„Ich hab mich in dich verliebt.“
Über den größten Fehler in zweigeschlechtlichen Freundschaften.
Ich kenne dich seit einem guten halben Jahr. Am Anfang warst du eine coole Bekannte. Eine Frau, bei der man sich freut sie zu treffen. Ich weiß nicht mehr soviel von dem ersten Abend. Ich weiß, dass ich mit zu deinem Fahrrad gekommen bin und wir einen alten siffigen Spiegel auf dem Gepäckträger vom Kiez zu mir geschoben haben. Du warst cool. Dann hab ich dich noch mal irgendwann im Bus getroffen. Beiläufig. „Meld dich mal wieder, echt.“ „Mach ich.“
Dann bist du irgendwann vorbeigekommen, und das bald öfter. Wir verstehen uns, reden Quatsch, spielen Lieder, kiffen, lachen und warten geduldig durch die Herzscheiße des anderen. „Und ich finde den ja so toll...“ „Nee, sie ist schon echt wow...“ Wir haben beide keinen Erfolg und trösten uns gegenseitig. Wie das Freunde füreinander tun. Es ist vertraut, unterhaltsam und ungezwungen. Immer.
So plätscherte es weiter, bis die Gefühle für die Frau des letzten Strohfeuers nachließen. Dafür kamen neue, andere Gefühle für dich dazu. Deine Nähe tat mir so gut. Drei Wochen versüßte ich mir mit dem renommierten „Soll ich’s ihr sagen oder nicht“-Spaß. Täglich wurden Freunde mit dem immer selben Thema genervt. Bis zu dem Tag, an dem es nicht mehr ging. Es war sicher und wollte raus. Es kam der Tag der saublöden Offenbarung, die man sich als halbwegs nachdenkender Mensch hätte sparen können. Ich wollte aber lieber fühlen als denken.
In der Videothek willst du unbedingt „Vergiss mein nicht“ ausleihen. Du kennst ihn schon, ich nicht. Okay. Wir sitzen in deiner aufdringlich gemütlichen Wohnung und kucken den zwingend schönen Liebesfilm. Er ist irgendwann vorbei. Beck singt jetzt „Everybody’s gotta learn sometimes“. Der bittersüße Refrain des grauenhaft zarten Titelsongs kommt immer wieder als Loop.
Du fragst, ob alles klar ist, weil ich geradeaus starre und mitteilungsbedürftig aussehe. Ich starre weiter und schmeiß dir mein Herz vor die Füße. Es fallen Sachen wie „mehr als eine gute Freundin“, „öfter umarmen als zur Begrüßung und zum Abschied“, „ich weiß, dass das doof ist“, das böse v-Wort wird erwähnt. Zur Verblüffung Gefühlserwiderung. Du nimmst meine Hand und hältst sie fest. Deine großen Augen kucken mich an und ich muss endlich nicht mehr Alibi-mäßig nach spätestens 2,25 Sekunden wegkucken. Ich darf dich anschauen. Du sagst, du hast ähnliche Sachen gedacht. Es gibt Umarmungen in Zeitlupe, stilles Ankucken, irgendwann vorsichtige kleine Küsse. Ich bin froh und grinse dich vollkommen debil an. Glücklich. Du verabschiedest mich um halb drei und ich tanze nach Hause.
Es ist ein bekacktes Glücksspiel. „Ich setze meinen momentanen Seelenfrieden auf Liebe.“ „Alles auf Liebe. Scheiße. Scheiße gewinnt, meine Damen und Herren.“
Seit dem Tag hab ich dich noch nicht wiedersehen. Nur Kontakt über die zwei Medien, bei denen man sich am besten missversteht: Internet und Telefon. Wortbrei, den ich immer so interpretiere, dass er zur momentanen Stimmungslage passt. Meine Stimmungslage ist ziemlich genau im Arsch und kuckt nur selten raus.
Jede Nachricht und jedes Gespräch sägen an meiner Seele. Ich weiß nicht, was du denkst und du willst es mir auch nicht sagen. Ich möchte dir gerne Zeit zum Nachdenken geben, vielleicht bist du unsicher. Aber ich kann bald nicht mehr. Nicht, wenn ich absolut nicht weiß, was in dir passiert. Ich denke den ganzen Tag an uns und glaube nicht mehr dran. Das macht mich kaputt. Ich brauche einen Schlussstrich oder eine Ziellinie. Im Moment ist es nur noch freier Fall. Und ich habe große Angst vor dem Aufprall.
In den Worten meines Schutzpatronen: „Make it over.“




Kommentare
"Alles auf Liebe. Scheiße. Scheiße gewinnt, meine Damen und Herren."
06.10.2008, 20:24 von sophietraueret rien ne va plus.
schöner text.
hatte vor kurzer zeit eine ähnliche situation nur das ich die jenige war die unsicher war...schöner text
22.11.2006, 10:26 von PinkPiggyWahnsinn.
07.11.2006, 21:59 von horses_to_go"Im Moment ist es nur noch freier Fall. Und ich habe große Angst vor dem Aufprall. "
Irrsinnig gut.
Der Satz auf Englisch und ich würde dich als Thom Yorke II bezeichnen.
Toll.
Wirklich toll.
Oh weh, wie schrecklich. Ich denke jeder weiß, wie du dich fühlen musst. Ich stelle auch immer wieder die Frage, warum kann man nicht rational glücklich leben, warum braucht man immer eine Person die man mit Liebe überschütten möchte? Vor allem, warum fühl ich mich erst dann gebraucht?
08.10.2006, 18:52 von MiriMiriMiriIch höre gerade „Everybody’s gotta learn sometimes“, weil ich eben diesen film geschaut habe und muss deswegen sehr lachen=)
06.10.2006, 19:23 von batida.de.cocoSchöne Geschichte. Ich habe etwas Angst. Der Text könnte von einem guten Kumpel von mir kommen. Wir kennen uns seit ca einem jahr. Wenn er betrunken ist, sagt er seinen Freunden immer, wie cool ich bin, wir trinken, kiffen und feiern zusammen. Er nimmt mich oft Huckepack, ich ihn. Es ist sehr witzig mit ihm. Aber ich habe, um ehrlich zu sein, wahnsinnig Angst vor dieser Situation. Ich werde also diesen Film nie mit ihm schauen, obwohl es mein Lieblingsfilm ist. Danke!
05.10.2006, 15:02 von ssanni"Ich wollte aber lieber fühlen als denken."
Ja!! - Schön eingefangen, ganz und gar. Zwischendrin der Gedanke an ein kleines Wunder, das Ende dann nur zu real. Trotzdem: kein bitterer Text. Und auch das Wissen des kommenden Aufpralls ändert daran nichts.