Kokomiko 16.04.2012, 16:39 Uhr 22 47

Ich kann hören, wie der Schnee fällt

Das ist die Wahrheit

Heute fahren wir mit der Eisenbahn. Ich liebe die Öffentlichkeit. Hier kann ich ganz wunderbar einsam sein in guter Gesellschaft. Vor mich hinfrieren und träumen und warten. Gewöhnlich aussehen. Vorbeizeiten ausmalen. Glauben, was uns bevor steht. Uniform sein. Einfach so dem Schnee zuhören, wie er fällt. Natürlich hatte ich mir das Alles wieder nur ausgedacht, als ich es erlebt habe, aber das macht nichts. Denn es geschieht ja auch ohne mich. So jederzeit.

„Ist hier noch frei?" ist eine Frage, die ich mag. Man muss nur nicken und kann dann darüber nachdenken, ob es stimmt. Was ist schon Freiheit? „Die Fahrkarten bitte." Sehr verkürzt. „Dürfte ich bitte Ihre Fahrkarte sehen." wäre der ganze Satz dazu. Doch darüber denkt man nicht mehr nach. Man weiß ja auch so, was die Wahrheit ist.

„Ist hier noch frei?" Ich nickte. Sie wollte reden. Wer so schweigt, will reden. Dann vergeht die Zeit schneller. Illusion und verschenkt. „Fahren sie auch mit der Eisenbahn?" Meine Frage war dumm genug und sie sah sich nach einem anderen Platz um. „Begehren Sie mich bald wieder." befand ich ihr Inneres, als sie aufstand und ging. Nun schwieg sie und ich unterbrach sie nicht dabei.

„Ist hier noch frei?" Ich war sofort verliebt genug und sagte Ja, ich will." Sie lachte obwohl oder weil sie wunderschön war und setzte sich. „Wo fahren wir hin?" begann sie unser Gespräch. Die Frage hätte von mir sein können und ich hatte Herzklopfen. „In die Welt. Aber wenn Sie wollen, frage ich den Lokführer. Soll ich?" fand ich als Antwort höflich genug, ohne mir etwas dabei zu denken. Wieder lachte sie. „Nein, das müssen Sie nicht. Sie sollen bei mir bleiben. Wir vertrauen ihm. Erzählen sie mir eine Geschichte?" Ihre Arme hatte sie überkreuzt auf den Oberschenkeln liegen, war leicht zu mir vorgebeugt, interessierte sich. Also Verbindung. „Was möchten Sie hören?" „Natürlich ein Märchen. Aber nichts erfinden. Alles soll wahr sein." Ihre Augenbrauen kamen sich näher, als sie es sagte. Eine kleine Bedenkenfalte trennte sie. Prüfender Blick. Kein Blinzeln. „Oder soll ich?"

„Nein ich habs schon." sagte ich. Nur..eine Frage. Haben Sie Zeit für mich?" „Ja. Sie gehört ihnen." „Dann ist es gut. Es war so:

Das kleine Licht kam zur Welt, als die Sonne des Nachts einmal gähnen musste. Da ging es schon los. Das war schon verkehrt. Alle Brüder und Schwestern von ihr kamen aus Lachen zur Welt. Immer, wenn Mama lachte, wurden Strahlen geboren. So war der Lauf, wenn die Sonne lacht, wie sie lacht nur des Tags. Über die Menschen. Den unsteten Wind und den traurigen Himmel, oder einfach nur so.

Doch das kleine Licht hatte mit Mama verschlafen, als der Himmel so weinte. Dann hat die Sonne doch frei und muss ihn nicht trösten. Und die Tropfen sind dran. Nicht das Strahlen. Das Licht. Manchmal niest dann der Himmel. Ganz verschnupft ist er dann. Und es donnert dazu. Mama wurde kurz wach. Und sie gähnte dabei.

Und da war dann das Lichtlein so dumm aus Erschrecken. Und es dachte für sich ‚Nun bin ich frei.’ Und es sprang. Viel zu früh. Und freute sich dabei. Es wurde ganz nass. War das einzige Licht unter Tropfen. Und der Himmel, ihr Vater war dunkel und schwarz. Und es fiel. Und sie knufften und pufften es, wollten vorbei. Ihm wurde ganz angst und ganz bange darüber. Ein kleiner Tropfen hatte Mitleid mit ihm. Er ließ sich vom Wind zu ihm tragen. Und nahm es in Schutz bei der Hand. Vor den tobenden Brüdern. Und sie tanzten hinab auf die Erde ganz schnell. Und der Wind hob sie hoch und der Spaß ging von Neuem.

Ganz verkreiselt wie Irrlicht war es davon. Als der freundliche Tropfen mit den Brüdern zu Wasser zur Erde verschwand. War es da. Ganz zerzaust. Und doch froh. Es war Nacht. „Wo bin ich hier nur?" fragte es mehr zu sich selbst.

