chelena 21.07.2008, 19:49 Uhr 101 72

Ich mochte dich nicht

Als ich dich das erste Mal von Herzen lachen sah,standen wir knöcheltief in einer Pfütze. Wir kannten uns ein halbes Jahr und ich liebte Dich bereits.

Wir lernten uns auf einer Party kennen. Ich wusste, dass Du niemanden kanntest und sprach Dich an. Du spucktest mir Deinen Namen entgegen, meiner war Dir egal. Zwei Sätze später wandte ich mich achselzuckend anderen Leuten zu und schüttelte die kleinen Splitter von Arroganz und Zynismus ab, die Deine Worte begleitet hatten und noch hier und da in meiner Haut steckten.

Du tauchtest auf weiteren Partys auf, im Biergarten, am See, im Park. Deine Ironie, Deine Überheblichkeit, Dein Sarkasmus – sie waren plötzlich überall. Dein oftmals so herablassender, spöttischer Blick und Deine bissigen Bemerkungen wurden meine Freizeitbegleiter. Deine Gleichgültigkeit machte mich wütend.

Ich war genervt und fragte meine Freunde ein ums andere Mal, wie es passieren konnte, dass Du in unseren Freundeskreis rutschtest. Sie lachten, fanden Dich etwas sonderbar, aber nett. Ich fragte auch meine Freundin, mit der Du eine kurze Affäre hattest. Sie war verliebt in Dich, schwärmte von Deiner Tiefgründigkeit und Deinem Oberkörper. Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln. Ich mochte Dich nicht.

Ausgerechnet auf dem Geburtstag dieser Freundin sprachen wir das erste Mal wirklich miteinander. In dem merkwürdigen Club, den alle anderen so mochten, und mit dem gerade wir beide uns nicht anfreunden konnten. Du gabst mir ein Bier aus, und wir unterhielten uns. Über Musik, unsere Herkunft und schließlich über unseren Beruf – die einzige Gemeinsamkeit, die wir zu haben schienen. Unsere Firmen – knallharte Konkurrenten, wie sich herausstellte. Ein Themenwechsel rettete den Abend nur kurzfristig. Ich ging.

Unser Freundeskreis wurde umzugsbedingt kleiner, alle rückten enger zusammen. Du warst immer noch da. Mittlerweile lud auch ich Dich ein, sagte Dir Bescheid, wenn wir etwas planten. Weil Du irgendwie dazu gehörtest. So kam es, dass Du an einem Nachmittag als einziger meiner Aufforderung zu einem Kirmesbesuch folgtest. Dort lerntest Du meine Affäre kennen, der ich längst überdrüssig geworden war. Im Vergleich zu ihm wirktest Du so respektvoll und erwachsen. Deine vorsichtige Bemerkung, Du hättest den Eindruck, ich sei nicht glücklich mit ihm, bewirkte, dass ich ihn nach diesem Tag nicht mehr wiedersah.

An einem heißen Sonntag im Frühsommer trafen wir uns alle am See, lagen den ganzen Tag in der Sonne, lasen, dösten, redeten ein wenig, und hin und wieder ging jemand Eis, Getränke oder Süßes holen. Du lagst neben mir und fingst plötzlich an, mit einem zweiten Stift in meinem Kreuzworträtsel herumzukritzeln. Ich war zu träge und zu gut gelaunt, um allergisch auf Dich zu reagieren. Zur Strafe fesselte ich Dich mit sauren Schlangen und krümelte Berge an losem Zucker auf Deinen frisch eingecremten Oberkörper. Ich beobachtete, wie Du Dich – leicht missmutig – mit einem nassen Handtuch von der klebrigen Last befreitest und war froh um meine dunkle Sonnenbrille, als mein Blick Deine muskulösen Arme streifte und ich Dich zum ersten Mal nicht als das Ekelpaket betrachtete, das Du in meinen Augen bis dahin warst.

An dem Tag begleitetest Du mich nach Hause. Wir hatten über ein Buch mit Bewerbungstipps gesprochen, das ich Dir leihen wollte. Du plantest einen Jobwechsel, konntest Dich nicht mehr mit der harten Branche identifizieren. Mir ging es ähnlich. Plötzlich fühlte ich mich wohler in Deiner Gegenwart, hatte nicht mehr den Eindruck, unter permanenter kritischer Beobachtung zu stehen, und der Spott in Deinen Augen wich für kurze Zeit einer freundlichen Offenheit.

In einer unserer zahlreichen Disconächte ergab es sich, dass wir enger tanzten als gewöhnlich. Ich gebe einer Freundin und dem günstigen Cherry-Wodka die Schuld daran. Sie hatte mich darauf aufmerksam gemacht, wie attraktiv Du in dem T-Shirt warst, das Deinen durchtrainierten Oberkörper perfekt betonte. Der Wodka tat sein übriges. Ich tanzte Dich an, jederzeit bereit, es als kleinen Spaß auszulegen, mich rechtfertigen und Deinem eiskalten Blick standhalten zu müssen. Doch Du zogst mich an Dich und wir tanzten. Eng, wild, sexy. Für den Bruchteil einer Sekunde spürte ich Deine Hand etwas zu tief an meinem Rücken. Deine Wange an meiner. Mein Puls schnellte in die Höhe. Wenige Sekunden später verabschiedete sich eine unserer Freundinnen und zerstörte den Augenblick. Wir versuchten, ihn zurückzuholen. Doch es war vorbei, und kurz darauf verließen auch wir die Disco.

