Ich fahre Achterbahn und es macht keinen Spaß.
Normalerweise schreie ich während jedem Looping, doch diesmal schreie ich vor Schmerz. Der Looping ist unendlich.
Ich sitze in einer Kabine und als ich einsteige, blicke ich auf zum Himmel auf und sehe Wölkchen in Herzchen-Form. Aus dem Bild der Wolken erscheint mir ein Panda und löst sich langsam in der Atmosphäre auf.
Dann kommen die Wölkchen wieder zusammen und mir erscheint in meinen Gedanken das Bild eines Schokoladentörtchen mit einem Panda-Gesicht aus Puderzucker mit Herzchenaugen aus Papier.
Es ist der erste Kuchen , den ich von meinem neuen Freund bekommen habe.
Der erste Kuchen, den er jemals für jemanden gebacken hat.
Wir beide sind füreinander bestimmt, das sag ich nicht nur so, das ist so. Ist so ohne Erklärung.
Wir haben uns zum 4.mal jemals in unserem Leben gesehen und es ist alles noch so frisch. Wie süß würdet ihr denken.
Doch wir haben nur noch 2 Monate zusammen und danach bin ich für ein halbes Jahr fort. Um genau zu sagen auf einem anderen Kontinent. Macht es Sinn, fragen wir uns beide und nachdem wir 432000 Sekunden zusammen verbracht hatten, glauben wir, dass es Sinn macht. Zeit ist relativ und für mich gibt es keine Zeitrechnung. Alles verblasst sehr schnell.
Klingt nach einer Telenovela richtig, aber eigentlich komme ich mir vor, als sei ich in einem üblen Horrorfilm mit mir in der Hauptrolle. Grausamer als Freddie und brutaler als Scream.
Ich fahre also Achterbahn bzw. fahren meine Gefühle Achterbahn und sobald die Kabinentür sich vor mir schließt, wird mir übel. Die Loopings sind das schlimmste.Ich bin eingestiegen, also muss ich da auch durch. Auch wenn ich das Gefühl habe, schon einmal Achterbahn gefahren zu sein. Gerade eben. Aber ich kann mich nicht erinnern.
Dann versuche ich die Tür zu öffnen, doch es ist zu spät. Alles ist verriegelt.
Ich fahre in der Kabine an, und langsam merke wie meine Hormone verrückt spielen. Ich denke an die langen Nächte und kurzen Tage, an die Atemlaute eines Menschen, von dem ich glaube, dass ich zu ihm gehöre.
Mitten im Looping, ich bin angeschnallt in der Kabine und hänge kopfüber. Die Kabine fährt nicht weiter und lässt mich am oben hängen.
Es stoppt und dann merke ich wie es weitergeht. Langsam weitergeht. Doch das was kommt, ist schlimm. Keiner kann sich das vorstellen.
Nein, niemand von euch kennt den Schmerz, den ich seit Wochen nach dem Unfall meiner Schwester in mir trage. Ich schreie vor Schmerz.
Sie ist nicht tot. Nein, sie lebt, aber sie ist nicht wach. Sie ist gerade in ihrer eigenen Welt, ihre Augen halb geöffnet, ihr Mund halb geöffnet und ihre Beine und Arme gelähmt. Sie hat keinen runden Schädel mehr, das haben die Ärzte entfernt. Es ist grausam, weil ich keinen Abschied nehmen kann. Weil ich nicht mit ihr reden kann, weil sie ein schweres Schädelhirntrauma hat und verdammt ja, ich bin schwach und ja, richtig, so ist das harte Leben, aber um ehrlich zu sein, ich bin noch nicht bereit für eine schwerbehinderte Schwester. Ich bin noch nicht alt genug. Das ist nicht mein Film denke ich, das ist nie passiert.
Aber als ich in der Kabine dann diesen Höllenpfad fahre, weiß ich nicht, wann es vorbei ist, denn es reiht sich ein Looping nach dem anderen auf. Eine Spirale, eine unendliche Spirale.
Irgendwann wache ich schweißgebadet auf und denke, dass es nur ein Traum war. Ein Albtraum.
Dann ziehe ich mich an, putze meine Zähne und verlasse das Zimmer, laufe die Straßen entlang nur, um wieder in die Achterbahn zu steigen. Es ist eine Sucht.
Und dann denke ich beim Einsteigen wieder daran, als wäre ich schon mal Achterbahn gefahren, doch ich kann mich nicht erinnern.





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