Lastdaysofseptember 28.09.2019, 20:25 Uhr 2 6

Ich erinnere mich an dich

Ich trage dich in mir wie einen Samen. Du bist mein Ursprung und mein Ende, mein Ein und Alles.

Ich erinnere mich an deinen vertrauten Geruch, der mir das Gefühl von Zuhause gab.

Ich erinnere mich an deine tief-grauen Augen, die egal wie sehr du lachtest, immer einen Hauch von Qual in sich trugen.

Ich erinnere mich an deine Stimme, die mir den Weg wies und daran, wie viel Liebe ein einziges Wort in sich trug.

Ich erinnere mich an ein Herz, das sich stets leer fühlte, weil es zu groß war und so unendlich viel zu geben hatte.

Ich erinnere mich dich weinend zu sehen, als du dachtest es sähe keiner hin.

Ich erinnere mich an dich.

Ich erinnere mich an eine graue Kindheit, die durch dich in schillernden Farben getaucht wurde.

Ich erinnere mich an Tage, die wir damit verbrachten Frieden in der Natur zu finden und an entschleunigende Stille.

Ich erinnere mich an Tage, die andere in meinem Alter mit Freunden, Alkohol und schlaflos verbrachten und ich stattdessen mit dir und

an deine schlaflosen Nächte, in denen du dich um mich sorgtest, weil ich meine wie andere verbrachte.

Ich erinnere mich daran, dass du mir ein Vater warst, als dein Sohn es nicht konnte.

Ich erinnere mich an dich.

Ich erinnere mich an deinen Umgang mit meinen Fehlern, daran dass du nie gefragt hast „warum?“ immer nur „wie kann ich dir helfen?“

Ich erinnere mich an schlaue Lebensweisheiten statt Ratschlägen oder Verurteilungen.

Ich erinnere mich an offene Arme, offene Ohren und ein offenes Herz statt einem Kopfschütteln.

Ich erinnere mich ans gemeinsam denken und Tee trinken.

Ich erinnere mich an dich.

Ich erinnere mich an fehlgeschlagene Notrufe, den Hirnschlag, schlaflose Monate, Hoffnungen auf denen Enttäuschungen folgten, auf Krankenhausaufenthalte und ewiges Hände halten.

Ich erinnere mich an dein neues Ich, den Fremden der du nun warst.

Ich erinnere mich an die Fremde, die du von jetzt in mir sahst.

Ich erinnere mich, dass du dich nicht mehr erinnertest.

Ich erinnere mich daran, dass du mich vermisst hast, obwohl ich da war, weil du mich nicht finden konntest.

Ich erinnere mich an deine Hilflosigkeit, aus der dir keine Hilfe dieser Welt helfen konnte.

Ich erinnere mich an dich.

Ich erinnere mich an Arztgespräche und Entscheidungen, für die ich nicht bereit war.

Ich erinnere mich an die Angst vor diesem einen Tag, der gewiss kommen würde.

Ich erinnere mich an den verpassten Anruf, der meine Welt einstürzte, weil ich wusste was er bedeutete.

Ich erinnere mich an unseren letzten gemeinsamen Gang und wie sich die Wolken öffneten, die Sonne lachte und dich willkommen hieß, als ich dich am Grab verabschiedete.

Ich erinnere mich daran, wie du mich ein letztes Mal abgeklatscht hast und dann für immer gingst.

Ich erinnere mich an alles.

Ich wünschte wir hätten mehr Zeit für mehr Erinnerungen gehabt. Jetzt bist du eine stille Präsenz, eine Erinnerung. Ich trage dich in mir wie einen Samen, du bist mein Ursprung und mein Ende, mein Ein und Alles.

Ich erinnere mich an dich.

 

 

 

 



Tags: Trauer
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2 Antworten

Kommentare

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    Woran du dich alles erinnerst ?


    Erinnerungen sind auch Erfahrungen. Sie helfen und beweisen, dass Leben und Tod zusammen gehoeren.  
    Manchmal traurig, andererseits auch erfreulich. 

    suerte. Gracias a la vida

    01.10.2019, 08:38 von Dr_Lapsus
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  • 0

    Neon ist ja immer noch da :O

    01.10.2019, 01:18 von Moogle
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