dein warmer schwerer Körper nachts neben mir liegt, dein feuchter Atmen in
    meinem Nacken, dein Gewicht drückt die Matratze runter, deine Patschehände
    halten mich vom Schlafen ab. Ich mag deine Berührungen nicht. Ich finde, es ist
    eine Zumutung, was du als „Kochen“ bezeichnest. Deine Art mit dem Gemüse
    umzugehen ist ein Fall für Den Haag. Deine lieblose Art, alles in den Topf zu
    klatschen und mit Verstärker vollzumüllen, deine lauten Schmatzgeräusche, wenn
    du Chips isst, deine blöden Serien, die du ständig sehen musst, deine dämlichen
    Freunde und ihre behinderten Gespräche. Ich habe keine Lust mehr, Ausreden zu
    finden um nicht mit dir auszugehen, weil du tanzt wie ein Rind mit
    Bandscheibenvorfall und ich durch das Loch im Boden verschwinden möchte.

    24.01.2013, 08:11 von Friesin
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ahhh, ich liebe Bernd Begemann :)))

    23.01.2013, 21:58 von BiWare
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  • 0

    das war aber mal wieder ein gewaltiges stück text und überlege was mich stört. trotz und vielleicht wegen seiner länge ist er flüssig und anspruchsvoll. wäre er etwas kürzer ausgefallen, mir wäre es nicht aufgefallen. jedoch als autor hätte ich keine stelle gefunden, die streicheswert wäre.

    23.01.2013, 18:44 von jetsam
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