Ich liebe dich trotzdem!
Alle machen's, keiner kann's: Wie man lernt, bestmöglich mit seinem Partner zu streiten
ich streite nicht. Mir ist klar, wie sich das für jemanden anhört, der streitet. So wie: »Ich atme nicht.« Aber es stimmt, ich streite nicht. Ich diskutiere, bis zur Erschöpfung bespreche ich Missverständnisse und Unachtsamkeiten. Aber sobald es weggeht von Argumenten, hin zu Verletzungen und Machtausübung, gehe ich nicht mit.
Ich habe mir das Streiten abgewöhnt wie das Rauchen. Eine Zeit lang musste ich mich zusammenreißen. Später schlidderte ich noch ein paar Mal knapp an einem Rückfall vorbei, betrunken oder in großer Aufregung. Mittlerweile bin ich sehr froh, dass ich es losgeworden bin. Wie das Rauchen bringt das Streiten nur Nachteile mit sich: Es ist schlecht für die Gesund heit, nervt diejenigen, die es nicht mögen (Passivstreiten!), und macht denen, die es nicht lassen können, ein schlechtes Gewissen. Vor allem aber warne ich vor den Langzeitfolgen des Streitens. Streit führt zu gar nichts, außer zu Enttäuschung und Misstrauen. Denn jede menschliche Beziehung ist fragil wie Glas, und »man darf Kristallglas nicht zum Klingen bringen, weil es die Schwingungen in seiner Struktur speichert. Noch Monate später kann das ganze Gebilde durch einen leichten Stoß zerbrechen«, wie Peter Glaser in seiner preisgekrönten »Geschichte von Nichts« über eine scheiternde Beziehung schreibt.
»Zum Streit gehören immer zwei«, das hört man schon im Kindergarten, und es stimmt. Meine Freundin ist Italienerin, sie hält einen an die Wand geworfenen Teller für ein gutes Argument, aber selbst sie sagt: »Mit dir kann man sich nicht streiten.« Nun quält mich seit längerem die Frage, ob ich etwas verpasse, wenn ich nicht streite. Denn Menschen, die streiten, bringen Argumente für ihr Laster vor, genauso wie Raucher ihr sinnloses Hobby verteidigen. Angeblich soll Streit gut für eine Beziehung sein (nur, dass es im Gegensatz zum Rauchen VOR dem Sex dazu kommt). Streit diene als notwendiges Ventil, um Druck abzulassen und Konflikte zu lösen. Kann man sich mit jemandem, den man liebt, auch streiten, ohne dass die Liebe eingeht? Und wie sagt man sich ehrlich die Meinung, ohne gleich einen Krieg anzuzetteln? Vielleicht kann gerade ich als Streitabstinenzler diese Frage beantworten. Ein Ethnologe von außerhalb versteht die Rituale eines fremden Stammes ja auch viel besser als die Eingeborenen selbst.
Es ist nicht schwer, Streit zu finden. Man muss nur mal wochentags um dreizehn Uhr den Fernseher anschalten. Da läuft die Sendung »Britt«, in der Menschen aufeinander losgehen, die einen Konflikt zu lösen haben, der weder die Nachbarn etwas angeht noch irgendeinen Fernsehzuschauer. Sie streiten sich trotzdem öffentlich, über Abzocke, Lüge, Verrat und darüber, dass eine Frau ihrem Exmann ein Kind untergeschoben hat, von dem früheren Geliebten, der nun ihr Freund ist, den sie aber seit zwei Jahren mit seinem Bruder betrügt. Nach einer Viertelstunde »Britt« will man sich ausbürgern lassen aus der Spezies Mensch und unter Affen leben. Britt selbst ist größer, als sie im Fernsehen wirkt, sie ist auch klüger und sie hat sogar einen Nachnamen: Hagedorn. Frau Hagedorn, wozu ist Streiten gut? »Streit ist eine wichtige Facette des sozialen Zusammenlebens«, erklärt sie.
