annabellissima 09.11.2009, 11:01 Uhr 4 10

Ich liebe dich. Nichts weiter

Ich könnte Sebastian umarmen. Ich könnte massig Spaß mit Alex ausleben. Ich könnte auch Ben vögeln. Nur dich, dich darf ich nicht haben.

Freitag im letzten Monat. Ich stehe in der Mensa Schlange, vor mir tippt einer was in sein Handy. „ich liebe dich“ les ich. Nichts weiter. Würde ich auch gerne schreiben. Nur zu dumm, dass ich keinen liebe. Aber ich spüre, dass es möglich wäre. Die Möglichkeit einer Liebe. Aber da ist nur zielungerichtete Verliebtheit in mir. Jede Menge, aber eben: ziellos. Ich fühle nur, dass ich wieder reif dafür bin. Der Typ sieht auf, wird ein wenig rot, schiebt das Handy in die Tasche, lächelt. Ich schaue weg, als hätte ich nichts gesehen. Der wäre nicht schlecht. „Gewesen“ hallt es in mir nach, offensichtlich ist er gut versorgt.

Meine Gedanken schweifen ab, zurück zu Andy. Das mit ihm ging sechs Monate lang gut, dann stellte sich die übliche Phase der Überdrüssigkeit ein. Entliebung. Hatte ich schon zweimal, fast ist das Routine geworden. Fast ist der Glaube an die Unmöglichkeit einer längeren, zuverlässigen Beziehung zu einer Art enttäuschten Routine geworden. Es war nicht Andys Schuld. Es war nicht meine. Es passierte einfach so. Es ist mir vertraut. Man findet sich, genießt das Kribbeln, lässt sich in die Beziehung fallen und dann stellt sich schleichend heraus, oops, das ist nicht ganz das Richtige. Und ich blöde Kuh will mir das viel zu spät eingestehen, quäle die Typen mit meinen Ansprüchen, mach ein Theater draus. Dabei will ich das gar nicht. Es geschieht aus Verletztheit. Aus Wut. Aus Verzweiflung. Aus Einsamkeit. Weil etwas „Ich will auch!!“ in mir schreit.

Also wieder solo, wieder Nase voll davon, Suche wieder vorprogrammiert, auch wenn ich es nicht wahr haben will. Ist wie Appetit auf alles, nur ist nichts wirklich Leckeres im Angebot dabei. Sebastian nickt mir zu, ein „hey“ auf den Lippen, die sofort meine Wange suchen. Ein Lieber. Jungfrau, wie er mir dann und wann beichtet, er will sich aufsparen. Für die Richtige. Mit Sebastian kann man prima Pizza essen abends auf dem Bett, es macht Spaß mit ihm rumzuknutschen, er ist fürsorglich und - das wichtigste - ungefährlich. Das ärgert mich manchmal, vor allem, wenn er morgens nach Hause geht, nach einem gemeinsamen Frühstück, natürlich wieder im Bett, ohne dass etwas passiert wäre. Sebastian ist ein Lieber und ich fühl mich als Schlampe, weil ich fühle, dass ich gerne Sex mit ihm gehabt hätte. Unverbindlichen Sex. Mit einem schönen Gruß von meinem Hormonhaushalt. Nein, nein, nein, solch gute Freunde vögelt man nicht.

Die Schlange wird kürzer, ich seh auf die Uhr, hab keinen Bock auf Prof. Dr. Schneider und sein Gelaber, aber Kohldampf. Alex kommt mir in den Sinn. Ich zähle nach. Vier, fünf, rechnet man das in der Therme mit hinzu, sechs Mal. Sechs mal Sex mit Alex, dem großen Langen mit den schlechten Zensuren. Von mir kriegt er eine drei minus. Keine Eins, weil er zu oberflächlich fickt. Keine zwei, weil er nicht perfekt in mich und so gar nicht zu mir passt. Nur ein Minus dazu, weil er sich dennoch sorgt, ob es mir auch gefällt. Eine Vier hätte keine Chance mehr bei mir, vielleicht kriegt Alex auch deswegen eine drei Minus. Alex, die Reservenummer. Garantiert keine Liebe, aber garantiert ein Orgasmus. Schön, ich winke ihm immer gerne zu, wenn er seine Müsli-Tupperbox auslöffelt, froh, dass ich nicht mit ihm frühstücke, sondern dass ich ihn nur manchmal im Mund habe.

