GoodCharlie 17.03.2007, 15:55 Uhr 8 13

Ich find dich - oder nicht.

„Lohnen sich Gefühle?“ – Das erste Mal, dass ich zurückgeliebt wurde. Aber darum gehts gar nicht.

„Lohnen sich Gefühle?“ – Das erste Mal, dass ich zurückgeliebt wurde. Sie war etwas jünger, ein bisschen verrückt, hatte schöne braune Augen, einen tollen Körper und liebte mich. Und ich sie. Lange. Dann wurde es zuviel Liebe. Ihre Mutter scherzte über Hochzeit. So ein Unsinn. Hoffte ich. Meine Ausbildung ließ mir keine Zeit mehr und ich konnte nicht mehr jeden Abend zu ihr. Dafür war ich einfach zu kaputt, zu müde. Für sie war es ein Zeichen, dass ich sie weniger lieben würde. Deshalb kam sie mir immer näher. Ich habe sie geliebt. Tage danach noch geheult. Aber es musste sein. Ich sagte ihr, es ginge nicht mehr. Ich bräuchte Luft, könnte sie nicht mehr so oft sehen und wir sollten Abstand nehmen. Sie verstand es als Therapie für unsere Beziehung und freute sich. Ich beendete das Gespräch: „Nein, ich meine es ernst: Es geht nicht mehr. Wir können nicht mehr zusammen sein.“ Ich werde ihr Tränen nie vergessen können.

„Wie viele Tränen passen in einen Kanal?“ – Wohl nicht annähernd so schlimm wie für sie waren die Tage danach für mich. Endlich frei, doch wen interessiert’s? Ich habe ihr wehgetan und zur Strafe bleibe ich nun mein Leben lang allein. Für so einen Herzzerfetzer interessiert sich nie wieder jemand. Also Zeit für die Ausbildung. Konzentrieren auf den Job, den Lernstoff und die Freunde. Dumm nur, dass die nicht der Meinung waren, dass ich ewig allein bleiben sollten. Die eine Bekannte schleppte mich zum Lernen ins Alex. Zusammen mit der frechen Blondinen aus unserer Berufsschul-Klasse. Überraschend oft musste die Bekannte auf Toilette. Und überraschend viel wollte die freche Blondine von mir über Farbmodelle und Computerschnittstellen wissen. Sogar meine Handynummer.

„Das Prinzip Hoffnung“ – SMS schreiben im Unterricht, Füßeln unterm Tisch, lange Telefonate. Die freche Blondine und ich spielten miteinander. Alles nichts ernstes. Keine großen Gefühle, keine Schmetterlinge auf grünen Wiesen, kein laut herausgeschrieenen Liebeserklärungen in der Cafeteria. Nur ein bisschen flirten. Meine Ex schwebte noch in meinem Kopf. Ich fühlte mich immer noch schuldig, dreckig, unwert geliebt zu werden. Nach der Schule waren wir noch Essen. Es war wieder schön, sie war lustig, lachte viel und rang auch mir immer öfter ein Lächeln ab. Dann fuhr ich sie nach Hause. Wie immer fuhr ich ein wenig zu schnell. Sie liebte mein Auto. „Mein sportlichster Wagen“ – Herbert klang zufällig mit „Demo“ von einem Sampler. Sie lachte wieder, schaute mich an und ließ das Lied noch einmal von vorn beginnen. Diesmal hörten wir beide auf die gefühlvollen Zeilen. Wir standen in der Einfahrt bei ihr zu Haus. Die letzten Takte verklungen, sie hatte Tränen in den Augen und ich sie im Arm. Die freche Blonde war plötzlich verletzlich. Schmiegte sich an mich – nur kurz. Wir schauten uns an, meine Hand umgriff sanft ihre Schulter und zog sie fester an mich: „...dein doppelter Boden“ erklang, im Film küssen sich Menschen nun. Sie stieg aus und verabschiedete sich. Ich fuhr heim. „Wie viel Sinne hat der Wahn?“, fragte Herbert mich und ich mein Herz. Was war mit ihr? Und was mit mir? Weinte sie wegen mir? Wegen dem Lied? Kaum waren die 40 km nach Haus geschafft, eine SMS von ihr: „Ich mag heut nicht allein sein. Bring doch einen Film mit, ich mach Spaghetti.“ War es Angst, wirklich allein zu bleiben? Lust, endlich wieder zu lieben? Denn ich muss sagen: Für mich sind schon wenige Wochen ohne Liebe eine Ewigkeit. Ich fragte nicht nach, sondern stand wenige Stunden später wieder vor ihrer Tür.