Schon mein ganzes Leben von einer ausgeprägten Ungeduld geplagt, konnte ich die nächste gemeinsame durchtanzte Nacht kaum abwarten. Ich hatte mich in der Zeit seit meiner Trennung zu sehr auf Männer konzentriert, die „leicht zu haben“ waren, hatte den risikoarmen Weg gewählt, mich mit dem schnellen Kick, der kurzfristigen Bestätigung zufriedengegeben. Du warst ein kleines bisschen zu gutaussehend, zu durchtrainiert und viel zu cool, um in dieses Beuteschema zu fallen. Mein alter, beinahe vergessener Ehrgeiz war geweckt.

Als wir uns an einem Freitag wiedersahen, lief alles ganz anders. Du wirktest missgestimmt, und ich war nicht gewillt, mich davon anstecken zu lassen, alberte stattdessen mit einem Bekannten herum. Es war schon hell, als wir gingen. Ich war gut drauf, legte überschwänglich den Arm um Dich und fragte nach dem Grund für Deine schlechte Laune. Du sagtest nichts, schautest mich nur an.

Dein Kuss kam nicht völlig unerwartet. Und doch raubte er mir alles: den Atem, den Verstand – und die Fähigkeit, mich auf den Beinen zu halten. Doch das musste ich auch nicht. Du machtest keine Anstalten, mich je wieder loszulassen. Wie selbstverständlich gingen wir zu mir, verbrachten das komplette Wochenende im Bett. Bis heute glaubt mir niemand, dass wir die ganze Zeit bekleidet waren. Ich selber würde es mir nicht glauben. Doch es war so. Wir küssten uns Tag und Nacht, kuschelten und schliefen. Besser gesagt: Du hast geschlafen. Ich lag die meiste Zeit wach, versuchte, jede einzelne Sekunde in mich aufzusaugen und festzuhalten. Ich hatte genug Geschichten über Dich gehört – nicht zuletzt von Dir selber – um zu wissen, dass Du nicht auf der Suche nach einer Bindung warst. Umso mehr genoss ich es, dass Du in den 48 Stunden in meiner Wohnung einfach nur mir gehörtest. In Deinen Küssen lag eine solche Zärtlichkeit, wie ich sie nie von Dir erwartet hätte. Dein ruhiger Atem, Deine Nähe und Deine Wärme gaben mir das Gefühl, dass mir nie wieder etwas Schlimmes geschehen könnte. Mehrmals musste ich gegen Tränen ankämpfen, weil mich die Perfektion Deiner Umarmung überwältigte. Zum ersten Mal seit einer langen Zeit war ich in Sicherheit.

Bis zum Abschied am Montagmorgen sprachen wir kaum. Wieso auch, wo wir doch mit unseren Lippen so viel Schöneres anfangen konnten.
Wir sahen uns in den folgenden Tagen einige Male, verloren jedoch kein Wort über „uns“. Warum auch? Es war ja nichts weiter. Dennoch meinte mein Herz aussetzen zu müssen, wann immer ich in der Ferne den Dir so eigenen Gang erkannte. Hin und wieder erlaubte ich mir, einen kurzen Moment an Deine feste Umarmung zu denken, bevor wir uns die Hand gaben. Es ist immer wieder merkwürdig, jemanden mit Handschlag zu begrüßen (Umarmungen oder „Küsschen links, Küsschen rechts“ mochtest Du offiziell nicht), den man einmal so leidenschaftlich geküsst hat. Doch wir bewältigten diese und andere Situationen souverän. Immerhin waren wir Meister unseres Fachs, im Freundeskreis bekannt für „wechselnde Liebschaften“, wie man das so schön nennt.

Plötzlich liefen wir uns an allen möglichen, vermehrt aber auch an unmöglichen Orten über den Weg. Im Sportstudio, im Baumarkt, beim völlig überfüllten Stadtfest. Und jedes Mal grinsten wir uns an, als wäre es nur natürlich, dass wir beide zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren. Irgendwie schlich es sich so ein, dass wir abends telefonierten. Anfangs nach Begründungen suchend, bald jedoch völlig selbstverständlich. Ich war die erste, die die Fotos Deiner kleinen Nichte sah, Du warst der erste, der von meinem neuen Job erfuhr. In Deinen Armen weinte ich um meine verstorbene Tante, gemeinsam regten wir uns über die Unzuverlässigkeit unserer Freunde auf. Du wusstest Bescheid über das tragische Ende meiner großen Liebe, und ich kannte die Geschichte mit Deinem Vater, die Dich so geprägt hat, und zu der mir nach wie vor die Worte fehlen.