Ich bin fast dran, da fällt mir noch Ben ein. Er lässt keine Gelegenheit aus, mir zu verstehen zu geben, dass... Na, kann man sich denken. Ben sieht klasse aus, hat Kohle, das sieht man auch, sogar gute Manieren. Dennoch funkt nichts bei ihm. Mein Unterleib ist eine Kühltruhe, wenn er mir Augen macht. Also latsche ich mit ner Kühltruhe im Bauch und einem kokettem „Hey, Ben, was macht die Liebe“ auf den Lippen an ihm vorbei, und meine Hüften verlieren ihren Schwung beim Gehen. Ich stolpere, das Tablett zittert kurz, die Nachspeise wackelt bedrohlich, ich fluche leise, schwitze plötzlich in einem Adrenalinschub, hasse Ben mal eben kurz, da greift plötzlich eine feste Hand meinen Unterarm, hält mich, eine andere fängt mich unter den Achseln auf bevor ich stürze, ich knurre ein nichtssagendes „danke“ in den Himmel und in Richtung dessen, der mich hält. Dann ist überall Sonne. Licht. In mir, im Hintergrund, und die Kühltruhe von eben möchte sich in meine Shorts ergießen.

„Alles in Ordnung?“ fragt er.

Ich stottere irgendwas zwischen zaghaftem „ähem“ und gedehntem „ja...“, und starre ihn wortlos an, während er mich noch hält, nun beim Oberarm, ein wundervoller Griff, nicht zu fest, aber so, dass ich mich in Sicherheit wiege. Spontan stelle ich mir vor, wie es mit ihm im Bett ist, oder einfach nur eine innige Umarmung, in der man sich perfekt aufgehoben vorkommt, und ich schmelze dahin, unfähig, was Intelligentes von mir zu geben. Hab nur noch Augen vor ihn. Er merkt das. Und ist reserviert freundlich und hilfsbereit, fragt, ob wir zusammen... „Jaaaa!“ sprudelt es aus mir heraus. Ein wenig zu schnell, zu vorlaut, zu gewagt.

Dann sitzen wir an einem Tisch inmitten von anderen Tischen, die Lichtjahre entfernt sind. Nur er und ich und hin und wieder ein kurzer Wortwechsel. Ich gebe mir Mühe, mich nicht vollzukleckern, da fällt ihm ein Stück Kartoffel zwischen die Beine. Er lacht dazu. Ein kleines freundliches, unbeschwertes Lachen, das „passiert eben“ bedeutet. Er nimmt vorsichtig die Kartoffel, sieht sie sich an, schiebt sie sich in den Mund. O mein Gott, wallt es in mir. Ich hätte sie gerne gegessen. Aus seiner Hand. Sie lag ihm im Schoß, fährt es mir durch den Sinn. Genau deswegen. Spätnachts liege ich noch im Bett und denke an diese Kartoffel und seinen unbekümmerten Blick dabei.

Manchmal ist man alles zusammen. Mit einem Schlag. Voll Verliebtheit, Sex, Suche nach Nähe, Vertrauen, Offenheit und - Vorsicht. Vorsicht, weil man nichts verderben will. Und wo eben nichts war, ist man erfüllt von Wärme. Dann weiß man es. Ein Hundertprozenter. Vermutlich eine Eins, nein, ganz sicher eine Eins. Kein Wunder bei den Vorgaben. Diese Augen, ein bisschen wehmütig, ein bisschen sehnsüchtig, dann wieder tief und plötzlich voller Kraft. Energiequelle. Ich war verloren vom ersten Augenblick an und traf ihn wieder. Wir gingen essen, wir führten nicht enden wollende Gespräche, wir spazierten durch den Park, umarmten uns in einer Nische des Museums, wir küssten uns spätabends auf der Straße, und seine Hände fühlten sich an, als würden sie meinen Liebesakku aufladen.