„Ein Leuchtstreifen aus der Nacht“ – Wir kochten gemeinsam, ich schaute mir Ihre Mappe für das Designstudium an, dann gingen wir ins Wohnzimmer. Ihre kleine Showeinlage war niedlich: So verspannt sei sie ... ob ich sie massieren könnte. Ich konnte. Wir machten Musik an – ich hatte das Gefühl, dass dieses Mal, als sie Herbert hörte nicht weinen wollte. Wir beide genossen es: Ich, ihr nah zu sein und sie, ohne Hintergedanken berührt zu werden. Es tat ihr gut. Danach begannen wir einen Film zu schauen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welcher Film es war. Wir saßen auch auf getrennten Sesseln. Sie sah süß aus in Ihre Oma-Decke gekuschelt. Ich beugte mich rüber und küsste sie einfach. Und da kann Herbert über Sinne und Gefühle singen so viel er möchte, diese Frau konnte küssen! Sie küsste mich, als ob sie ihr Leben darauf gewartet hätte und ich erwiderte es. Noch tiefer als die Küsse, war das Vertrauen, dass es von einem Moment auf den anderen zwischen uns gab. „Auf einem goldenen Tablett" servierte sie mir ihre Seele: Ihre Tränen kamen wieder und erzählten vom sadistischen Exfreund, dem abgehauenen Vater, der ständig meckernden Mutter, der jedes Bestreben der Tochter zu wenig war und der Zuneigung, die sie so gern bei mir fühlte.
Ich blieb die Nacht dort, einfach nur, um sie im Arm zu halten.

„Irgendwann find und lieb ich dich.“ – Die nächsten Tage wusste ich nicht, wohin mit ihr. Das eine Lied in meinem Auto lief hoch und runter. Und in diese Richtungen schossen auch unsere Gefühle. Ich fing an mich zu verlieben, sie begann sich wieder zurück zu ziehen. Für jeden Schritt, den ich auf sie zu machte, ging sie einen zurück. Gemeinsam mit Berufsschulkollegen in der Diskothek durfte ich sie nicht küssen, sondern mir ansehen, wie sie mit anderen tanzte. Den Gute-Nacht-Kuss gab es trotzdem. Freudentränen und dankbare Blicke für ein liebevoll gemachtes Geschenk. SMS, die sich näher an mich schmiegten, als ihr Körper es je wieder tat.

„Du holst mich aus dem grauen Tal der Tränen“ schrieb sie in einer Nachricht, erinnerte damit an das Lied, das wir wieder und wieder gemeinsam hörten. Und doch, kam sie mir nicht mehr nah. Ich redete mir ein, dass ich sie „mehr liebte als mich“. Und da war es wieder: das Gefühl, dass der eine zuviel liebt und der andere Raum brauch. Nur von der anderen Seite. Ich verstand.

„Ich find dich oder nicht“ – Den Weg zu ihrem Herzen habe ich nie wieder gefunden. Und sie lud mich nie wieder ein, danach zu suchen. Einige Wochen später war sie mit dem Kerl zusammen, auf den ich in der Diskothek eifersüchtig war. Er war keiner, der sie im Arm hielt, bei dem sie sich ausweinen konnte und mit dem sie soviel lachte. Wenig später schmiss sie Ihre Ausbildung, vergaß ihre Kunstmappe und zog mit ihm weg. Kurz darauf war bei ihnen Schluss – nur zwischen Herbert und mir nicht. Wir sind die einzigen, die gemeinsam glücklich werden konnten. Seit diesen gemeinsamen Tagen mit der frechen Blonden vor vielen Jahre schätze ich seine Musik. Und bei diesem einen Lied kommen die Erinnerungen wieder: an ihre Tränen, ihre Küsse und der Erkenntnis, dass beim „tiefsten Tauchgang“ einem vom beiden schnell die Luft fehlen kann.

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8 Antworten

Kommentare

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    wow

    28.09.2010, 18:07 von TheBisicuit
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    Ach ja, da wird der Klos im Hals immer dicker.

    Sehr schön!

    27.04.2009, 22:15 von dreieuro.
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    ...was für ein wunderschöner text, ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Aber ich kann dir sagen es rollt gerade eine träne runter...

    04.01.2008, 12:47 von Streicherin
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    toll, gefällt mir! gerade immer wieder die Bezüge zu den liedern von Herbert!

    23.03.2007, 15:18 von HasenPups
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    super text, und ein tolles lied

    17.03.2007, 18:58 von TheLion
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    toller Text! Wow... mir fehlen die Worte und deswegen empfele ich einfach!

    17.03.2007, 17:39 von Pittili
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