Als ich Dich das erste Mal von Herzen lachen sah, standen wir knöcheltief in einer Pfütze. Wir kannten uns ein halbes Jahr, und ich liebte Dich bereits. Trotz Unwetterwarnung und Deiner unerklärlich bedrückten Stimmung waren wir zu diesem Open Air Konzert gegangen. Noch vor dem Auftritt der Vorband glich das Areal einer Schlammwüste. Nach dem zweiten Lied wurde das Konzert abgebrochen. Lautstark schimpfend und völlig durchnässt übersahen wir in der Dämmerung diese überdimensionale Pfütze, die uns mit offenen Armen empfing. Das Schimpfen verstummte, wir sahen uns an und grinsten. Mit aller Macht versuchte der Regen, uns das Lachen von den Gesichtern zu waschen. Doch es gelang ihm nicht. Mein Herz wurde ganz leicht, als ich Dich so sah. Aus unseren Gesprächen hatte ich viel über Dich erfahren, wusste ansatzweise, warum Du oft so reserviert und eine Spur ernster warst als andere. Umso schöner war nun Dein Lachen, das so sorglos, so offen und ehrlich war und beinahe nicht enden wollte. Und doch musste ich es enden lassen. Ich wäre gestorben, wenn ich Dich nicht geküsst hätte.

In dieser Nacht redeten wir viel. Zwischen unzähligen zärtlichen Küssen fielen unzählige liebevolle Worte. Wir schliefen nicht, um bloß keine einzige Sekunde miteinander zu verpassen. Du sagtest, Du wolltest mich nie wieder loslassen. Ich meinte, vor Glück zerspringen zu müssen.
Am Morgen fiel der Satz, der alles zerstörte: „In zwei Wochen fliege ich nach Canberra.“
Wochen zuvor hattest Du mir von Deiner Bewerbung erzählt, von der einmaligen Chance, an einem dreijährigen Projekt mitzuwirken. Da Du es nicht weiter erwähntest, vergaß ich es bald wieder. Doch sie hatten Dir sofort zugesagt, Visum und Arbeitserlaubnis hattest Du bereits, Dein Chef hatte Deine Kündigung erhalten und Du Deinen restlichen Urlaub eingereicht.
Ich hatte nicht das Recht, Dir Vorwürfe zu machen, dass ich es erst jetzt erfuhr. Also schwieg ich.
Wir verbrachten die restlichen Nächte zusammen, doch die Unbeschwertheit des Gewitterabends war vergangen.

Jetzt stehe ich hier am Flughafen. Du hast längst eingecheckt, vermutlich ist Dein Flieger sogar schon gestartet. Ich weiß es nicht, kann die Schrift nicht erkennen auf dem Bildschirm, den ich seit einer Ewigkeit anstarre. Erst gegen Nachmittag kann ich mich überwinden, den Ort zu verlassen, an dem ich den letzten Kuss von Dir bekam.

Auf der Rückfahrt muss ich dreimal anhalten, weil die Tränen mir die Sicht nehmen. Zu Hause drücke ich meine Nase wieder und wieder in das Kissen, das noch ganz leicht nach Dir riecht. Und ein ganz kleines bisschen verfluche ich den Moment, in dem ich anfing, Dich zu mögen…

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    ,,Als ich Dich das erste Mal von Herzen lachen sah, standen wir knöcheltief in einer Pfütze. Wir kannten uns ein halbes Jahr, und ich liebte Dich bereits."

    oh mann.

    20.03.2009, 15:35 von knisterbrause
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    Oh je das ist so schön und so traurig, ja ich weine, ich konnte sie nicht mehr aufhalten...
    Du tust mir wirklich leid... aber so ist es leider viel zu oft im Leben, das Leben teilt uns nun mal nicht immer die besten Karten aus...

    14.12.2008, 17:58 von baylee
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    wunderbar

    09.11.2008, 18:36 von mondscheinfee
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    wow ich fang gleich an zu weinen!!!
    wunderschön geschrieben =)

    20.10.2008, 14:17 von AnniMausi
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    Wow! Was für ein wunderschöner Text! Oh, mann... Ich hab nicht mit dem ende gerechnet...

    11.09.2008, 22:03 von blueschen
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    richtig richtig traurig !
    und beim lesen hab ich auch noch " violet hill" gehört!
    tut mir sehr leid für dich!
    sowas is schrecklich!

    08.09.2008, 19:25 von DieKaty
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    "Und doch musste ich es enden lassen. Ich wäre gestorben, wenn ich Dich nicht geküsst hätte..."

    hachjaaa, das fand ich schön :).

    Und auch der letzte Absatz hat es in sich, wenn auch leider auf eher traurige Weise.

    31.08.2008, 03:19 von Alicia-U
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    sehr ergreifende geschichte!

    30.08.2008, 13:52 von bar_of_chocolate
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