Im Streit löst man keine Konflikte, was ist also gut daran, wenn die Menschen aufeinander losgehen, wenn sie doch erst zu Lösungen kommen, nachdem sie sich wieder beruhigt haben? »Die Probleme müssen erst mal auf den Tisch«, sagt Hagedorn. »Und unsere Sendung funktioniert dafür wie ein Schutzraum.«
Beim Streiten wird Adrenalin ausgeschüttet, ein Stresshormon, das sonst nur durch Panik losgejagt wird. Die Herzfrequenz steigt, der Körper stellt mehr Energie bereit, und es bleiben nur noch zwei Reaktionsmöglichkeiten: Flucht oder Angriff. Bei Boxern rauscht Adrenalin durch die Adern, sonst wären sie nicht in der Lage, sich den Schlägen des Gegners zu stellen. Bei einem Verkehrsunfall sorgt das Adrenalin dafür, dass man trotz Schock und Verletzung noch irgendwie agieren kann. Bei einem Streit hingegen wirkt Adrenalin verheerend. Die Wahrnehmung verengt sich, die Handlungsmöglichkeiten schwinden, man verschließt sich komplett oder versucht, dem anderen seinen Willen aufzuzwingen, ihn zu verletzen, manchmal auch körperlich. »Es ist Gold wert, dass die Leute sich beobachtet fühlen«, sagt Britt Hagedorn dazu, »so behalten meine Gäste einen Rest Selbstkontrolle. Und wenn man dann dranbleibt, merkt man, wie die Gegenseite weicher wird, Verständnis für die Position des anderen einsetzt.«
Hagedorn hat acht Jahre Erfahrung mit unterschiedlichen Streittypen, mit denen, die kaum ein Wort herausbekommen, und mit denen, die lospoltern. Gibt es ein Muster, das männliche und weibliche Streitformen unterscheidet? »Sehr klischeehaft: leider ja. Es gibt die passiv Aggressiven, die keine Argumente bringen, sondern nur ein schlechtes Gewissen machen wollen - das sind meistens die Frau en.« Aber bei den Männern läuft es auch nicht viel besser: »Da sehen wir oft den klassischen Typus, der seine eigene Schäbigkeit durch Aggression zu tarnen versucht.«
Aber lernen die Leute denn irgendwas, bei ihr in der Sendung? »Sie gehen über Grenzen«, sagt Hagedorn, »sie trauen sich, Dinge zu sagen, die sie sonst für sich behalten hätten.« Britt Hagedorn lässt als geübte Dompteurin gelegentlich die Emotionen hochjagen, schließlich geht es für sie auch darum, mit ihrer Sendung eine gute Quote zu erreichen. »Aber das Wichtigste ist mir, Verständnis für die Situation des anderen zu schaffen. Das gehört zur Sozialkompetenz. «
Sehr ähnlich erklärt auch Oliver Sommer seinen Beruf. Der große, drahtige Mann ist »Konfliktschlichter im Jugendstrafrecht« in Hamburg und spricht so norddeutsch, dass die Konsonanten vor Schreck in die Knie gehen. Sommer vermittelt gemeinsam mit Kollegen von der Jugendgerichtshilfe zwischen Jugendlichen, deren Streit derartig eskaliert ist, dass sie vor dem Richter gelandet sind. Sie haben sich verprügelt, ausgeraubt, gemobbt. Sommer und seine Kollegen schreiben Opfer und Täter an und haben eine Rückmeldequote von siebzig Prozent. »Vor Gericht werden schließlich keine Streitereien gelöst«, erklärt Sommer. Da wird das Opfer zum Zeugen und der Täter zum Bestraften. Doch die Täter wünschen sich Vergebung, und die Opfer wollen wissen: »Warum ich?« Sommer, der sich beim Boxen eine gewisse Adrenalinresistenz antrainiert hat, setzt beide Parteien in einem schmucklosen Raum zusammen.