Doch ich weiß noch immer nicht, ob wir nun zusammen gehen, oder ob wir „nur gute Freunde“ sind und ob er mich liebt. Er bemüht sich um Stil. Hält sich an eine unbestimmte Etikette, die sich langsam zwischen mich und ihn schieben will. Ab und an denk ich, er ist zu schüchtern, feige, und ich müsste den Kurs bestimmen, die Türen öffnen, Hinweisschilder aufstellen. Aber wenn ich noch deutlicher werde, verscheuche ich ihn eventuell. Verderbe alles.

Er ist viel unterwegs, macht Praktika, nun in München. Du guter Himmel, von Duisburg nach München sind es laut Google Maps 634km, zum Kotzen ist das. Wir chatten also, telefonieren, nicht zuviel, ich will ihn ja nicht belagern, in die Enge treiben. Warte auf Nachrichten, prüfe das Display, ob eine SMS von ihm kam. Nichts. Er sagt, er bräuchte einen 30-Stunden-Tag, um alles ausgeschlafen hinzukriegen. Er will Karriere machen. Ist ihm wichtig. Ich bin ihm auch wichtig, sagte er, aber am Job, da muss er dran bleiben. Ich taxiere die Kosten, rechne die Preise von Bahntickets gegen die von Autofahrten auf, verwerfe die Idee wieder, mich ihm einfach drei Tage an den Hals zu schmeißen. Vor seiner Tür zu stehen mit einem verliebten Blick, den er auch mit „Fick mich, bitte, hier, sofort“ interpretieren könnte. Scheiße.

Allmählich befürchte ich, dass mir meine Sehnsucht nur einen Streich spielte. Dass mich jeder hätte auffangen können, als ich über meine eigenen Füße stolperte. Dass ich einfach nur nicht allein sein will und an den Traum einer tiefen langen Beziehung glauben will, mit aller Gewalt. Ich fange immer mehr an zu grübeln, und das will mir alles verderben. Diese Stimmung, die sich zwischen uns schieben will, sie wird bedrohlicher.

Also sitze ich in der Mensa, am selben Tisch, lass mich artig von Sebastian auf die Wange küssen, ertrage willig Bens Annährerungen, die verschaffen wenigstens Abkühlung im Parterre. Alex kommt mir auch in den Sinn. Wenn man die Liebe ausklammert, ist es nicht übel mit ihm.

Nun gut. Ich könnte eine Nacht lang Sebastian umarmen, mit ansteckungsfreiem Frühstück. Ein Trostpreis bei dem keinem wirklich geholfen ist. Ich könnte auch massig Spaß mit Alex ausleben, eine sichere Nummer. Leider ohne Herz. Ich könnte auch Ben vögeln, spontane Hormonkur, nach der man sich richtig toll selbst hassen kann. Aber das hilft wohl alles nichts. Denn ich liebe dich. Nichts weiter. Und Ersatz, nein, der kommt einfach nicht in Frage. Zumindest noch nicht.

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4 Antworten

Kommentare

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    Danke. Schön. :o)

    30.11.2009, 14:14 von Torpedo_Ruecktritt
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Toll geschrieben! Vielleicht teilweise etwas zu "sexlastig"... aber oke.
    Und irgendwie erkenne ich mich so halb wieder... Diesen Kerl hier, jenen da... 'n bisschen Spaß haben, aber mehr auch nicht. Passt einfach nicht. Zumindest bei diesen Kerlen. Bei dem einen, da passt es. Aber man traut sich nicht, es ihm zu sagen. Aus Angst, dass es alles kaputt macht. Jaja,.... ich kenn' das gerade nur zu gut....
    Nur scheint es bei dir ein klitzekleines bisschen "einfacher" zu sein, denn dein Traumprinz hat keine Freundin.....

    11.11.2009, 17:10 von nora-zoe
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    wilkommen in meinem Leben...
    Kann ich gut nachvollziehen, mir passiert grad etwas sehr Ähnliches...

    Viel Erfolg/ Glück Dir!

    Cio.

    09.11.2009, 11:52 von ciononostante
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