rinus 06.02.2011, 05:54 Uhr 44 35

Ich, du und sie.

Ich leg den Hörer auf und starre vor mich hin. Gerade habe ich dich noch vermisst & jetzt wünsche ich mir, dass wir uns nicht schon morgen wiedersehen.

Ich hatte mir doch vorgenommen standfester zu werden. Stattdessen drehe ich mich im Kreis. Im einen Moment bin ich verliebt und im nächsten will ich dich nie wiedersehen.
Als das mit uns anfing, hatte ich gehofft, dass es diesmal einfacher werden würde, weil wir uns schon so lange kennen. Dieses Vertrauen, was wir uns von Anfang an schenken konnten, musste ich mir mit den anderen erst lange erarbeiten.
Aber für mich fühlt es sich an, als wäre das nicht echt.
Ich sehe den Stolz in deinem Gesicht und fühl mich leer. Du willst am liebsten jedem von uns erzählen. Nie wirst du richtig verstehen, dass unsere Beziehung, die dir so viel Glück bringt, mir so viel Angst machen kann. Ich erzähle dir, dass ich vorsichtig bin und Zeit brauche, doch in Wirklichkeit bin ich nur feige.

Als ich den Hörer abhob, hörte ich deine Freude. Du erzählst mir von den anderen. Sie hätten dich nach uns gefragt, wir bräuchten das mit uns ja nicht mehr zu verheimlichen, wir wären uns ja sicher und dann hast du ihnen von uns erzählt. Sie freuen sich.

Ich schaue auf die Zigarette in meiner Hand. Sie ist wieder da. Ich werde sauer.
Auf dich, auf mich, auf unsere Naivität und auf diese Angst.
Früher wusste ich nicht, dass es sie gibt. Da habe ich mich unbeschwert kopfüber in eine Beziehung gestürzt. Ganz langsam habe ich erst gemerkt, dass ich mich verschliesse, je mehr ich liebe und je stärker die Gefühle sind, die wir teilen. Heute hat diese Angst einen Namen. Es ist die Angst vor Nähe, für mich kein unbekannter Gegner mehr. Sie bestimmt nicht mein Leben, aber meine Beziehungen. Beziehungen, die aber ein wichtiger Teil vom Leben sind. Beziehungen, in denen ich mich gefangen fühle, in denen ich ständig das Gefühl habe ausbrechen und weglaufen zu müssen.
Ich bin feige. Ich bin feige, weil ich alles um diese Angst herumbaue. Ich stecke zurück und lasse ihr den Vortritt. Ich habe einen Teil meiner Hoffnung verloren. Manchmal versuche ich, sie zu beherrschen, aber dann schlägt sie nur stärker zu.
Ich spiele dir Freude vor, Glück und Verliebtheit. Aber in Wirklichkeit fühle ich nur die Angst.
Es ärgert mich, mich so sehr nach Vertrautheit zu sehen, nach einem Menschen, der einen versteht und immer zu mir hält, nach einer normalen Beziehung, und doch zu wissen, dass das immer zu viel verlangt sein wird, weil du niemals verstehen wirst, dass ich dich dann am wenigsten ertragen kann, wenn ich dich am meisten liebe.

Ich weiß es in dem Moment, als du mir von den anderen erzählst. Es ist, als wäre hinter mir eine Türe zu geflogen und ich versuche alles und sie geht nicht mehr auf. Ich bin wieder gefangen und dann steht sie vor mir, die Angst und lacht mir ins Gesicht. Ich fühle nichts. Nur Angst.

Ich höre dir nicht mehr zu.
Ich wollte mich wieder einmal selbst belügen, denn die kleine Lügen die ich mir aufbaue wie ein Kartenhaus schützen mich. Ich habe dir davon erzählt, dass du nicht viel von mir verlangen darfst, dass ich dich enttäuschen könnte, dass ich es wieder einmal nicht schaffe. Aber du hast mir Hoffnung gegeben. Mich angesteckt mit deiner Zuversicht. Mich glauben lassen, dass jetzt alles anders wird.
Ich rede mir ein, ich hätte immer eine Hintertür. Dass es immer die Möglichkeit gibt umzukehren und alles ist wie vorher. Doch ohne dass du es merkst haust du mir jede Türe vor der Nase zu.