Egal, ob ein Paar zankt oder Jugendliche auf der Straße streiten, hinter jedem Konflikt stehen Gefühle von Minderwertigkeit, Unsicherheit. Wenn diese Gefühle überhandnehmen, genügen Argumente nicht mehr. »Dann schießt die Wut hoch, und die Jugendlichen fangen an sich zu bepöbeln«, erklärt Sommer, der in solchen Momenten auch mal auf den Tisch haut, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Die suchen sich dann einen Grund für ihren Hass - und wenn es nur ist, dass der andere nicht die gleiche Hautfarbe hat.«
Bevor seine Klienten aufeinander losgehen, müssen sie sich runtermachen. »Entpersonalisieren «, nennt Sommer das. Ob der Gegenüber zum »Kümmeltürken« gemacht wird, oder zum »Scheiß-Pinneberger« - auf jeden Fall ist er keine Person mehr, mit Problemen und Gefühlen, denn dann könnte man ihn nicht mehr so einfach schlagen. »Doch sobald man Empathie geschaffen hat, vergeht der Konflikt.«
Die Erfolgsquote von Sommer und seinen Kollegen liegt bei neunzig Prozent. Sobald er Verständnis für die jeweils andere Seite geweckt hat, kommt es nicht erneut zur Eskalation. »Die Menschen wollen ja im Grunde nicht im Streit leben«, sagt Sommer. Ein Streit ist immer auch das Verhandeln von Bedürfnissen, das Anzeigen einer Not. Das Ausloten des Unbekannten, in der Hoffnung, ein bisschen mehr davon zu begreifen. Und je näher wir uns kommen, umso bedrohlicher empfinden wir das, was wir nicht kennen. Meinen letzten großen Streit hatte ich mit meiner Ex-Ex-Freundin. Es ging um die richtige Reihenfolge von Liedern, die wir einem gemeinsamen Freund aufnehmen wollten, auf einer Kassette (ja, so lange ist das schon her!). Schnell beschimpften wir uns wüst, doch wie ich heute weiß, nicht wegen der Reihenfolge, sondern weil sie Angst hatte, dass ich sie nicht ernst nahm, und ich genervt war, dass sie mir nicht vertraute. Irgendwann gab einer von uns auf, weil wir die Anspannung nicht mehr ertragen haben. Sie speicherte sich wie in einem Glas, das viel später dann zerbrochen ist.
Diesen Bruch zu vermeiden, hat Torsten Klatt zu seinem Lebensunterhalt gemacht. Er ist Spezialist für Paarberatung, weshalb ich ihn aufsuche. Genau wie Sommer ist Klatt »systemischer Therapeut«. Er stellt also im Wesentlichen Fragen und versucht, seine Patienten auf diese Weise von selbst auf die richtige Fährte zu führen. Obendrein hat Klatt auch Theologie und Philosophie studiert und erklärt die Grundlage für Beziehungsstreitereien mit einem Zitat des Philosophen Gabriel Marcel: »Die Frau ist das Versprechen, das nie erfüllt wird«, um dann gleich einzuschränken, »natürlich verhält es sich umgekehrt genauso.« Wo Menschen Beziehungen miteinander ein gehen, wachsen Erwartungen an den anderen. Und wo es Erwartungen gibt, können sie enttäuscht werden. »?Ich kenne dich? ist ein falscher Satz«, erklärt Klatt dazu, »wir begreifen höchstens dreißig Prozent eines Menschen.« Wir denken, wir verstehen den anderen, unser Gefühl gibt uns das vor, weil wir Nähe mit Verständnis verwechseln. Doch dann verhält sich der andere Mensch nicht nach unseren Erwartungen, und wir sind enttäuscht. Dafür kann der andere aber nichts.
»Was sagt Ihre Freundin denn dazu, dass Sie nicht streiten?«, fragt Klatt und lächelt breit, wobei er einen Abstand zwischen den Schneidezähnen zeigt, der ihm auch mit über vierzig noch etwas Lausbubenhaftes gibt.
»Zuerst dachte sie, ich sei leidenschaftslos. Dann hat sie mir zugestanden, dass man mit mir über alles sprechen kann.« Nun lächelt Klatt noch breiter, »südlich der Alpen wird einfach besser gestritten als hier«, sagt er. »Das theatralische Streiten der Italiener hat den Vorteil, dass man seine Not anzeigen kann, ohne sich zu verletzen. Es wird einfach nicht so ernst genommen.«
Ich hingegen nehme Streit leider sehr ernst, und wenn mich jemand beschimpft, bin ich gekränkt. Und ich zitiere das Gesagte hinterher immer wieder, wenn das Thema aufkommt. Das hemmt den Kontrollverlust beim nächsten Mal, denn die wenigsten Menschen wollen an das, was sie im Streit so von sich geben, später noch erinnert werden.
