Ich bin noch immer nackt. Er deckt mich zu
Ein nichtalkoholisierter Teil in mir sieht mich von außen. Wie ich dasitze, zusammengekauert, verzweifelt, schwach. Erbärmlich.
Eine Weinflasche auf meinem Schreibtisch. Daneben ein Glas. In der Eile ein normales Wasserglas. Ich öffne den Schraubverschluss. Rote, lichtdurchlässige Flüssigkeit verdrängt Sauerstoff aus dem Glas und ihr Geruch jeden anderen aus meiner Nase.
Ein kleiner Schluck, mit dem ich ein wenig Wein aufnehme. Ich schmecke, verziehe das Gesicht. Trinke mehr, das halbe Glas.
Ich schaue mich um. Sehe die mit Bildern vollgehängten Wände meines Zimmers. Höre Damien Rice zu, schließe die Augen halb.
Fuck you, fuck you, fuck you
And all we’ve been through
Ich stelle mir vor, in seinem Zimmer und in seiner Gesellschaft zu sein. Ein schneller Blick auf den Radiowecker, der wie immer eine Stunde vorgeht. Das erzeugt die Illusion, noch viel Zeit zu haben. Der restliche Wein wird heruntergeschüttet, Geldbeutel und Klamotten zusammengesucht, TicTacs eingeworfen, falls ich unten meinen Eltern begegne.
In der S-Bahn. Stoischer Blick aus dem Fenster auf verschwommene Häuserblocks. Mir ist heiß. Ich lege mein Tuch ab, das noch so schön nach den Räucherstäbchen vom Weihnachtsmarktstand riecht. Öffne die Jacke, rutsche im Sitz immer tiefer. Wundere mich, dass das eine Glas Wein mich schon so benebelt macht. Versuche mich daran zu erinnern, wann ich zuletzt etwas gegessen habe.
Die Frau auf dem Sitz neben mir schaut mich an. Ob wohl etwas mit mir ist? Ich betrachte mich im Fenster, in dem ich mich wegen der Dunkelheit draußen spiegele. Kann nichts auffälliges sehen.
What I want from you is empty your head.
But they say be true, don't stay in your bed.
In der kalten Luft wird mein Kopf schnell klar. Soll aber nicht so sein.
Ich schaue mich um, warte ab bis ich allein auf einer Wohngebietsstraße bin. Ziehe die angefangene Weinflasche aus der Tasche, setze an. Vor der älteren Frau, die aus der Tür tritt, verstecke ich die dunkel gefärbte Flasche.
Bis ich bei seinem Haus bin, habe ich die Flasche mehr als zur Hälfte geleert. Ich schwanke. Friere nicht. Nachdem der Summer mir signalisiert hat, das große, blau angemalte Tor aufzudrücken, stehe ich im dunklen Hof. Ich erinnere mich an das Kicken hier an Grillpartys und an Abschiedsküsse, an Zeiten in denen ich noch mit ihm zusammen war. Mit ihm, den ich jetzt aufsuche.
What I want from this
is to learn to let go
Er kommt heraus. Nach ein paar gewechselten Sätzen über die Party nächste Woche fragt er, ob mit mir alles stimmt. So besoffen kann ich also noch nicht sein, denke ich. Ob ich mich wieder geritzt habe, fragt er. Nein.
Ich will eintreten, oben an der Treppe kommt sein Vater vorbei, der gemütliche Alt-Hippie. Freut mich, dich mal wieder zu sehen. Ich kann nicht antworten, freue mich, dass er das so herzlich sagt. Ich empfinde es als Ewigkeiten, die ich nicht mehr hier war. Dabei waren es nur Wochen. Gründe hatte ich.
And we do what we need to be free
And it leans on me like a rootless tree
Im Zimmer fällt mein Blick auf kahle Wände. Rosa Wände. Eine Fehlkalkulation, als wir Farbe zum Streichen seines Zimmers kauften. Er nahm es mit Humor und beließ es bei der Farbe.
Nicht lange und er entdeckt die Weinflasche. Er lacht. Ich bin angetörnt, schon die ganze Zeit. Wir fangen an. Betrunken gebe ich mich noch mehr hin als nüchtern. Ich komme. Die Pille nehme ich nicht. Er hat Angst, dass das Kondom reißt. Er macht es sich jetzt mit der Hand. Mir egal. Ich schlafe fast ein.
Wir liegen da. Erhitzt und müde. Und so wie ich es mag: Jeder hat noch sein Shirt an.
Nach kurzer Zeit wachen wir auf. Wir beginnen von vorne. Sex, alles toll.
I said leave it, leave it, leave it
it's nothing to you
Die Tränen kommen einfach so. Und viele auf einmal. Ich schluchze. Bin total betrunken. Verkrieche mich. Ein nichtalkoholisierter Teil in mir sieht mich von außen. Wie ich dasitze, zusammengekauert, verzweifelt, schwach. Erbärmlich. Es schüttelt mich, Tränen, ich sehe nichts.
Er hält mich. Sagt, ich soll es nicht zurückhalten, einmal so richtig weinen. Ich richte mich ruckartig auf, wische Tränen und Rotz weg, putze meine Nase.
- Wegen deiner Geschlechtsidentitätsstörung?
- Ja.
- Hat dir der Sex nicht gefallen? Was war der Auslöser?
- Ich weiß nicht.
Ich bin noch immer nackt. Er deckt mich zu. Fragt, ob ich mittlerweile bei einem Psychologen war. Nein.
Jetzt sitzt er mit dem Rücken zu mir. Ich schaue mich um. Sehe einen Tesa-Halter auf dem Ikea-Nachttisch stehen. Nehme ihn, drücke die Abreißklinge in den linken Unterarm. Fest und tief. Sie ist nicht sonderlich scharf. Es reicht aber.
Er dreht sich zu mir um. Ich bin schneller, verstecke Arm und Tesa-Halter.
Nochmal. Ich wollte in dieselbe Rille drücken, verfehle sie. Er sieht was ich mache, kommt herüber. Fährt mich an, nimmt mir den Halter weg. Trotzig will ich ihn wieder haben. Ich bin mir bewusst, dass ich mich gerade lächerlich vor ihm mache. Sein Gesicht hoch über mir. Er ist es, der verletzt aussieht. Und angeekelt, wie ich finde.
We go blind when we needed to see
And it leans on me like a rootless tree
Am Morgen das Übliche: Kopfschmerzen, weil man zu viel getrunken und zu wenig geschlafen hat. Ich will früh gehen, bleibe aber Bahn um Bahn länger. Sex, Streit, Diskussionen über Gefühle, sein Bitten um die Beziehung. Schwüre, nie mehr miteinander rumzumachen.
- Ich bin unglücklich. Seine grünen Augen voller Schmerz.
Was soll ich tun. Was.
And if you hate me, hate me, hate me, hate me so good
that you just let me out
let me out, let me out?
- Wir werden nie mehr eine Beziehung haben, M.
Er dreht sich weg. Will, dass ich gehe. Ich möchte sein Gesicht berühren. Er will es nicht. Ich tue es. Er weist mich zurecht.
Ich werde traurig, immer trauriger.
Let me out, let me out, let me out
It's hell when you're around.





Kommentare
sehr traurig. ein guter text.ich weiss nicht was ich sagen soll...
02.02.2007, 10:15 von ktty
13.01.2007, 13:34 von Commander_in_ChiefEs gibt sie noch, Texte mit Bedeutung, uneitel und für die, welche die Situation in leichten Variationen erleb(t)en tröstlich, weil dann weniger allein.
Danke AntiFee