Deine Eltern wissen jetzt von uns, erzählst du mir erst. Jetzt sind es unsere Freunde. Ich spüre den Druck und ich kann ihn kaum ertragen. Ich muss das durchhalten, sage ich mir. Ich muss dir eine gute Freundin sein. Ich kann nicht wieder alle enttäuschen. Ich kann mich nicht wieder enttäuschen.
Ich bin feige, weil ich mich selber belüge.

Das Kartenhaus fällt zusammen. Sie hat gewonnen. Der Kreis in dem ich mich drehe hat keinen Ausgang.

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Kommentare

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    love is a lie.
    "...weil du niemals verstehen wirst, dass ich dich dann am wenigsten ertragen kann, wenn ich dich am meisten liebe." das bringt es auf den . ! viele neigen in beziehungen leider viel zu sehr dazu sich selbst zu belügen. weil wir angst haben dem partner gegenüber mit abstand, den allerdings jeder mensch braucht (!) zu enttäuschen und ihn zu verletzen. diese höflichkeit lässt uns leiden. so wie dich.

    wirklich gut geschrieben. ehrlich und so vertraut.

    09.10.2011, 00:56 von m.salzte.nach.
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    Bedrückend geschrieben, aber gut.

    09.10.2011, 00:11 von aco
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    Das Beschriebene ist mir nicht unbekannt. Ich finde es aber irgendwie traurig, dass hier nur zur Sprache kommt, wie schlimm doch alles und das es eigentlich nur eine Einbahnstraße ins - theatralisch formuliert - Verderben gibt. Man kann aber über alles miteinander sprechen und Lösungen finden, selbst wenn die Lösung bedeutet zu einem Psychologen zu gehen. Nichts gegen diese Bindungsangst zu machen und sich innerlich zu paralysieren, ist definitiv der falsche Weg und in einer gewissen Art fahrlässig.

    08.10.2011, 22:00 von JoshBloc
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    sehr gut!

    04.10.2011, 15:19 von sansmots
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    Nur für den Fall, dass rinus von sich schrieb...(eigentlich geht's ja ums Schreiben..)... das hier wäre vielleicht hilfreich, hab' ich mal zu gegebenem Anlass gelesen und aufgehoben:

    Je tiefer ein Mensch mit Bindungsangst in eine Beziehung gerät, desto schwieriger wird es für ihn. Er fühlt sich bedrängt und ausgeliefert – obwohl dazu objektiv gesehen meist kein Anlass besteht. Er stellt die Beziehung in Frage und kann nicht einmal mehr sicher sagen, ob er seinen Partner wirklich liebt oder nicht, ob diese Beziehung die richtige für ihn ist oder nicht, ob er glücklich oder unglücklich ist. Er fühlt nur, dass irgendetwas in seiner Gefühlswelt ganz und gar nicht stimmt und alles, was er verspürt ist ein Fluchtreflex. Scheitert die Beziehung an diesem Punkt, schafft das zwar kurzzeitig Erleichterung, ist aber kein Weg aus der Bindungsangst: neuer Partner, gleiches Spiel! Wenn Sie selbst von der Angst vor Bindung betroffen sind, gibt es einige Strategien, die helfen können, die Angst zu überwinden:
    Ehrlichkeit sich selbst gegenüber
    Vielleicht ist der Partner, mit dem Sie heute zusammen sind, tatsächlich nicht der Richtige. Dann ist der beste Weg sicherlich eine Trennung. Aber seien Sie ehrlich zu sich selbst: Ist es Angst, die Sie zu diesem Schritt leitet? Die Angst, verlassen zu werden? Die Angst, etwas zu verpassen? Kultivieren Sie tief in Ihrem Inneren die Idee der Hollywood-Romanze? Warten Sie noch immer auf Mister oder Miss Right? Haben Sie die Vorstellung, dass man in einer Beziehung immer glücklich sein sollte? Überprüfen Sie Ihr eigenes Beziehungsbild auf seinen Realitätsbezug. Machen Sie sich klar, dass dort, wo im Film das Happy End steht, das Leben erst anfängt.