»Dann streiten Sie ja doch«, sagt Klatt, »Sie versuchen nur, auf der Sachebene zu bleiben.« Auf der Sachebene zu bleiben, ist eine Möglichkeit, Streit konstruktiv zu lösen. Manchmal empfiehlt Klatt seinen Patienten auch, das »Du« aus dem Streitvokabular zu streichen und nur noch mit »Ich« zu diskutieren. Also nicht: »Warum hast du schon wieder nicht aufgeräumt?«, sondern: »Ich hätte mir gewünscht, dass aufgeräumt wäre.« Außerdem lohnt es sich, das Gesagte zu wieder holen, um zu klären, ob es mit dem Gehörten in Deckung ist. Manchmal erlebt man da Überraschungen.
Aber warum fällt es gerade Paaren so schwer, sich beim Streiten auf der Sachebene aufzuhalten oder die unterschiedlichen Bedürfnisse in einer Diskussion zu klären? »Weil Paare ihr Bedürfnis nach Routine und ihre Lust, etwas zu erleben, das ihr Leben einzigartig macht, nicht koordinieren können.« Sitzt man abends nur noch zu zweit auf der Couch, »hat man sich irgendwann mal abgeliebt«, erklärt Klatt. Viele seiner Klienten suchen sich dann Abenteuer außerhalb der Beziehung. Oft streiten Paare auch genau deswegen. Sie versichern sich im Streit der Fremdheit des anderen, um ihn wieder spannend zu finden. Manchmal wird »der Versöhnungssex danach« von Paaren als bestes Ergebnis ihres Streits erwähnt. Tatsächlich ist der Sex aber nicht die Folge, sondern die Ursache für den Streit. Frau und Mann streiten miteinander, um sich am gewohnten anderen wieder zu erregen.
Keine schöne Aussicht, denn weder will ich Routine, noch möchte ich mich künstlich aufregen, gibt es denn keine Alternative? »Sie können sich gemeinsam in Dinge verlieben. Sie können Leidenschaften teilen und Ihre Begeisterung mit in die Beziehung bringen, dann bleiben Sie auch verliebt ineinander.«
Außerdem lohnt es sich in jeder Form von Beziehung, Dinge einmal anders zu tun oder zu betrachten, denn »wenn dieselben Probleme immer wieder auftauchen, bedeutet das nur, dass sie beim letzten Mal mit der Erkenntnis nicht weitergekommen sind«, sagt Klatt.
Klatt schlägt die Beine zum siebten Mal von der einen auf die andere Seite übereinander und lächelt immer noch, weil er keine Ahnung hat, was jetzt kommt. Streiten Sie selbst auch über Blödsinn? Klatt denkt kurz nach. »Ja, vergangene Woche habe ich meinem Lebensgefährten erzählt, dass ich darüber nachdenke, nächstes Jahr eine Eigentumswohnung anzuschaffen. Er hatte allerlei Einwände, persönlicher und finanzieller Natur, und es dauerte eine Weile, bis wir beide eingesehen haben, dass es keine Streitgrundlage gibt, solange ich nur NACHDENKE.« Aber wie kann es sein, dass er als Profi in so eine sinnlose Auseinandersetzung gerät? »Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen«, erklärt Klatt dazu und zuckt ein bisschen gottergeben mit den Schultern. Deswegen müssen auch Paartherapeuten zum Paartherapeuten.
Mein Glück ist anscheinend, dass es mir gelingt, auf der Sachebene zu bleiben. Klatt gibt kein Urteil ab. Stattdessen stellt er Fragen. »Sind Sie selbstbewusst, im eigentlichen Wortsinn? « Ich würde sagen: Ja. »Interessieren Sie sich für andere?« Mehr als für mich. »Sind Sie besonders großzügig?« Ich versuche es zu sein. »Dann bringen Sie gute Eigenschaften mit, um zuzuhören, die Probleme des anderen zu begreifen und sich nicht gleich angegriffen zu fühlen.«
Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass ich mir das Streiten gar nicht abgewöhnt habe, wie ich immer behaupte. Es ist einfach nur immer weniger geworden, in dem Maß, in dem ich zufrieden geworden bin, mit mir und meinem Leben. Und meistens bin ich sehr zufrieden, wenn nicht gerade ein Teller nach mir geworfen wird.






Kommentare