„Na auf mir, wo denn sonst." rauschten die Blätter und gaben dem Baum damit Stimme. „Setz dich auf mich. Du bist so schön warm nach all deinen kalten Gesellen aus Regen. Dann trocknest du mich und der Wind trocknet dich, wenn wir flüstern."  sprach ein vorlautes Blatt neben ihm. „Wir sind der Baum." rauschten die Blätter ganz laut und zusammen. „Wer bist denn Du? Du bist ja ein komischer Tropfen."„Bist Du ein Glühwürmchen?" fragte schüchtern ein kleiner hellgrüner Sprössling. „Nein. Das bin ich nicht. Ich bin nur ein kleines Licht. Ein verlorenes Licht aus der Sonne. Denn die Mama ist weg. Und sie lacht für das andere Ende der Welt. Es ist Nacht." sagte das kleine Licht und streichelte den Sprössling. „Und was mache ich jetzt nur? Was soll denn nur werden aus mir? Niemand braucht doch ein so kleines verlorenes Licht, wenn es überall Nacht ist. Hast Du denn gar keinen Rat lieber Baum?" Gerausche und Gemurmel setzte nun an und die Blätter besprachen sich zu dieser Not.

„Wir wissen den Rat." „Darf-ich-darf-ich-darf-ich?" drängelte sich der Sprössling nach vorn und begann, ohne eine Antwort abzuwarten. „ Ein Jedes ist nutze und hat seinen Sinn. Ein Jedes und sei es auch noch so klein und unbedeutend, hat seinen Platz auf der Erde. Für dich heißt es Licht sein und Trost in der Nacht, für solche, die brauchen. Ein kleiner Junge wohnt im roten Häuschen dort drüben. Tags ist er munter und klettert auf den Ästen um uns herum. Er spielt im Garten. Doch manchmal zur Nacht, wenn er in seinem Bettchen liegt, dann träumt ihm, was unheimlich ist und er erwacht davon. Dann hat er Angst und weint auch zuweilen. Denn es ist dunkel um ihn und er fürchtet sich sehr. Dort kannst du sein. Dort kannst du sitzen am Bettchen. Und wenn er aus Furcht in Dunkelheit weint, dann machst du ihm Licht und vertreibst ihm die Angst. Und streichelst ihm hellgute Träume zum Schlaf. Tags kannst du ruhen und Licht bist du nachts. Sein Nachtlicht zum Trost. Eine gute Bestimmung." Das kleine Licht überlegte kurz. Dann nickte es. „Ja. Eine gute Bestimmung. Das will ich sein für den kleinen Jungen. Sein Nachtlicht zum Trost."

Tags darauf strahlte es still durch das offene Fenster in das Kinderzimmer hinein. Seitdem sitzt es am Bettchen zur Nacht und passt auf. Und wenn der kleine Junge schlecht träumt und erwacht, macht es immer sein Licht für ihn und das tröstet ihn, wiegt ihn zurück sanft in Schlaf. So war aus dem verlorenen Sonnenstrahl das kleine Nachtlicht geworden."

„…Und das ist wirklich wahr? Was ist aus dem Kleinen geworden?" wollte sie wissen und wieder prüfte sie mich „Natürlich ist es wahr. So wahr wir hier sitzen und sind. Oder glauben Sie, ich kann das erfinden?" „Nein." „Sehen Sie. Der Kleine trägt eine komische blaue Mütze, die ihm schief auf dem Kopf sitzt. Ihre Zeit ist für ihn. Er ist glücklich wie dankbar darum. Nichts ist vergebens. Manchmal fährt er mit der Eisenbahn. Aber dann träumt er. Und hört den Schnee fallen."

„Die Fahrkarten bitte." Ich wachte auf. „Ich habe nur eine. Ist das schlimm?"

„Nein. Wenn es die Richtige ist."

 

 

 

 


Tags: Linus
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22 Antworten

Kommentare

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    Danke. Du hast es geschafft, dass mein Herz sich an einem Sonntag Abend doch noch einmal erwärmt. Wundervoll.

    02.12.2012, 22:26 von Schock_
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    Worthäuser so leicht und auf hauchzarten Satzsäulen, mit "wilden Gewächsen und offenen Fenstern/ Du erfindest mühelos/ die Welt von vorne/ohne alte Gespenster/ wächst sie um uns neu und groß" (frei nach Dota)

    Ganz verkreiselt wie Irrlicht war es davon.
    Danke.

    28.11.2012, 19:48 von ein_zipfelchen_zeit_in_der_tasche
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    Eine wirklich bezaubernde kleine Geschichte! Ich bin immer noch ganz verträumt.
    Ich las die Zeilen - unbewusst - mit meiner typisch melodischen Märchen Stimme und sofort formten sich die passenden Bilder in meinem Kopf. Ich mag es gerne, wenn die Geschichten so schön bildhaft geschrieben sind.
    Und zum Schluss gibst du einem noch ein Lächeln mit auf den Weg "Die Fahrkarten bitte." Ich wachte auf. „Ich habe nur eine. Ist das schlimm?"- herrlich :)

    28.10.2012, 19:48 von Buttercup12
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    Zauberhaft.

    21.04.2012, 19:26 von Cupcake112
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  • 2

    Oh, das ist wieder Koko-Sprache die macht, dass ich im Schneidersitz gebannt auf dem Boden sitze, mit einer Wolldecke umwickelt und einer Tasse heiße Schokolade in der Hand, um einfach nur der Geschichte zu lauschen. Das ist toll. Ich fühl mich klein.

    17.04.2012, 23:13 von nyx_nyx
    • 0

      ohja, das ist toll - das lieb ich auch so sehr.

      17.04.2012, 23:35 von lautlosgelebt
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  • 1

    Regenbogenkopfgedanken.
    und dieses Licht bräucht' auch ich, oft. nachts.

    vielleicht ist's da, und mit dem Glauben daran, schläft man besser.

    17.04.2012, 21:21 von Buchliebhaberwichtel
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Seite: 1 2
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