    Die Realität der „ewigen Liebe“
    Auch wenn Sie sich heute binden oder festlegen, ist das keine Entscheidung für die Ewigkeit. Weder Sie noch Ihr Partner können eine Garantie für die „ewige Liebe“ geben. Wenn Sie zum jetzigen Zeitpunkt „Ja“ zu der Beziehung sagen können, dann ist das aufrichtig genug. Sie sind nicht wehrlos und ausgeliefert, weil Sie diese Entscheidung getroffen haben. Freiheit ist immer eine Option. Für Sie und für Ihren Partner.
    Abhängigkeiten in einer Partnerschaft akzeptieren
    In Japan sagt man: „Wo die Angst ist, da ist der Weg“. Wer seine Bindungsangst wirklich überwinden will, der muss sich der Gefahr aussetzen, verletzt zu werden und in ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zu geraten. Bindungsangst ist nichts anderes als Verlustangst, die Angst, gerade dann, wenn man sich wirklich eingelassen hat, verlassen zu werden. Wenn Sie sich eine dauerhafte Beziehung wünschen, sich nach tiefer Liebe sehnen, dann müssen Sie sich diesem Risiko aussetzen. Und machen Sie sich bewusst, dass Sie, auch wenn eine gescheiterte Beziehung eine der größten Lebenskrisen darstellt: sie würden diese Trennnung überleben. Ohne Einsatz, kein Gewinn!

    Liebesbeweise für den Partner
    Je näher Ihr Partner Ihnen kommt, je mehr er Sie bedrängt mit seinen Wünschen und Bedürfnissen, desto mehr weichen Sie zurück. Der Fluchtreflex wird mit jedem Annäherungsversuch Ihres Partners verstärkt. Versuchen Sie diesen Mechanismus auszuhebeln, indem Sie selbst die Initiative ergreifen; suchen Sie selbst die Nähe Ihres Partners, zeigen Sie mit kleinen Aufmerksamkeiten Ihre Gefühle, machen Sie Komplimente ... Viele Bindungsängstliche befürchten, damit noch tiefer in die „Falle“ zu geraten, doch in der Regel ist das Gegenteil der Fall. Meist sind Partner von Bindungsängstlichen stark verunsichert, wissen nicht, ob sie noch geliebt werden oder nicht, sind auf der Suche nach Bestätigung, nach Liebesbeweisen. Sobald Ihr Partner Ihre Liebe und Zuneigung wieder mehr spürt, wird bei ihm auch der Wunsch abnehmen, zu klammern.

    Den Selbstwert stärken
    So autark und autonom Bindungsphobiker auf ihre Umwelt oft wirken, so verunsichert sind sie häufig in ihrem Inneren. Wie steht es um Ihr Selbstbewusstsein? Fühlen Sie sich liebenswert mit all Ihren Fehlern und Schwächen? Oder möchten Sie gerne perfekt sein? Haben Sie das Gefühl, dass Sie sich verstellen müssen, um auf Dauer geliebt zu werden? Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Partner früher oder später noch merken wird, dass Sie „es nicht wert“ sind und ziehen Sie daher lieber schon vorher die Reißleine? Falls Sie dem zustimmen, stärken Sie Ihr Selbstbewusstsein.

    Seien Sie offen
    Wenn es Ihnen zu eng wird, reden Sie darüber! Bekämpfen Sie Ihren Fluchtimpuls, reagieren Sie nicht mit Rückzug, Liebesentzug oder (passiver) Aggression. Sagen Sie offen: „Ich möchte heute den Nachmittag lieber alleine verbringen“ oder „Heute abend brauche ich Zeit für mich“. Vielleicht ist Ihr Partner nicht gerade begeistert, aber er weiß, woran er ist. Lernen Sie "Nein" zu sagen und Ihre Bedürfnisse offen auszusprechen.
    "Wenn Freiheit darin besteht, keine Bindung zuzulassen, dann handelt es sich nicht um Freiheit, sondern in Wahrheit um Fesseln, die man sich selbst anlegt." Claire Verteuile

    Lieben Gruß

    chapatty

    14.02.2011, 14:14 von chapatty
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    Gerade habe ich dich noch vermisst & jetzt wünsche ich mir, dass wir uns nicht schon morgen wiedersehen.

    -> dieses gefühl kenne ich leider zu gut.
    ich wünsche dir alles gute für die zukunft!
    wunderbarer text!

    13.02.2011, 04:45 von MsLeigh
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    mir klemmt sich immer ein hoden ein, wenn irgendwelche leute hier noch sagen "das ist soooooooooooo wahr und du beschreibst eigentlich mich"

    ein armutszeugnis.

    10.02.2011, 00:15 von ich.lese.gern
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      Zumindest nicht lösungsorientiert.

      08.10.2011, 22:01 von JoshBloc
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    So wahr, so schön, so ehrlich.
    Ich kenne sie auch...
    Sie hat gewonnen. Der Kreis in dem ich mich zdrehe hat keinen Ausgang.

    09.02.2011, 18:13 von SimoneDeBeauvoir
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    Schön, dass sich einige hier wiederfinden. Es ist nicht einfach, das was da in einem vorgeht, in Worte zu fassen und für Nicht-Betroffene zu veranschaulichen.

    Beschrieben habe ich hier den Zustand der Hilflosigkeit wenn diese widersprüchlichen Gefühle hochkochen die man nicht einordnen kann, ein Gefühlschaos vom Allerfeinsten eben, bei dem Liebe und Angst sich gegenseitig nicht ausschließen, sich aber auch nur schwer unter einen Hut bringen lassen.

    Meiner Meinung nach muss man sich und seine Angst erst mal kennen, damit man sie dem Partner erklären kann, um dann zusammen, eventuell auch professionell, daran zu arbeiten. Dabei ist die Kommunikation untereinander natürlich wichtig, man stößt dabei nicht nur immer auf viel Verständnis, sondern auch auf Probleme sich in Lage des Betroffenen hineinzuversetzen.
    Sich und sein Handeln selbst reflektieren zu können dauert natürlich seine Zeit, allerdings finde ich das Gefühl dieser Angst einfach nur ausgeliefert zu sein widerlich und wollte immer genau wissen was da warum mit mir passiert und wie ich daran etwas ändern kann.

    Die Diskussion die ich da losgetreten habe finde ich spannend, sprich, die Hintertür, die man sich offen halten will und die Entscheidungsunfreudigkeit der heutigen Gesellschaft, die Ungewissheit als Trend des 21. Jahrhunderts, etc.
    Bei mir persönlich hat das Beschriebene aber einen Auslöser in der Kindheit und ist kein Modephänomen, die Vergangenheit spiegelt sich
    jetzt in meinen Beziehungen, wobei ich durchaus bemüht bin das zu ändern :)

    08.02.2011, 10:47 von rinus
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      Klingt sehr aufgeräumt und reflektiert. Puh. Dachte schon, dass wäre ein Teufelskreis. Glückwunsch! :)

      08.10.2011, 22:03 von JoshBloc
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    @konstante

    Das haste schön gesagt. Genau so ist es nämlich.

    Und mit den Eltern und den Entscheidungen, da hat der Sailor wirklich Recht.

    08.02.2011, 10:36 von Tanea
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